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Der Mensch als Klient. Gedanken zur Konstruktion klienteler Identitäten

Essay 2016 5 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Der Mensch als Klient -

Gedanken zur Konstruktion klienteler Identitäten

„Klienten sind und bleiben zu einem nicht geringen Anteil Objekt professionellen Entscheidens. Umgekehrt sind Professionelle nicht (oder nicht nur) die objektiv urteilenden Experten im Hilfeprozess, sondern in erster Linie Konstrukteure einer klientelen Identität, für die eine entsprechende Blaupause immer schon existiert“ (Messmer & Hitzler, 2007, S. 70).

Die Haltung, Klienten würden erst in Interaktionen mit Professionellen durch selbige geformt und konstruiert werden, schafft meines Erachtens eine Basis, von der aus defizitorientiertes Denken und Handeln in Hilfeplanprozessen gestärkt wird. Partizipation von Adressaten im Sinne einer aktiven Teilnahme an Entscheidungsfindungen kann unter diesen Bedingungen kaum gedacht, geschweige denn umgesetzt werden.

Dass Mitbestimmung der Adressaten grundsätzlich eine Herausforderung darstellt, wird hier nicht bestritten. Doch mir stellt sich die Frage, ob ein anderer Zugang, ein anderer gedanklicher Ausgangspunkt für die lebensweltorientierte Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Adressaten von Vorteil sein könnte, insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung von Hilfeplangesprächen- und Prozessen. Mein gedanklicher Ansatz diesbezüglich lautet: Der Mensch als Fall produziert selbst seine* „klientele Identität“. Zwar findet dies zumeist im Rahmen besonderer, prägender, zwingender Umstände statt und es bleibt zu diskutieren, inwieweit es Adressaten sozialer Arbeit möglich ist sich bestimmten formenden Einflüssen und Entwicklungen zu entziehen, die sozialpädagogisches Handeln letztlich notwendig machen, doch in jedem Fall kann die Entwicklung hin zur Klientenidentität weder als rein zufälliger Prozess definiert werden, der seitens der Adressaten durch Passivität gekennzeichnet ist, noch findet er meines Erachtens erst in Interaktionen durch sozialpädagogische Professionellen statt, sondern geht diesen voraus.

Laut Messmer und Hitzler (2007) sind mit Klienten allgemein „Personen gemeint, die in zentralen Bereichen ihres Lebens Probleme erfahren, für die es keine alltäglichen Problemlösungen gibt und deren Ausgang entsprechend ungewiss ist“ (S. 41). In Interaktionen mit Professionellen im Rahmen der sozialpädagogischen Hilfeplanung erfährt das Bild des Klienten meines Erachtens lediglich Bestätigung durch das Verhalten der Professionellen in Form der von Messmer und Hitzler (2007) beschriebenen Varianten „soziale Adressierung bzw. Identifizierung“, „Verdinglichung bzw. Objektivierung“, „soziale Kategorisierung“ und „Passung“ (S. 47). Verträte man Messmer & Hitzlers Ausgangsposition der Konstruktion des Klienten durch „sozialarbeiterische Interaktionen“ (S. 41), würde einem von Grund auf aktiven Individuum – dem Menschen als Klient – eine passive Rolle im Hilfeplangespräch zugedacht werden. Mittels Festlegung sozialpädagogischer Maßnahmen soll dieser Klient nun lernen als Subjekt Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und „im Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse ein Leben in möglichst freier Selbstbestimmung zu führen“ (Schaarschuch, 1999, S. 553), obwohl er zumindest implizit als Objekt behandelt wird. Hier zeigt sich eine Ambivalenz, welche bei Adressaten Irritation auslösen könnte und die vielleicht auch dazu führt, dass sie die an sie gestellten Forderungen nicht ernst nehmen, weil sie sich als Person nicht ernst genommen fühlen. Das Potential des Adressaten bezüglich seiner von Beginn an konstruktiven Möglichkeiten wird ausgehend von Messmer und Hitzlers Grundhaltung nicht wahrgenommen oder ignoriert.

Meine Annahme, es sei möglich den Adressaten als Konstrukteur seiner eigenen „klientelen Identität“ zu sehen, basiert unter anderem auf Schaarschuchs Ausführungen (1999) zur sozialen Arbeit als Dienstleistung, wonach Professionelle als „Ko-Produzent[en]“ und „das aktiv sein Leben verändernde Subjekt“ als „primäre Produzent[en]“ betrachtet werden (S. 554). Die Adressaten würden Verhalten produzieren und im besten Fall, im Kontext sozialpädagogischer Interventionen, würden sie Verhaltensänderungen produzieren. So wie Adressaten unter Einbeziehung von Unterstützungsmaßnahmen demnach für fähig gehalten (oder zumindest als entwicklungsfähig) gesehen werden Verhalten(sänderungen) zu produzieren, sind sie meiner Meinung nach auch für die zuvor stattgefundene „Verengung“ (Grunwald & Thiersch, 2004, S. 14) ihrer alltäglichen Lebenswelt (zumindest teilweise) verantwortlich und damit für ihre Entwicklung hin zu einem hilfebedürftigen Klienten, da selbst ihre Form des Reagierens auf Umstände, auf Entscheidungen basiert und somit als aktiv gelten kann; und wie klein der Entscheidungsspielraum auch sein mag: Diese Entscheidungen ebnen einen individuellen Weg.

Die soziale Dienstleistung wiederum „ist ein professionelles Handlungskonzept, das von der Perspektive des nachfragenden Subjekts als aktiver Produzent seines Lebens und Konsument von Dienstleistungen zugleich ausgeht und von diesem gesteuert wird“ (Schaarschuch, 1999, S. 554).

Diesbezüglich sehe ich Klienten als Menschen, welche oben genannte klientele Identität aktiv entwickeln und erst dadurch schrittweise ihre Handlungsfähigkeit eingrenzen. Damit werden sie jedoch nicht passiv und begeben sich in eine Objektrolle. Innerhalb ihrer Möglichkeiten bleiben sie aktive Konstrukteure, nur sind diese Möglichkeiten erheblich eingeschränkt, sei es durch äußere Zwänge oder innere, wie beispielsweise Suchtspiralen im Rahmen sich verselbstständigender Abhängigkeitsprozesse. Der Mensch als Klient bleibt dennoch ein aktiv wirkendes Wesen. Es geht lediglich um die Bündelung und den Fokus, das Ziel der Aktivität, Bewusstmachung und darum, den Radius von möglichen Handlungen zu erweitern. Im Sinne der Lebensweltorientierung wird der Mensch in der „pragmatischen Anstrengung“ gesehen, „die Vielfältigkeit der in der Lebenswelt ineinander verquickten Aufgaben zu bewältigen“ und er „erscheint zugleich als bestimmt und als fähig, sich anpassend, akzentuierend, verändernd mit den Strukturen auseinanderzusetzen und sie zu verändern“ (Grunwald & Thiersch, 2004, S. 20). Somit kann er in jeder Situation als konstruierend gelten, in welche Umstände und Zwänge er auch verwickelt sein mag.

[...]

Details

Seiten
5
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668236769
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334005
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Psychologie und Erziehungswissenschaft
Note
unbenotet
Schlagworte
Sozialpädagogik Erziehungswissenschaft Fallverstehen multiperspektivisch Klient Soziale Arbeit Dienstleistung Hilfeplanung klientele Identität Partizipation Hilfeplangespräch Lebensweltorientierung ressourcenorientiert Ressource defizitorientiert Defizit Adressat

Autor

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