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Die "Waldlandschaften" von Gerard David. Beschreibung, Entwicklung und kunsthistorische Einordnung

Seminararbeit 2010 29 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes

2. Triptychon der Geburt Christi
2.1 Allgemeines
2.2 Geschichte

3. Der Werdegang Gerard Davids
3.1 Biographie
3.2 Gerard Davids künstlerisches Schaffen
3.3 Gesellschaftliches Umfeld

4. Waldlandschaften
4.1 Beschreibung
4.2 Stilistische Betrachtung
4.3 Sujet - Interpretationen
4.4 Die Entwicklung der Waldlandschaft Gerard Davids
4.5 Einordnung in Gerard Davids Oeuvre
4.6 Nachfolger

5. Abschließendes

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitendes

In der vorliegenden Arbeit werden die „Waldlandschaften“ von Gerard David besprochen. Es handelt sich dabei um zwei Außenflügel eines Triptychons, welches auf der Innenseite eine Darstellung der Geburt Christi mit Heiligen und Stiftern zeigt.

Das Faszinierende an den „Waldlandschaften“ ist nicht nur die sehr naturalistische Darstellung, sondern auch die vollkommene Abwesenheit jeglichen menschlichen Wesens. Das Bild besteht hauptsächlich aus großen Bäumen, deren dichtes Blätterwerk nahezu undurchdringlich erscheint. Die einzigen Lebewesen in diesem ansonsten ruhigen Wald sind ein Ochse und zwei Esel. Eine winzige Spur menschlicher Präsenz zeigt noch durch ein Landhaus im linken Flügel.1

In der Literatur wurden die „Waldlandschaften“ des Öfteren als das früheste Beispiel einer eigenständigen Landschaft in der Niederländischen Malerei angeführt. Denn bis dahin wurde Landschaft nur als Hintergrund in religiösen Bildern und Porträts verwendet. Jedoch wurden die „Waldlandschaften“ nicht als ein autonomes Bild geplant, sondern sie waren ursprünglich Teil einer größeren Komposition mit einer vornehmlich religiösen Bedeutung. Daher sollte diese Landschaftsdarstellung nicht ohne Einbeziehung der inneren Teile des Triptychons der Geburt Christi betrachtet werden.2

2. Triptychon der Geburt Christi

2.1 Allgemeines

Die beiden Außenflügel mit den „Waldlandschaften“ (datiert ca. um 1505-1510) wurden vom Inneren des Triptychons getrennt und wurden vom Amsterdamer Rijksmuesum als Leihgabe an das Mauritshuis in Den Haag vergeben, während die inneren Tafeln des Triptychons im Metropolitan Museum in New York hängen.3

Im Inneren zeigt das Triptychon auf der Mitteltafel die Geburt Christi in einer Art Ruine. Neben der Krippe knien in Anbetung Maria und Josef. Vorne am Boden sind ein Korb mit zusammengerollter Wäsche, ein Bündel Stroh sowie ein Stock zu sehen. Hinter der Krippe haben sich ein Ochse und ein Esel niedergelassen und in der oberen linken Ecke fliegt eine Schar Engel in farbiger Kleidung herbei. Durch ein Loch in der Wand rechts oben erhält man einen Ausblick auf Hirten mit ihrer Herde, die gerade von einem Engel die Nachricht der Geburt des Erlösers erhalten haben. Zwei der Hirten haben bereits die Ruine erreicht und verfolgen durch das Loch die Szene im Vordergrund.4

Die Flügelinnenseiten zeigen die zwei Stifter des Triptychons, die wie Maria und Josef das Kind anbeten. Ihre Identität ist nicht bekannt. Die Frau trägt ein kostbares Gewand aus gemustertem Brokat und wertvollen Schmuck. Die beiden Stifter werden jeweils von einem Heiligen begleitet. Hinter dem Mann erkennt man den Hl. Hieronymus, der mit seinem Attribut dem Löwen (welcher ihm überallhin folgt, nachdem er ihm einen Dorn aus der Tatze gezogen hatte) dargestellt ist. Hinter der Frau steht der Hl. Leonhard. In seiner linken Hand hält er eine eiserne Kette - sein Attribut als Patron der Gefangenen.5

Auch die Stifter wurden mit einigen Attributen von Heiligen ausgestattet. So wird der männliche Stifter von einem Schwein begleitet, welches das Attribut des Heiligen Antonius darstellt. Schweinefett wurde traditionell verwendet als Heilmittel für das sog. „Antoniusfeuer“ - einer ansteckenden Seuche im elften Jahrhundert, wo der Hl.

Antonius viele Erkrankte geheilt haben soll. Die Frau auf der anderen Seite ist mit den Attributen der Hl. Katharina - Krone, Schwert und ein mit Nägeln besetztes Rad - versehen. Diese weisen auf den königlichen Status und das Martyrium der Hl. Katharina hin. Möglicherweise wurden den Stiftern diese Attribute der beiden Heiligen hinzugefügt um auf ihre Namen zu verweisen.6

Im geschlossenen Zustand zeigen die beiden Außenflügel eine annähernd fortlaufende Waldlandschaft ohne jegliche menschliche Figur. Auf der linken Seite erscheint ein verlassen wirkendes Gehöft im Wald, zu welchem ein sich windender Weg führt. Im Vordergrund hat sich ein Esel im Gras niedergelassen und eine Kohlmeise sitzt auf einer Art Strauch. Die rechte Seite wird beherrscht von hohen Laubbäumen an einem Weiher7, in dem ein Ochse und ein Esel stehen.8

Ein solcher rein landschaftlicher Einstieg für ein Altarbild wie die „Waldslandschaften“ es darstellen, ist beispiellos in der Niederländischen Malerei des frühen 16. Jahrhunderts.9

2.2 Geschichte

Der früheste bekannte Besitzer des Triptychons war Ramon F. Urrutia in Madrid um 1920. Zu dieser Zeit war das Triptychon noch vollständig. Es war schon einige Jahrhunderte im Besitz der Familie Urrutia in Spanien, gelangte dann in den Besitz des Kunsthändlers Joseph Duveen, welcher es dann 1928 an den Sammler Jules S. Bache in New York verkaufte. Dieser gab es dann 1943 als Leihgabe an das Metropolitan Museum of Art. Zuvor allerdings, zwischen 1930 und 1932, wurden die „Waldlandschaften“ getrennt vom Inneren Teil des Triptychons und gingen zurück an Duveen. Der Grund für diese Trennung war möglicherweise die damals aufgekommene Vermutung, dass die „Waldlandschaften“ nicht von Davids Hand stammen würden. Ein Foto von 1920 zeigt, warum es nicht als ein Original von David angesehen wurde: Das Gebäude auf dem linken Flügel wurde in merkwürdiger Weise übermalt und mit Details bestückt, die nicht dem Stil Davids zugeordnet werden konnten.10

1932 kaufte das Rijksmuseum Amsterdam die Flügel als Werke Davids. Zuvor wurde eine Restaurierung durchgeführt, bei der das pittoreske Gebäude entfernt und durch ein neues ersetzt wurde, welches eher dem Stil Davids entsprach.11 1985 fand eine weitere Restaurierung statt, bei welcher das Haus nochmals überarbeitet wurde. Durch Vergleich mit einer ähnlichen Waldlandschaft im Gemälde der „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ von Ambrosius Benson, welcher mit David gearbeitet hatte, konnten einige unklare Details am Haus in Davids Bild geklärt werden, wie beispielsweise, dass nicht nur eines sondern zwei Dachfenster in der Dachschräge eingelassen sind.12

1948 wurden die Außenflügel als Dauerleihgabe an das Mauritshuis in Den Haag gegeben, wo sie auch heute noch zu betrachten sind.13

3. Der Werdegang Gerard Davids

3.1 Biographie

Über die Lebensdaten von Gerard David ist leider wenig bekannt, da er bald nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Obwohl er nach Hans Memlings Tod 1494 in Brügge die führende Künstlerpersönlichkeit und ein sehr erfolgreicher Maler war, der viele Kollegen wie Adriaen Isenbrandt, Albert Cornelis und Ambrosius Benson als Maler sowie auch Simon Bening und die Brügger Buchmalerei des frühen 16. Jahrhunderts prägte, verblasste sein Ruhm erstaunlich schnell.14 Der große Biograph der niederländischen Maler, Karel van Mander, konnte zu Beginn des 17. Jahrhunderts nicht mehr über ihn sagen, als dass „Pieter Pourbus ihn als hervorragenden Künstler hoch geschätzt habe“15. Erst seit 1863 ist Gerard David den Kunsthistorikern ein Begriff. Durch James Weale, der zu dieser Zeit in den Brügger Archiven einiges ans Licht befördert hatte, sind einige Daten über das Leben Gerard Davids nun bekannt16:

Gerard David wurde um 1455-60 als Sohn eines Jan David in Oudewater bei Gouda in Holland geboren. 1483 zog er dann nach Brügge und wurde dort 1484 als von auswärts kommender Freimeister in die Gildeliste eingetragen. Er gelangte in Brügge rasch zu Ansehen und bekam in den Jahren 1488-98 einige Aufträge der Stadt, unter anderem malte er für das Schöffenzimmer im Rathaus ein 1498 vollendetes Diptychon mit Darstellung der Gerechtigkeit und Folgen von Korruption nach Herodots Historia - die sog. „Cambyestafeln“. Seine Stellung wurde immer bedeutender und er wurde mehrmals als Geschworener der Lukasgilde (1488; 1495/96; 1498/99) sowie 1501 als ihr Vorsteher genannt.17

1496 heiratete Gerard David Cornelia Cnoop, die Tochter des Vorstehers der Goldschmiedezunft Jacop Cnoop, welcher zu den reichsten und angesehensten Männern der Stadt zählte. Somit rückte auch Gerard David immer weiter in die oberen Ränge zu den vornehmsten Bürgern der Stadt auf.18 Mit Cornelia hatte Gerard David eine Tochter - Barbara.19

In der neueren Forschung wird vermutet, dass David 1506 eine längere Reise unternommen hat, die ihn nach Italien geführt hat. In diese Zeit fällt nämlich die Fertigstellung des Cervara Altars, welcher von Vincenzo Sauli für die Kirche der Benediktinerabtei von San Girolamo della Cervara in der Nähe von Genua in Auftrag gegeben wurde.20 1508 wurde er Mitglied der Gesellschaft „Unserer Lieben Frau zum Trockenen Baum“ (Onze-Lieve-Vrouw van den Drogen Boom), der vor allem Aristokraten und wohlhabende Bürger angehörten.21 1509 stiftete er dem Karmeliter- Nonnen-Kloster von Zion in Brügge die Tafel für den Hochaltar, welches jetzt im Museum zu Rouen aufbewahrt wird. 1515 war der Künstler in Antwerpen und wurde in die dortige Malergilde eingetragen. Die Länge des Aufenthaltes in Antwerpen ist unbekannt.22 Vermutlich wollte sich David ein zweites Absatzgebiet schaffen.23

1519 wurde Gerard David von seinem Gesellen Ambrosius Benson vor Gericht beschuldigt, zwei Koffer mit Entwürfen von Adriaen Isenbrandt und Albert Cornelis widerrechtlich zurückzuhalten. David wurde am 28. 1. 1520 aufgrund verweigerter Herausgabe für mehrere Wochen unter Arrest gestellt.24

Am 13. August 1523 starb Gerard David und wurde unter dem Turm der Liebfrauenkirche in Brügge begraben. Von dem Grab fehlt heute jede Spur. Die Brügger Gilde der Buchhändler und Miniaturmaler bestellte eine Totenmesse für Gerard David. Dieser Umstand sowie auch die Auflistung eines Miniaturisten „Gerard von Brügge“ von Guiccardini wurden als Hinweise auf Davids zeitweilige Tätigkeit als Buchmaler gedeutet, wofür es auch mehrere Beispiele gibt (z.B. Zusammenarbeit mit dem Meister des Dresdener Gebetsbuchs für das Isabella Brevier).25

[...]


1 Edwin Buijsen, Considering the Ox and the Ass in search of an interpretation for Gerard David’s ‚Forest Scene’; in: Art on wings: Celebrating the reunification of a triptych by Gerard David/Mauritshuis, The Hague. Ariane van Suchtelen, Yvette Bruijnen, Edwin Buijsen; Bussum 1997, S, 24

2 Buijsen, 1997, S. 24

3 Ursula Alice Härting, Bilder der Bibel: Gerard Davids „Waldlandschaften mit Ochsen und Esel“ (um 1509) und Pieter Bruegels „Landschaft mit wilden Tieren“ (1554); in: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte; Bd. 34; München-Berlin 1995, S. 100

4 Yvette Bruijnen, Celebrating the reunification of Gerard David’s triptych; in: Art on wings: Celebrating the reunification of a triptych by Gerard David/Mauritshuis, The Hague. Ariane van Suchtelen, Yvette Bruijnen, Edwin Buijsen; Bussum 1997, S. 11

5 Bruijnen, 1997, S. 11

6 Bruijnen, 1997, S. 11

7 Härting, 1995, S. 100

8 Bruijnen, 1997, S. 11

9 Maryan W. Ainsworth, Gerard David: Purity of vision in an age of transition, in: Landscapes for Meditation, New York 1998, S. 207

10 Bruijnen, 1997, S. 13

11 Bruijnen, 1997, S. 13

12 Bruijnen, 1997, S. 17

13 Bruijnen, 1997, S. 13

14 Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker; Bd. 24, MünchenLeipzig 2000, S. 428

15 Eberhard Freiherr von Bodenhausen, Gerard David und seine Schule, München 1905, S. 1

16 Max J. Friedländer, Von Eyck bis Bruegel. Studien zur Geschichte der Niederländischen Malerei. Berlin 1916, S. 63

17 Allgemeines Künstlerlexikon, 2000, S. 428

18 von Bodenhausen 1905, S. 2

19 Allg. Künstlerlexikon, 2000, S. 428

20 Cyriel Stroo, Gerard David, in: The Flemish Primitives III. The Hieronymus Bosch, Albrecht Bouts, Gerard David, Colijn de Coter and Goossen van der Weyden Groups. Catalogue of Early Netherlandisch painting in the Royal Museum of Fine Arts of Belgium. Brüssel 2001, S. 240

21 Allg. Künstlerlexikon, 2000, S. 428

22 von Bodenhausen 1905, S. 3

23 Allg. Künstlerlexikon, 2000, S. 428

24 Allg. Künstlerlexikon, 2000, S. 428

25 Allg. Künstlerlexikon, 2000, S. 428

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668236462
ISBN (Buch)
9783668236479
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v333932
Note
1,0
Schlagworte
Gerard David Waldlandschaften Tryptichon Niederländische Malerei

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