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Georg Büchners „Woyzeck“. Antiheld oder Idol?

Hausarbeit 2015 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Definition des Antiheldenbegriffs
1.2 Definition des Heldenbegriffs

2. Hauptteil
2.1 Inhaltsangabe des Dramas „Woyzeck“
2.2 Vorstellung der Figur Woyzeck
2.3 Diskussion über Woyzecks Auftreten als Held (Idol) bzw. Antiheld (Versager)
2.4. Zusammenfassung/ Fazit

3. Literaturverzeichnis
3.1 Textquellen
3.2 Internetquellen

1. Einleitung

Die zentrale Frage dieser Hausarbeit ist, ob der Protagonist Woyzeck in Georg Büchners Drama „Woyzeck“ aus moderner Sicht wirklich ein Antiheld ist, oder ob er doch eher heldenhafte Züge in sich trägt und repräsentiert.

Oft wird über die Figur Woyzeck gesagt, dass er ein Opfer der Gesellschaft sei. Doch man könnte es auch so betrachten, dass er sich „geopfert“ hat, indem er viel Leid und Demütigung auf sich nahm, um für seine Frau und sein Kind zu sorgen, und sich dabei nie beklagte. Oftmals wird die Figur Woyzeck von vornherein als klassischer Antiheld verurteilt. Kaum jemand spricht über die Vorzüge des Woyzecks und scheint einen (neuen) Helden in ihm sichtbar machen zu wollen. Aus diesem Grund kann es vielleicht auch von Interesse sein, dieses Bild zu korrigieren, indem sich der Leser dem Protagonisten mit Verständnis und Mitgefühl nähert. Wann und wem ist es schon gelungen eine präzise Grenze zwischen einem mittellosen Taugenichts und einer guten Seele zu ziehen?

Der Schwerpunkt bei der Diskussion um Woyzeck als „Idol“ oder „Versager“ wird auf der Handlung Woyzecks und der Beeinflussung durch sein Umfeld und seine Situation liegen. Dieses Zentrum ist auch für den heutigen Rezipienten relevant und aktuell, da das Drama in vielen Schulen nach wie vor zur Pflichtlektüre zählt und auch in der Theaterwelt ein immer wieder gespieltes Stück ist. „Woyzeck“ behält stets seine Aktualität, indem die Gegenwart facettenreich beschrieben wird. Büchner spricht zeitlose Probleme, wie Liebe und Eifersucht, Überarbeitung, Selbstzweifel und psychische Schwäche an, die sich im Kern nie ändern werden. Das Drama zeigt Bilder für die Ängste, die die Menschen beherrschen und Woyzecks Leiden ist weder begrenzt noch klar und gelangt nie zu einem Aufstand. Somit ist er ganz auf der Höhe der jetzigen Zeit.[1]

Kann es denn sein, dass eine Figur nur antiheldisches Verhalten zeigt und ist Woyzeck in Georg Büchners Drama nicht auch von vielen (anderen) Antihelden wie z.B. dem Hauptmann umgeben, denen in ihrer Verzweiflung nichts anderes bleibt, als andere zu erniedrigen? Und was ist mit dem Tabourmajor? Ist dieser nicht vielleicht ein viel traurigerer Mensch als Woyzeck, der seine emotionale Verarmung und Verbitterung hinter boshafter Ober-flächlichkeit zu verstecken versucht?

Diese Fragestellungen werden die Suche nach der Antwort um die zwiespältige Figur des Woyzecks unterstützen und leiten.

Der Hauptaspekt der Betrachtung bleibt allerdings, ob Woyzeck nun als „Idol“ oder „Versager“ gesehen werden kann, oder ob sich vielleicht keins von beiden so klar herauskristallisieren wird. Der Klärungsbedarf durchdringt ebenso die Definitionsfrage. Kann von einer eindeutigen Definition als (Anti-) Held gesprochen oder muss nach einem neuen, treffenderen Begriff gesucht werden, der den „damaligen Antihelden“ aus der Sicht des heutigen Lesers treffender beschreibt. Vom Grundsatz her wird diese Arbeit mit ihren vielfältigen Fragestellungen aus der Sicht eines modernen Rezipienten betrachtet. Diese Eingrenzung erfolgt aus dem Grund, dass Woyzeck der Protagonist des Dramas ist und es immer wieder Diskussionen und Uneinigkeiten um seine Person gibt. Woyzeck präsentiert einen vielschichtigen Charakter, den es nicht so leicht zu durchschauen gelingt. Zwar tragen auch die anderen Figuren in Georg Büchners Werk eine gewisse Zwiespältigkeit und Fragwürdigkeit in sich, (diese haben jedoch so schwache bis gar keine Charakterzüge), dass es allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, sich mit ihnen ausführlich auseinanderzusetzen.

Ein Vergleich mit einer anderen literarischen Figur (aus einer anderen Epoche) ist insofern wenig sinnvoll, als, dass der Antiheldenbegriff sehr dehnbar ist und sich von Epoche zu Epoche wandelt. Außerdem soll lediglich herausgearbeitet werden, ob Woyzeck ein Held oder Antiheld ist, unabhängig von anderen „Antihelden-Arten“.

Die Diskussion um Woyzeck wird analytisch und interpretatorisch ausgelegt sein, wobei verschiedene Meinungen und Interpretationsansätze von Autoren, wie zum Beispiel Norbert Kinne oder Wilhelm Große gegenübergestellt werden, um schlussendlich mit einem gut begründeten Fazit zu schließen.

1.1 Definition des Antiheldenbegriffs

Die Antiheldenfigur, auch „Gegenheld“ genannt, wird im Allgemeinen als inaktive, negative, handlungsunfähige und passive Gestalt der darstellenden Kunst beschrieben und dem aktiv handelnden Helden entgegengesetzt.[2] Der Antiheld ist meist eine Underdog-Figur, die zwar im Mittelpunkt des Geschehens steht, jedoch nicht durch Situationsmächtigkeit, Moral und heroische Eigenschaften ausgezeichnet ist[3], sondern eher durch Verstandesschwäche[4].

Die Antiheldenfigur besitzt in der Regel einen vielschichtigen und tiefen Charakter, der sich durch ihre Verletzlichkeit und Schwäche zeigt und sie sympathisch wirken lässt.[5]

Eine etwas andere und modernere Sichtweise auf den Antiheldenbegriff liefert der Romanist Victor Brombert. Die „unheldischen Helden“ seien die Ur- und Leitbilder der untätigen Helden oder auch eine Repräsentation der eigentlich echten Helden. Der Antiheld sei schwach, hat Selbstzweifel und stellt allgemeingültige Werte sowie tradierte Annahmen in Frage. Er ist zwar handlungsunfähig, verbittert und wird gedemütigt, doch in ihm schlummern verborgene Stärke, in der Form von Schwäche und durch Makel gekennzeichnet, Würde und versteckte Siege durch das, was als verlorener Wert erscheint. Fehlender Mut des Gegenhelden sei ein Ausdruck grundlegender Ehrlichkeit. Diese Charakterzüge repräsentieren die Loyalität und Gefolgschaft gegenüber der Menschlichkeit. Die Vorstellung des Antihelden als abwesende Figur, die den Leser mahnen soll, erklärt Brombert für überholt. Viel mehr stelle die Antiheldenthematik neue Fragen darüber auf, wie wir uns sehen bzw. wünschen zu sehen und fordere den Leser auf, moralische Kategorien zu überdenken. Außerdem könne Abwesenheit auch eine Form von Anwesenheit sein.

Das Ziel, dass das moderne Konzept des Antihelden verfolgt, sei die Akzeptanz von Fehlschlägen, menschlicher Schwäche, Labilität und Gebrechlichkeit.[6]

1.2 Definition des Heldenbegriffs

Der Held wird zunächst als aktiv handelnde Figur definiert. Er ist ein positiver Protagonist mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Tugenden, der im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Außerdem besitzt er einen hohen Grad der Moralität und Situationsfähigkeit.[7] Der Leser schaut zu dieser Figur hinauf und bewundert sie. Daher bietet der Held starkes Identifikationspotential. Weiterhin trägt er, wie die Bezeichnung schon sagt, heroische Eigenschaften in sich.[8] Diese Hauptfigur lädt somit durch überlegene Charakter- und Verstandesstärke zur Identifikation ein.[9]

Der Held reflektiert und bestimmt unsere Moral im Laufe der Zeit. Er beantwortet unser tiefes Bedürfnis, Würde und Schönheit zu erlangen. Der damalige Held galt als religiöses Phänomen, welcher geehrt und verehrt wurde. Der Begriff des Helden ist außerdem mit der Zeit des Mythos verbunden. Er war ein außergewöhnliches Wesen der Legenden, tötete Monster, kämpfte gegen die Ungerechtigkeit und lebte nach einem strengen persönlichen Code. Enthaltsamkeit war nicht seine Stärke, eher Mut und Kühnheit. Er konnte sich zudem klar ausdrücken und hatte einen hohen Grad der Selbstreflektion. Er war eine einzigartige, beispielhafte Figur, deren eigenes Schicksal ihn an die Grenzen menschlicher Erfahrung brachte. List, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität des Geistes, Intelligenz, Impulsivität und eine moralische Natur waren Teil seines heldenhaften Charakters. Er folgte grundlegenden moralischen Gesetzen, hatte einen starken Willen, war handlungsfreudig und durch Tapferkeit ausgezeichnet.

Dieses Bild des idealen Helden bzw. Menschen war jedoch illusorisch und irreführend, da unmöglich zu erreichen und förderte daher nur Unehrlichkeit und moralischer Trägheit, da unnachahmliche Modelle angepriesen wurden.[10]

2. Hauptteil

2.1 Inhaltsangabe des Dramas „Woyzeck“

Das Drama „Woyzeck“ wurde von Georg Büchner geschrieben und erschien 1897 in einer überarbeiteten Form. In dem Stück geht es um den Protagonisten Franz Woyzeck, der ein armer Soldat ist und mit zusätzlichen Zeitarbeiten versucht seine Frau und sein uneheliches Kind bestmöglich zu versorgen. Während diesen Zeitarbeiten wird er von diversen Arbeitgebern, wie dem Hauptmann oder Doktor ausgenutzt, vorgeführt und gedemütigt, was er jedoch stillschweigend hinnimmt. Durch ein Experiment des Doktors, bei dem Woyzeck nur noch Erbsen essen darf, beginnt sich seine psychische Verfassung zunehmend zu verschlechtern. Hinzu kommt, dass seine Frau Marie eine heimliche Affäre mit dem Tambourmajor beginnt und sich von ihm beschenken lässt, was Woyzeck mitbekommt, als er die beiden beim Tanzen beobachtet. Durch diesen Betrug und die damit verbundene Kränkung verschlechtert sich Woyzecks psychische Verfassung und er beginnt unter Wahnvorstellungen zu leiden. Getrieben von den Stimmen, die er hört und seiner steigenden Eifersucht fasst er den Entschluss Marie zu töten und kauft sich ein Messer. Bei einem abendlichen Spaziergang setzt er seinen Plan in die Tat um und ersticht seine Frau. Als er daraufhin völlig verwirrt ins Wirtshaus rennt, bemerkt eine Frau Blutspuren auf Woyzecks Kleidung, woraufhin er die Tatwaffe in den See wirft und sich wäscht. Marie wird später tot aufgefunden.

[...]


[1] Diekhans, Johannes (2011). S. 106-107

[2] Vgl. www.duden.de

[3] Vgl. www.filmlexikon-uni-kiel.de

[4] Vgl. www.fremdwort.de

[5] Vgl. www.uni-protokolle.de

[6] Vgl. Brombert, Victor (1999). S. 2 und S. 5-8

[7] Vgl. www.filmlexikon-uni-kiel.de

[8] Vgl. www.uni-protokolle.de

[9] Vgl. www.fremdwort.de

[10] Vgl. Brombert, Victor (1999). S. 2-8

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668243064
ISBN (Buch)
9783668243071
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334653
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
2,0
Schlagworte
Woyzeck Büchner Georg Büchner Hausarbeit Held Antiheld Versager Idol

Autor

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