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Die Verantwortung von Wissen und Nichtwissen

Eine essayistische Betrachtung

Essay 2016 9 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Dass Wissen (neben evtl. als positiv angesehenen Aspekten wie Macht) auch Pflichten und Verantwortung mit sich bringt scheint allgemein anerkannt. Als klassisches Beispiel dieser Debatte um Wissen und Verantwortung kann der Bau der Atombombe durch die Gruppe um Robert Oppenheimer genannt werden. In wie weit die am Bau beteiligten Physiker Verantwortung an den Folgen des Einsatzes der Bomben tragen und ob Ihnen die Tragweite ihrer „Erfindung“ nicht im voraus hätte bewusst sein können, sind Fragen, die in diesem Zusammenhang berechtigterweise aufkommen. Interessanter ist jedoch die Frage, ob nicht ebenso Nicht-Wissen eine Form der Verantwortung mit sich bringt, die auf den ersten Blick eventuell weniger offensichtlich erscheint.

Der Begriff der Verantwortung ist viel diskutiert und hochkomplex, weswegen eine ausführliche Auseinandersetzung im Rahmen dieser Abhandlung nicht möglich ist. Dennoch sollte die dreistellige Grundstruktur des Konstrukts Verantwortung kurz angesprochen werden. Verantwortung trägt somit eine Person (Verantwortungssubjekt) für etwas (Verantwortungsobjekt) gegenüber jemandem (Autorität, Instanz,...), wobei alle dieser drei Aspekte verschiedene Formen annehmen können. So kann als Verantwortungssubjekt neben einer Einzelperson auch eine Gruppe oder sogar eine gesamte Gesellschaft agieren und die Verantwortungsinstanz kann sowohl eine festgelegtes Gesetz, als auch ein von mehreren Personen geteilter moralischer Konsens sein. In allen Bereichen des zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Lebens spielt die Frage nach Verantwortung eine wichtige Rolle. Dabei ist nicht immer von individueller Verantwortung die Rede, auch Unternehmensverantwortung, politische Verantwortung oder globale Verantwortung werden diskutiert. Geht man jedoch davon aus, dass hinter jeder dieser Formen von Verantwortung doch wiederum individuelle Handlungen einzelner Personen stehen, kann der Fokus der Betrachtung auf die individuelle Ebene gelegt werden.

Verantwortung beinhaltet jedoch nicht nur den retrospektiven Aspekt der Verantwortungszuschreibung für Geschehenes, sondern auch den prospektiven Aspekt des Verantwortlichseins und den damit verbundenen Anspruch, sich so zu verhalten, dass das eigene Handeln mit diesem Anspruch in Einklang gebracht werden kann.

Hans Jonas betont gerade diesen prospektiven Aspekt in seinem Werk „Das Prinzip Verantwortung“ [1] besonders und spricht von einem Begriff von Verantwortung „der nicht ex-postfacto Rechnung für das Getane, sondern die Determination des Zu-Tuenden betrifft; gemäß dem ich mich also verantwortlich fühle nicht primär für mein Verhalten und seine Folgen, sondern für die Sache, die auf mein Handeln Anspruch erhebt. Verantwortung zum Beispiel für die Wohlfahrt Anderer ‘sichtet ’ nicht nur gegebene Tatvorhaben auf ihre moralische Zulässigkeit hin, sondern verpflichtet zu Taten, die zu keinem anderen Zweck vorgehabt sind. Das ‘für ’ des Verantwortlichseins hat hier offenbar einen völlig anderen Sinn als in der vorigen, selbstbezogenen Klasse.“

Im Folgenden geht es primär um die Frage der Verantwortung des eigenen Handelns und dessen Folgen gegenüber moralischen (und evtl. auch rechtlichen) Ansprüchen.

Menschen unterstellt man prinzipiell eine gewisse Verantwortung für ihr Handeln und die daraus resultierenden Handlungskonsequenzen, da angenommen wird, dass diese zumindest teils für die handelnde Person antizipierbar sind. Wenn man von schwer kranken oder behinderten Personen absieht, ist es sicherlich einleuchtend und vertretbar einer Person (zumindest einen gewissen Teil an) Verantwortung für sein Handeln zuzuschreiben. Fraglich ist jedoch, ob der Frage nach Verantwortung bzw. Verantwortbarkeit eine dichotome, absolute Antwort gerecht wird. Ist jemand entweder verantwortlich oder eben nicht verantwortlich? Wird eine differenziertere Betrachtung der Verantwortungszuschreibung (eventuell in Form einer Kontinuumsauffassung) diesem komplexen Konstrukt nicht gerechter? Um diese Fragen zu beantworten ist es hilfreich sich zunächst mit dem Phänomen Wissen auseinanderzusetzen, um daraufhin die Frage der resultierenden Verantwortung zu bearbeiten.

Wissen ist weder universell, noch endgültig oder absolut. Wissen ist partiell, kultur- und situationsabhängig, sowie historisch und sozial bedingt. Was für uns selbstverständlich ist, kann für Personen, die in einem anderen (kulturellen) Umfeld leben beispielsweise völlig fremd sein und die Aneignung des (uns selbstverständlichen) Wissens kann diesen eventuell nur schwer möglich sein. Ebenso wie diese Eigenschaften auf Wissen zutreffen, tun sie es auch auf Nicht-Wissen. Was jemand weiß und was nicht hängt direkt miteinander zusammen.

In unserer heutigen Gesellschaft erfahren wir einen immer rasanteren Zuwachs an Wissen durch Erforschen neuer Phänomene und Fragestellungen, Verbreitung von vorhandenem Wissen und Verknüpfung von bereits Bekanntem. Nicht zuletzt durch die Bereitstellung von Inhalten und vielfältigen Möglichkeiten der Informationssuche über das Medium Internet, wird immer mehr Menschen in einem historisch nie da gewesenen Maß ermöglicht, sich zu informieren und am wachsenden Wissenskollekt teilzuhaben. Jeder Wissenszuwachs (bspw. durch Forschung) bewirkt jedoch gleichzeitig eine Steigerung des Ausmaßes an Nicht-Wissen. Häufig ergeben sich durch Lösen einer Forschungsfrage etliche neue Fragestellungen und Probleme. Das bewusste Nicht-Wissen steigt also mit jedem Schritt des Wissenszuwachs an. Uns wird erst durch erkennen bestimmter (neuer) Zusammenhänge klar, was wir wissen könnten, momentan jedoch noch nicht tun. Aus der rasanten Wissensentwicklung in unserer heutigen Gesellschaft resultiert demnach eine neue Herausforderung, welche sich auf zwei Ebenen widerspiegelt. Erstens müssen wir lernen, auch mit der Anhäufung von Nicht-Wissen umzugehen, d.h. uns bewusst machen, dass Wissensvermehrung bzw. -aneignung kein endlicher Vorgang ist, sondern als immer währender Aspekt angesehen werden muss. Zweitens erhöht Wissensvermehrung in der Gesellschaft (durch Wissenschaftler etc.) die Menge dessen, was (von jeder Person) potentiell gewusst werden kann. Dadurch ergibt sich, dass die angesprochenen Chancen und Freiheiten der Wissensaneignung (jedes Einzelnen) gleichzeitig die Pflicht der Verantwortung stetig erhöhen. Insbesondere dann, wenn wir den Verantwortungsaspekt, wie bereits angedacht, nicht nur auf den Bereich des Wissens, sondern auch auf das Nicht-Wissen anwenden.

Gilt diese Pflicht jedoch für alle Personen im gleichen Maße? Wie beeinflusst die Stellung einer Gruppe oder Person in unserer heutigen Wissenswelt diese Frage? Interessant ist hierbei die Betrachtung von zwei speziellen Rollen: Der des Wissenschaftlers und der des Politikers.

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Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668243354
ISBN (Buch)
9783668243361
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334669
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – University College Freiburg
Note
Schlagworte
Wissen Nichtwissen Erkenntnis Verantwortung Hans Jonas

Autor

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Titel: Die Verantwortung von Wissen und Nichtwissen