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Courage fürs Volk. Wie Brecht die Gesellschaft mit "Mutter Courage" zum Frieden bewegen wollte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der passive Friedenstifter

2. Das Epische Theater
2.1. Aspekte des epischen Theaters
2.1.1. Das Publikum
2.1.2. Der Held
2.1.3. Die Intention

3. Wie die Umstände das Stück prägten
3.1. Schreiben im Exil

4. Inhalt des Stückes

5. Die Figur der Mutter Courage
5.1. Die Geschäftsfrau
5.2. Die Mutter
5.3. Die Dialektik der Courage
5.4. Courage als Medium der Intention

6. Zeitlos couragiert

7. Literaturverzeichnis

1. Der passive Friedenstifter

Schuld sind die, wo Krieg anstiften, sie kehren das Unterste zuoberst in die Menschen.1

Das Warten auf, oder die Herbeiführung einer revolutionären Situation ist ein wichtiger Bestandteil der leninistischen bzw. marxistischen Revolutionstheorie. Eine Revolution, die den Kapitalismus stürzt und den Weg zum Sozialismus freigibt, wie es die Dialektik Marx´ vorsieht: Von der Sklavenhaltergesellschaft zur Feudalgesellschaft, über die Industrialisierung zum Kapitalismus, bis der Kapitalismus ein Ende findet, und der Sozialismus, schließlich danach Kommunismus folgt. Durch die Entwicklung des epischen Theaters erschuf Bertold Brecht seine eigene Art, die Entstehung einer solchen revolutionären Situation zu begünstigen. Weg von der Darstellung der tragischen Schicksale Einzelner auf der Bühne sollten große gesellschaftliche Probleme angesprochen werden. Die öffentliche Thematisierung von Missständen kann die Zuschauer aufrütteln und die Gesellschaft verbessern.

Mutter Courage und ihre Kinder ist eines der berühmtesten Stücke Bertold Brechts. Es thematisiert die Schrecken des Krieges mit der kalten Realität des Kapitalismus in diesem. Die Marketenderin, die mitten im dreißig Jährigen Krieg ihr Glück sucht und ihre Kinder verliert, wurde nicht zufällig während Brechts Exil in den Wirren des zweiten Weltkrieges geschrieben und uraufgeführt. Da sich durch die gesamte menschliche Geschichte Kriege ziehen, sind dieses Thema und das Stück zeitlos. Die Herbeiführung und herzliche Begrüßung des Krieges, mit Hinblick auf Profit gerichteten Absichten ist ein stetiger dunkler Begleiter der Nachrichten geworden. Damals schrieb Brecht aus dem Exil heraus eine Botschaft an die Gesellschaft, welche heute noch nachhallt.

Uraufgeführt wurde das Stück 1941 in Zürich. Das damals sehr einfache Bühnenbild wurde bei allen späteren Aufführungen der Mutter Courage und Brechts Modell weitergeführt, obwohl Brecht der Uraufführung nicht beiwohnen konnte. Der Wagen der Mutter Courage stand immer im Mittelpunkt, dieser Wagen wurde fortschreitend über das Stück hinweg immer ramponierter. Der Hintergrund war sehr spartanisch gehalten, es gab Leinwände mit flackernden Hintergründen oder einfache Holzbauten. Zurzeit der Uraufführung kursierten zwei Arten das Stück zu interpretieren: Die Verurteilung der Mutter Courage, in dem Sinne, wie Brecht es verstanden hat oder die sorgende Mutter, die unschuldig leidet. Im Laufe dieser Arbeit soll auch geklärt werden, welches Bild hierbei treffender erscheint.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte: Zuerst soll die Dialektik Brechts vorgestellt werden. Darauf folgt eine kurze Biographie seiner Lebensumstände vor und während der Schaffung der Mutter Courage. Nach dem somit eine theoretische Grundlage geschaffen werden konnte soll das Stück Mutter Courage und ihre Kinder genauer betrachtet werden bzw. die Figur der Protagonistin. Anhand dieses vielschichten Charakters, der Facetten von der skrupellosen Händlerin, einer sorgenden Mutter und der Inkarnation der Einheit von Krieg und Geschäft aufweist, soll versucht werden, eine Intention Brechts herauszuarbeiten. Diese wichtigen gesellschaftlichen Aufträge, die das Stück transportiert, wird mit einem Rückblick auf die Biographie geschehen, um Gründe und Motivation für das Stück erklären zu können. Damit Anhand dessen die Forschungsfrage „Welchen Auftrag gab Brecht an die Gesellschaft mit Mutter Courage und ihre Kinder “ beantwortet werden kann.

2. Das Epische Theater

Das Theater als eine illusionäre Darstellung von einzelnen Schicksalen, welche den Alltag der Gesellschaft nicht wahrhaftig wiederspiegeln kann oder will, ist in Brechts Augen obsolet. Brecht beteiligte sich rege, um den Untergang des „alten“ Theaters schneller einzuleiten.2 Die Forderung nach einem Theater für das Publikum entgegen jenem „[…] lebensfeindlichem Illusionstheaters […]“3, denn: „Ein Theater ohne Kontakt mit dem Publikum ist ein Nonsens.“4 Der Alltag der Menschen in einer „kapitalistischen Industriegesellschaft“5 bräuchte ein Theater, welches ihre Lebensumstände wiederspiegelt. Hecht schreibt über die Thematik:

Auch thematisch griff Brecht Stoffe dieser Gesellschaft in dieser Zeit auf: In Baal war ein asozialer Held dargestellt worden, aber – wie Brecht betonte – „in einer asozialen Gesellschaft“. Baal zog der „Verwurstung“ seiner Talente in der kapitalistischen Gesellschaft ein vitales Leben vor.5

Nachdem Brecht die Weizenbörse von Chicago sieht und versucht den weltweiten Weizenhandel nachvollziehen zu können, dies aber trotz Nachfragen bei Spezialisten nicht hinreichend erklärt werden kann, beginnt er Marx zu lesen.6 Seine Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann schrieb am 26. Juli 1926 in ihr Tagebuch:

[…] Brecht meinte, die bisherige (große) Form des Dramas sei für die Darstellung solcher modernen Prozesse wie die Verteilung des Weltweizens oder die Lebensläufe der Menschen unserer Zeit nicht geeignet.7

Die Verknüpfung von sozialen und ökonomischen Gegebenheiten mit dem Drama sollte das Fundament für das epische Theater sein. Die Abhängigkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen und ökonomischen Begebenheiten, ist für Brecht eine wichtige Erkenntnis.

Um auf diese gesellschaftlichen Missstände und Begebenheiten hinweisen zu können, formte Brecht das epische Theater als neue Bühne für jene Probleme.

2.1. Aspekte des epischen Theaters

Das klassische Theater basiert auf einer Identifikation des Zuschauers mit dem auf der Bühne gezeigten. Der Zuschauer leidet, fühlt und freut sich mit dem Helden. Dadurch kommt es zu tiefen Gefühlsreaktionen beim Zuschauer, die eine Reinigung (gr. Karthasis) hervorrufen. Der Zuschauer wird durch die Erfahrungen der Helden auf der Bühne selbst geläutert. Das epische Theater hingegen basiert auf dem umgekehrten Aspekt: der Zuschauer soll erkennen, dass auf der Bühne nur ein Spiel gezeigt wird; er soll sich davon nicht hinreißen oder einfangen lassen, sondern sich distanzieren, den Verstand gebrauchen. Dies ist der Effekt der Verfremdung. Theater soll die Stellung des Einzelnen, das Problems als gesellschaftliches deutlich machen und somit den Zuschauer zu Erkenntnissen bringen, die Aktivität bewirken.

2.1.1. Das Publikum

Wurde früher noch die „Grenze zwischen überhöhter Wirklichkeit des Theaters und des gewöhnlichen Daseins […] nicht überschritten[…]“8, so wird im epischen Theater die Illusion zerstört und die Distanz von Publikum zum Schauspiel verringert. Einerseits durch die Alltagsnahe Inszenierung, welche sich nicht mehr mit romantischen Allüren wie Romeo und Julia oder tragischen Fällen wie Iphigenie beschäftigen, sondern mit Problemen der breiten Masse. Mutter Courage z.B., jenes Stück, das später noch genauer betrachtet werden soll, thematisiert den Krieg, seine Schrecken und die Wirkung die Profitgier in diesem Kontext haben kann. Zur Premiere im zweiten Weltkrieg in Zürich, war dies ein präsentes Thema.

[...]


1 Brecht, Bertolt (1999): Mutter Courage. Text und Kommentar. Frankfurt: Suhrkamp (Suhrkamp BasisBibliothek, 11). S. 71.

2 Vgl. Brechts Weg zum epischen Theater von Werner Hecht in Reinhold Grimm (Hg.) (1966): Episches Theater. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch. S. 50.

3 Ebd. S. 50.

4 Brecht in Schriften zum Theater I S. 61 zitiert nach Brechts Weg zum epischen Theater von Werner Hecht in Reinhold Grimm (Hg.) (1966): Episches Theater. S. 52.

5 Brechts Weg zum epischen Theater von Werner Hecht in Reinhold Grimm (Hg.) (1966): Episches Theater. S. 52.

6 Vgl. Ebd. S. 53.

7 Ebd. S.53.

8 Das epische Theater von Erich Franzen in Reinhold Grimm (Hg.) (1966): Episches Theater. S. 232.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668241022
ISBN (Buch)
9783668241039
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334356
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Insitut für Germanistik
Note
Schlagworte
Mutter Courage Krieg Frieden Drama

Autor

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Titel: Courage fürs Volk. Wie Brecht die Gesellschaft mit "Mutter Courage" zum Frieden bewegen wollte