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Wertminderung von Finanzinstrumenten nach IFRS 9

von Sascha Brademann (Autor) Janco Herzig (Autor)
Seminararbeit 2016 55 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Wirkungsbereich des IAS 39 und IFRS 9

3 Klassifizierung und Bewertung von Finanzinstrumenten
3.1 Klassifizierung und Bewertung nach IAS 39
3.2 Klassifizierung und Bewertung nach IFRS 9

4 Wertminderung von Finanzinstrumenten
4.1 Incurred loss model nach IAS 39
4.2 Expected loss model nach IFRS 9
4.2.1 Three Stage Model
4.2.2 Alternative Verfahren
4.2.3 Ermittlung erwarteter Verluste
4.2.4 Modifizierte finanzielle Vermögenswerte
4.2.5 Ausweis der erwarteten Verluste
4.2.6 Angaben nach IFRS 7

5 Kritische Würdigung
5.1 Auswirkungen für IFRS-bilanzierende Unternehmen
5.2 Die Wertminderung im Kontext des Conceptual Framework und die Frage nach der Entscheidungsnützlichkeit

6 Fazit

Anhangsverzeichnis

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungen

Abbildung 1: Bilaterale bilanzielle Darstellung eines Finanzinstruments

Abbildung 2: Three Stage Model

Tabellen

Tabelle 1: Merkmale derivativer Finanzinstrumente

1 Einleitung

In Zeiten von sich stets weiterentwickelnden Technologien, die ferner rasche Innovatio- nen und Entwicklungen von Finanzinstrumenten ermöglichen, wird ebenfalls die stetige Weiterentwicklung von internationalen Rechnungslegungsstandards erfordert, um die wachsenden Ausgestaltungsmöglichkeiten von komplexen Finanzinstrumenten auch weiterhin adäquat sowie transparent abbilden zu können. Im Hinblick auf den Internati- onal Accounting Standard 39 (IAS 39), der mittlerweile als einer der umfassendsten internationalen Rechnungslegungsstandards bezeichnet werden kann, ließen sich An- fang des Millenniums bereits erste öffentliche Stimmen erkennen, die eine Reduzierung der Komplexität des Standards forderten.1 Gerade Finanzinstrumente, die ihrer Natur nach als solche bereits überaus komplexe Strukturen und Funktionsweisen aufweisen können, sollten nicht noch durch ihre Rechnungslegungsnormen eine komplexere Zeichnung erhalten. So sagte bereits der renommierte ehemalige Vorsitzende des Inter- national Accounting Standards Board (IASB) Sir David Tweedie: „I often say about IAS 39 […] that, if you understand it, you haven’t read it properly - it’s incompre- hensible“2. Die Forderung nach einem neuen Standard verstärkte sich im Zuge der Fi- nanzkrise, in deren Zusammenhang dem Wertminderungsmodell des IAS 39 nachgesagt wurde, die Erfassung erfolge „too little, too late“3, da die Wertminderungen in einem zu kleinen Umfang und zudem zeitverzögert ausfielen. In der Folge wurden Abschlussad- ressaten unzureichend und verspätet über die Werthaltigkeit gehaltener finanzieller Vermögenswerte informiert.4

Um diesen Kritikpunkten entgegenzuwirken, entwickelten das IASB in Zusammenar- beit mit dem Financial Accounting Standards Board (FASB) bereits im Jahre 2005 ein Paper, das es sich zum Ziel setzte, die Wertminderungsvorschriften von Finanzinstru- menten zu vereinfachen und im weiteren Verlauf auch derartig auszugestalten, dass die hiesige Problematik eliminiert wird. Nach dreijähriger Bearbeitungszeit wurde das Pa- per am 19. März 2008 veröffentlicht und zeigte eine Vielzahl von potentiellen Ansätzen zur Verbesserung und Vereinfachung der bestehenden Rechnungslegungsnormen auf.5 Nach weiteren Exposure Drafts (ED) folgte schlussendlich am 24. Juli 2014 der finale International Financial Reporting Standard 9 (IFRS 9) vom IASB. Eine verpflichtende retrospektive Anwendung ist erstmal für die Geschäftsjahre, die am oder nach dem 1. Januar 2018 beginnen, vorgesehen. Eine frühere Anwendung des neuen Standards ist aber zulässig.6

Ziel dieser Arbeit ist es, die Wertminderungsvorschriften des IFRS 9 darzustellen und wesentliche Unterschiede zum alten IAS 39 aufzuzeigen. Dabei soll anhand von reali- tätsnahen Beispielen mitsamt Buchungssätzen skizziert werden, in welcher Art und Weise die Wertminderungsvorschriften in der Praxis umgesetzt werden. Ferner soll eine kritische Betrachtung der Wertminderungsvorschriften des IFRS 9 erfolgen, um so be- werten zu können, inwiefern die Änderungen sowohl auf nach IFRS bilanzierende Un- ternehmen wirken als auch zu einer verbesserten Entscheidungsnützlichkeit der bereit- gestellten Abschlussinformationen im Sinne des Conceptual Framework führen werden.

Im nachfolgenden Kapitel werden in der gebotenen Kürze die Grundlagen von Finanz- instrumenten sowie deren ausgewählte Besonderheiten dargestellt. Zudem findet eine Abgrenzung der Anwendungsbereiche des IAS 39 und IFRS 9 und deren Wertminde- rungsvorschriften statt. Das dritte Kapitel zielt auf die Grundlagen zur Klassifizierung und Bewertung von Finanzinstrumenten ab, um eine Basis für das Verständnis der Wertminderungsvorschriften zu schaffen. Im vierten Kapitel werden die konkreten Wertminderungsmodelle beider Standards eingehend behandelt und es werden zudem die Unterschiede herausgearbeitet. Im fünften Kapitel folgt eine kritische Würdigung der Wertminderungsvorschriften des IFRS 9 hinsichtlich der zu erwartenden Auswir- kungen für Unternehmen als auch der Entscheidungsnützlichkeit für Abschlussadressa- ten. Die Arbeit schließt im sechsten Kapitel mit einem zusammenfassenden Fazit ab.

2 Wirkungsbereich des IAS 39 und IFRS 9

Die Zielsetzung des IAS 39 und des IFRS 9 ist die Aufstellung von Grundsätzen für den Ansatz und die Bewertung von Finanzinstrumenten.7 Hinsichtlich der grundlegenden Anwendungsbereiche von IAS 39 und des IFRS 9 muss damit in einem ersten Schritt eine definitorische Abgrenzung stattfinden, um nachfolgend den Anwendungsbereich für die jeweiligen Wertminderungsvorschriften zu konkretisieren. Zunächst stellt sich die Frage, welche Eigenschaften ein Bilanzposten aufweisen muss, damit er ein Finanz- instrument darstellt. Eine Definition liefert an dieser Stelle der IAS 32, wonach ein Fi- nanzinstrument ein Vertrag ist „der gleichzeitig bei dem einen Unternehmer zu einem finanziellen Vermögenswert und bei dem anderen Unternehmer zu einer finanziellen Verbindlichkeit oder einem Eigenkapitalinstrument führt“8. Es hat folglich eine bilatera- le Beurteilung der jeweiligen Bilanzposten zu erfolgen. Diese ist in Abbildung 1 gra- fisch darstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bilaterale bilanzielle Darstellung eines Finanzinstruments In Anlehnung an Grünberger (2016), S. 129.

Einen definitorisch umfassenderen Überblick verschafft Anhang 1. Hier wird der Um- fang der zahlreichen Varianten verdeutlicht, die zu einem Finanzinstrument im Sinne des IAS 32 führen und somit in den Wirkungsbereich des IAS 39 und IFRS 9 gelangen. Doch nicht jede derartige Vertragsform fällt in den Anwendungsbereich des IAS 39 bzw. IFRS 9. So sind die im IAS 39.2 und IFRS 9.2.1 aufgeführten Finanzinstrumente, für die spezielle Bewertungsvorschriften gelten, von der Anwendung ausgenommen.9 In Ermangelung einer vertraglichen Grundlage zählen Steueransprüche und -verbindlich- keiten ebenso wenig zu den Finanzinstrumenten. Genauso gelten geleistete oder erhaltene Anzahlungen, die sich auf den Bezug oder Erhalt von Gütern und Dienstleistungen beziehen, nicht zu Finanzinstrumenten im Sinne des IAS 32.10

Die im Anhang 1 aufgelisteten Verträge derivativer Natur (derivative Finanzinstrumente) zeichnen sich durch drei Merkmale aus, die kumulativ erfüllt sein müssen und in Tabelle 1 aufgezeigt werden. Zu den drei klassischen Formen von Finanzderivaten zählen Termingeschäfte, Optionen und Swapgeschäfte.11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Merkmale derivativer Finanzinstrumente Eigene Darstellung auf definitorischer Grundlage des IAS 39.9.

Beispielhaft sei eine Aktienkaufoption genannt, die dadurch charakterisiert ist, dass eine Partei A von einer anderen Partei B das Recht erwirbt, zukünftig Aktien zu einem be- stimmten Aktienkurs zu kaufen. Dieses Recht stellt bei A einen finanziellen Vermö- gensgegenstand und bei B eine finanzielle Verbindlichkeit oder ein Eigenkapitaltitel dar.12 An diesem Beispiel zeigt sich, dass die in Tabelle 1 aufgeführten Merkmale eines derivativen Finanzinstruments allesamt erfüllt sind. Zur Vermeidung der falschen Her- leitung von Finanzinstrumenten ist eine sorgfältige Selektion und Beurteilung der Kom- ponenten des Vertrages vorzunehmen. Daneben ist die Beachtung diverser Ausnahmen von besonderer Bedeutung. Dies zeigt exemplarisch die in der Literatur häufig aufge- führte von Finanzinstrumenten abzugrenzende Behandlung derivativer Verträge wie Warenterminkontrakte13. Da derartige Verträge lediglich das Recht auf eine Lieferung nichtfinanzieller Vermögenswerte verbriefen, fallen sie grundsätzlich nicht in den An- wendungsbereich des IAS 39.14 Davon abweichend weitet IFRS 9 die Anwendung auf solche Verträge insoweit aus, als dass sie erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert bilanziert werden können, sofern eine Ansatzinkongruenz (accounting missmatch15 ) eliminiert oder signifikant verringert wird.16 Darüber hinaus sind die Sondervorschriften für hybride Finanzinstrumente zu beachten.17 Ein eingebettetes Derivat als Bestandteil des hybriden Finanzinstruments ist unter den Voraussetzungen des IAS 39.11 vom Ba- sisvertrag zu trennen. Die weitergehende Bilanzierung erfolgt separat für jeden Bestand- teil nach Maßgabe des Standards. Abweichend hierzu sind nach IFRS 9.4.3.3 lediglich solche zu trennen, bei denen der Basisvertrag kein finanzieller Vermögenswert ist. An- dernfalls wird das hybride Finanzinstrument souverän als Ganzes nach Maßgabe des Standards bilanziert, sodass die getrennte Bilanzierung des eingebetteten Derivats nicht ermöglicht wird.18

In den Anwendungsbereich der Wertminderungsvorschriften des IAS 39 fallen ein fi- nanzieller Vermögenswert oder eine Gruppe von finanziellen Vermögenswerten, die zu historischen Anschaffungskosten, zu fortgeführten Anschaffungskosten und erfolgs- neutral zum beizulegenden Zeitwert bewertet sind.19 Die Wertminderungsvorschriften des IFRS 9 sind auf finanzielle Vermögenswerte anzuwenden, die zu fortgeführten An- schaffungskosten und erfolgsneutral zum beizulegenden Zeitwert bewertet sind. Dane- ben findet auch das neue Wertminderungsmodell Anwendung auf Leasingforderungen (IAS 17). Darüber hinaus fallen aktive Vertragsposten im Zusammenhang mit Erlösen aus Verträgen mit Kunden (IFRS 15)20, nicht erfolgswirksam zum beizulegenden Zeit- wert bewertete Kreditzusagen und Finanzgarantien (IFRS 9) explizit in den Anwen- dungsbereich der Wertminderungsvorschriften.21 Eine grundlegende Erweiterung ge- genüber dem IAS 39 stellt der Einbezug der Kreditzusagen und der Finanzgarantien (im Sinne sogenannter Kreditäquivalente) dar. Insofern werden im Wertminderungsmodell des IFRS 9 keine Unterschiede zwischen ausgereichter Kredite, Kreditzusagen und Fi- nanzgarantien gemacht, was schließlich zu einer vereinheitlichten Auffassung von Aus- fallrisiken führt.22 Den Hauptanwendungsfall stellen voraussichtlich auch künftig finan- zielle Vermögensgegenstände dar, die zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet sind.23

3 Klassifizierung und Bewertung von Finanzinstrumenten

Wie dem vorangegangen Kapitel zu entnehmen ist, nimmt das Folgebewertungskonzept eine bedeutsame Rolle bei der Frage nach dem Anwendungsbereich der Wertminde- rungsvorschriften ein. Aus diesem Grund gilt es, nachfolgend näher darauf einzugehen.

Die IAS als auch IFRS sehen verschiedene Folgebewertungskonzepte für Finanzinstru- mente24 vor (mixed model approach), um einer adäquaten Bewertung unterschiedlichs- ter Finanzinstrumente gerecht zu werden.25 Die Folgebewertung von Finanzinstrumen- ten hängt von deren Klassifizierung ab. Gleichermaßen hängen Art und Höhe der Wertminderung von dem jeweiligen Folgebewertungskonzept ab. Die Klassifizierung nach IAS 39 stellte einen vermeintlich komplexen Vorgang dar. Daraus entstand das primäre Anliegen, den Umfang der Bewertungsvorschriften maßgeblich zu reduzieren. Im ersten Unterkapitel dieses Abschnitts wird der status quo zur Klassifizierung und Folgebewertung dargestellt. Das zweite Unterkapitel stellt die Neuregelung nach IFRS 9 dar.

3.1 Klassifizierung und Bewertung nach IAS 39

Nach den IAS 39 wird zwischen der Bewertung zu den historischen Anschaffungskos- ten, zu fortgeführten Anschaffungskosten und der erfolgswirksamen oder erfolgsneutra- len Bewertung zum beizulegenden Zeitwert unterschieden.26 Der Klassifizierung von Finanzinstrumenten gehen der Ansatz und die Erstbewertung selbiger voran. Sowohl nach IAS 39 als auch nach dem IFRS 9 erfolgt der Erstansatz in der Bilanz eines Unter- nehmens im Zeitpunkt, in dem es Vertragspartei des Finanzinstruments wird.27 Die Erstbewertung erfolgt sowohl im alten als auch im neuen Standard zum beizulegenden Zeitwert im Zeitpunkt der Anschaffung.28 Im Rahmen der anschließenden Klassifizie- rung von Finanzinstrumenten, wird der einschneidende Unterschied zwischen den bei- den Standards deutlich. Aus diesem Grund werden nachfolgend die vier (expliziten) Kategorien von Finanzinstrumenten nach IAS 39.9 dargestellt.

Die erste Kategorie stellen die Finanzinstrumente dar, die erfolgswirksam zum beizule- genden Zeitwert bewertet werden (financial instruments at fair falue through profit or loss). Hierzu zählen alle Finanzinstrumente die zu Handelszwecken nach den Kriterien des IAS 39.9 gehalten werden.29 Daneben besteht ein Kategorisierungswahlrecht, Fi- nanzinstrumente beim erstmaligen Ansatz erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert zu bewerten (fair value option30 ).31 Eine Ausnahme stellen Eigenkapitalinstrumente sowie Derivate in solche dar, für die kein aktiver Markt besteht und kein verlässlicher Zeitwert ermittelt werden kann. Hier erfolgt die Bewertung zu den historischen An- schaffungskosten.32

Bis zur Endfälligkeit zu haltende finanzielle Vermögenswerte (held to maturity invest- ments) bilden die zweite Kategorie ab. Maßgeblich für die Zuordnung sind feste oder bestimmbare Zahlungen, eine feste Laufzeit und die Absicht sowie Fähigkeit des Unter- nehmens, den finanziellen Vermögenswert bis zum Ende der Laufzeit zu halten. Das letzte Merkmal eröffnet Unternehmen einen gewissen bilanziellen Gestaltungspielraum, weshalb der Standard die Begrifflichkeit weitreichend erläutert und darüber hinaus Ver- letzungen mit einem Klassifizierungsverbot bestraft.33 Finanzielle Vermögenswerte die- ser Kategorie sind zu fortgeführten Anschaffungskosten zu bewerten.

In die dritte Kategorie fallen Kredite und Forderungen (loans and receivables), die als „nicht derivative finanzielle Vermögenswerte mit festen oder bestimmbaren Zahlungen, die nicht in einem aktiven Markt notiert sind“34, definiert werden. Ausgenommen sind solche, die zu Handelszwecken eingestuft werden, beim erstmaligen Ansatz zum beizu- legenden Zeitwert bewertet werden oder der vierten Kategorie zuzuordnen sind. Kredite und Forderungen dieser Kategorie sind ebenfalls zu fortgeführten Anschaffungskosten zu bewerten.

Die vierte Kategorie bilden zur Veräußerung verfügbare finanzielle Vermögenswerte (available for sale financial assets), die im Gefüge der Klassifizierung nach IAS 39 eine subsidiäre Position einnehmen. Eine Klassifizierung erfolgt immer dann, wenn sie zur Veräußerung bestimmt sind oder in keine der ersten drei Kategorien eingeordnet werden können. Finanzielle Vermögenswerte dieser Kategorie werden erfolgsneutral zum beizulegenden Zeitwert bewertet.35

Im Anhang 2 ist eine überschaubare Zusammenfassung zur Kategorisierung und Bewer- tung finanzieller Vermögenswerte zu finden.36 Hinsichtlich möglicher Reklassifizierungen sieht IAS 39 diverse Verbote und Restriktionen vor, die komprimiert dem Anhang 3 zu entnehmen sind.

3.2 Klassifizierung und Bewertung nach IFRS 9

Der IFRS 9 sieht nunmehr drei Kategorien zur Bewertung von Finanzinstrumenten vor. Es wird zwischen der Kategorie fortgeführter Anschaffungskosten (financial instru- ments at amortised cost), der erfolgsneutralen und erfolgswirksamen Kategorie des bei- zulegenden Zeitwerts (financial instruments at fair value) unterschieden.37 Eine Verein- fachung der Klassifizierung finanzieller Vermögenswerte stellt der Wegfall anderer Kategorien dar. Weiter wurde die Komplexität durch die Äquivalenz zum Folgebewer- tungsmodell und der Klassifizierung durch zwei Kriterien gemindert, denn maßgeblich für die Zuordnung ist neben dem Geschäftsmodell die Charakteristik des Zahlungs- stroms (cash flow). Diese Kriterien werden Geschäftsmodell- sowie Zahlungsstrombe- dingung genannt, sodass die Klassifizierung von nun an stärker prinzipien- statt regel- basiert vollzogen wird.38

Für die Bewertung finanzieller Vermögenswerte at amortised costs müssen zwei Anforderungen kumulativ erfüllt sein. Einerseits muss das Unternehmen die Absicht besitzen, den Vermögensgegenstand zu halten und die vertraglich vereinbarten cash flows aus dem Vermögenswert zu vereinnahmen. Zudem müssen die Vertragsbedingungen so ausgestaltet sein, dass es zu zeitlich festgelegten Zahlungsströmen kommt, die lediglich Zinsen und Tilgung für eine Kapitalüberlassung darstellen (SPPI39 -Kriterium).40 Wird eines der Kriterien nicht erfüllt, so wird der finanzielle Vermögenswert at fair value gemäß der zweiten oder dritten Kategorie bewertet.

Die zweite Kategorie stellen finanzielle Vermögenswerte dar, die erfolgsneutral zum beizulegenden Zeitwert (financial instruments at fair value through other comprehensi- ve income (OCI)) bewertet werden. Hierzu gehören finanzielle Vermögensgegenstände, die gehalten werden, um einerseits die vertraglichen cash flows einzunehmen und andererseits den Vermögenswert zu verkaufen. Die Zahlungsströme werden weiter ausschließlich durch Zins und Tilgung bestimmt.41

In die dritte Kategorie der financial instruments at fair value through profit or loss fallen jene finanziellen Vermögenswerte, die nicht der ersten oder zweiten Kategorie zugeordnet werden.42 Dies trifft insbesondere Investitionen in Eigenkapitaltitel und Derivate, die das SPPI-Kriterium regelmäßig nicht erfüllen dürften.43 Zudem wird die dritte Kategorie durch eine fair value Option charakterisiert. Der Einbezug im Rahmen der fair value Option ist bei erstmaliger Erfassung unwiderruflich möglich, wenn durch den fair value Ansatz ein potentielles accounting missmatch, das aus anderen Kategorien resultiert, eliminiert oder signifikant verringert wird.44 45

Der Anhang 4 verdeutlicht die Kategorisierungspfade nach IFRS 9. Die möglichen Fol- gen der Umstellung der Kategorisierungssystematik hinsichtlich derzeitiger Bestände finanzieller Vermögenswerte sind dem Anhang 5 zu entnehmen. Anhand dieser Darstel- lung ist auch die kriterienbedingt zunehmende Tendenz zur fair value Bewertung zu erkennen.46 Die Möglichkeiten der Reklassifizierung sind im IFRS 9 deutlich starrer gehalten und an besondere Umstände geknüpft. Eine Umgliederung ist hiernach nur bei einer temporär vorangestellten Änderung des Geschäftsmodells zur Steuerung des Fi- nanzvermögens möglich.47

4 Wertminderung von Finanzinstrumenten

Auf Basis obiger Grundlagen widmet sich dieses Kapitel dem status quo zur Wertmin- derung von Finanzinstrumenten im Rahmen des IAS 39. Anschließend wird das neue Modell erwarteter Verluste (expected credit loss model) des IFRS 9 vorgestellt. Dies umfasst neben dem three stage model und dessen Alternativen, die Ermittlung erwarte- ter Verluste, den Sonderfall modifizierter finanzieller Vermögenswerte, den Ausweis erwarteter Verluste in der Bilanz und die sich aus der Umstellung ergebenen Änderun- gen der Offenlegungsvorschriften.

4.1 Incurred loss model nach IAS 39

Die Wertminderung finanzieller Vermögensgegenstände nach IAS 39 basiert auf dem Modell der eingetretenen Verluste (incurred loss model). Jenes Modell sieht eine zweistufige Vorgehensweise vor, die nachfolgend dargestellt wird.

Die erste Stufe sieht eine Identifizierung objektiver Hinweise für eine Wertminderung zu jedem Abschlussstichtag vor. Hierunter versteht der Standard einen nach dem Ansatz des finanziellen Vermögenswertes oder einer Gruppe finanzieller Vermögenswerte ein- getretenes Ereignis, das eine verlässlich schätzbare negative Auswirkung auf die entste- henden cashflows besitzt. Beispielhaft gelten Ereignisse wie erhebliche finanzielle Schwierigkeiten des Schuldners eines Finanzinstruments, ein Vertragsbruch wie der Ausfall von Zins- und Tilgungszahlungen oder Anzeichen für einen Konkurs (Eröff- nung eines Insolvenzverfahrens) des Kreditnehmers als objektive Hinweise auf eine Wertminderung.48 Ferner stellen explizit für gehaltene Eigenkapitaltitel weitere Ereig- nisse einen objektiven Hinweis für eine Wertminderung dar. Hierunter zählt beispiels- weise ein signifikanter oder länger anhaltender Rückgang des beizulegenden Zeitwertes unterhalb der Anschaffungskosten.49 Demgegenüber stellen bestimmte für sich genom- mene Ereignisse nicht notwendigerweise objektive Hinweise im obigen Sinne dar. Hier- zu zählen Ereignisse wie die bloße Einstellung des öffentlichen Wertpapierhandels, die Herabstufung von unternehmensbezogenen Bonitätsrankings oder eines unterhalb der fortgeführten (-/oder) Anschaffungskosten sinkender beizulegender Zeitwert eines Vermögenswertes.50 Daneben gilt, dass ungeachtet der Eintrittswahrscheinlichkeit zukünftig erwartete Ereignisse nicht berücksichtigt werden dürfen.

Liegt ein objektiver Hinweis im obigen Sinne vor, gilt es in der zweiten Stufe die Höhe der Wertminderung zu ermitteln. Die konkrete Ausgestaltung richtet sich nach dem je- weiligen Folgebewertungskonzept. Ist der finanzielle Vermögenswert dem Konzept fortgeführter Anschaffungskosten zugeordnet, so entspricht die Höhe der Wertminde- rung der Differenz zwischen dem Buchwert und dem Barwert der erwarteten künftigen cashflows.51 Dabei wird mit dem ursprünglichen Effektivzinssatz diskontiert.52 Führt die Schätzung zur Höhe der Wertminderung zu einem Intervall von Barwerten, ist die bestmögliche Schätzung dieses Intervalls heranzuziehen.53 Die Wertminderung ist er- folgswirksam zu erfassen. Nachdem eine Wertminderung erfasst wurde, erfolgt eine Aufzinsung des zinstragenden finanziellen Vermögenswertes unter Anwendung des ursprünglichen Effektivzinssatzes (unwinding).54 Fällt der objektive Hinweis weg, der zu einer Wertkorrektur geführt hat, ist durch eine Wertaufholung der Minderungsbedarf rückgängig zu machen. Die erfolgswirksame Wertaufholung darf jedoch nicht dazu füh- ren, dass der neue Buchwert des finanziellen Vermögensgegenstands jenen Buchwert übersteigt, der sich ohne eine vorherige Wertminderung ergeben hätte.55 Liegen schließ- lich keine objektiven Hinweise auf eine Wertminderung bei einzelnen bedeutsamen finanziellen Vermögenswerten dieser Kategorie vor, sind diese Posten zusammen mit den nicht bedeutsamen Instrumenten, die vergleichbare Ausfallrisikoprofile aufweisen, zu einer Bewertungseinheit zusammenzufassen.56 Im Falle substanzieller Hinweise auf eine Wertminderung ist hier eine Wertminderung der Gesamtheit geboten.57 Die Höhe der Wertminderung orientiert sich dabei an Erfahrungswerte.

[...]


1 Vgl. Hommel/Berndt (2000).

2 Vgl. Tweedie (2007).

3 Vgl. Lloyd (2014), S. 1.

4 Vgl. Edelmann (2010), S. 15 ff.

5 Vgl. IASB (2008).

6 Vgl. EFRAG (2016).

7 Vgl. IAS 39.1; IFRS 9.1.1.

8 IAS 32.11.

9 Exemplarisch seien an dieser Stelle Finanzinstrumente genannt, die aus Altersversorgungsplänen (IAS 19) oder aus anteilsbasierten Vergütungsprogrammen (IFRS 2) resultieren. Auch jene aus Lea- singverhältnissen (IAS 17) sind von der Anwendung ausgeschlossen, dies gilt jedoch nicht für die Vorschriften der jeweiligen Standards über Wertminderungen auf Forderungen aus Leasingverhältnissen.

10 Vgl. Petersen et al. (2014), S. 186 f.

11 Ausführlicher: Harder (2015), S. 12 ff.; Stauber (2012), S. 59 ff.

12 Vgl. Pellens et al. (2014), S. 565.

13 Unter Warenterminkontrakten versteht man feste Zusagen, zu einem vereinbarten zukünftigen Zeit- punkt und einem ex ante festgelegten Preis eine Ware zu kaufen oder verkaufen. Vgl. Ebd., S. 567.

14 Dies gilt für Verträge, „die zwecks Empfang oder der Lieferung nicht finanzieller Posten gemäß dem erwarteten Einkaufs-, Verkaufs- oder Nutzungsbedarf des Unternehmens abgeschlossen wurden und in diesem Sinne weiter behalten werden“ (own use exemption). Ausgenommen sind Verträge über nichtfinanzielle Vermögenswerte, die „in bar oder anderen Finanzinstrumenten oder durch den Tausch von Finanzinstrumenten“ ausgeglichen werden können (net settlement). IAS 39.5.

15 Ausführlicher zu accounting missmatch: IFRS 9.B4.1.29 - 32.

16 Vgl. IFRS 9.2.4-7.

17 Ein hybrides Finanzinstrument besteht aus einem rechtlich nicht separierbaren, nicht-derivativen Ba- sisvertrag und mindestens einem eingebetteten Finanzderivat. Vgl. Pellens et al. (2014), S. 582 ff.

18 Ausführlicher: Pellens et al. (2014), S. 582 ff.

19 Vgl. IAS 39.58.

20 Der IFRS 15 ist auf Berichtsperioden anzuwenden, die am oder nach dem 1. Januar 2018 beginnen. Vgl. EFRAG (2016).

21 Vgl. IFRS 9.5.5.1; IFRS 9.4.1.2. - 4.2.1 (d).

22 Vgl. Deloitte (2014b), S. 3.

23 Vgl. Grünberger (2016), S. 163.

24 Die nachfolgende Behandlung von Finanzinstrumenten klammert diejenigen aus, die Teil einer Siche- rungsbeziehung und nach IAS 39.85-102 zu bilanzieren sind.

25 Ausführlicher: Pellens et al. (2014), S. 555 ff.

26 Vgl. IAS 39.46-47.

27 Vgl. IAS 39.14; IFRS 9.3.1.1.

28 Auf die Darstellung der detaillierten Ermittlungsvorschriften zum fair value nach IAS 39, IFRS 9 und IFRS 13 wird nachfolgend verzichtet.

29 Zu Handelszwecken in diesem Sinne werden auch Derivate eingestuft. Ausgenommen sind Derivate, die eine finanzielle Garantie oder ein Sicherungsinstrument darstellen und als solche effektiv sind.

30 Die fair value option ist an die im IAS 39.9 genannten Bedingungen geknüpft, wonach das Finan- zinstrument entweder ein bestimmtes Derivat nach IAS 39.11A enthält (eingebettetes Derivat) oder die Einstufung zweckdienlichere Informationen vermittelt, weil ein accounting missmatch eliminiert oder verringert wird oder weil so eine einheitliche Steuerung der Risikomanagement- oder Anlagestra- tegie auf Basis des fair value erzielt wird. Vgl. IAS 39.9; IAS 39.A4D-G.

31 Ein trennungspflichtiges hybrides Finanzinstrument, das nicht aufspaltbar ist, wird ebenfalls als Gan- zes erfolgswirksam zum beizulegenden Zeitwert bewertet. Vgl. IAS 39.12.

32 Vgl. IAS 39.9; IAS 39.46c.

33 Vgl. IAS 39.9; IAS 39.A16-A25.

34 IAS 39.9.

35 Vgl. IAS 39.46; IAS 39.55b.

36 Neben diesen explizit im IAS 39.9 genannten Kategorien, findet sich in der Literatur eine weitere aus dem Standard implizit abgeleitete Kategorie. So werden finanzielle Verbindlichkeiten, die nicht zum Handelsbestand zählen und nicht freiwillig zum beizulegenden Zeitwert bilanziert werden (siehe: erste Kategorie), zu den sonstigen finanziellen Verbindlichkeiten zusammengefasst und damit als weitere Kategorie betrachtet. Die Bewertung erfolgt neben einiger Ausnahmen zu fortgeführten Anschaf- fungskosten mittels der Effektivzinsmethode gem. IAS 39.47. Eine weitere implizite Kategorie wird auch in oben genannten Eigenkapitaltiteln gesehen, für die kein verlässlicher Zeitwert ermittelt wer- den kann. Vgl. Kirsch (2016), S. 111 ff.; Pellens et al. (2014), S. 573.

37 Hinsichtlich der Klassifizierung finanzieller Verbindlichkeiten orientiert sich der IFRS 9 grundsätzlich an dem Bilanzierungsmodell des IAS 39. Da finanzielle Verbindlichkeiten im Rahmen der Wertmin- derung von Finanzinstrumenten nicht in den Regelungsumfang fallen, wird nachfolgend auf eine de- taillierte Darstellung verzichtet. Vgl. Grünberger (2016), S. 163 f.; KPMG (2014), S. 4.

38 Vgl. Giloth (2012), S. 22 ff.

39 „… solely payments of principal and interest …“. IFRS 9.4.1.2.

40 Vgl. IFRS 9.4.1.2; IFRS 9.B4.1.2.C ff.

41 Vgl. IFRS 9.4.1.2A.

42 Vgl. IFRS 9.4.1.4.

43 Dies gilt außerdem für hybride Finanzinstrumente, die grundsätzlich aufzuspalten wären und gleich- zeitig das eingebettete Derivat die Zahlungsreihe wesentlich bestimmt. Vgl. IFRS 9.4.3.3.-5.

44 Vgl. IFRS 9.4.1.5.

45 Neben diesen Kategorien findet sich in der Literatur eine aus dem Standard implizit abgeleitete vierte Kategorie. So kann ein aktivisches Eigenkapitalinstrument nach IFRS 9.5.7.5, das nicht zu Handels- zwecken gehalten wird, at fair value through OCI bewertet werden. Vgl. Kirsch (2016), S. 124; Pel- lens et al. (2014), S. 586 f.

46 Vgl. Kirsch (2016), S. 128.

47 Ausführlicher zur Klassifizierung nach IFRS 9: Deloitte (2014a); EY (2015a). 10

48 Vgl. IAS 39.58-59.

49 Vgl. IAS 39.61.

50 Vgl. IAS 39.60.

51 Auf die Abzinsung der cashflows kann bei kurzfristigen Forderungen verzichtet werden, sofern der Abzinsungseffekt unwesentlich ist. Vgl. IAS 39.A84.

52 Vgl. IAS 39.63.

53 Vgl. Lüdenbach/Hoffmann (2014), § 28, Rz. 128.

54 Vgl. IAS 39.A93.

55 Vgl. IAS 39.65.

56 Vgl. IAS 39.64; IAS 39.A87-88.

57 Vgl. Petersen et al. (2014), S. 203.

Details

Seiten
55
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668251304
ISBN (Buch)
9783668251311
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Erscheinungsdatum
2016 (Juli)
Note
1,0
Schlagworte
IFRS 9 IAS 39 Wertminderung Finanzinstrumente IFRS Internationale Rechnungslegung three stage model Conceptual Framework expected loss model IFRS 7 finanzielle Vermögenswerte Herzig Janco Herzig Brademann Sascha Brademann

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