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Qualitative vs. quantitative Methoden. Herausforderung oder Chance für Interdisziplinarität?

Ausarbeitung 2016 9 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Die Frage, was eine Forschungsmethode wissenschaftlich macht und ob es lediglich eine „richtige“ Art des wissenschaftlichen Arbeitens im Sinne von rein qualitativer bzw. rein quantitativer Forschung gibt, hat in der Wissenschaftsdiskussion, besonders im Rahmen des Methodenstreits in den Sozialwissenschaften (zur Methodendiskussion in den Sozialwissenschaften vgl. bspw. Opp, 2012), eine zentrale Stellung eingenommen.

Je nach Wissenschaftskultur bzw. -disziplin ist eine unterschiedliche Methodenorientierung vorhanden. Tendenziell (und daher auch mit Ausnahmen) können die beiden Richtungen den wissenschaftlichen Bereichen der Naturwissenschaft (quantitativ) und der Geisteswissenschaft (qualitativ) als Grundorientierung zugeordnet werden. Daher ist die Betrachtung von Methodenunterschieden und sich daraus eventuell ergebenden Schwierigkeiten in Kommunikation, Anerkennung und Zusammenarbeit von Personen aus unterschiedlichen Wissenschaftskulturen besonders im Hinblick auf die Perspektive von Interdisziplinarität interessant. Wenn es möglich wäre, Diskussionen und Differenzen zwischen verschiedenen Disziplinen im Hinblick auf das methodische Vorgehen zu beseitigen oder zumindest die Art des Denkens und Arbeitens von Personen aus anderen Wissenschaftskulturen nachvollziehen und anerkennen zu können, wäre ein großer Schritt getan, um Interdisziplinarität auf eine neue Stufe zu heben. Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen ergeben sich häufig schon auf dieser rein methodisch-strukturellen Ebene. Viele Vorurteile wie bspw. die Unterstellung, Naturwissenschaftler brechen Phänomene rein auf Zahlen herunter und erfassen dadurch nur einen Teil derselben, oder andersherum, Geisteswissenschaftler sollen mit ihren „schwammigeren“ Methoden und ihrem interpretativem Vorgehen keine objektiv-handfesten Ergebnisse erzielen (oder nichtmal „wissenschaftlich“ arbeiten), erschweren jede Annäherung und besonders jede Zusammenarbeit von Forschenden (und sogar bereits Studierenden) verschiedener Disziplinen. Somit stellen diese Unterschiede sicherlich eine Herausforderung für interdisziplinäres Arbeiten dar. Werden diese verhärteten Fronten und die damit verbundene Distanz gelöst bzw. verringert, so bietet dies nicht nur bessere Voraussetzungen für Interdisziplinarität, sondern evtl. sogar eine fruchtbare Interaktion und Kombination verschiedener Denkstile und methodischer Vorgehensweisen, was eine neue Qualität von Interdisziplinarität ermöglichen würde.

Um dies zu klären, ist es zunächst notwendig, beide Richtungen (quantitativ & qualitativ) näher zu betrachten, um sich bzgl. Unterschieden und möglichen Gemeinsamkeiten klar zu werden. Die Charakterisierung und anschließende Gegenüberstellung dient der Veranschaulichung und ist daher eher als idealtypische Kontrastierung zu verstehen.

Quantitatives Vorgehen wird klassischer Weise den Naturwissenschaften zugeschrieben, auch wenn es in anderen Disziplinen ebenfalls (teilweise) vorhanden ist. Bei der quantitativen Datenerfassung werden Beobachtungen durch eine systematische Messoperation erhoben und es wird versucht, ein Phänomen durch Zurückführen auf Gesetzmäßigkeiten zu erklären. Stabile Randbedingungen, welche das Messergebnis nicht verfälschen sind hierbei besonders wichtig. Als klassisches Umfeld von quantitativer Erhebung ist das Labor mit kontrollierten Rahmenbedingungen zu nennen. Wissenschaftstheoretisch lassen sich quantitative Methoden nomothetischen Ansätzen zuordnen, welche sich mit der Erforschung von allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten beschäftigen und Faktoren, die eine Menge von Sachverhalten erklären, in den Mittelpunkt stellen. Diese Grundorientierung quantitativer Forschung, als Suche nach allgemeinen Gesetzen, um dadurch einzelne Phänomene zu erklären, wird als deduktives Vorgehen bezeichnet. Forschungshypothesen werden demnach aus vorhandenen Theorien abgeleitet. Das Datenmaterial, welches erhoben wird, stellen quantifizierte Daten (wie bspw. Messwerte) dar, welche in der Auswertung meist durch statistische Verfahren verarbeitet werden. Beispiele für quantitative Erhebungen sind: Standardisierte Fragebögen, (kontrollierte) Experimente (Feldstudien, Laborexperimente,...), etc. Vergleicht man quantitative Forschung mit qualitativen Ansätzen (welche im Folgenden ebenfalls kurz beleuchtet werden), so werden einige Vorteile von quantitativem Vorgehen deutlich. So können die gewonnenen Ergebnisse aufgrund der objektiveren Erhebung beispielsweise besser verallgemeinert werden und die standardisierte Messung und Kontrolle von Störvariablen ermöglichen die Identifikation von Kausalfaktoren. Hinzu kommt u.a., dass die Analyse der gewonnenen Daten deutlich effektiver durchgeführt werden kann.

Im (überspitzten) Gegensatz zu quantitativem Vorgehen stehen qualitative Ansätze, in denen es darum geht ein Phänomen tiefgründiger zu erfassen, als es quantitative Methoden erlauben. Geisteswissenschaften bilden das klassische Umfeld für diese Art des wissenschaftlichen Arbeitens. Die Erfahrungen einer Person sollen bspw. durch Verbalisierung zugänglich gemacht und anschließend interpretativ ausgewertet werden. Es besteht also ein zentrales Interesse am jeweiligen Einzelfall und dessen Besonderheiten. Idiographische Ansätze, welche einmalige Ereignisse und Sachverhalte, sowie individuelle Perspektiven untersuchen, sind bestimmt von qualitativen Erhebungs- und Verarbeitungsmethoden. Um die Natürlichkeit des Phänomens nicht zu verletzen, wird qualitative Forschung meist im „Feld“ durchgeführt, d.h. die Situation in der ein Phänomen auftritt gilt als Teil desselben und darf daher nicht (standardisierend) verändert werden. Die Analyse von qualitativ erhobenen Daten erfolgt bspw. durch hermeneutische Interpretation oder Kategorien- und Typenbildung. Dem deduktiven Schlussfolgern bei quantitativen Erhebungen steht hier ein induktives Vorgehen gegenüber, da Einzelfälle untersucht werden und versucht wird, anhand dieser allgemeingültigere Aussagen zu formulieren. Anders als bei der klaren Trennung von Forschendem und Untersuchungsobjekt bei quantitativen Methoden, ist gerade diese Interaktion bzw. Kommunikation bei qualitativen Erhebungen teils erwünscht und alles andere als eine „Störvariable“, wie sie bei quantitativen Erhebungen angesehen wird. Beispiele für qualitative Erhebungen sind: Leitfadeninterviews, narrative Interviews, Gruppendiskussion, Teilnehmende Beobachtung, Aufzeichnung von Interaktionen, Sammlung von Dokumenten, Film- und Videoaufzeichnung, etc. Als Hauptvorteil qualitativer Forschung (gegenüber quantitativer) ist der große Informationsgewinn zu nennen, der durch das explorative Arbeiten und die deutlich geringere Informationreduktion der qualitativen Methoden erreicht wird. Ein Phänomen muss nicht auf eine, den quantitativen Methoden entsprechende Form reduziert werden und kann daher ein ganzheitlicheres Bild erzeugen.

Eine tabellarische Gegenüberstellung von quantitativem und qualitativem Ansatz ist in Tabelle 1 in Anlehnung an Saldern (1995) dargestellt.

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Details

Seiten
9
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668243392
ISBN (Buch)
9783668243408
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v334670
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – University College Freiburg
Note
Schlagworte
Methoden Qualitativ Quantitativ Qualitative Methoden Quantitative Methoden Interdisziplinarität Forschungsmethoden Methodenstreit

Autor

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