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Arbeitslosigkeit und ihre Ursachen. Definition und Entwicklung in Deutschland

Hausarbeit 2013 23 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Arbeitslosigkeit
2.1 Definition und Abgrenzung
2.2 Arten von Arbeitslosigkeit
2.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit
2.2.2 Saisonale Arbeitslosigkeit
2.2.3 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit
2.2.4 Strukturelle Arbeitslosigkeit

3. Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland

4. Ursachen von Arbeitslosigkeit
4.1 Objektive Ursachen
4.2 Subjektive Ursachen
4.2.1 Selbstverschuldung von Arbeitslosigkeit?
4.3 Strukturelle Ursachen
4.4 Psychische Ursachen
4.4.1 Arbeitslosigkeit, eine Folge des Verfalls von Arbeitsmotivation und –engagement?

5. Ausblick und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Arbeit ist schwer, ist oft genug ein freudloses und mühseliges Stochern, aber nicht arbeiten - das ist die Hölle.“ (Thomas Mann (1875-1955), dt. Schriftsteller)

Arbeitslosigkeit gehört zu den größten sozialen Problemen in Deutschland und stellt gerade heutzutage eine schwierige und häufig diskutierte Thematik dar.

Bereits Thomas Mann sagte, dass Arbeit zwar mühsam ist, Nichtzuarbeiten im Gegensatz dazu jedoch die Hölle wäre. Doch bereits an diesem Punkt gehen Meinungen auseinander, einige vertreten zum Teil sogar die gegensätzliche Aussage. Sie sind überzeugt, dass Arbeitslose an ihrer Misere selbst Schuld tragen und dieses Schicksal dem Arbeiten vorziehen.

Was man explizit unter der Arbeitslosigkeit versteht, wie die aktuelle Situation in Deutschland aussieht, aber auch was ihre Ursachen sein können, möchte ich im Folgenden versuchen zu erklären.

2. Definition der Arbeitslosigkeit

Den Begriff der „Arbeitslosigkeit“, ebenso wie das englische „unemployment“, gibt es erst seit der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Menschen, die arbeitsfähig und – willig sind, jedoch keine Arbeit finden, pauschal zu den „Armen“ hinzugezählt. Erst durch die fortschreitende Industrialisierung und die damit verbundenen typischen konjunkturellen Schwankungen, wurden sie als eigenständige Gruppe – die „Arbeitslosen“ – wahrgenommen (Garraty, 1978, S. 49ff.).

Innerhalb der Thematik „Arbeitslosigkeit“, taucht häufig auch der Begriff der Erwerbslosigkeit auf. Bei näherem Betrachten wird jedoch schnell klar, dass sich hinter beiden Begriffen unterschiedliche Definitionen mit verschiedenen Bedeutungen verbergen. Um Missverständnissen vorzubeugen und die Entwicklung der unterschiedlichen Begriffe aufzuzeigen, soll dieses Kapitel zunächst die Benennungen klar definieren und voneinander abgrenzen.

2.1 Definition und Abgrenzung

Bereits Berthold Brecht hat sich in seinen „Geschichten von Herrn Keuner“ mit der Arbeitslosigkeit beschäftigt. Auch andere Dichter haben sich schon früh mit dem Phänomen Arbeitslosigkeit auseinander gesetzt, z.B. Johannes R. Becher, in seinem Gedicht „Tod eines Arbeitslosen“ oder Gerhart Hauptmann in seinem berühmten Stück „die Weber“ (Paul und Moser, 2007, S. 287). Aus Sicht der Literatur kann man Arbeitslosigkeit also als eine Situation beschreiben, „die tiefwirkende psychologische Auswirkungen hat, die Werte, Regeln, Gewohnheiten und die eigene Identität massiv in Frage stellen kann und sich sehr negativ – bis hin zur Provokation von Suiziden – auf das psychische Befinden auswirkt“ ( Paul & Moser,2007, S.287).

Rein juristisch gesehen, versteht man unter den Arbeitslosen, nach §116 SGB III, Personen, bei denen folgende Charakteristika zutreffen:

- Arbeitslose stehen nicht in einem Beschäftigungsverhältnis oder arbeiten weniger als 15 Stunden pro Woche
- Sie suchen eine versicherungspflichtige Beschäftigung
- Arbeitslose stehen den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung
- Sie haben sich bei einer Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet

Das statistische Bundesamt für Arbeit definiert die Arbeitslosigkeit noch einmal etwas anders. Hier gelten, „Arbeitssuchende, bis zur Vollendung des 65.Lebensjahres, die sich beim zuständigen Arbeitsamt persönlich gemeldet haben, eine Beschäftigung über 3 Monate mit 20 und mehr Stunden wöchentlich suchen, nicht oder weniger als 20 Stunden wöchentlich erwerbstätig sind, nicht in schulischer Ausbildung stehen, nicht arbeitsunfähig erkrankt sind, kein Altersruhegeld beziehen, für eine Arbeitsaufnahme sofort zur Verfügung stehen und in der Bundesrepublik […] wohnen“ als arbeitslos (Bundesagentur für Arbeit, 2010).

Wie man bereits erkennen kann, gibt es weltweit keine einheitliche Definition von Arbeitslosigkeit und auch in Deutschland wird sie nicht immer gleich definiert.

Fest steht jedoch, dass alle wissenschaftlich fundierten Definitionen der Arbeitslosigkeit einen gemeinsamen Kern haben. So lassen sich drei Hauptmerkmale herausfiltern, die essentiell sind und in jedem ernstzunehmenden Definitionsversuch auftauchen (Frey, von Rosenstiel, Hoyos, 2005, S. 6):

- Nichtvorhandensein einer Erwerbsarbeit
- Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt
- Suche nach Erwerbsarbeit

In der heutigen Literatur findet man häufig auch eine Differenzierung zwischen Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit.

„Erwerbslos sind die Personen, die nicht erwerbstätig sind, sich nicht binnen der letzten 4 Wochen um eine neue Tätigkeit gekümmert haben und nicht sofort wieder für eine neue Arbeitsstelle bereit stehen. Hierbei ist es irrelevant, ob sich die Personen bei der BA arbeitslos gemeldet haben oder nicht“ (Statistisches Bundesamt 2007).

Um Missverständnissen vorzubeugen, werde ich jedoch vorrangig den Begriff der Arbeitslosigkeit verwenden.

2.2 Arten von Arbeitslosigkeit

Um die Ursachen der Arbeitslosigkeit etwas abzugrenzen, ist es hilfreich die verschiedenartigen Typen der Arbeitslosigkeit zu trennen. Zunächst einmal wird nach subjektiver und objektiver Arbeitslosigkeit unterschieden.

Zur subjektiven Arbeitslosigkeit zählt man zum einen die persönlich verschuldete Tatsache keine Arbeit zu haben. Die Gründe dafür liegen alleine beim Betroffenen, z.B. im Verstoß gegen Firmenregelungen, durch Unehrlichkeit oder Unzuverlässigkeit. Gleichzeitig fallen jedoch auch persönlich unverschuldete Begebenheiten, wie z.B. eine Erkrankung die zur Berufsunfähigkeit führt, unter die subjektive Arbeitslosigkeit. Hierbei spricht man auch von einer unechten, subjektiven Arbeitslosigkeit (bpb, 2010).

Bei der objektiven Arbeitslosigkeit stellen objektive Tatsachen die Gründe für Arbeitslosigkeit dar. Sie kann man noch einmal in friktionelle, saisonale, konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit unterscheiden (bpb, 2010):

2.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit

Die Friktionelle Arbeitslosigkeit taucht in der Literatur häufig auch als Fluktuations- oder Sucharbeitslosigkeit auf. Laut der Bundeszentrale für Politische Bildung (2010) versteht man unter dieser „die häufig unvermeidliche Arbeitslosigkeit zwischen der Aufgabe der alten und dem Finden einer neuen Tätigkeit“. Sie resultiert aus den in modernen Industriegesellschaften häufig auftretenden Arbeitsplatzwechseln und der Tatsache, dass oftmals eine gewisse Zeit vergeht, bis die Arbeitnehmer eine neue Beschäftigung finden und eine neue Arbeit aufnehmen (Kromphardt, 1998, S. 45). Das Ausmaß der friktionellen Arbeitslosigkeit hängt stark von der Effektivität der Arbeitsmarktinstitutionen ab, z.B. von der Arbeitsvermittlung der Arbeitsagenturen. Aus diesem Grund ist das beste arbeitsmarkpolitische Instrument zur Verringerung dieser Form von Arbeitslosigkeit, „eine effektive und effiziente Arbeitsvermittlung, die dazu führt, dass Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage schnell und passend zueinander finden (bpb, 2010). Zusätzlich sollen Sanktionsmaßnahmen, bei Ablehnung von Arbeitsangeboten, die Arbeitssuche beschleunigen.

2.2.2 Saisonale Arbeitslosigkeit

Als saisonale Arbeitslosigkeit bezeichnet man Arbeitslosigkeit, die durch die jahreszeitbedingte, unterschiedliche Auslastung einiger Sektoren der Volkswirtschaft bedingt ist (bpb, 2010). Dabei handelt es sich vor allem um „Branchen, deren Produktion sehr stark den Natureinflüssen ausgesetzt sind (wie Landwirtschaft, Fischerei und Baugewerbe) und solchen Branchen, die einer saisonalen Nachfrageballung gegenüberstehen, aber ihre Produkte nicht lagern können (Kromphardt, 1998, S.45). Zu letzteren zählen beispielsweise Dienstleistungen im Zusammenhang mit Tourismus. Die saisonale Arbeitslosigkeit bildet einen Teil der strukturbedingten Arbeitslosigkeit, da ihr Ausmaß stark von der Struktur der Volkswirtschaft und des Arbeitsmarktes abhängt, d.h. vom Umfang der betroffenen Branchen und der Leichtigkeit mit der die Betroffenen in der Zeit anderweitig Arbeit finden können.

2.2.3 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit

Von konjunktureller Arbeitslosigkeit spricht man, wenn die Konjunktur schwacher wird und die Nachfrage zurückgeht. Sie verteilt sich weitestgehend gleichmäßig auf alle Sektoren, Regionen und Berufsgruppen (wirtschaftslexikon: gabler). Bei mangelnden Absatzmöglichkeiten werden Arbeitskräfte entlassen, die bei einem Aufschwung wieder eingestellt werden. „Konjunkturelle Arbeitslosigkeit kann ein kurz- oder mittelfristiges Problem sein, sie kann aber auch bei anschließend nur langsam wieder wachsender Wirtschaft zu einem langfristigen Problem werden“ (bpb, 2010). In diesen Situationen werden aus Konjunkturarbeitslosen oft Langzeitarbeitslose, die viele Monate, bis hin zu Jahren, arbeitslos bleiben (Niess, 1979, S.62).

2.2.4 Strukturelle Arbeitslosigkeit

Strukturelle Arbeitslosigkeit liegt vor, wenn Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften nicht zusammenpassen, weil beides bezüglich Qualifikation, Alter, Geschlecht, Region etc. unterschiedlich strukturiert ist (bpb, 2010). Das Ausmaß lässt sich jedoch empirisch nur schwer feststellen, da Arbeit und Nachfrage in Form offener Stellen nur unzureichend erfasst werden können. Zudem ist die Zahl der offenen Stellen, durch die konjunkturelle Entwicklung, Schwankungen ausgesetzt. „In Zeiten der Rezession werden wenig Arbeitskräfte gesucht, die Zahl der offenen Stellen ist gering, und die latenten Strukturdiskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage werden verdeckt“ (Kromphardt, 1998, S.51).

3. Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland

Seit den 70er-Jahren, spätestens aber Seit Anfang der 80er-Jahre ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland eines der gravierendsten sozialen Probleme. Seit den 80er-Jahren gab es einen stetigen Anstieg der Arbeitslosigkeit, abseits von konjunkturellen Wellenbewegungen, wie man in der folgenden Grafik erkennen kann (BA, 2012):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf (Bundesagentur für Arbeit, 2012)

In der ersten Phase von 1980 bis 1985 erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen in Westdeutschland von 889.000 auf 2,3 Millionen. Nach einem leichten Abstieg im Jahr 1991, gab es eine erneute Steigerung auf 2,9 Millionen Arbeitslose im Jahr 1997. Eine Schwankung gab es im Jahr 2001, die jedoch in eine erneute Erhöhung 2004 mündete (2,8 Millionen Arbeitslose). Gravierend ist das Resultat, dass zwischen 1991 und 2004 eine Verdopplung der Arbeitslosigkeit von 10,2 auf 20,1 Prozent stattfand (bpb, 2010).

„Eine der auffälligsten Steigerungen der Arbeitslosenzahl fällt in das Jahr 2005. Die Arbeitslosenzahl erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um 10,9 Prozent bzw. um knapp 480.000 Personen auf 4,86 Millionen“ (bpb, 2010, S.2).

Die Hauptursache für diesen rapiden Anstieg ist in der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe begründet, die zu einer Verschiebung der sogenannten stillen Reserve in die registrierte Arbeitslosigkeit führte. „Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit (BA), lag dieser sogenannte Hartz-IV-Effekt bei etwa 380.000 im Jahresdurschnitt 2005“ (BA, 2012). In den darauffolgenden Jahren gab es eine konjunkturelle Verbesserung der Arbeitsmärkte, sodass eine zunehmende Arbeitskräftenachfrage und das leicht rücklaufende Arbeitskräfteangebot entstanden. Dieses führte zu einer deutlichen Reduzierung der Arbeitslosigkeit im Jahr 2006, so fiel der Jahresverlauf, mit etwa 600.000 weniger registrierten Arbeitslosen, recht deutlich aus. Auch das Jahr 2007 ist positiv zu vermerken, da es mit rund minus 16,3 Prozent den größten absoluten Rückgang seit 1950 verzeichnen konnte (bpb, 2010).

Durch die Finanzkrise gab es lediglich in den Jahren 2008/2009 eine einmalige Erhöhung der Arbeitslosenzahlen.

„In Deutschland lag die Arbeitslosenquote 2011 insgesamt bei 7,1 Prozent- die niedrigste Quote seit 20 Jahren. Zudem waren 2011 zum ersten Mal seit Anfang der 80er-Jahre weniger als drei Millionen Personen arbeitslos gemeldet (2,98 Mio.)- davon 68,1 Prozent in West- und 31,9 Prozent in Ostdeutschland“ (bpb)

Trotzdem lässt sich aus der positiven Entwicklung der letzten Jahre noch keine Bilanz ziehen, ob es bereits zu einer andauernden Trendwende am Arbeitsmarkt gekommen ist oder ob sich die Arbeitslosenzahl lediglich auf einem niedrigen Niveau festgesetzt hat.

Laut einer Prognose des DIW Berlin zur Entwicklung des Bruttoinlandproduktes in Deutschland wird die Arbeitslosenzahl im Jahr 2014 bei etwa 2,89 Millionen liegen (statistika, 2013). Dies zeigt jedoch auch, dass Arbeitslosigkeit nach wie vor ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland darstellt. Aus diesem Grund ist es wichtig sich mit möglichen ursächlichen Faktoren von Arbeitslosigkeit auseinander zu setzen, um geeignete Maßnahmen ergreifen zu können. Dies soll in den folgenden Kapiteln geschehen.

4. Ursachen von Arbeitslosigkeit

Beschäftigt man sich mit den Ursachen von Arbeitslosigkeit, so steht grundsätzlich im Mittelpunkt dieses Problemfeldes die Frage „Warum werden welche Personen arbeitslos?“ (Wiswede, 2007, S.154).

Arbeitslosigkeit kann viele Ursachen haben. Dabei kann man „nicht auseinanderdividieren und sagen: 30 Prozent entfallen auf die Ursache X, die restlichen 70 Prozent auf die Ursache Y“ (Unrein, 1978, S.38). Die Gründe für Arbeitslosigkeit sind vielfältig ineinander verzahnt und beeinflussen sich zum Teil gegenseitig. Laut Kirchler lässt sich jedoch eine Unterteilung in objektive und subjektive Ursachen der Arbeitslosigkeit vornehmen (Kirchler, 1984, S. 20), auf welche in den Abschnitten 4.1 und 4.2 näher eingegangen werden soll.

Ergänzend zu den objektiv und subjektiv empfundenen Ursachen der Arbeitslosigkeit, gibt es nach Wiswede (2007, S. 154) zwei weitere Ursachentypen.

Es wird angenommen, dass meist strukturelle Gegebenheiten ursächlich für Arbeitslosigkeit sind. Jedoch besteht auch der Verdacht, dass ebenso psychische Variablen, wie Persönlichkeitsmerkmale oder Motivationsfaktoren, eine Rolle spielen. Kapitel 4.3 und 4.4 werden beides ausführlicher betrachten.

4.1 Objektive Ursachen

Um die folgenden Ansätze zu verstehen, muss zunächst einmal eine Abgrenzung zwischen unfreiwilliger und freiwilliger Arbeitslosigkeit vorgenommen werden.

Als unfreiwillig arbeitslos werden jene Menschen verstanden, die zu den bestehenden Löhnen arbeiten würden, jedoch keinen Arbeitsplatz finden, während die freiwillig Arbeitslosen zu den bestehenden Löhnen keine Arbeit annehmen wollen (Kirchler, 1984, S. 20).

In der Vergangenheit haben viele Repräsentanten der neoklassischen Theorien versucht, in einer Reihe von Job-Search-Modellen, die Ursachen von Arbeitslosigkeit zu erklären.

Die Neoklassische Theorie basiert auf der Annahme, dass ein Marktgleichgewicht zwischen Angebot, also den potentiellen Arbeitnehmern und Nachfrage, im Sinne der potentiellen Arbeitgeber, existiert. Dieses wird im Wesentlichen durch den Preismechanismus, also die Lohnhöhe, hergestellt. Arbeitslosigkeit kann daher nur in Folge überhöhter Reallöhne entstehen und kann auch nur durch Anpassung dieser zu hohen Löhne nach unten abgebaut werden (bpb, 2010). Ihrer Meinung nach, setzt sich auf Dauer die freiwillige Arbeitslosigkeit durch und die unfreiwillige Arbeitslosigkeit tritt als Übergangsphänomen auf, welche mit Inflationserscheinung kovariieren kann, aber gesamtgesellschaftlich bedeutungslos ist (Rothschild, 1978, S. 23).

Die Tatsache, dass sich diese theoretischen Überlegungen in der Realität nicht widerspiegeln, wird der Tatsache unvollständiger Informiertheit zugeschrieben.

„Arbeitnehmer und Arbeitgeber kennen das am Markt herrschende Angebot nur unzureichend, sodaß Suchprozesse notwendig werden, die Zeit in Anspruch nehmen. Der Arbeitnehmer sucht am Markt nach dem optimalen Beschäftigungsangebot und zieht es vor, in der dafür notwendigen Zeit arbeitslos zu bleiben“ (Kirchler, 1984, S. 21).

Die Annahme rationaler Entscheidungen bei vollkommener Marktransparenz ist aus psychologischer Sicht nicht haltbar, sodass diese Theorie objektiver Ursachen stark kritisiert wurde.

Eine weitere Ursache für das Ausmaß von Arbeitslosigkeit wurde in der Höhe der Arbeitslosenversicherung gesehen. So versuchte z.B. König (1978) nachzuweisen, dass bei hoher Arbeitslosenversicherung Menschen dazu tendieren freiwillig arbeitslos zu bleiben, um ihre Freizeit zu maximieren (Kirchler, 1984, S. 22). Dieser Ansatz kann jedoch nur als unzureichend bewertet werden, da nur für einen geringen Teil der Arbeitslosen angenommen werden kann, dass sie länger arbeitslos bleiben, aufgrund finanzieller Unterstützung. König selbst geht nur von etwa 10 Prozent aus (Kirchler, 1984, S. 22). Ebenso wenig kann König erklären, warum vor allem Frauen, Jugendliche, ältere Arbeitnehmer, Ausländer und Behinderte, Arbeitslosigkeit einer geregelten Arbeit vorziehen sollten (Oehlke, 1979, S. 149).

Oehlke selbst sieht im kapitalistischen System insgesamt die Ursache für Arbeitslosigkeit.

Grundsätzlich muss man jedoch sagen, dass über die objektiven Ursachen der Arbeitslosigkeit bisher zu wenig geforscht und bekannt ist, als dass man sie als bedeutsame Indikatoren für Arbeitslosigkeit sehen könnte.

Im folgenden Abschnitt soll daher verstärkt auf die subjektiven Ursachen der Arbeitslosigkeit eingegangen werden.

4.2 Subjektive Ursachen

In der Literatur wird davon ausgegangen, dass ein Großteil der Ursachen für Arbeitslosigkeit, den Betroffenen selbst zugeschrieben werden. „Arbeitslosigkeit als Folge von Unfähigkeit und Motivationsmangel der Betroffenen erscheint selbst verursacht und damit auf persönliches Schicksal von gesellschaftlicher Verantwortung abgeschoben“ (Kirchler, 1984, S. 23).

Schon Kieselbach und Offe (1979, S. 9ff.) haben gezeigt, wie Verantwortung für Arbeitslosigkeit von der gesellschaftlichen auf die individuelle Ebene abgeschoben werden kann. Dabei kommt z.B. die Strategie der Zumutbarkeitsschwelle zur Wirkung, welche besagt, dass in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit den Betroffenen eher zu zumuten ist, dass sie eine Beschäftigung unter ihrem Qualifikationsniveau akzeptieren. Nichtakzeptanz wird schnell als Ursache für selbstverschuldete Arbeitslosigkeit erkannt.

4.2.1 Selbstverschuldung von Arbeitslosigkeit?

Eine Studie, die diese Zusammenhänge der Ursachenzuschreibung der Betroffenen belegt ist die von Kirchler, die 1993 in Österreich durchgeführt wurde. Dabei wurden zum einen Betroffene nach den Ursachen für Arbeitslosigkeit befragt. Von den insgesamt 234 angeführten Ursachen betraf ein bedeutsamer Teil von 37,3 Prozent persönliche Merkmale der Betroffenen. Diese Klassifizierung der Ursachen nach persönlichen Merkmalen, ließ sich in folgende Ursachen aufteilen (Kirchler, 1995, S. 77):

- 18,9 Prozent der Ursachen bezogen sich auf mangelnde Arbeitsmotivation, Interessenlosigkeit, Bequemlichkeit, mangelnde Ausdauer und Arbeitsbereitschaft, arbeitshemmende Einstellungen, Unzufriedenheit, Alkoholsucht, Krankheit und zu hohes Alter
- 6,3 Prozent ließen auf mangelnde Mobilität, einseitige Berufswünsche und fehlende Flexibilität schließen
- 9,5 Prozent der Gründe resultierten aus der fehlenden Bereitschaft, sich aufgrund des Akademikerüberschusses oder Facharbeitermangels auf einen entsprechenden Beruf umzuschulen
- 2,6 Prozent kamen aufgrund mangelhafter Ausbildung zustande

All diese Ursachen weisen auf internale Attributionen hin, während der Unternehmensführung und innerbetrieblichen Reorganisationsvorhaben nur in 26,8 Prozent der Fälle die Verantwortung für Arbeitslosigkeit zugeschrieben wurden (Kirchler, 1995, S. 77). Zusätzlich betrafen 23 Prozent der genannten Ursachen „ die Wirtschaftslage und Politik, wie Kaufkraftabwanderung, Nachfragerückgang, Inflation, Konjunkturprobleme und Wirtschaftskrise, mangelnde Finanzpolitik, zu lange Arbeitszeiten, eine zu leichtsinnige Politik gegenüber bestimmten, meist fremdländischen Personengruppen, die auf den Arbeitsmarkt drängen“ (Kirchler, 1995, S. 77). Arbeitslosengeld und Schwarzarbeit stellten die restlichen Ursachen dar.

Ähnlich sah das Ergebnis in einer weiteren Studie von Kirchler aus, bei der er 57 Beschäftigte an Arbeitsämtern befragte. Sie führten 537 Gründe für Arbeitslosigkeit an, bei denen rund 66 Prozent der genannten Ursachen intrapersonelle Probleme betrafen, wie psychische und kognitive Behinderungen, Alter, physische Behinderungen oder Motivationsprobleme (Kirchler, 1995, S. 77). Gleichzeitig bestanden 10 bis 13 Prozent der Ursachen in sozialen Integrations-und innerbetrieblichen Problemen oder der wirtschaftlichen Lage.

In Anbetracht der Ergebnisse ist es nicht verwunderlich, dass auch Beschäftigte der Arbeitsämter hauptsächlich individuelle Gründe anführen, da sie täglich mit Arbeitslosen konfrontiert werden und nicht mit der wirtschaftlichen Lage befasst sind. Jedoch ist es bedenklich, dass sich das Bild individueller Verschuldung damit verfestigt, da dies eine Möglichkeit darstellt sich „vom Schicksal ‚Arbeitslosigkeit‘ zu distanzieren und den Forderungen der Betroffenen nach Verständnis und Hilfe zu entkommen“ (Kirchler, 1995, S. 78). Durch die dadurch stattfindende Individualisierung des Problems und sachliche Argumentation, kann Schuld also internal zugeschrieben werden und Arbeitslosigkeit somit zum Problem der Betroffenen gemacht werden.

In diesem Zusammenhang befragte Kirchler sieben Berufsgruppen (Unternehmer, Arbeiter, Beamte, Angestellte, Studenten, Hausfrauen und Arbeitslose) nach deren sozialen Repräsentationen über Arbeitslosigkeit und Arbeitslose (Kirchler, 1995, S. 78). Dabei wurden sie aufgefordert ihre eigene und die anderen Kategorien zu beschreiben. Aus psychologischer Betrachtungsweise ist bekannt, dass Menschen der eigenen Gruppe oder sozialen Kategorie üblicherweise günstigere Eigenschaften zuschreiben, als außenstehenden Gruppen (Raab, Unger, 2005). Aus diesem Grund war anzunehmen, dass die Vertreter der eigenen Kategorie positiv beschrieben werden, während die Beschreibung der übrigen Kategorien negativer ausfällt.

Die Ergebnisse soll folgende Grafik darstellen (Kirchler, 1995, S. 79):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ergebnisse der Eigen- und Fremdbewertung (Kirchler, 1995, S. 79)

Man kann deutlich erkennen, dass die Ergebnisse auf starke Unterschiede zwischen Arbeitslosen und anderen Personengruppen schließen lassen. „Während die Arbeiter, Angestellten, Unternehmer und Beamten einen Vertreter ihrer Kategorie das beste Zeugnis ausstellten, und auch Hausfrauen und Studenten eine typische Person ihrer Kategorie, als positiv beschrieben, beurteilten Arbeitslose einen typischen Betroffenen besonders negativ“ (Kirchler, 1995, S. 79).

Die Resultate beweisen, dass Arbeitslose zu ihrem eigenen Schicksal und Mitbetroffenen keine Identifikation herstellen können. Vielmehr differenzieren sie zwischen sich und anderen Betroffenen, indem sie die eigene Arbeitslosigkeit als fremdverschuldet wahrnehmen, bei anderen Arbeitslosen jedoch von Eigenverschulden sprechen.

Dieser Effekt lässt sich durch die Theorien zur sozialen Kategorisierung und sozialen Identität nach Tajfel erklären. Aufgrund kognitivpsychologischer Grundlagen werden Informationen in Wissensstrukturen organisiert und als Schemata repräsentiert (Kirchler, 1995, S. 80). Dabei haben Forschungen ergeben, dass Assimilationseffekte und Kontrasteffekte unter bestimmten Bedingungen prägnanter wahrgenommen werden, als sie letztendlich sind. „So werden von Mitgliedern sozialer Gruppen oder Kategorien Ähnlichkeiten zwischen den Gruppenmitgliedern häufig überschätzt und Unterschiede zu anderen Gruppen überbetont“ (Kirchler, 1995. S. 80). Laut Tajfel strebt jede gesellschaftliche Person nach einem zufriedenstellenden Selbstkonzept, sowie hohem Selbstwert. Beides entsteht durch Strukturierungsprozesse, bei denen die soziale Umwelt gewichtet und in eine eigene und fremde Umwelt unterteilt wird. Positive soziale Identität tritt auf, wenn eine Identifikation mit der Gruppe besteht und somit die eigene Gruppe im Vergleich zu anderen besser abschneidet. Im Gegensatz dazu besteht negative Identität, wenn „die eigene Gruppe oder soziale Klasse in Vergleichsprozessen […] schlechter bewertet [wird]“ (Kirchler, 1995, S. 80).

Arbeitslose können ihre soziale Identität also schützen, indem eine Identifikation mit der Kategorie „Arbeitslose“ erst gar nicht stattfindet. Dadurch wird eine Gruppenbildung der Arbeitslosen verhindert, welches die Betroffenen jedoch wieder isoliert. „Dadurch schwächt sich der soziopolitische Einfluss der betroffenen, Interessensverbände können nicht entstehen und anstatt aktiv politisch tätig zu sein, riskieren Arbeitslose zum Werkzeug politischer Machenschaften zu werden“ (Kirchler, 1995, S. 81).

Die Studie von Kirchler zeigt also auf, wie der Prozess entsteht, dass Arbeitslose sich selbst als schuldig an ihrem Schicksal sehen, weil Fremdbild in Selbstbild übergeht.

4.3 Strukturelle Ursachen

Bei der Betrachtung von möglichen Ursachen von Arbeitslosigkeit rücken häufig zunächst einmal strukturelle Ursachen ins Visier. In den letzten Jahren hat sich vor alle die soziologisch-ökonomische Forschung mit dieser Problematik auseinander gesetzt und festgestellt, dass einige strukturelle Rahmenbedingungen als ursächliche Faktoren von Arbeitslosigkeit betrachtet werden können (Wiswede, 1995, S. 153). Diese betreffen zumeist den sekundären Produktionsbereich, sind zunehmend jedoch auch im Dienstleistungsbereich zu finden.

Bei den Betroffenen selbst, sind einzelne Merkmale typisch, die „das Auftreten von Arbeitslosigkeit für bestimmte Gruppierungen verstärken“ (Wiswede, 2007, S.154).

Lynn et al (1984) befassten sich aufgrund eines pfadanalytischen Modells mit vielen Prädikatoren von Arbeitslosigkeit, wie „home background“, „intelligence“, „personality“, „school type“ , „education environment“ etc. (Personality and individual differences, 5, S. 474).

Laut Wiswede gibt es besondere Problemgruppen, die von den strukturellen Defiziten betroffen sind (2007, S. 154):

- Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung
- Personen mit zu geringer Berufsausbildung
- Personen, die durch erschwerende Faktoren, charakterisiert sind

Zu diesen Personen mit erschwerenden Faktoren, gehören z.B. Frauen. Sie sind stärker anfällig für Arbeitslosigkeit, „weil sie meist weniger qualifiziert sind, weil sie im Durchschnitt weniger mobil sein können, weil sie häufiger in krisenanfälligen Tätigkeitsfeldern arbeiten, die der Rationalisierung zum Opfer fallen, und weil sie schließlich bei Entlassungen bevorzugt der Selektion unterliegen“ (Wiswede, 2007, S. 154).

Auch bei Gruppen, die häufig mit Vorurteilen belastet sind, kommen die strukturellen Defizite zum Tragen. So fallen oft ältere Menschen der Arbeitslosigkeit zum Opfer, wenn ihr Alter auch noch mit fehlender Qualifikation oder fehlenden Mobilität bzw. Flexibilität verbunden ist.

Zusätzlich wirken auch soziale Vorurteile mit, die häufig zu asymmetrischen Selektionsprozessen bei der Arbeitsplatzvergabe führen. Darunter leiden oftmals „ausländische Arbeitnehmer, Vorbestrafte, Behinderte, ältere Frauen, Farbige, auch längerzeitig Arbeitslose“ (Wiswede, 2007, S. 154).

4.4 Psychische Ursachen

Neben den strukturellen Ursachen für Arbeitslosigkeit werden gerade heutzutage oftmals auch psychologische Faktoren, die möglicherweise mitverantwortlich für Arbeitslosigkeit sein könnten, untersucht. Häufig diskutiert werden dabei Faktoren, wie „veränderte Einstellungen zur Arbeit, Abnahme der Arbeitsmotivation, geringere Mobilitätsneigung, nachlassendes Engagement, gedämpfte Kompromissbereitschaft“ (Wiswede, 2007, S. 154).

Noelle-Neumann sieht diese Faktoren als mitverantwortlich für Arbeitslosigkeit an. Ihre Ergebnisse stützen sich dabei auf eine Studie, welche im folgenden Kapitel vorgestellt werden soll.

4.4.1 Arbeitslosigkeit, eine Folge des Verfalls von Arbeitsmotivation und –engagement?

Im August und September 1986 wurde die Allensbacher Repräsentativumfrage unter rund 3000 Arbeitslosen und ihren Angehörigen, sowie rund 4000 Personen ab 16 Jahren im repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt der Bundes Republik Deutschland mit West-Berlin durchgeführt. Ziel dieser Studie war es, wie ihr Titel schon erkennen lässt, „mehr über die Arbeitslosen zu erfahren.

„In auffallender Weise sind seit mehr als einem Jahrzehnt Repräsentativumfragen unter Arbeitslosen fast ganz ausgeblieben. So sieht man in der Öffentlichkeit einen immer nur gleichsam massiven Block von zwei bis zweieinhalb Millionen Arbeitslosen. Um Strategien für einen langsamen Abbau zu entwickeln, wäre die Voraussetzung, durch Repräsentationsumfragen mehr über die Arbeitslosen zu wissen und die Millionenmasse in die wichtigsten Segmente aufzugliedern und getrennt für die Segmente Maßnahmen zum Abbau der Arbeitslosigkeit einzuleiten“ (Noelle-Neumann, 1987, S. 31).

Bei der Studie handelt es sich um eine wissenschaftliche Untersuchung, die wiederholbar und überprüfbar ist, so dass sie repräsentativ für die, im Herbst 1976 bei den Arbeitsämtern registrierten, Arbeitslosen zwischen 16 und 64 Jahren ist.

Die Forschungsarbeit wurde in eigener Regie vom Institut für Demoskopie Allensbach entworfen und durchgeführt, wobei sie finanziell von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen unterstützt wurde, die eigenes Interesse daran hatten, den Widerspruch zwischen hoher Arbeitslosigkeit und dem Mangel an Arbeitskräften besser zu verstehen, um daraus Ideen für die richtigen Schritte in der Beschäftigungspolitik zu gewinnen (Noelle-Neumann, Gillies, 1987, S. 32). Der Großteil der Fragen hatte den Zweck, beabsichtigte und unbeabsichtigte Tendenzergebnisse auszuschalten.

Noelle-Neumann deutet die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts in dem Sinne, dass sie davon ausgeht, dass psychische Faktoren, wie gedämpfte Kompromissbereitschaft oder nachlassendes Engagement, mitverantwortlich für Arbeitslosigkeit seien (Wiswede, 2007, S. 154). Sie geht sogar so weit zu sagen, dass Arbeitslosigkeit sich vor allem aus der freiwilligen Arbeitslosigkeit zusammensetzt. Damit knüpft sie in gewissen Maßen an die Ausführungen der Neoklassiker an.

Die Studie weist einige Ergebnisse auf, die für Noelle-Neumann gravierend sind (1987, S. 32 ff.):

- etwa 64 % der befragten Arbeitslosen sagen, dass sie nicht so sehr unter Zeitdruck ständen, einen Job zu finden und vor allem in den ersten drei Monaten wenig Ambitionen zur Suche aufweisen
- fast ein Drittel der registrierten Arbeitslosen haben in den letzten sechs Monaten keine Stellenanzeige gesehen, zudem hat fast die Hälfte nicht eine Bewerbung geschrieben
- vielfache Überzeugung unter den Arbeitslosen und ihrer Familienangehörigen, dass sie eine Arbeit, die keine Freude mache, nicht anzunehmen bräuchten
- Unangenehmer als Arbeitslosigkeit sei die Tatsache, eine Arbeit tun zu müssen, die keinen Spaß macht
- Die positive Bewertung des Alltags ist gleichermaßen bei Arbeitern und Arbeitslosen vertreten, so dass Arbeitslose, die vor der Wahl stehen, einen angebotenen Arbeitsplatz anzunehmen oder nicht anzunehmen, es oft gar nicht so leicht haben, sich zu entscheiden

Aufgrund der oben dargestellten Ergebnisse der Studie, vertritt Noelle-Neumann die Annahme, dass Arbeitslosigkeit in vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen selbstverschuldet ist, sich also auf psychische Faktoren jedes Einzelnen zurückführen lässt. Ihrer Meinung nach sind 1976 etwa 20 Prozent der Arbeitslosen freiwillig arbeitslos, aufgrund einer falschen Arbeitseinstellung, welche durch die materielle Absicherung der Arbeitslosen noch begünstigt wird (Noelle-Neumann, Gillies, 1987, S. 48).

Die Auffassung von Noelle-Neumann ist jedoch zahlreicher Kritik ausgesetzt. Hauptsächlich dadurch, dass sie übersieht, dass auch zahlreiche strukturelle Faktoren „zur strukturbedingten Segmentierung und Freisetzung von Arbeitskräften führen“ (Reuband, 1987, S. 550 ff.). Zudem zeigen auch psychologische Studien zum Wohlbefinden von Arbeitslosigkeit, wie etwa die von Brinkmann 1978 oder Pelzmann 1988 recht eindeutig, „daß das Modell der freiwilligen Arbeitslosigkeit auf recht begrenzte Fälle eingeschränkt werden muß und allenfalls dort einige Geltung hat, wo Arbeitslosigkeit durch Schwarzarbeit kompensiert wird“ (Wiswede, 2007, S. 155).

Auch heutzutage wird noch Kritik an dieser Auffassung geübt, gerade von der Gesellschaft. Argumentiert wird mit der Tatsache, dass die meisten Arbeitslosen in Deutschland auch für schlechte Löhne arbeiten gehen würden und der Großteil der Hartz-IV-Empfänger sogar mehr als 20 Stunden in der Woche einer sinnvollen Tätigkeit nachgeht. „Bei der großen Mehrheit der Arbeitslosen sind keineswegs fehlende Motivation oder Konzessionsbereitschaft die Gründe für den fehlenden Job. Sie zu diffamieren hilft nicht weiter und ist unfair“ (Spiegel Online, 2011).

5. Ausblick und Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Arbeitslosigkeit nach wie vor ein bedeutsames soziales Problem in Deutschland darstellt, welches keinesfalls außer Acht gelassen werden sollte.

Die vergangenen Abschnitte haben einmal mehr aufgezeigt, dass die Ursachen von Arbeitslosigkeit vielseitig und vielfältig ineinander verknüpft sind, sodass es schwierig oder gar unmöglich ist, die „eine“ bedeutsame Ursache von Arbeitslosigkeit festzulegen und zu bekämpfen.

Meine dargelegten Ergebnisse zeigen, dass die sozialwissenschaftlichen Forschungen zur Arbeitslosigkeit zum Teil schon viele Jahre zurückliegen und es sich immer öfters auf ältere Erkenntnisse berufen wird. Umso wichtiger wäre es, gerade in der heutigen Zeit des demographischen Wandels, der Arbeitslosenforschung größere Bedeutung zu zumessen. Nur aus möglichen Ursachen und Folgen von Arbeitslosigkeit kann man geeignete Gegenmaßnahmen entwickeln.

Peter Hartz sagte einmal „"Der wahre Grund für die Arbeitslosigkeit ist die Gleichgültigkeit der Nichtbetroffenen" (Zitiert in WELT vom 9.01.2003).

Meiner Meinung nach trifft das Zitat den wahren Kern, denn wie schon einige dargelegte Erkenntnisse zeigen, wird Arbeitslosigkeit oftmals als „Schande“ oder Situation abgetan, in die zwar kein Mensch kommen möchte, die aber von Außenstehenden moralisch hart bestraft wird.

Man sollte also zuletzt nicht vergessen, dass Arbeitslosigkeit ein Phänomen ist, welches Jeden treffen kann und dessen Auswirkungen nicht zu unterschätzen sind.

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Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (Buch)
9783668248076
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334645
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
arbeitslosigkeit ursachen definition entwicklung deutschland

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Titel: Arbeitslosigkeit und ihre Ursachen. Definition und Entwicklung in Deutschland