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Analyse und Reihenplanung zum Grimmschen "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" und Tim Burtons Film "Big Fish"

Hausarbeit 2016 26 Seiten

Germanistik - Didaktik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
2.1 Das Genre
2.2 Das Märchen
2.2.1 Zusammenfassung
2.2.2 Analyse

3 Der Film
3.1 Zusammenfassung
3.2 Analyse

4 Zentrale Aspekte für den DU
4.1 Reihe
4.2 Grobplanung der Reihe

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird eine Reihe für den Deutschunterricht entworfen, in deren Fokus das Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen [1] der Gebrüder Grimm und Tim Burtons Big Fish stehen. Diese beiden Werke sollen zunächst jeweils autark einer inhaltlichen wie auch stilistischen Analyse unterzogen werden; da bei KHM 4 die Gattungszugehörigkeit weniger eindeutig ist, als bei vielen anderen der Kinder- und Hausmärchen, soll eingangs eine kurze Übersicht zu diesem Thema gegeben werden. Bevor die dezidierte Interpretation des Märchens erfolgt, wird der Übersicht halber eine kurze Zusammenfassung des Textes gegeben; anschließend erfolgt dasselbe Prozedere für den Film, wobei hier der Schwerpunkt der Analyse auf den Erzählungen der Protagonisten liegen wird; der Konflikt von Vater und Sohn soll nur kurze Erwähnung finden, Weiteres ausgespart werden. Eine Zusammenführung der wichtigsten Aspekte erfahren die beiden Werke in der Reihenplanung, wo spezifische Inhalte noch einmal aufgegriffen und der Mehrwert für den Deutschunterricht erläutert wird. Abschließend erfolgt eine Übersicht zur Grobstruktur einer intendierten Reihe, innerhalb derer auf den Rahmenlehrplan Bezug genommen, spezifische Aufgaben formuliert und intendierte Kompetenzzuwächse festgelegt werden.

2 Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

2.1 Das Genre

Dass es sich bei KHM 4 um ein Märchen handelt, wird ausdrücklich im Titel erwähnt, Rölleke merkt hierzu jedoch an[2], dass allein dieser Umstand einer Reflektion bedarf: Eigentlich seien ‚Furcht‘ und ‚Märchen‘ sich bipolar gegenüberstehende Begriffe[3] und tatsächlich sei das in der ersten Auflage ursprünglich an dieser Stelle stehende Märchen Gut Kegel- und Kartenspiel aus Gattungssicht ein weitaus passenderes gewesen, da es gerade im Grimmschen Sinne diverse Kriterien besser erfüllt habe[4]. Weil die Überlieferung des ursprünglichen Stoffes nicht eindeutig zuzuordnen gewesen sei[5] und es diverse historischen und regionale Varianten gegeben habe[6], habe sich Wilhelm Grimm entschlossen, eben jene zu sammeln und diese zu redigieren[7] ; auf diese Weise seien die diversen Merkmale aus vorliegenden Sagen und Schwänken eingeflossen und die Gattung des ‚Schwankmärchens‘ sei entstanden, das sich im eigentlichen Sinne vom typischen Märchen in einiger Hinsicht unterscheide[8]: So sei es untypisch, sich im Märchen fürchten zu wollen oder es gar zu erlernen, darüber hinaus fehlten die klassische Anfangs- und Schlussformel und auch das unvermittelte Ende erinnere sehr viel mehr an einen Schwank[9]. Da KHM 4 seit der zweiten Auflage Bestandteil der Kinder- und Hausmärchen ist und von Wilhelm Grimm explizit als ein solches benannt wurde, soll es im Folgenden weiterhin als ein ‚normales‘ Märchen behandelt werden.

2.2 Das Märchen

2.2.1 Zusammenfassung

KHM 4 erzählt von einem Vater und dessen zwei Söhnen: Während der ältere der beiden „klug und gescheit“[10], fleißig und seinem Vater stets eine tüchtige Hilfe ist, wird der jüngere allseitig als das genaue Gegenteil vorgestellt; dass er nicht über die Fähigkeit verfügt, Furcht zu empfinden, steigert sein Ansehen in keiner Weise. Um sein erklärtes Ziel, das Gruseln zu lernen, zu erreichen, gelangt der Furchtlose zu seiner ersten Anstellung, bei der er seinen Arbeitgeber jedoch verletzt und in die Welt hinausziehen muss. Auf seiner Reise werden mehrere Menschen auf das Schicksal des Furchtlosen aufmerksam; jedoch vermögen es weder eine Nacht mit sieben Erhängten noch drei weitere in einem verfluchten Schloss, sein Problem zu lösen. Stattdessen gewinnt er im Verlauf seiner nächtlichen Abenteuer eine Schatzkiste mit Gold, befreit das Schloss von seinem Fluch und erhält vom König dessen Tochter zur Gattin. Diese ist es schließlich, die dem Furchtlosen durch einen vergleichsweise harmlosen Streich das Gruseln lehrt.

2.2.2 Analyse

Recht unvermittelt und ohne die gewohnte Märchenformel wird von einem Vater und seinen Söhnen erzählt und es wird zunächst eher der Eindruck einer lehrhaften Anekdote vermittelt. Dass jegliche Figuren einerseits ohne Namen bleiben[11] und weiterhin über keinen besonders vielschichtigen Charakter verfügen, unterstreicht hingegen die reine Funktionalität der Figuren und wiederum die Formelhaftigkeit des Märchens[12]. Der Erzähler unterstreicht die vorgefasste Meinung zum Furchtlosen, indem er nahezu jeden aus seinem Umfeld zu Wort kommen lässt: Zunächst bekräftigen „Leute“[13] -also potentiell das ganze Dorf- den Eindruck, niemand wolle einen solchen Jungen zum Sohne haben und attestieren, der bemitleidenswerte Vater werde noch eine schwere Last an seinem Kind haben[14] ; die Art der Wiedergabe der Schilderung legt nahe, dass sich dieser Gedanken unweigerlich beim bloßen Ansehen des Jungen einstellt[15]. Schließlich macht auch der Vater keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen seinen Sohn: Mit „hör du, in der Ecke dort[…]“[16] beginnt er seine wenig liebevolle Ansprache; diese Motivationsrede, der Sohn solle sich einer Lehre widmen, lässt er mit der Anmerkung ausklingen, dass sein Jüngerer es ohnehin zu nichts bringen werde - im Gegensatz zum älteren Sohn. Dieser ist es schließlich, der seinen Bruder verspottet und noch einmal den Gegensatz zwischen einem vermeintlich guten und schlechten Sohn betont. Auf diese Weise bleibt auch beim Rezipienten keinerlei Zweifel daran, dass der Furchtlose offensichtlich keinen gesellschaftlichen Mehrwert mitbringt; gleichzeitig baut der Text Spannung auf: Von allen Beteiligten, schließlich auch von Erzähler[17] und Leser, ist der Furchtlose und seine Situation als völlig hoffnungslos stigmatisiert; Fort- und Ausgang des Märchens sind dadurch umso eindrucksvoller.

Die einzige und objektiv nachvollziehbare Schwäche, die der ‚gelungene‘ der beiden Söhne mitbringt, ist die Furcht vor „schaurigen Orten“[18] nach Einbruch der Dunkelheit – jenes erscheint für seinen Bruder als „Kunst“[19], wodurch er weiterhin zu einem tumben und wenig ernstzunehmenden Charakter stilisiert wird[20]. Dass er dieses menschliche Grundgefühl tatsächlich erlernen möchte, bedeutet den ersten leichten Bruch seiner Figur: Seine Ernsthaftigkeit bei diesem Wunsch lässt zwar weiterhin an seinem Gemüt zweifeln, Aufrichtigkeit und Arbeitswille hingegen sprechen für seinen Charakter. Der Vater ist erwartungsgemäß wenig angetan vom Wunsch seines Sohnes, besorgt ihm jedoch eine Anstellung beim Küster. Dessen Versuch, den Jungen nachts als Gespenst verkleidet zu erschrecken, begegnet dieser mit einer rationalen Reaktion: Als er auch nach dreimaligem Nachfragen keine Äußerung des vermeintlichen Eindringlings erhält, ist der Furchtlose verärgert und stößt ihn vom Kirchturm[21]. Statt dieses Vorgehen als (mentale) Stärke anzuerkennen, gibt sich der Vater für den Leser selbst als Dummkopf zu erkennen, da er offenkundig an die Existenz von Geistern glaubt[22] und dem plumpen Versuch des Küsters Güte bescheinigt; stattdessen steigt die Scham ob seines Sohnes und so nimmt er den vorsichtigen Vorstoß seines Sprosses, es sei vielleicht besser, die erwählte Kunst außerhalb seiner Heimat zu erlernen, nicht nur an, sondern verweist ihn sogleich seiner Familie. Auch hier agiert der Junge bei wohlwollender Betrachtung menschlicher und vorausschauender als sein Erzeuger: Während der Vater ihn besticht, Familie und Dorf zu verlassen (und damit sicherstellen will, dass er auch nicht so bald wiederkommt), lässt sein Sohn einerseits die Fähigkeit zur Empathie durchblicken (er möchte seinem Vater nicht noch mehr Schande bringen); andererseits erkennt er, dass er in seinem gewohnten Umfeld keine Erkenntnis erlangen wird.

Mit der wiederkehrenden Formel „wenn mirs nur gruselte“[23] zieht der Junge die Aufmerksamkeit eines Passanten auf sich und erhält von diesem sogleich die Gelegenheit, das Fürchten zu lernen: Im nächsten Dorf soll er bei sieben Gehängten am Galgen nächtigen; um Wind und Kälte zu überstehen, macht er sich ein Feuer. Statt sich von der bedrohlichen Kulisse der schaukelnden Toten einschüchtern zu lassen, hat der Furchtlose Mitleid mit diesen, holt sie zu sich und beschwert sich erst über die Toten, als diese durch ihre Unachtsamkeit Feuer fangen; aus diesem Grund hängt er die sieben Leichen verärgert wieder zurück und schläft ein. Spätestens diese Episode legt nahe, dass der Junge mit dem Tod nicht viel Erfahrung zu haben scheint, in jedem Fall aber naiv mit diesem umgeht[24]: Während das Gespenst noch als menschliches Wesen identifiziert werden kann, lässt sein Umgang mit den Gehängten vermuten, dass er diese für lebendig hält oder zumindest vermutet, sie erwecken zu können. Nicht nur sein Wunsch, das Fürchten zu lernen, sondern das ganze bisherige Verhalten des Furchtlosen erweckt den Eindruck, dass es sich bei dem Protagonisten um ein Kind handelt, dessen Weltbild noch ein naives ist und das seine Welt teilweise spielerisch erkundet; andererseits ist er kräftig genug, sieben Leichen zu transportieren und (wie sich im weiteren Verlauf herausstellt) offensichtlich schon im heiratsfähigen Alter[25]. Indem er Mitleid mit den (gehängten) Menschen hat, zeigt er eine Form des Altruismus und handelt dennoch menschlicher als sein Vater es zuvor bei ihm tat[26].

Nachdem auch die Nacht bei den sieben Gehängten nicht das erhoffte Ergebnis gebracht hat, zieht der Junge weiter, noch immer mit dem Wunsch auf den Lippen, das Fürchten zu lernen. Ein weiteres Mal findet sein Verlangen Gehör und schließlich erlaubt der König eines verwunschenen Schlosses, dass er sein Glück in diesem versuchen solle. Darüber hinaus gewährt er dem Jungen, „[…]weil er ihm gefiel[…]“[27], drei Gegenstände mitzunehmen. Da seine Wahl u.a. auf eine Dreh- und eine Schnitzbank fällt, liegt die Vermutung nahe, dass der Furchtlose durchaus handwerkliches Geschick oder zumindest Interesse hat und ihm von seiner Umwelt in der Vergangenheit eher Unrecht getan wurde.

Wenig zuversichtlich, dass er durch diese dritte Herausforderung sein Ziel erreicht, findet sich der Protagonist erneut nachts am Feuer wieder und erhält Gesellschaft durch zwei furchterregende Katzen. Wieder ist er von diesen nicht eingeschüchtert, sondern bietet einen Platz an seiner Seite an. Als er später eine List durch die Katzen vermutet, tötet er sie kurzerhand; selbiges tut er unerschrocken mit den anschließend erscheinenden Bestien. Wieder überdenkt er das Geschehene nicht, sondern möchte sich im (plötzlich erschienen?) Bett zur Ruhe legen. Die Szenerie unterscheidet sich für den Furchtlosen bislang also kaum vom vorangegangenen Abenteuer und der Junge wirkt eher gelangweilt. Grausige Erwartungen, die beim Leser über das weitere Geschehen am Feuer geweckt werden, beseitigt der Furchtlose sofort und ohne jede Emotion; dass jene für den Leser nun eindeutig übernatürlicher Natur sind, wird vom Furchtlosen nicht reflektiert, sondern die Sterblichkeit der übernatürlichen Bestien als Selbstverständnis wahrgenommen. Dass das Bett, in das er sich legt, ebenfalls kein gewöhnliches ist, sondern eines, das mit ihm durch das gesamte Schloss rast, löst beim Protagonisten Belustigung und Beifall aus. Er verlässt die Situation kontrolliert, als er genug von der Fahrt hat und schläft -sehr zur Erleichterung des Königs, der seinen Tod befürchtet- ruhig vor seinem Feuer ein.

Auch die zweite Nacht beginnt nach dem gewohnten Schema[28]: Nach der Äußerung des Wunsches, das Gruseln zu lernen, stellt sich pünktlich um Mitternacht etwas eigentlich Schauriges ein. Dieses Mal beginnt die Nacht nach etwas Getöse mit der Hälfte eines Menschen, die aus dem Kamin fällt. Auch dieses Mal reagiert der Held gewohnt lässig, verlangt nach der zweiten Hälfte und bietet den Körperteilen wiederum einen Platz am Feuer an. Der mittlerweile zusammengesetzte Mann ignoriert das Angebot des Jungen, sodass dieser jenem resolut seinen Platz weist. Dass in der Zwischenzeit neun weitere Männer in Einzelteilen herunterfallen, findet durch den Furchtlosen erst Beachtung, als er mit ihnen kegeln möchte. Dass ihn dies keine Angst, sondern Spaß bereitet, bekräftigt er wiederum am nächsten Morgen dem König gegenüber und auch als in der dritten Nacht eine Leiche hereingetragen wird, die er als seinen kürzlich verstorbenen Vetter identifiziert, freut er sich über die neuerliche Gesellschaft. Wieder bemüht er sich, dem Toten durch das Wärmen Leben einzuhauchen und dieses Mal gelingt ihm dies, indem er sich zum Leichnam in den Sarg legt[29]. Auch dies bewertet er nicht als Wunder, sondern macht seine Tat sogleich ohne jede Emotion rückgängig, da der nicht-mehr-Tote ihn umbringen will. Schließlich erscheint ein Riese, der den Jungen ebenfalls mit dem Tode bedroht: Durch eine List kann er den eigentlich überlegenen Gegner besiegen und erhält darüber hinaus noch eine der Schatzkisten, die im Schloss deponiert sind. Als Belohnung für seine Furchtlosigkeit darf er nicht nur den Schatz behalten, sondern auch die Prinzessin ehelichen[30]. Mit dieser ist er soweit zufrieden, ein ernstzunehmendes Gefühl wie Liebe scheint sich jedoch nicht einzustellen[31]. Erst als seine Gemahlin dies leid ist und ihn durch eisiges Wasser mit zappeligen Fischen aus seinem sonst so gesunden Schlaf holt, erschrickt er derart, dass er im letzten Satz erleichtert feststellt, nun endlich das Gruseln erlebt zu haben[32].

Der vermeintlich größte Beleg für seine Dummheit stellt sich als seine größte Stärke und damit als Garant für Erfolg des Furchtlosen heraus. Die Stigmatisierung durch seine Umwelt als Dummkopf lässt den Furchtlosen seine Andersartigkeit nicht als Chance erkennen, sondern als Laster, mit dem er bestraft wurde. Bemerkenswert ist seine Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber, was auf mangelnde Erfahrung mit diesem und einer tatsächlichen Schlichtheit seines Gemüts hinweist. Er handelt auf seiner Reise daher häufig irrational, aber den Situationen angemessen, was spätestens im Schloss deutlich wird und ihm seine finanzielle wie gesellschaftliche Zukunft sichert. Erst der König erkennt in ihm etwas Besonderes und das Ungewöhnliche des Jungen als Stärke an. Damit handelt er menschlicher als dessen Vater: Dass das familiäre Umfeld nur zu Beginn des Märchens Erwähnung findet, scheint einerseits zu bedeuten, dass der Furchtlose mit seiner Familie gebrochen haben könnte, andererseits erfüllt der Vater lediglich die Funktion des Katalysators, ohne dessen irrationales Handeln die Erkenntnis des Jungen nicht stattgefunden hätte. Dieser agiert bei diversen Gelegenheiten gleichgültig, naiv oder gefühlskalt, womöglich auch, weil er nicht in der Lage ist, potenzielle Gefahren als solche zu erkennen; andererseits zeichnet er sich durch Tugenden aus, die sein Umfeld als solche nicht wahrnimmt und ihn daher als Aussätzigen stigmatisiert hat.

Die unvorhersehbaren Reaktionen des Protagonisten entspannen für den Leser einerseits die geschilderten Situationen, indem sie für eine gewisse Komik sorgen, gleichzeitig verschärfen sie diese, da auch in rationalen Situationen übernatürliche Dinge erwartet werden, weil sie vermeintlich forciert werden. Die Erwartung, dass Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen, wird durch die Stilistik des Märchens wie auch dessen Protagonisten hervorgerufen, tatsächlich aber in den meisten der Situationen aufgehoben[33] ; der Protagonist reflektiert dies hingegen zu keinem Zeitpunkt. Dies ist auch der Grund für seinen gesellschaftlichen und privaten Erfolg, allerdings ist seine Reise beendet, obwohl er faktisch gescheitert ist und die gewünschte Reifprüfung nicht bestanden hat: Das tatsächliche Glück für ihn ist schließlich die Moral und diese erlangt er erst nach bzw. durch seine gesellschaftlichen Sesshaftigkeit in Sicherheit und einer Umgebung allgemeiner Wertschätzung.

3 Der Film

3.1 Zusammenfassung

Will hat früh das Gefühl, nur „eine Fußnote“ in den Geschichten seines Vaters zu sein, der zu diversen Anlässen sein Leben in phantastischen Anekdoten erzählt. Diese beginnen stets damit, dass Edward erkennt, ein ‚zu großer Fisch‘ in seiner kleinen Heimatstadt Ashton zu sein. Daher verlässt er diese mit seinem buchstäblich zu großen Freund Karl und landet zunächst in der paradiesähnlichen Stadt Spectre, die er zur Überraschung aller dort Lebenden schon bald wieder verlässt, um seine Reise fortzusetzen. Schließlich finden er und Karl Anstellung in einem Zirkus, dem der vermeintliche Riese sein Leben lang treu bleiben wird. Edward hingegen begegnet dort seiner großen Liebe Sandra, heiratet diese einige Zeit später und wird schließlich für den Koreakrieg eingezogen. Nach seiner Rückkehr arbeitet er als Handelsvertreter, kauf seiner Familie ein Haus und ist dafür mitverantwortlich, dass das verfallene Spectre wieder aufgebaut wird.

Sein Sohn Will lebt und arbeitet in Paris und kehrt in das Haus seiner Kindheit zurück, da er erfährt, dass sein Vater im Sterben liegt. Nach dreijährigem Schweigen ist er weiterhin bemüht, den pragmatischen Inhalt hinter den Geschichten seines Vaters herauszufinden; der beharrt jedoch auf diesen und sie geraten erneut in Streit. Schließlich begibt Will sich kurzerhand auf die Suche nach dem Kern der Anekdoten seines Vaters, der unterdessen nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht wurde. An seinem Sterbebett beginnt Will, das Ableben seines Vaters in dessen Stil zu erzählen und begleitet so seinen Tod. Auf der Beisetzung sieht er dann zum ersten Mal die Personen aus den Geschichten seines Vaters; schließlich erzählt Edwards Enkel die Anekdoten seines Großvaters weiter.

3.2 Analyse

Mit dem mystischen Bild[34] und der offenbar bekanntesten Geschichte Edward Blooms beginnt auch der Film: Ein ungewöhnlich großer Fisch bewegt sich im trüben Gewässer und widersteht sämtlichen sich bietenden Ködern, bis Edward ihn nach vielen Jahren mithilfe seines Eherings fängt – um ihn anschließend im Austausch gegen das Schmuckstück wieder freizulassen. Diese Geschichte begleitet Will durch sämtliche Etappen seines eignen Lebens und bei jedem Mal hat er mehr das Gefühl, der Vater nutze seinen Sohn nur jeweils als Anlass, um seine Lügengeschichten zu verbreiten. Dabei wird in einem der zahlreichen Flashbacks bereits die Geburt des Edward Bloom sagenhaft beschrieben und diese „gab seinem unglaublichen Leben das Tempo vor“ – filmisch folgt auf diese (auch musikalisch) atmosphärische Anekdote die nüchterne Welt seines kritisch pragmatischen Sohnes in Paris (die Musik verstummt abrupt), der als Journalist auch beruflich stets auf der Suche nach der einen Wahrheit ist. Nach den zuvor gezeigten Unstimmigkeiten von Vater und Sohn wird nun auch filmisch begründet[35], wie unvereinbar die beiden Charaktere sind[36] ; gleichzeitig wird mit der Benachrichtigung über den bevorstehenden Tod der Anlass der Wiedervereinigung deutlich gemacht.

[...]


[1] Zugunsten der besseren Lesbarkeit soll im Folgenden mehrheitlich von KHM 4 die Rede sein. Textgrundlage ist Grimm, J. Grimm, W. Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. In: Rölleke, H. (Hrsg.) Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Vollständige Ausgabe auf der Grundlage der dritten Auflage (1837). Frankfurt am Main 1985. S.35-44.

[2] Vgl. Rölleke, H. Die Märchen der Brüder Grimm. Quellen und Studien. Gesammelte Aufsätze. Trier 2000. S. 136-148.

[3] Vgl. Rölleke (2000), S. 148.

[4] Vgl. Rölleke (2000), S. 141.

[5] Vgl. Rölleke (2000), S. 136.

[6] Vgl. Rölleke, H: Fürchten lernen. In: Brednich, R (Hrsg.). Enzyklopädie des Märchens.Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Bd 5, Sp. 584. Berlin 2009. (nachfolgend mit EM zitiert).

[7] Vgl. Rölleke (2000), S. 144.

[8] Vgl. Rölleke (2000), S. 141.

[9] Vgl. Rölleke (2000), S. 141 f.

[10] S. KHM 4, S. 35. Nach Lüthi sei diese Kombination das Gegensatzpaar, das im Märchen am häufigsten aufeinandertrifft, wohl auch, da sich moralisches und gutes Verhalten am Dummling besonders gut darstellen lasse. (vgl. Solms, W. Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt 1999. S. 57).

[11] Zumindest nicht untypisch wäre es für das Märchen gewesen, hätte der Protagonist den Name Hans bekommen, da dies der klassische Name für den am Ende glücklichen Dummling ist (vgl. Solms, S. 58); in einer Überlieferung des Stoffes wurde er auch so benannt (vgl. EM, Bd. 5, Sp. 584).

[12] Vgl. Rölleke (2000), S. 141.

[13] S. KHM 4, S. 35.

[14] Vom Spott seiner Umwelt abgesehen beträgt diese ‚Belastung‘ schließlich nur 50 Taler, da er präventiv seinen Sohn vor die Tür setzt.

[15] „[…] und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie […]“ (s. KHM 4, S. 35).

[16] S. KHM 4, S. 35.

[17] Der Erzähler ist ein auktorialer und scheint die Moral von der Geschicht‘ bereits zu kennen. Evtl. kann er aus der Aufzählung also entfernt und ihm unterstellt werden, dass er seiner Leserschaft auf diese Weise eine Lektion lehren möchte.

[18] S. KHM 4, S. 35.

[19] S. KHM 4, S. 35.

[20] Rölleke merkt an, dass die Eigenschaft der vollständigen Furchtlosigkeit traditionell für junge, unerfahrene und eher einfältige Menschen verwendet wird. (vgl. Rölleke (2000), S. 143ff.)

[21] Auch hier stilisiert die Schilderung der Geschehnisse den Furchtlosen als unnormal: Obwohl er den Geist als einen solchen nicht anerkennt, legt er sich nach dem Fensterwurf ins Bett, als sei nichts gewesen, während die unbeteiligte Frau des Küsters beunruhigt ist und schließlich Angst um ihren Mann hat.

[22] Vgl. Solms, S. 77.

[23] S. KHM 4, S. 37. Der Ausspruch wird jedes weitere Abenteuer einleiten.

[24] Da eine Mutter im Märchen keine Erwähnung findet, kann spekuliert werden, ob diese nicht mehr lebt und inwieweit der Junge mit ihrem potenziellen Tod konfrontiert wurde.

[25] In einer ursprünglichen Fassung des Stoffs wird der Furchtlose explizit als 18-Jähriger vorgestellt. (vgl. Rölleke (2000), S. 137); Spring schließt sich eher dem Eindruck an, dass es sich beim Protagonisten noch um ein Kind handelt. (vgl. Spring , W. Die Symbolik des Handelns im Märchen. Tun und Nicht-Tun im deutschen Märchen. Bern 2001. S. 130).

[26] Vgl. Scherf, W. Lexikon der Zaubermärchen. Stuttgart 1982. S. 268.

[27] S. KHM 4, S. 38.

[28] Das Schema wird vom Erzähler mit den Worten „[…] ging er wieder hinauf ins alte Schloß, […] und fing sein altes Lied wieder an […]“ (s. KHM 4, S. 41) auch direkt als ein solches gekennzeichnet.

[29] Dass er auch über ausreichende Anatomiekenntnisse verfügt, mit denen er das Wunder vollbringt, zeigt zumindest einen ‚Lernfortschritt‘, da das Aufwärmen von Leichen an einem Feuer zuvor nicht funktioniert hatte; die Komik der Situation spitzt sich durch sein Tun zu.

[30] Vertrauen, Gehorsam und Dienstfertigkeit werden im Märchen von einer höheren Instanz grundsätzlich belohnt (vgl. Solms, S. 59). Obwohl er seine eigentliche Prüfung noch nicht gemeistert hat, wird der Furchtlose auf eine Weise entlohnt, die sein Vater (und womöglich auch er selbst) für unmöglich gehalten haben.

[31] Auf die Hochzeit reagiert er mit den Worten „Das ist all recht gut […] aber ich weiß immer noch nicht was gruseln ist.“ Diese weitere Unfähigkeit des Furchtlosen ist für Rölleke ein weiterer Beleg für sein unreifes Gemüt. (vgl. Rölleke (2000), S. 146).

[32] Diverse psychoanalytische Quellen erkennen hier nach Rölleke die erste Liebesnacht des Helden, die seinen Reifungsprozess abschließt und damit zum Erkenntnisgewinn führt. (vgl. Rölleke (2000), S. 146); für Spring büßt der Protagonist mit dem schließlichen Erleben von Furcht „seine kindliche Vollkommenheit ein“ (s. Spring, S. 131).

[33] Phantastische Elemente tauchen erst im verwunschenen Schloss auf, werden vom Protagonisten aber auch dort als selbstverständlich hingenommen.

[34] Nach Heger entsprechen derlei märchenhafte oder wenigstens mythische Eröffnungsszenen der typischen Eröffnung von Burton-Filmen. (vgl. Heger, C. Mondbeglänzte Zaubernächte. Das filmische Universum von Tim Burton. Marburg 2010. S. 9f.).

[35] Der Beginn des Filmes zeigt sie deutlich als Antagonisten, die sich (auch räumlich) immer weiter voneinander entfernen: Sind Vater und Sohn zu Beginn noch gemeinsam in einer Halbtotalen, erhalten sie später einzelne Nahaufnahmen, zum Teil in unterschiedlichen Räumen; im finalen Streit werden sie bildlich wieder vereint, jedoch stehen sie sich klar gegenüber, erhalten bei ihrer Argumentation hauptsächlich eigene Großaufnahmen und gehen in der abschließenden Totalen in unterschiedliche Richtungen ab. Schließlich hat Will sogar den Kontinent verlassen und findet sich in der nächsten Szene in Paris wieder.

[36] Will selbst beschriebt das Verhältnis mit den Worten: „Wir waren zwei Fremde, die einander sehr gut kannten“. Dass Vater und Sohn viele gemeinsame Erinnerungen haben, wird trotz des Streits früh im Film deutlich, immerhin ist sein Sohn die Pointe in der eingangs zitierten Geschichte Edwards, andererseits beginnen Wills Erinnerungen an die Erzählungen seines Vaters mehrfach damit, dass dieser sie ihm an seinem Bett erzählt.

Details

Seiten
26
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668249387
ISBN (Buch)
9783668249394
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335113
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
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Titel: Analyse und Reihenplanung zum Grimmschen "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" und Tim Burtons Film "Big Fish"