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Der Zerfall Jugoslawiens 1974- 1992. Ende der kommunistischen Ideologie oder Ergebnis des nationalistischen Aufschwungs?

Analyse am Beispiel Kroatiens

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Jugoslawien - ein System zwischen Zentralismus und Föderalismus
1.1 Ausprägung dieses Widerspruchs
1.2 Die Rolle Titos in Jugoslawien bis 1980

2 Das Beispiel Kroatien
2.1 Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit von Belgrad
2.2 Die Ursachen und Auswirkungen der jugoslawischen Verfassungsänderung von 1974 bis 1987
2.3 Der Tod Titos und Beginn der Finanzkrise

3. Von der serbischen zur jugoslawischen Politikkrise
3.1 Die Aufruhr im Kosovo und das Ende der Tabuisierung der Nationalfrage
3.2 Die Reformwünsche von Milosevic
3.3 Der Ausbruch des jugoslawischen Bürgerkrieges

4 Das Beispiel Kroatien (2)
4.1 Die Reaktion Kroatiens auf den Ausbruch des Krieges, verursacht durch die serbische Repu­blik
4.2 Der Streit um die Jugoslawische Föderale Armee und ihre Position zur Unabhängigkeit Kroa­tiens
4.3 Die Frage der ethnischen Minderheiten im Krieg zwischen Kroatien und Serbien

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das jugoslawische Königreich ändert nach 1945 seine Politik, wendet sich von den nationalisti­schen Tendenzen ab und begeistert sich für den Kommunismus. Durch die marxistische Ideologie ziehen die Südslawen nun die Bruderschaft den ethnischen Unterschieden und die Ideologie den Religionen vor und streben mit Diktator Tito kommunistische Ziele an. Wie kam es 1991 zum pro­gressiven Zerfall Jugoslawiens? Handelte es sich dabei um das Ende der kommunistischen Ideolo­gie oder um das Ergebnis des nationalistischen Aufschwungs? Die bisherige Forschung beschränkt sich entweder auf die Analyse der ethnischen Spannungen, und die daraus resultierenden Unabhän­gigkeitskriege der Republiken Ex-Jugoslawiens oder auf die Nachteile des kommunistischen Sys­tems als zwei mögliche Ursachen des Zerfall Jugoslawiens. Da Kroatien das einzige Land ist das im kommunistischen Regime eine Führungsrolle innehatte, sich durch einen Krieg von Belgrad trennen musste um schließlich vollkommene Unabhängigkeit zu erlangen, soll es Hauptuntersuchungsjob- jet bei der folgenden Analyse sein. Der Zeitraum der Betrachtung erstreckt sich von 1974, Jahr der Verfassungsänderung durch Tito und die Ursache dafür, das man als Wendepunkt in der jugoslawi­schen Geschichte bezeichnen kann, bis 1992, das Jahr in dem Kroatien international anerkannt wur­de. Einige Rückblenden werden jedoch den Kontext näher erläutern und Ursachen für Ereignisse aus einem anderen Winkel zu betrachten. Die genannten Gründe, die zum Zerfall Jugoslawiens bei­getragen haben, werden in derselben Analyse untersucht um herauszufinden ob einer der Gründe ausschlaggebend für den Austritt Kroatiens war. Weitere Gründe, wie Jugoslawiens Finanzkrise, Ti­tos Tod oder das Verhalten der serbischen Republik werden hierbei näher untersucht. Das politische System Jugoslawiens in seiner föderativen Struktur, die nationalistischen Bewegungen und deren Einfluss auf die Gesellschaft sollen ebenfalls aus näherer Sichtweise untersucht werden. Dadurch soll versucht werden mögliche Hauptursachen des Zerfalls des Vielvölkerstaats zu finden.

1 Jugoslawien - ein System zwischen Zentralismus und Föderalismus

Im Vielvölkerstaat Jugoslawien lebten 14 verschiedene Ethnien, unter denen die Serben die Mehr­heit bildeten mit ca. 8,1 von 22,4 Millionen und somit 36,30 Prozent der Einwohner Jugoslawiens. Die Kroaten machten mit 4,4 Millionen 19,75 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.[1]

Das sozialistische und föderative Jugoslawien Titos war von der größten Stadt, die damals Bel­grad war, zentral gesteuert. Ein politisches System, das mit einer föderalen Struktur und einer zen­tral gesteuerten Macht ein Paradoxon darstellte.

1.1 Ausprägung dieses Widerspruchs

Dieses zentral gesteuerte Regime ähnelte sehr dem sowjetischen Modell, das Moskau als politi­sches Zentrum etablierte. Obwohl Jugoslawien de jure ein föderatives Land mit Teilrepubliken war, wurden diese de facto von Belgrad gesteuert; so auch die föderative Armee Jugoslawiens „JNA“, die während der Unabhängigkeitskriege eine Schlüsselrolle spielen sollte. Die Außenpolitik wurde allein von Belgrad aus geleitet, ohne dass die Republiken bei den Entscheidungen direkt mitwirken konnten. Die gesetzgebende, die ausführende und die gerichtliche Gewalt waren dementsprechend auch zentralisiert. So konnten alle rechtlichen Maßnahmen der Republiken rückgängig gemacht werden, wenn sie derjugoslawischen Verfassung nicht entsprachen.

Das Wirtschaftssystem beruhte einzig und allein auf Verstaatlichung der gesamten Wirtschaft und die Kapitalakkumulation wurde von den Republiken an die Bundesregierung weitergegeben. Jugoslawien wand sich seit 1948, nach Abbruch der Beziehungen mit Stalin, der sozialistischen Marktwirtschaft zu.

Marchai Tito war auch klar, dass der Vielvölkerstaat Jugoslawien wegen seiner erheblichen eth­nischen Unterschiede und den Forderungen nach Selbstständigkeit nur in einem föderalen System bestehen konnte. Letztendlich könnte er dadurch erst für Interessenkonflikte gesorgt haben. Man könnte sagen, dass durch das föderale System Konkurrenz zwischen den Republiken entstand, was aber dem Ziel der kommunistischen Partei, ein brüderliches Jugoslawien aufzubauen, zuwider lief.

Es handelte sich um ein Einparteiensystem, in dem die KPJ ihren Sitz in Belgrad hatte; in jeder Republik gab es eine eigene Kommunistische Partei. Die Organisation zwischen den Parteien war pyramidal aufgebaut, so folgten die kleinen Parteien der Hauptpartei und somit ihrem Staatsober­haupt Tito.

1.2 Die Rolle Titos in Jugoslawien bis 1980

Der gebürtige Kroate mit slowenischen Wurzeln trug in gewisser Art und Weise die Idee Jugosla­wiens als Land der Brüderlichkeit, in seiner Geschichte mit sich.

Durch ihren Antinationalismus und Säkularismus war die marxistische Ideologie für Jugoslawi­en, so könnte man sagen, ein Ausweg aus den ethnischen und religiösen Konflikten.

Möglicherweise entschied sich Tito deshalb für eine föderale Bundesregierung, weil er sich im Klaren war, dass trotz der Dominanz der kommunistischen Partei, die nationalistischen Bewegun­gen, Parteien und Guerillas weiterlebten. So wie die Nachfolger der kroatischen Ustascha-Bewe- gung, die für eine komplette Unabhängigkeit Kroatiens standen und in den Augen Jugoslawiens als faschistisch galten. Jugoslawien musste sie unschädlich machen, wenn sie das brüderliche Jugosla­wien beibehalten wollten. Ein Vorhaben, das Tito zwar souverän durchsetzte, Jugoslawien aber noch einige Schwierigkeiten bereiten sollte.

Anfang der 70er Jahre zum Beispiel, beschwerte sich die Vorsitzende der kroatischen KP, Savka Dabčevic-Kučar, beim 10. ZK-Plenum über eine angebliche wirtschaftliche Ausbeutung Kroatiens durch die Regierung Belgrads und verlangte deshalb mehr wirtschaftliche Selbstständigkeit. Tito reagierte prompt auf diesen zu großen Wunsch nach Selbstständigkeit und sorgte für einen kurzfris­tigen Rücktritt von Kucar im Jahr 1971.[2]

Seine realistische Sicht der Situation und sein daraus resultierendes Zugeständnis des föderalen Regierungssystem, wollte er vielleicht durch den Zentralismus kompensieren, um möglichen sezes- sionistischen Forderungen Einhalt zu gebieten.

Seine Entscheidung, Jugoslawien für die sozialistische Marktwirtschaft zu begeistern, trug meh­rere Konsequenzen mit sich; Jugoslawien profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung des Westens und gleichzeitig vom Tourismus. Andererseits profitierte hiervon zuallererst die reicheren Republi­ken Slowenien und Kroatien, die den anderen Republiken wirtschaftlich durch ihre Infrastrukturen weit überlegen waren, was nicht dem kommunistischen Sinn entsprach.

Die größte Konsequenz war womöglich die Finanzkrise von 1982, die ihre ersten erheblichen Auswirkungen nach Titos Tod offenbarte.

Tito hat in gewisser Hinsicht dem nationalistischen Druck standgehalten, ohne ihn zu ersticken, er hat durch den Kommunismus eine Brüderlichkeit der Südslawen erreicht und durch die sozialisti­sche Marktwirtschaft den Wohlstand Jugoslawiens verbessert.

Der Druck der Autonomiebewegungen wurde jedoch zum Ende seiner Amtszeit immer größer und könnte Tito deshalb zur Verfassungsänderung von 1974 gedrängt haben. Vor allem kamen diese Forderungen von den Wohlhabenden Republiken Slowenien und Kroatien.

2 Das Beispiel Kroatien

2.1 Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit von Belgrad.

Kroatien war in seiner politischen Geschichte völlige Unabhängigkeit gewohnt und wollte daher nur bedingt den Direktiven Belgrads folgen.

Die Gründe für die mehrheitliche Unzufriedenheit in Kroatien lagen womöglich in den Wirt­schaftsbeziehungen mit Belgrad, ein Beispiel ist die enorme Senkung des realen Wertes der kroati- sehen Währung nach 1945, um sie mit dem serbischen Dinar gleichzustellen und daraus den jugo­slawischen Dinar zu gründen.[3] Kroatiens wirtschaftliche Vorstellungen mussten sich dem der Bun­desregierung unterordnen und somit den unterentwickelteren Republiken Serbien, Mazedonien oder dem Sorgenkind Kosovo helfen. Das traf den wirtschaftlichen Wohlstand Kroatiens erheblich: Ein Beispiel dafür ist die Investition für die Autobahn „Autoput“ die Ljubljana mit Zagreb, Belgrad, Nis und Skopje verbinden sollte. Die Infrastruktur Jugoslawiens verbesserte sich dadurch zwar, das Pro­jekt hieltjedoch Kroatien davon ab, Zagreb mit der Hafenstadt Rijeka zu verbinden, um dadurch die Wirtschaft anzukurbeln.[4] Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung und deren kommunisti­schen Zielen, spürte man ebenfalls durch die Auswanderung der qualifizierten Arbeitskräfte, die in den späten 60er Jahren 20 Prozent betrug.[5]

Kroatien war für Jugoslawien von größtem Nutzen, denn es war nach Slowenien die produktivste Republik und somit eine finanzielle Stütze für die Bundesregierung. Sein Bruttoinlandsprodukt pro Kopfin US Dollar betrug 3.230, dasjugoslawische BIP pro Kopf betrug hingegen nur 2.480 im Jahr 1988[6] Zum Vergleich, der Anteil der größten Republik Serbien am BIP betrug 2.238 Kroatien be­zahlte die föderativen Steuern mit 6 Prozent seines Nationalprodukts[7], die für Jugoslawien eine er­hebliche Finanzquelle darstellten.[8]

Vielleicht schenkte man den nationalistischen Bewegungen deshalb mehr Aufmerksamkeit, weil man sich von Belgrad ausgebeutet fühlte, wie es bei Savka Dabčevic-Kučar der Fall war. Dies könnte ein weiterer Nachteil des zentral gesteuerten föderativen Jugoslawien gewesen sein, denn ei­nerseits hatte Kroatien in seiner wirtschaftlichen und politischen Verwaltung einen gewissen Frei­raum, musste jedoch dafür einen anscheinend zu hohen Preis zahlen.

[...]


[1] Vgl. Grothusen, Karl-Detlev (Hrsg.): Südosteuropa-Handbuch, Band 1 Jugoslawien, Göttingen 1975, S. 331.

[2] Vgl. Libal, Wolfgang: Das Ende Jugoslawiens. Chronik einer Selbstzerstörung, Wien 1991, S. 83.

[3] Vgl. Bilandžič, Dušan / Covic, Boze: Kroatien zwischen Krieg und Selbstständigkeit, Econis, Zagreb 1991, S. 38.

[4] Vgl. Bilandžič, Dušan / Covic, Boze: Kroatien zwischen Krieg und Selbstständigkeit, Zagreb 1991, S. 38.

[5] Vgl. Bilandžič, Dušan / Covic, Boze: Kroatien zwischen Krieg und Selbstständigkeit, Zagreb 1991, S. 39.

[6] Vgl. Pflüger, Tobias / Jung, Martin: Krieg in Jugoslawien, 2. Aufl., 1994, S. 26.

[7] man kann eigentlich schlecht von einem National Produkt reden, da Kroatien nur ein Teil Jugoslawiens war, jedoch trifft es in diesem Fall zu, denn Kroatien war eine Teilrepublik mit wirtschaftlicher Autonomie.

[8] Vgl. Bilandžič, Dušan / Covic, Boze: Kroatien zwischen Krieg und Selbstständigkeit, Zagreb 1991, S. 40f..

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668248922
ISBN (Buch)
9783668248939
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335072
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für wissenschaftliche Politik
Note
1,0
Schlagworte
Jugoslawien Zerfall kommunistische Ideologie nationalistischer Ausschwung failed state

Autor

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Titel: Der Zerfall Jugoslawiens 1974- 1992. Ende der kommunistischen Ideologie oder Ergebnis des nationalistischen Aufschwungs?