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Die Relevanz kultureller Unterschiede zwischen Belarus und Deutschland. Fallbeispiel Schienenfahrzeugbau

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Herausforderung
2.1 Das Verhalten der deutschen Ingenieure in Belarus
2.2 Die Situation aus Sicht der belarussischen Arbeitnehmer
2.3 Darstellung der Gesamtsituation

3 Interkulturelle Kompetenz – eine Begriffsannäherung

4 Perspektiven und Lösungsvorschläge

1 Einleitung

Die Straßenbahn AG (Name geändert) ist einer der größten und modernsten Nahverkehrsbetriebe in Deutschland. In Fachkreisen wird besonders das technische Know-how der Ingenieure hinsichtlich der technischen Entwicklung von Schienenfahrzeugen geschätzt. Regelmäßig werden die Ingenieure für Fachtagungen als Redner gebucht. Eine Stiftungsprofessur an der ortsansässigen Universität wird ebenfalls durch zwei der Maschinenbauingenieure betreut.

Das umfangreiche technische Wissen der Fachleute und die allumfänglich ausgestattete Hauptwerkstatt mit ihren acht Meistereien führten sogar dazu, dass seit zehn Jahren in Eigenregie die Generalsanierung der ersten Serien der eingesetzten Stadtbahnwagen durchgeführt wird. Dieses Vorgehen war bisher von keinem Nahverkehrsbetrieb in Erwägung gezogen worden. Gängige Praxis ist, die Wagen von den Herstellern generalüberholen zu lassen. Oftmals werden die Wagen, wenn sie technisch veraltet sind, auch in Schwellen- oder Drittweltländer verkauft.

Bei der Straßenbahn AG ist man auf dieses große Fachwissen sehr stolz. Der Unternehmensbereichsleiter nimmt die Personalauswahl für Ingenieure und Techniker selbst vor. Die regelmäßig sehr hohen Bewerberzahlen bei Stellenausschreibungen weisen auch in Zeiten von Fach- und Führungskräftemangel auf die gute Reputation der Straßenbahn AG in Fachkreisen hin.

Im Jahr 2010 wurden bei einem in der Schweiz ansässigen Hersteller für Schienenfahrzeuge zwanzig neue Stadtbahnwagen geordert, mit der Option auf vierzig weitere Fahrzeuge. Die Wagen wurden von der deutschen Niederlassung des Herstellers in Berlin gebaut. Die Wagenkästen bei einem der führenden Hersteller für Waggonbau, ebenfalls in Deutschland, geschweißt.

Der öffentliche Personennahverkehr erfreut sich wachsender Beliebtheit und das Schienennetz wird, sinkender staatlicher Subventionen zum Trotz, stetig ausgebaut. Konsequenterweise zieht dieser Ausbau auch zusätzlich benötigte Fahrzeuge nach sich und so hat sich die Straßenbahn AG schon im Jahr 2014 entschlossen, die erste Option für weitere zwanzig Fahrzeuge einzulösen. Die Stadtbahnwagen werden analog der ersten Serie ausgeführt. Kleinere technische Änderungen, teilweise auch neuen Normen geschuldet, werden verbaut, sonst sind keine Modifikationen vorgesehen.

Zu Beginn der Feinabstimmung mit dem Hersteller eröffnet dieser, dass die Wagenkästen der neuen Serie im Werk Minsk hergestellt werden. Das Werk hat bisher für den russischen Markt produziert und die Mitarbeiter verfügen, nach Aussage des Herstellers, über hervorragende schweißtechnische Kenntnisse. Diese Information sorgte für Unruhe bei der Straßenbahn AG. Besonders die Schweißfachingenieure, welche die Bauüberwachung der Wagenkästen in Minsk übernehmen sollten, melden bezüglich Sprachbarrieren, politischer Lage und Besorgnisse um die allgemeine Sicherheit vor Ort Bedenken über eine Entsendung an.

Nach Rückkehr von der ersten Reise nach Belarus berichten die Schweißfachingenieure von den gut ausgeführten schweißtechnischen Arbeiten. Auf die kleineren Mängel wurde seitens der Bauüberwacher, wie im Unternehmen gängige Praxis, mittels Aufklebern hingewiesen, um den Schweißern die ausstehende Mängelbeseitigung zu verdeutlichen.

Als die Bauüberwacher einen Monat später den nächsten Wagen inspizieren wollen, steht der erste Wagen noch im gleichen Zustand, mitsamt den Aufklebern, in der Werkhalle. Auf diesen Umstand angesprochen, reagiert der belarussische Meister ausweichend und geht nicht näher auf den Umstand ein. Die deutschen Bauüberwacher weisen auf den nahenden Termin zur Überführung des Wagens nach Deutschland hin. Als der Termin in greifbare Nähe rückt, wird seitens der deutschen Projektleitung des Herstellers eine Terminverschiebung um ca. vier Wochen, ohne näher auf die Gründe einzugehen, mitgeteilt.

Die Ingenieure der Straßenbahn AG sind ratlos – das Fahrzeug ist doch so gut wie fertig? Lediglich die markierten kleinen Mängel waren bei der Überprüfung vor Ort noch nicht ausgebessert. Diese Mängelbeseitigung kann nach dem Dafürhalten der deutschen Ingenieure innerhalb eines Tages erfolgen. Auf Nachfragen bei der deutschen Projektleitung des Herstellers kann auch dieser keine weiteren Auskünfte erteilen. Dies ist der erste Auftrag des belarussischen Werks für Europa, man hat noch keine Vergleichszeiten und ist von den in Deutschland üblichen Durchlaufzeiten im Schweißbetrieb ausgegangen.

Da sich der gesamte Zeitplan nun verschiebt, steht die Straßenbahn AG vor terminlichen Schwierigkeiten. Die dringend benötigten Stadtbahnwagen (eine neue Strecke steht kurz vor der Fertigstellung und die Wagen sind hierfür eingeplant) können nun voraussichtlich nicht rechtzeitig in Betrieb genommen werden, da vor dem Einsatz im Personenverkehr noch umfangreiche Prüfungen der Technischen Aufsichtsbehörde vorgenommen werden müssen.

Vom Unternehmensbereichsleiter Schienenfahrzeuge auf ihre bisherigen Erfahrungen in Belarus angesprochen, berichten die Bauüberwacher der Straßenbahn AG von freundlichen Mitarbeitern in Minsk. Es wurden sogar schon Einladungen zu Abendessen ausgesprochen, welche jedoch, im Hinblick auf den straffen Zeitplan vor Ort, von den Bauüberwachern bisher zurückhaltend abgelehnt wurden. Beim dritten Besuch der Schweißfachingenieure in Minsk, welcher im Rahmen der Bauüberwachung des dritten Zuges stattfand, stehen nunmehr zwei an sich fertige Züge mit Mängelklebern versehen im hinteren Teil der Werkhalle. Die Schweißfachingenieure fragen beim belarussischen Leiter der Abteilung nach und erhalten nur eine ausweichende Antwort. Der belarussische Geschäftsführer steht für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Die Entsandten der Straßenbahn AG stehen der Situation hilflos gegenüber.

2 Die Herausforderung

2.1 Das Verhalten der deutschen Ingenieure in Belarus

Die Ingenieure haben sich in Belarus so verhalten, wie es im Heimatland üblich ist. Erfahrungen mit interkulturellem Austausch im beruflichen Kontext haben beide Bauüberwacher bisher nicht gesammelt. Die bislang notwendigen Dienstreisen erfolgten lediglich innerdeutsch oder ins nähere europäische Ausland. Auch eine Sensibilisierung hinsichtlich kultureller Unterschiede und Hintergründe fremdkultureller Verhaltensgewohnheiten in Belarus erfolgte im Vorfeld der Entsendung nicht (vgl. Bolten & Schröter 2001:100 f.). Vielmehr agierten die Ingenieure, mithilfe eines Dolmetschers, wie in der Heimat üblich. Sachorientiert und direkt zeigen sie den belarussischen Angestellten die Mängel auf, welche nach deutschen Qualitätsansprüchen noch beseitigt werden müssen, um eine termingerechte Überführung der Wagen nach Deutschland zu ermöglichen.

Die Haltung, welche die Entsandten den Werksangehörigen in Minsk entgegenbringen, ist dem deutschen Arbeitskontext angepasst. Sie spiegelt jedoch nicht die interkulturellen Unterschiede wieder, die in Belarus prägend sind. So agieren die Deutschen auf der Mikroebene. Kulturelle Verhaltensmuster, die in Belarus gelten, sind ihnen nicht geläufig. Hierbei handelt es sich sowohl um moralische Werte, wie interpersonelles Verhalten, Zuständigkeiten und Befugnisse der Mitarbeiter vor Ort, als auch um persönliche Grundsätze und gesellschaftliche Werte (vgl. Rothlauf 2014:94).

Die Sachorientierung der Deutschen, welche im heimatlichen Arbeitskontext angebracht und stimmig ist, scheint in Belarus nicht den gewünschten Effekt (die Fertigstellung der Wagen nach der Qualitätsprüfung) zu zeigen. Eine Reflexion des eigenen Verhaltens findet auf der Mikroebene des Handelns nicht, oder nicht ausreichend, statt. Das Agieren in einem fremden kulturellen Umfeld erfolgte unvorbereitet und so erfüllen sie die gestellten Aufgaben wie aus der Heimat gewohnt (vgl. Rothlauf 2014:24).

2.2 Die Situation aus Sicht der belarussischen Arbeitnehmer

Die Belegschaft vor Ort in Minsk besteht aus sehr gut ausgebildeten Fachkräften. Die Qualität der Arbeit ist hochwertig und die Mitarbeiter sind stolz auf die neue Arbeitsstätte mit neuesten Maschinen. Die Zusammenarbeit mit dem deutschen Werk des Herstellers verlief bisher reibungsarm, die hergestellten Wagenkästen für den russischen Markt verließen jeweils termingerecht das Werk und waren handwerklich gut hergestellt.

Bei der ersten Produktion für den westlichen Markt kam es jedoch zu Komplikationen, mit denen die Belarussen nicht gerechnet hätten. Die deutschen Mitarbeiter des Kunden waren nicht mit der Qualität der Arbeit zufrieden und bekräftigten ihren Unmut noch mit einigen Dutzend Aufklebern, die sie, gut sichtbar, an verschiedenen Stellen der fertigen Wagen anbrachten. Die gegenüber den Schweißern geäußerten Kommentare der Deutschen waren ihrer Ansicht nach brüsk und sehr deutlich. Die Arbeiter wussten nicht, wie sie reagieren sollten und was es mit den Aufklebern auf sich hat. Ein solches Gebaren war noch nie vorher vorgekommen. Ein Gespräch zwischen dem Meister, dem Hauptabteilungsleiter und den deutschen Bauüberwachern fand nicht statt. Ebenfalls wurden Essenseinladungen von den deutschen Ingenieuren wiederholt ausgeschlagen, was ebenfalls zu Irritationen seitens der Belarussen führte.

Die belarussischen Mitarbeiter des Herstellers orientieren sich an den bekannten, eigenkulturellen Regeln und sind im Hinblick auf fremdkulturelle Rahmenbedingungen nicht umfassend informiert (vgl. Bolten 2004:100). Die Kritik, welche von den deutschen Qualitätsprüfern geäußert wurde, übersetzte der Dolmetscher wortwörtlich. Fehlinterpretationen, fehlende Höflichkeitskonventionen und der unterschiedliche Gebrauch von Direktheit führten daher zu Irritationen (vgl. Bolten 2004:249).

Fehlende Vergleichsbeispiele, verschiedene Orientierungs- und Symbolsysteme führten bei den belarussischen Mitarbeitern zu Orientierungslosigkeit in der gegebenen Situation (vgl. ebenda:271). Die Tendenz zur Problemvermeidung, Unterschiede in Hierarchie, indirekter Kommunikationsstil und eine starke Unsicherheitsvermeidung der belarussischen Mitarbeiter führen daher zu einer Verzögerung des Projektes (vgl. Davydchyk 2006:60 ff.).

2.3 Darstellung der Gesamtsituation

Die Mitarbeiter auf beiden Seiten stehen vor der Herausforderung, die Situation aus dem Blickwinkel des jeweils anderen zu sehen – und interkulturelle Unterschiede sowie Attributionsmuster ganzheitlich nachzuvollziehen um nicht in oberflächliche Stereotypisierung zu verfallen (vgl. Bolten & Schröter 2001:101). Da sich Akteure in ihrem Handeln zuerst einmal an ihren eigenkulturellen Regelungen orientieren, stellt sich zusätzlich noch die Problematik der sogenannten kulturellen Lücke ein, wobei eine nicht beabsichtigte Verhaltenswirkung durch dem Gesprächspartner nicht bekannte Regelungen erzielt, und beim Gegenüber eine Irritation ausgelöst wird. Auch ist die Art und Weise, wie Lob und Kritik bei den Mitarbeitern geäußert wird von kulturellen Einflussgrößen geprägt (vgl. Bolten 2004:100 f.).

Neben der Attribuierung der Situation stellt auch die sprachliche Asymmetrie die Beteiligten vor Herausforderungen. Die Verständigung erfolgt über einen Dolmetscher (Muttersprache belarussisch). Da die Kommunikationspartner somit über keinen gemeinsamen Code verfügen, dekodiert der Dolmetscher die Botschaften des jeweils anderen Kommunikationspartners – wobei die Gewichtung der Kommunikation in den verschiedenen Richtungen unterschiedlich erfolgt. Übersetzt der Dolmetscher aus der Fremdsprache, so treten Probleme des Fremdverstehens in den Vordergrund. Bei der Übersetzung aus der Muttersprache ist die Reverbalisierung in der Fremdsprache das zentrale Problem. Fehlt dem Übersetzer die ausreichende Kulturkompetenz, so kann es zu einer Ungleichgewichtung der einzelnen Phasen kommen, da es sich bei der Übersetzung um keinen autochthon entstandenen Text handelt (vgl. Krause 2010:78).

Eine weitere Herausforderung stellt sich für die Beteiligten durch mögliche Homogenisierung und Stereotypisierung der jeweils anderen Kultur dar. Vielfach wird im interkulturellen Kontext von einer Uniformität innerhalb der fremden Kultur ausgegangen (vgl. Verdooren 2014:12). Kulturgrenzen können jedoch durch ein Wegzoomen, einer Veränderung des Blickwinkels, sichtbar werden. So stellt sich das vermeintlich Kohärente und Homogene plötzlich heterogener dar (vgl. Bolten 2012:28). Diese Sichtweise wird im nachfolgenden Kapitel näher beleuchtet.

3 Interkulturelle Kompetenz – eine Begriffsannäherung

„Interkulturelle Kompetenz lässt sich als die Fähigkeit beschreiben, im Umgang mit Angehörigen anderer Kulturkreise andersartige Wahrnehmungen, Empfindungen, Urteile und Verhaltensweisen als Resultat unterschiedlicher kultureller Prägung zu erkennen, zu akzeptieren und dadurch kulturell bedingte Konflikte zu lösen bzw. bestenfalls zu vermeiden“ (Igra 2010:1).

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Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668244399
ISBN (Buch)
9783668244405
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334350
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Zentrum für Management im Gesundheitswesen
Note
1,0
Schlagworte
Interkulturelle Zusammenarbeit interkulturelle Kompetenzen internationale Teams Belarus

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Titel: Die Relevanz kultureller Unterschiede zwischen Belarus und Deutschland. Fallbeispiel Schienenfahrzeugbau