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Das bürgerliche Trauerspiel am Beispiel von Lessings "Miß Sara Sampson" und "Emilia Galotti" und Schillers "Kabale und Liebe"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Das bürgerliche Trauerspiel
1.2 Die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels

2. Vergleich der ausgewählten Trauerspiele
2.1 Die weiblichen Hauptpersonen
2.2 Nebenpersonen
2.3 Die Handlung
2.4 Bürgerlichkeit der drei Stücke

3. Wesentliche Aspekte der ausgewählten Trauerspiele
3.1 Sara als „Heilige“
3.2 Der Tod Emilia Galottis
3.3 Gesellschaftskritik in „Kabale und Liebe“

4. Abschließender Kommentar

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit setze ich mich zunächst mit der Gattung des bürgerlichen Trauerspiels und dessen Entstehung auseinander. Weiterführend stelle ich einen Vergleich zwischen drei der wichtigsten Trauerspiele - „Miß Sara Sampson“, „Emilia Galotti“ und „Kabale und Liebe“ - an. Abschließend gehe ich kurz auf drei viel diskutierte Aspekte der Trauerspiele ein.

1.1 Das bürgerliche Trauerspiel

Noch im Barock durften, aufgrund der Ständeklausel, nur Personen des höheren Standes in der Tragödie auftreten, während den Menschen des bürgerlichen Standes die Komödie vorbehalten war. Die lächerlichen Bühnenhelden des französischen Komödiendichters Moliere, vom eingebildeten Kranken bis zu Tartuffe, waren Bürger, und die komische Figur der Volkskomödie war ein Bauer. Doch die Tragödie des 17. und frühen 18. Jahrhunderts zeigte im Mittelpunkt der Handlung stets eine Hauptfigur, die der Aristokratie angehörte. Tragische Schicksale - so scheint es - konnten nur Angehörige des ersten Standes erleben, während die Schicksale niederer Standespersonen, also der Bürger und Bauern, als unerheblich galten. Man glaubte den Bürger erhabener Gefühle nicht fähig; zudem fehlte ihm die soziale „Fallhöhe“ (Schopenhauer), die angeblich die tragische Wirkung hervorbringt. Doch mit der Epoche der Aufklärung entstand Mitte des 18. Jahrhunderts das bürgerliche Trauerspiel, das den Bürger in den Mittelpunkt des tragischen Geschehens rückte.

„Der tragische Konflikt wurde [im bürgerlichen Trauerspiel] durch den Gegensatz der sozialen Schichten (Stände) ausgelöst.“ (Mettenleiter/Knöbl 1991, S. 291) Konflikt und Tragik resultierten entweder aus Standesgegensätzen zwischen Adel und Bürgertum (z.B. Lessings „Emilia Galotti“, „Miß Sara Sampson“; Schillers „Kabale und Liebe), aus innerständischen Gegensätzen, die im Bürgertum selbst begründet waren (z.B. Hebbels „Maria Magdalena“) oder „aus der Fragwürdigkeit und Brüchigkeit des Bürgertums selbst gegenüber dem entrechteten Arbeiterstand.“ (Winkler 1986, S. 99)

Das bürgerliche Trauerspiel bekämpfte aber nicht die ständische Ordnung, sondern setzte die bürgerlichen Normen (Tugend und Humanität) für alle Stände als Wertmaßstab an. „Somit war das bürgerliche Trauerspiel eine Manifestation bürgerlichen Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins.“ (Mettenleiter/Knöbl 1991, S. 291) Der Begriff „Bürger“ bedeutete zudem die Verlagerung der Handlung in das Private, Häusliche und Familiäre, im Gegensatz zum Öffentlichen und Heroischen.

Im Anschluss an Lessing hob auch Christian Heinrich Schmid 1798 das Private des bürgerlichen Trauerspiels hervor:

„Es wäre allerdings schicklicher, diese Gattung von Trauerspielen häusliche Tragödien oder tragische Familiengemälde zu nennen. [...] Bürger sind hier das Gegenteil von Personen der heroischen Tragödie (Regenten großer Staaten, Kriegshelden der Vorzeit, Rittern des Mittelalters usw.) und begreifen vielerlei Stände und Klassen von Menschen unter sich. [...] Bei dem bürgerlichen Trauerspiel muß allemal Privat- oder Familieninteresse zugrunde liegen.“ (Guthke 1984, S. 13)

Ein weiteres wesentliches Merkmal des bürgerlichen Trauerspiels ist die Sprache: statt der in der klassischen Tragödie üblichen Versform, war das bürgerliche Trauerspiel in Prosa abgefasst. Schließlich musste man auch auf das neue Publikum und dessen Verhältnisse eingehen.

1.2 Die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels

England war das erste Land in Europa, in dem das Gesetz der „Rollenverteilung“ in der Tragödie seine Gültigkeit verlor. Dafür gibt es evidente sozialgeschichtliche Erklärungen. Handel und Gewerbe wurden schon bald zum wesentlichen wirtschaftlichen Faktor, und die industrielle Produktionsweise setzte nirgendwo so früh ein wie auf der Insel. Parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung, vollzog sich daher die soziale Strukturveränderung. Das wirtschaftstreibende Bürgertum wurde neben dem Adel immer mehr zur herrschenden gesellschaftlichen Klasse, die Städte wurden neben den Fürstenhöfen zu kulturellen Zentren, und das Bürgertum fand nach und nach zu eigenständigen künstlerischen Ausdrucksweisen. Diesen Umständen verdankt das „Bürgerliche Trauerspiel“ seine Entstehung. Als Beispiel für diese Art von Dramatik soll hier kurz das Stück „George Barnwell or the merchant of London“ erwähnt werden, das ein Juwelier namens George Lillo geschrieben hat, und das in London im Jahr 1731 seine erste Aufführung erlebte.

George Barnwell ist ein junger, bislang rechtschaffener Mann aus bürgerlichem Haus, der auf die sprichwörtliche schiefe Bahn gerät, weil er einer lasterhaften Frau namens Millwood verfallen ist. Um ihre Zuneigung und Leidenschaft zu erkaufen, lässt er sich auf einige illegale Geschäfte ein. Als selbst die, auf diese Weise erworbenen, finanziellen Mittel nicht ausreichen, um die Luxusbedürfnisse der niederträchtigen Millwood zu befriedigen, scheut George Barnwell nicht einmal vor Mord zurück. Das Opfer dieser Tat ist sein Onkel, der sterbend noch ein Gebet für den missratenen Neffen spricht.

Der junge Barnwell wird von der Polizei gefasst und stirbt am Galgen, aber die hexenähnliche Millwood entgeht letztlich auch nicht der verdienten Strafe, so dass das empörte Publikum doch noch zufrieden gestellt wird.

Diese Art des Theaters, für das George Barnwell steht, erfreute sich in England großer Beliebtheit und erweckte, aufgrund des Erfolges, langsam auch das Interesse des Kontinents. In Frankreich bemühte sich zum Beispiel der vorwiegend als Philosoph und Enzyklopädist bekannte Denis Diderot um das bürgerliche Drama und schuf selbst zwei Stücke dieser Art, „Der natürliche Sohn“ (Le fils naturel, 1757) und „Der Familienvater“ (Le père de famille, 1758). Und Pierre Augustin Caron, besser bekannt unter dem Namen Beaumarchais, schuf mit seinem Figaro eine bürgerliche Komödienfigur, die für selbstbewusste französische Bürger durchaus ein Identifikationsangebot war.

Den Anstoß für ein eigenständiges bürgerliches Drama in Deutschland gab Gotthold Ephraim Lessing. Lessing sah 1754 in Hamburg die deutsche Erstaufführung des oben erwähnten Stückes „George Barnwell“ - dessen deutsche Übersetzung 1752 erschien - woraufhin er sofort begann, ein deutsches Trauerspiel dieser Art zu schreiben. Schon ein Jahr später, am 10.7.1755, wurde in Frankfurt an der Oder das Trauerspiel „Miß Sara Sampson“ uraufgeführt.

Lessing - als herausragende Figur der Aufklärung - erkannte, dass das tragische Moment allein in der Seele des Individuums liegt, wodurch sich das Publikum stärker mit dem (bürgerlichen) tragischen Helden identifizieren kann. Daher forderte er realistische Charaktere und begründete somit die Gattung des deutschen bürgerlichen Trauerspiels. Lessing verfasste mit „Miß Sara Sampson“ (1755) das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel, das fast 20 Jahre lang ein großer Bühnenerfolg war, und nur durch sein eigenes Folgewerk „Emilia Galotti“ (1772) in den Hintergrund gestellt wurde. Einige sahen „Miß Sara Sampson mithin als ein lediglich die poetischen Möglichkeiten auslotendes, nicht aber sie ausschöpfendes Vorspiel zu Emilia Galotti.“ (Kuttenkeuler 1987, S. 12) In diesem Bezug ist es interessant, Lessings beiden Trauerspiele genauer zu betrachten und zu untersuchen, inwiefern „Emilia Galotti“ als eine Weiterentwicklung des Werkes „Miß Sara Sampson“ zu sehen ist.

Zusätzlich betrachte ich Schillers „Kabale und Liebe“, da auch in diesem Trauerspiel der Konflikt aus den Standesgegensätzen zwischen Adel und Bürgertum heraus entsteht. Im Gegensatz dazu, hat Hebbels „Maria Magdalena“ innerständische Konflikte zum Thema.

Nach Hebbel starb die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels, aufgrund historischer Verhältnisse, aus. Das Bürgertum hatte sein Ziel erreicht, woraufhin sich die weitere Darstellung ihrer Probleme erübrigte. Die Beschäftigung mit den Fragen und Problemen der neuen Klasse, des Industrieproletariats, führte schließlich zur Entstehung des sozialen Dramas.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638337823
ISBN (Buch)
9783640712939
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33262
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Schlagworte
Trauerspiel Beispiel Lessings Sara Sampson Emilia Galotti Schillers Kabale Liebe

Autor

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