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Zu: Jürgen Habermas - "Technik als Ideologie"

Hausarbeit 2001 21 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Folgen des Spätkapitalismus

2. Die klassische kritische Theorie
2.1 Die Frankfurter Schule
2.2 Horkheimer und Adorno vs. Marcuse
2.2.1 Gemeinsamkeiten
2.2.2 Unterschiede

3. Habermas und die neuere kritische Theorie
3.1 Abgrenzung von Marcuse
3.2 Kommunikatives und zweckrationales Handeln
3.3 Die veränderte Rolle der Politik
3.4 Studenten und Schüler: Die Hoffnungsträger

4. Schlussbemerkungen

5. Vita und wichtige Schriften von Jürgen Habermas

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Folgen des Spätkapitalismus

"Der Spätkapitalismus [ist] darin dem Faschismus ähnlich, dass sie beide die sozialen Konflikte ruhigstellen und in die Gesellschaft integrieren: Was der faschistische Staat aber nur mit Gewalt und Terror bewerkstelligte, das gelang dem Spätkapitalismus durch die universale Bewusstseinsverkürzung der Kulturindustrie."[1]

In Zeiten, in denen Reality - TV- Formate den deutschen Bundesbürger oftmals mehr beeindrucken zu scheinen als sein eigenes Dasein, und in denen "Der Scheidungskrieg Boris - Babs" plötzlich zur Tagespolitik zählt, da mag einem der Vergleich zwischen Spätkapitalismus und Faschismus vielleicht nicht unbedingt einleuchten, aber eine gesellschaftliche Bewusstseinsverkürzung ist offensichtlich nicht zu leugnen.

Soziologen wie Jürgen Habermas liefern Gesellschaftsanalysen, ihre Aufgabe ist es, trotz allgemeiner Verstandesreduzierung, klar und analytisch zu beschreiben. Habermas steht in der langen Tradition des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Seine Gesellschaftstheorie entstand durch die emanzipatorische Anknüpfung an die "Kritische Theorie" der sogenannten "Frankfurter Schule".

"Technik und Wissenschaft als Ideologie"[2] ist eines der früheren habermasschen Werke. Bevor ich zu den Kernproblemen seines Aufsatzes komme, halte ich es deshalb als sinnvoll, zunächst auf seine Vorgänger Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse einzugehen, da sie ihn in seiner Arbeit maßgeblich beeinflussten.

2. Die klassische kritische Theorie

2.1 Die Frankfurter Schule

Den Aufsatz "Technik und Wissenschaft als Ideologie" verfasste Jürgen Habermas 1968 anläßlich des siebzigsten Geburtstags Herbert Marcuses. Marcuse gehört neben Erich Fromm und Max Horkheimer zu den Mitbegründern des 1930 eröffneten Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

Um das Institut für Sozialforschung bildete sich eine Gruppe von mehreren Theoretikern, die sogenannte "Frankfurter Schule". Hauptbestandteil der Lehre der "Frankfurter Schule" ist die "Kritische Theorie". Die "Kritische Theorie" stellt einen Versuch dar, marxistische Gesellschaftsanalysen mit Sozialwissenschaften und der freudschen Psychoanalyse zu verschmelzen und im Hinblick auf neue gesellschaftliche Verhältnisse weiterzuentwickeln. Sozialwissenschaft, Psychoanalyse und marxistische Theorie sollen zu einer interdisziplinären Gesellschaftstheorie verknüpft werden. Grundlage der "kTh" ist bis in die 30er - Jahre die marxistische Gesellschaftstheorie. Die "Frankfurter Schule" reagierte damals mit ihrer Theorie maßgeblich auf die gescheiterte Arbeiterbewegung.

Nachdem das Frankfurter Institut 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, emigrierten die meisten Anhänger der "Frankfurter Schule" nach Amerika. Dort kam es zu einer Aufspaltung der Theoretiker in zwei Gruppen, ihre wichtigsten Vertreter waren auf der einen Seite Herbert Marcuse und auf der anderen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Horkheimer und Adorno arbeiteten seit 1942 an "Der Dialektik der Aufklärung"[3], ihrem Hauptwerk und kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Horkheimer eröffnete 1950 das Institut für Sozialforschung in Frankfurt wieder, wo auch Jürgen Habermas auf Einladung Horkheimers seit 1956 tätig ist.

Marcuse blieb zeitlebens in Amerika, was sein Leben derart beeinflusst haben mag, dass sich vielleicht auch darin Gründe für seine Einwände gegen die "Dialektik der Aufklärung" finden.

2.2 Horkheimer und Adorno vs. Marcuse

2.2.1 Gemeinsamkeiten

Obwohl Horkheimer, Adorno und Marcuse sich während ihrer Zeit im Exil in unterschiedliche Richtungen entwickelten, sind doch in ihren Beschreibungen der spätkapitalistischen Gesellschaft viele Gemeinsamkeiten zu finden. So waren es auch "diese drei, die mehr als irgendeine andere Gruppe von Theoretikern - wenn man [...] Marx und Freud einmal ausnimmt - die Studentenrevolte von 1968 inspirierten."[4]

Sowohl in "Die Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer /Adorno als auch in Marcuses rund zwanzig Jahre später erschienenem Hauptwerk "Der eindimensionale Mensch"[5] machen beide Parteien die Feststellung, dass

"im Zeichen eines wohlfahrtsstaatlich hergestellten Einverständnisses von Kapital und Arbeit, im Banne einer massenkulturellen Zurichtung gesellschaftlicher Erfahrung, die alle Formen möglicher Opposition aufsaugt, und in der Folge einer sozialisatorischen Struktur, die den Individuen eine mechanische Identifikation mit gesellschaftlichen Werten aufnötigt, eine Gesellschaft entstanden [sei], die sich ihrer eigenen Geschichtlichkeit, das heißt der Möglichkeit der Menschen, mit Willen und Bewusstsein über ihre kollektiven Lebensverhältnisse zu befinden, entledigt hätte."[6]

Es ist von der Gesellschaftsform des Spätkapitalismus die Rede, der Gesellschaftsform, in der wir auch heute noch leben, und die wie Adorno und Horkheimer womöglich diagnostizieren würden, eine immer pervertiertere Gestalt annimmt. Eine Gesellschaftsform, in der Herrschaft vorgibt, "ihren ausbeuterisch - unterdrückenden Charakter zu verlieren"[7] und dabei doch den Menschen auf subtile Art und Weise zum willenlosen Untergebenen degradiert. Wie also konnte es dazu kommen?

In der Tat liegt eine Veränderung von Herrschaft vor. Von der Herrschaft einer Klasse über eine andere im marxschen Sinne kann zumindest nicht mehr die Rede sein.

"Heute ist zu erkennen, dass Klassenverhältnisse und das Eigentum an Produktionsmitteln zwar wichtige Bestimmungsgründe für soziale Ungleichheiten sein können, aber nicht die einzige Ursache dafür. [...] Die Marxsche Klassentheorie [gerät] in Schwierigkeiten, das ausgleichende Wirken breit ausgebauter Sozial - und Wohlfahrtsstaaten zu erklären."[8]

Das leuchtet ein. Das marxistische Klassenmodell war die Gesellschaftstheorie des heraufziehenden industriellen Kapitalismus. Im Kampf gegen die herrschende Klasse erwarb sich das ausgebeutete Proletariat mühsam bessere Lebens - und Arbeitsbedingungen. Doch heute sind es gerade "die stetig wachsende Produktivität und Naturbeherrschung, die auch die Individuen immer komfortabler am Leben erhält."[9] Marcuse, Adorno und Horkheimer mussten also weiterdenken. Sie stellten fest, dass sich nicht nur die Legitimationsgrundlage von Herrschaft, sondern die des gesamten Systems gewandelt hatte. So sei in den Zeiten des Spätkapitalismus nämlich die technische Rationalität zur Basis der Gesellschaft geworden.

[...]


[1] Schwanitz, Dieter: Bildung. 1999, S. 353 f.

[2] Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie. 1968

[3] Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max: Die Dialektik der Aufklärung. 1947

[4] Schwanitz, Dieter: Bildung. 1999, S. 352

[5] Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. 1967

[6] Dubiel, Helmut: Kritische Theorie der Gesellschaft. 1988, S. 95

[7] Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie. 1968, S. 50

[8] Hradil, Stefan: Soziale Ungleichheit in Deutschland. 1999, S. 104 f.

[9] Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie. 1968, S. 51

[10] Treibel, Anette: Einführung in die soziologischen Theorien der Gegenwart. 1993,

S. 95

Details

Seiten
21
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638120234
ISBN (Buch)
9783638901215
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3315
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Jürgen Habermas Technik Ideologie Kapitalismuskritik Einführung Gesellschaftstheorie

Autor

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