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Von der Feder zur Mimikry. Mimikry als Maske

Hausarbeit 2016 43 Seiten

Design (Industrie, Grafik, Mode)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Von der Feder zur Mimikry - Einleitung
1.1 Mimikry als Maske? - Eine Einführung

2. Grün in Grün - Eine Bildbeschreibung
2.1 Die Magie des Federschmucks
2.2 Von Totemtieren, Pharaonen und Karnevalisten - Die Maske
2.3 Pfau-Symbolik und Mythologie des Vogels
2.4 Bemalung und Federn - Die zweite Haut
2.5 Chlorophyll bis „Baumgefühl“ - Die Farbe Grün
2.6 Majestätische Wildheit - Deutungsergebnis

3. Das Verzauberungs-Phänomen und der Mensch als Mimet - Interpretation / Ergebnis / Ausblick

4 Literatur-Verzeichnis - Quellen

5 Abbildungs-Nachweis - Bildlegenden / Bildquellen

1. Von der Feder zur Mimikry - Einleitung

Der Begriff Survival oder Überleben kann mit dem Überleben einer Bedrohung - beispielsweise in Form von Naturkatastrophen, Unglücken, Krankheit oder Krieg - ebenso assoziiert werden, wie mit dem klassischen Survival in der Wildnis oder dem Überleben ohne Obdach auf offener Straße. - Die Interpretationsmöglichkeiten des Survivals sind vielfältig.

Ich möchte mich im Folgenden näher mit einer Überlebenstechnik aus der Verhaltensbiologie der Tierwelt, mit der Mimikry auseinandersetzen . Ich werde dieser Tarntracht vorweg ein einleitendes Kapitel widmen, um sie in das Bewusstsein des Lesers zu bringen. In Verbindung mit der Interpretation im Schlussteil, soll so ein schlüssiger Gedankengang deutlich werden.

In diesem zweiten, einleitenden Teil sollen folgende allgemeine Fragen zur Mimikry geklärt werden:

1.1 Wie findet die erwähnte Technik Anwendung? / Worum handelt es sich dabei?

Wie trägt die erwähnte Technik zum Überleben bestimmter Arten oder Individuen bei? - Verdeutlichung anhand eines Beispiels.

Ausgehen möchte ich jedoch von einer selbstgewählten Bildquelle, der Fotografie „Marcie“ von Eyeworks, die das Model Marcie Whalen zeigt. Ich werde die Bildquelle zunächst beschreiben und die formalen Bildkriterien herausarbeiten (2.), um die einzelnen Bildelemente in einem anschließenden Schritt zu deuten. Hierzu möchte ich verschiedene kulturelle und geschichtliche Gegenstände und Symbole in dieser Fotografie beleuchten:

Ich werde einen Bezug zu Federn und Federkopfschmuck und deren Bedeutung in Kulturen naturvölkischer Stämme auf der ganzen Welt herstellen. Weiterhin möchte ich den kulturellen und geschichtlichen Kontext der Maskierung erörtern und auch hier besonderes Augenmerk auf die Praktiken der Naturvölker legen. Ich werde in diesem Kontext auch meine Recherche-Ergebnisse über die Verwendung von Federmasken vorstellen. Anschließend möchte ich der Bedeutung des Vogels bzw. des Pfaus als Symbol verschiedener Kulturen Beachtung schenken. Zudem soll eine Annäherung an die Symbolbedeutung des Tattoos in der Bildquelle und an die Bedeutung von Körperbemalung in naturvölkischen Stämmen allgemein, sowie in Verbindung mit Federschmuck erfolgen. Auch mit Farbdeutungen bezogen auf das Farbschema der Bildquelle und das Thema Survival werde ich mich näher befassen. Am Ende jeder „Objektdeutung“ wird eine Bezugnahme auf das Thema Survival und eine erste Anwendung auf die Bildquelle stattfinden. Hierbei werden unterschiedlichste Aspekte zum Ausdruck kommen: Neben dem praktischen, „nackten“ Überleben, setze ich in meiner Arbeit einen besonderen Fokus auf das soziale, gesellschaftliche „Überleben“. Es werden in diesem Zusammenhang unterschiedlichste Mythen und Gesellschaftsgruppen Anklang finden. Vielfach werde ich auch bestimmte Rituale und Zeremonien naturvölkischer Stämme und deren Todes-Vorstellungen erläutern.

Im Hauptteil sollen u.a. also folgende Fragestellungen bearbeitet werden:

2.1 Welche sozio-kulturelle Bedeutung hat und hatte die Feder und deren Verarbeitung - insbesondere in Kopfschmuck - in diversen naturvölkischen Stämmen? Wen kleidete die Feder im Laufe der Geschichte und was zeigte sie an? - Wie trug/trägt Federkopfschmuck zum sozialen Überleben des Einzelnen in der Gruppe bei?

2.2 Welche Stellung nimmt die Anfertigung und das Tragen von Masken in Verbindung mit dem Glauben naturvölkischer Stämme ein? Wie konnten Totenmasken im alten Ägypten das Überleben garantieren? Welchen Zweck erfüllt die Maskierung im heutigen Karneval? Wo finden wir Federn in Verbindung mit Masken - also Federmasken - vor? Welche Bedeutung also hatten/haben Masken und Federmasken für das Überleben des Einzelnen?

2.3 Welcher Symbolgehalt haftet dem Vogel an? Welcher Symbolgehalt haftet dem Pfau, der Pfauenfeder und dem Pfauenauge an? Welche Bewandtnis lässt sich daraus für das Überleben ableiten?

2.4 Welche Bedeutung hatte und hat die ornamentale Körperbemalung in verschiedenen naturvölkischen Kulturen und wie steht sie mit dem Federschmuck in Einklang? - Welche Bedeutung kommt dieser Körperbemalung in den Naturvölkern für das Überleben zu?

2.5 Welche Bedeutung hat die Farbe Grün für das Leben und Überleben? Welche Bedeutung hat sie in der Bildquelle?

Passendes, meine Recherchen belegendes Fotomaterial wird meine Ausführungen begleiten.

Im nachfolgenden Schritt werde ich ein Resümee formulieren und untersuchen, wie die verschiedenen Elemente zusammenwirken:

2.6 Welche Stimmung wird erzeugt? Welches Selbstverständnis repräsentiert das Model?

Welche Wirkung wollte der Fotograf erzielen/welche Geschichte erzählen?

In der finalen Interpretation möchte ich einen größeren Bogen spannen, indem ich das Prinzip Mimikry auf meine Bildquelle anwende:

3. Ich möchte beweisen, dass die Technik der Mimikry zwischen Tier und Tier einseitig auch auf Mensch und Tier übertragbar ist. Ein größerer Zusammenhang wird hergestellt werden, zwischen Masken/Federschmuck und der Identifikation mit Wesen der Tierwelt, im Besonderen mit Wesen der Vogelwelt. Hierzu werde ich dieses naturvölkische Phänomen ergänzend weiter ausführen. Letztlich möchte ich erarbeiten, welche Stellung Mimikry für den sozialen Überlebenskampf des menschlichen Individuums und die soziale Identität noch heute und auch in unserer Kultur einnimmt. Dabei kommt der Maskierung erneut eine tragende Rolle zu - vor allem bezogen auf den Karneval.

1.1 Mimikry als Maske? - Eine Einführung

In diesem Kapitel möchte ich einen kurzen Einblick in die klassische Mimikry der tierischen Verhaltensbiologie geben, um dies im Schlussteil als Grundlage nutzen zu können.

Gemeinhin kann laut dem deutschen Biologen und Zoologen Prof. Klaus Lunau zwischen Bates´scher, Müller´scher und Peckham´scher Mimikry unterschieden werden;[1] diese Differenzierung ist zur Behandlung meines Themas jedoch nicht relevant und ich werde darum nur eine allgemeine Zusammenfassung formulieren: Wie der deutsche Zoologe, Verhaltensforscher und Publizist Wolfgang Wickler in seinen Ausführungen nahelegt, sei die Mimikry eine Form der Signalfälschung, bei der Nachahmer (Mimet) und Vorbild als Signalsender und ein Signalempfänger beteiligt seien. Mimikry-Systeme beschreibt Wickler demnach als Kommunikation zwischen Sendern und Empfängern von Signalreizen, wobei Signalempfänger auf das „ursprüngliche“ Signal und seine Nachahmung in gleicher Weise reagierten. Man spreche nur von Mimikry, wenn der Signalempfänger getäuscht würde und diese Täuschung bestehe in einer ungenügenden oder fehlenden Unterscheidung zwischen Vorbild und Nachahmer, so Wickler.[2] Wie Biologe und Zoologe Prof. Dr. Jürgen Markl u.a. hinzufügen, werde die Mimikry auch als Scheintracht oder Scheinwarntracht bezeichnet und finde bei bestimmten Arten als Schutzmechanismus Anwendung. Dies zeigen Markl u.a. an einem populären Beispiel:

Die Zeichnung Schwarz-Gelb (wie z.B. auch Schwarz-Rot) besitze einen Warn-Charakter, da viele Arten mit dieser Färbung chemische Schutzmechanismen oder Giftapparate aufwiesen, die die erfolgreiche Erbeutung durch einen Räuber erschwerten oder unmöglich machten. Auch gebe es Hinweise darauf, dass Räuber bei derart gefärbten Beutetieren vorsichtig agierten oder diese mieden. Somit könne gleich eine ganze Reihe von Arten von Schwarz-Gelb profitieren, wie z.B. Bienen, Feuersalamander, oder Hornissenschwärmer[3]. Durch die Warntracht haben sie einen Überlebens-Vorteil, so Markl u.a. Sie stellen in ihren Ausführungen heraus, es handele sich bei Mimikry um unehrliche Kommunikation zwischen den Arten.[4]

In meiner Arbeit werde ich versuchen, die Scheintracht in einen neuen Bedeutungszusammenhang zu stellen, indem ich sie auf Maskierungen übertrage, die auch der Mensch aufzieht.

2. Grün in Grün - Eine Bildbeschreibung

Meine selbstgewählte Bildquelle ist eine Modefotografie mit dem Titel Marcie. Sie zeigt das Model Marcie Whalen, fotografiert von Eyeworks, und wurde am 01.12.2007 auf www.modelmayhem.com, einer Online-Modelkartei, veröffentlicht.

Im Vordergrund zeigt das Foto eine Frau im Porträt-Anschnitt. Ihre linke Schulter wird von Farnkraut verdeckt, dass sich nach oben in den Hintergrund fortsetzt. Die rechte Schulter hat sie nach vorn gebeugt; ihr Arm läuft unten links aus dem Bild heraus. Der Oberkörper der Frau ist ausschließlich rechts unten im Bild platziert; der sichtbare Teil übertritt die unsichtbare Mittellinie nicht. Ihr Kopf hingegen befindet sich exakt in der geometrischen Bildmitte. Er ist seitlich gedreht und das Kinn ist in Richtung der rechten Schulter geneigt. Der Blick des Models ist über ihre rechte Schulter nach hinten - bzw. im Bild nach links - in die Ferne gerichtet. Die Augen scheinen dabei etwas zu fokussieren, dass sich außerhalb des Fotos befindet. Im Gegensatz zur leicht verkrampften Schulter, sind die Gesichtszüge des Models - vor allem die vollen, rotbemalten Lippen - relativ entspannt. Die grünen Augen sind von ebenso grünem Lidschatten umrandet, der ein wenig verwaschen wirkt. Die Frau hat hellgrün-schimmernde Locken, die bis kurz unter die Schulter fallen und farblich perfekt auf den Hintergrund und die Kleidung abgestimmt sind. Sie trägt ein schulterfreies Kleid oder Top, das dicht mit schillernden, grünen Federn besetzt ist.

Die große Federmaske in ihrem Gesicht sticht sofort ins Auge. Sie bedeckt den gesamten Bereich um die Augen des Models herum, die halbe Stirn und einen Großteil der Nase. Die Federn der Maske sind etwas dunkler als die des Tops/Kleids; ihr Farbton geht ins Türkis- bis Opal-Grüne. Am feinsten sind die Federn am unteren Rand der Maske; nach oben und zu den Seiten hin werden sie stetig größer. Die Augenöffnungen werden von einer Art goldener Kette auf beiden Seiten eingefasst und es sind ganz vereinzelt unterschiedlich-grüne Pailletten auf den Federn auszumachen. Das Dominanteste an der Maske sind jedoch die drei großen Pfauenfedern, die am geschwungenen, oberen Rand befestigt sind. Sie ragen über die Stirn des Models und die optische Mitte oberhalb ihres Kopfes hinaus; die längste, mittlere Feder ist nur wenige Zentimeter vom oberen Bildrand entfernt. Sie sind grün, im „Auge“ finden sich die üblichen Farben Schwarz-Blau, Türkis, Braun-Orange und Gelb-Grün. Auch an den Seiten unten und oberhalb des Ohrs, ragen einzelne Pfauenfedern aus den Rändern der Maske; diese sind etwa zehn Zentimeter lang und somit wesentlich kürzer als die oberen drei. Eine dieser kürzeren Federn scheint einen unproportional dunklen Schlagschatten auf die linke Wange des Models zu werfen, was auf übliche, nachträgliche Bildbearbeitung hindeutet.

Des Weiteren trägt das Model eine mehrlagige Kette oder eine lange Kette, die sie mehrmals um den Hals geschlungen hat. Sie wirkt ein wenig derangiert und besteht aus unterschiedlichen dunkelgrünen Perlen, die im Licht glänzen.

Außerdem fällt noch ein dunkel- bis opal-grünes Tattoo auf dem rechten Oberarm auf: Es besteht in der Grundform aus einer Wellenlinie, die sich wie ein Armreif einmal um den Oberarm schlängelt. Jeweils aus dem höchsten Punkt der „Welle“ entspringt ein symmetrischer, konkaver Bogen, dessen Ausläufer nach oben zeigen und über dessen Mittelpunkt eine Tropfenform „schwebt“. Im „Tal“ der Welle finden wir regelmäßig einen kleinen Bogen der die Wellenbewegung unterstützt. Auf Höhe dieser Bögen, aber unterhalb der Wellenlinie, stößt man jeweils auf eine gepunktete Linie, die der Bewegung der Welle folgt; dazwischen je ein waagerecht liegendes, farbgefülltes Oval und gleich darunter eine undefinierte Form, die sich aus einem dicken Pinselstrich zu ergeben scheint und sich der Rundung des Ovals oben anschmiegt.

Der Hintergrund wird von Pflanzen und der Farbe Grün beherrscht. Es handelt sich um etwa drei verschiedene Sorten Farnkraut, Ranken mit bläulichen Blüten, sehr kleine rote Beeren und andere Blätter, die nur hier und da hervorlugen und sich nicht näher bestimmen lassen. Wie zu Anfang erwähnt, ragt das Farnkraut rechts bis in den Vordergrund hinein und verdeckt somit die linke Schulter des Models. Auffällig ist, dass einige Blätter des Farns schon beginnen, sich gelb und bräunlich zu verfärben. Insgesamt gibt das Kraut dem Bild eine Art zweiseitigen Rahmen; oben und rechts. Die Blumenranken mit den blau-weißen Blüten befinden sich eher im oberen rechten Quadranten des Bildes und scheinen zunächst einmal keiner bestimmten Ordnung zu folgen. Im Vergleich dazu wurde das Farnkraut sehr geordnet und schwungvoll im Bild angelegt. Die roten Beeren lugen nur hier und da zwischen den Ranken hervor und sind auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar. Hinter den Pflanzen befindet sich eine grün-gelblich-verwaschene Wand; es handelt sich vermutlich um einen künstlichen Hintergrund in einem Fotostudio.

2.1 Die Magie des Federschmucks

Die Feder tritt in der ausgewählten Fotografie als Hauptbestandteil der Kleidung auf. Sie stellt nicht nur das Material für die Oberbekleidung, sie bildet auch die bilddominierende Maske, die als wichtigstes Bildelement anzusehen ist. Die Feder als Symbol an sich soll hier nur sporadisch Erwähnung finden. Eine wichtigere Rolle für die Fotografie spielt, meiner Meinung nach, die Feder als Element der Maske (-> Kap. 2.2) und des Feder-Kopfschmucks allgemein, als solches sie in diesem Abschnitt hauptsächlich behandelt werden soll. Ich werde insbesondere auf indianischen Federschmuck unterschiedlicher Ethnien eingehen, da hier der soziale Survival-Aspekt meiner Meinung nach am deutlichsten zu Tage tritt.

So betonen Museumsdirektorin Dr. Gisela Völger und Autorin Ursula Dyckerhoff, dass Federschmuck in der indianischen Kunst ihre wohl höchste Ausprägung finde und die Feder in der Stammes-Kunst Amazoniens und der angrenzenden Regionen noch heute integraler Bestandteil einer „ebenso komplexen wie elementaren Existenzbewältigung“ sei. Sie nehme eine Ausnahmestellung in kulturellen Handlungen und der Herstellung von Kult-Objekten ein. Oftmals habe Federschmuck Symbolcharakter; bestimmte Federdiademe stünden beispielweise häufig für die Sonne. Im Gegensatz zu den Federhauben der nordamerikanischen Prärie-Indianer überrasche vor allem der Federschmuck aus Südamerika durch seine Vielfalt der Feder- und Farbkombinationen und stelle mit Recht eine eigene Kunstgattung dar.[5] Der deutsche Ethnologe Dr. phil. Günther Hartmann hebt hervor, dass dieser Umstand nicht minder der einzigartigen Vielfalt an farbenprächtigen, auffällig gezeichneten Vögeln der tropischen Länder Südamerikas zu danken sei, die als Federlieferanten dienten. Er nennt Brasilien anbei als Beispiel für ein Land, das von Anfang an als Land der außergewöhnlichen Federarbeiten bekannt gewesen sei. Laut Hartmann komme dem Federschmuck nach der Meinung der Indianer Südamerikas im Allgemeinen eine schützende, böse Geister, Dämonen und Kräfte abhaltende Funktion zu, weshalb sich die Abwehr auch auf den Bereich einiger natürlicher Körperöffnungen wie Ohren, Nase und Mund erstrecke, der häufig einen besonders auffälligen (Feder-)Schmuck aufweise. Die Verwendung des Federschmucks reiche von Geburt, Initiation und Heiratszeremonien - bei denen das Dekorieren des ganzen Körpers der Braut mit Ölen und Federn dem Schutz gegen Geister und Dämonen gelte - bis hin zur Krankenbehandlung und zum Schmücken des Verstorbenen. Folglich werde die Feder als magisches Mittel bei allen außergewöhnlichen Situationen im Laufe des Lebens eines Indianers eingesetzt.[6] Wie Günter Hartmann, Brigitte Majlis und Gisela Völger in ihren Ausführungen beschreiben, haben beispielsweise die Kaiap ó [7], die geradezu leidenschaftliche Hersteller und Benutzer von Federschmuck seien und zu diesem Zweck fünfunddreißig Vogelarten als Haustiere hielten, für jedes größere Ritual - bezogen auf den Schmuck - ein eigenes „Bühnenbild“, das sich u.a. nach den Mythen richte, die es visualisiere.[8] Es wird hieraus deutlich, dass der Federschmuck im Allgemeinen nicht als Alltagsschmuck getragen wird, sondern beinahe immer eine Sonderstellung als Zeremonial- und Festschmuck einnimmt. Eine Ausnahme bildeten hier laut Günther Hartmann u.a. die Schamanen einzelner Indianer-Stämme, wie die der Chamakoko [9]: Während Männer ihren Federschmuck nur bei festlichen Gelegenheiten trügen, pflegten die Schamanen dieses Volkes „nie ohne einen Federzierrat zu gehen“. Darüber hinaus unterschieden sich die Schamanen durch ihren Federschmuck und andere Abzeichen in verschiedene Kategorien.[10]

Aus der fehlenden Nennung der Frauen in diesem Zusammenhang werden die Geschlechtsunterschiede schon deutlich. An anderer Stelle sagt Hartmann auch explizit, dass das Tragen und die Verantwortung der Anfertigung des Federschmucks im Allgemeinen dem männlichen Teil der Gruppe vorbehalten seien. Er ergänzt, dass in den wenigen Ausnahmefällen, in denen Frauen Federschmuck anlegten, dennoch die Männer die ausschließlichen Hersteller seien. Bei vielen Anlässen erfolge dieser „heilige“ Vorgang der Herstellung sogar im sogenannten „Männerhaus“, also unter Geheimhaltung vor den Blicken der Frauen.[11] So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Federschmuck laut Hartmann u.a. beispielsweise bei den Waiwai [12] die größere Macht der Männer über andere Menschen, also größeren politischen Einfluss ausdrücke. Auch bei den Urubú-Ka´apor [13], die den Federschmuck regelrecht zu einer Kunst entwickelt haben, habe dessen Besitz eine entscheidende, gesellschaftliche Bedeutung: Mit ihm manifestiere der Mensch seinen Rang und seine Stellung in der Gesellschaft; der Besitz von Federschmuck mache ihn erst zum vollwertigen Mitglied seines Dorfes, so Hartmann u.a. Bei den zuvor erwähnten Kaiapó sei das Tragen von Schmuck - insbesondere von Federschmuck - mit Privilegien verbunden, die dem Mann im Laufe seines Lebens verliehen würden, so z.B. bei der Geburt, bei Namensgebungsfesten, der Initiation oder dem Fisch- und Maisritual. Günther Hartmann u.a. führen weiter aus, dass die persönliche Verleihung des entsprechenden Privilegs und somit des entsprechenden Federschmucks durch seinen Besitzer bei den Kaiapó Voraussetzung sei, um zu den „schönen Menschen“ zu zählen und sich „in seiner Schönheit zur Schau stellen“ zu dürfen.[14] Hier wird deutlich, dass der Federschmuck für die Indianer Südamerikas viel mehr ist, als reiner Schmuck: Der Federschmuck fungiert als Statussymbo l und wird zudem mit dem Wert Schönheit gleichgesetzt. Völger und Dyckerhoff bestätigen: Schon im alten Peru um Christi Geburt haben nur herrschende Eliten farbenintensive, geschmückte Federkleidung tragen dürfen.[15]

Und noch einmal zurück zu den Kaiapó und ihren Privilegien: Hartmann u.a. kommen weiter zu dem Ergebnis, dass es keine zwei Personen geben könne, die über einen identischen Satz Privilegien verfügten und jeder Kaiapó sei in seinem Festschmuck daher „ein einzigartiges Wesen“.[16] Folglich ist der Federschmuck also auch ein Ausdruck von Einzigartigkeit und Individualität; der naturvölkische Mensch identifiziert sich gewissermaßen mit und über seinen Federschmuck.

Völger und Dyckerhoff führen zudem aus, dass die Kunst der Federverarbeitung von allen polynesischen Inselgruppen auf Hawaii ihren Höhepunkt erreicht habe. Dort haben Federarbeiten (u.a. Federketten als Haar- und Halsschmuck und Helme) nur von hochrangigen Adligen in Auftrag gegeben und benutzt werden dürfen. Der Wert der Gegenstände habe sich u.a. an der Seltenheit der Federn orientiert; es sei außerdem möglich gewesen, steuerliche Abgaben in Form von Federn zu entrichten.[17] Federn hatten also, neben geistigem, mancherorts auch weltlichen Wert.

Darüber hinaus beschreibt Hartmann, dass Federn bei kriegerischen Vorkommnissen zwischen Indianerstämmen die eigene Gestalt „erhöhten“ und damit beim Gegner Furcht erzeugten.[18] Der Federschmuck ist hier also ein entscheidender Vorteil, der für Sieg oder Niederlage im Kampf und somit für das Überleben eines solchen „Kriegs“ ausschlaggebend sein kann!

Außerdem wirkten die Federn als geistige Medizin und verliehen dem Träger magische Kräfte, so Hartmann.[19] Als magische Kunst sei der Feder- und Maskenschmuck Amerikas auch von den Europäern wahrgenommen worden, wie Völger und Dyckerhoff betonen: Die naturvölkische Kunst sei durch die Fauves und Kubisten von den Europäern „entdeckt“ worden; Felix Labisse, der der surrealistischen Bewegung nahegestanden habe, habe in einer Aussage über einen indianischen Kopfschmuck aus der Manifestation des „Pariser Musée de l´Homme“ die magische Bedeutung dieser sogenannten „primitiven“ Objekte herausgestrichen. - Allerdings seien ethnographische, weiche Materialien wie Federn erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren im skulpturalen Schaffen aufgekommen, zusammen mit - wie ich hervorheben möchte - dem Interesse an Magie, Mythen und Riten.[20]

Der Federkopfschmuck blickt in Europa jedoch auf eine weit ältere Geschichte zurück: Hartmann stellt heraus, dass Federbüsche und Federn hier als Schmuck und Rangabzeichen bereits im Altertum getragen worden seien. So seien Federbüsche auf Helmen der Krieger von Anbeginn an ein Zeichen für die Bedeutung und Würde des Einzelnen im militärischen Verband gewesen und auch als „ Imponierschmuck “ getragen worden. Im Mittelalter habe der Federschmuck von Mann und Ross insbesondere bei ritterlichen Kampfspielen eine verschwenderische Pracht erreicht, so Hartmann. Weiterhin habe die Straußenfeder als Kopfschmuck im England des 15. Jahrhunderts [ähnlich wie bei den Indianern Südamerikas und Polynesiens!] eine wichtige Rolle als Statussymbol und Abzeichen eingenommen. Im 17. Jahrhundert habe eine einzelne Straußenfeder oder ein Federtuff den breitkrempigen Hut des englischen Kavaliers, wie auch ein Federstrauß aus Straußenfedern die Hüte der englischen Königin Elisabeth I. und der vornehmen Damen ihrer Zeit bei öffentlichen Besuchen geschmückt.[21] Es ist daher anzunehmen, dass auch hier der Federschmuck als Statussymbol und Ausdruck von (Herrscher-) Würde fungierte.

Vielfach drückt der Federschmuck also eine soziale Stellung oder einen sozialen Rang aus. Durch ihn zeigt der Träger seinen persönlichen Wert für die Gesellschaft oder seine Macht über andere an; er weist sich durch seinen Kopfschmuck gewissermaßen aus. Oft ist allein der Besitz eines solchen schon ein Privileg oder ist mit wichtigen Privilegien verbunden. Zuweilen bedeutet er auch Reichtum und somit (politischen) Einfluss, denn, um es mit Ingelore Ebelings Worten zu sagen: „Dem, der die größte Macht innehat, gebührt die kostbarste Gewandung, denn Reichtum ist Macht.“ In diesem Kontext ist der Federkopfschmuck natürlich auch ein Zeichen der Herrscherwürde und Imponierschmuck - kurzum: ein Statussymbol durch alle Zeiten. Federkopfschmuck kann Einfluss darauf nehmen, ob der Träger von der Gesellschaft akzeptiert und respektiert wird und ist in diesem Zusammenhang auch Ausdruck der Schönheit und Einzigartigkeit des Individuums. Im Kampf kann er praktisch gesehen einen Überlebens-Vorteil bieten und als „magisches“ Objekt weist er ins Transzendente: In diesem Rahmen werden ihm z.B. schützende, böse Geister und Dämonen abhaltende, heilende oder sogar magische Kräfte verleihende Macht zugesprochen. Federkopfschmuck ist ein eher männliches Attribut und als Kult-Objekt fast immer Zeremonial- und Fest-, nicht jedoch Alltagsschmuck.

Auf die Bildquelle „Marcie“ übertragen lässt sich festhalten, dass der Federschmuck die Erscheinung des Models deutlich überhöht; ihr einen würdevollen und majestätischen Charakter verleiht. Sie wirkt privilegiert, elegant und mächtig. Auch haftet der Fotografie durch den Federschmuck eine Art mystischer Zauber an, der den Betrachter in eine andere, ursprünglichere und magischere Welt zu ziehen scheint.

[...]


[1] Prof. Lunau, Klaus: Warnen, Tarnen, Täuschen. Mimikry und andere Überlebensstrategien in der Natur. Darmstadt 2002.

[2] Wickler, Wolfgang: Mimicry in plants and animals. New York 1968 & Wickler, Wolfgang: Mimikry. Nachahmung und Täuschung in der Natur. München 1971.

[3] Der Hornissenschwärmer ist ein Schmetterling., vgl. Prof. Dr. Markl, Jürgen (Hrsg.) u.a.: Biologie. Oberstufe. Stuttgart 2010.

[4] Prof. Dr. Markl, Jürgen (Hrsg.) u.a.: Biologie. Oberstufe. Stuttgart 2010.

[5] Federarbeiten der Indianer Südamerikas. Aus der Studiensammlung Horst Antes. Hrsg. Gisela Völger und Ursula Dyckerhoff, Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde Köln, Stuttgart 1994.

[6] Ebd., S.4.

[7] Die Kaiapó sind in zahlreiche Gruppen mit eigenen Namen aufgeteilt und von Hause aus Halbnomaden. Heute siedeln sie zwischen dem Rio Araguaia im Osten und dem Rio Xingú im Westen., vgl. Federarbeiten, Völger und Dyckerhoff, 1994..

[8] Federarbeiten, Völger und Dyckerhoff, 1994..

[9] Die Chamakoko wurden erstmalig um die Wende vom 18. zum 19. Jh. erwähnt. Damals bewohnten sie die Gebiete westlich des oberen Paraguay-Flusses. Am Ende des 19.Jh. dehnten Gruppen der Chamakoko ihren Einflussbereich weiter nach Süden aus., vgl. Federarbeiten, Völger und Dyckerhoff, 1994..

[10] Federarbeiten, Völger und Dyckerhoff, 1994..

[11] Ebd., S.5.

[12] Die Waiwai (Anzahl 1991 etwa 1200), eine Karaibisch sprechende Gruppe, bewohnen ein Waldgebiet nördlich und südlich der Acarai-Berge im Grenzgebiet von Guyana und Brasilien (Bundesstaaten Amazonas und Pará)., vgl. Federarbeiten, Völger und Dyckerhoff, 1994..

[13] Die Urubú-Indianer, die ihren Namen von anderen Ethnien erhalten haben und sich selbst Ka´apor nennen, leben heute im brasilianischen Staat Maranhao zwischen den Flüssen Gurupi, Maracacumé und Turiaçu., vgl. Federarbeiten, Völger und Dyckerhoff, 1994..

[14] Ebd, S.5.

[15] Ebd., S.5.

[16] Ebd., S.5.

[17] Ebd., S.5.

[18] Ebd., S.5.

[19] Ebd., S.5.

[20] Ebd., S.5.

[21] Ebd., S.5.

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Titel: Von der Feder zur Mimikry. Mimikry als Maske