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Wohnstruktur und Gesellschaftsstruktur. Proletarisches Wohnen am Beispiel von London und Berlin

von Iwan Müller-Schmidt (Autor)

Hausarbeit 2014 30 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 "Wohnen" und "Proletariat" aus soziologischer Perspektive
1.2 Vorgehensweise, Fragestellung und Aufbau der Arbeit

2. Industrielle Entwicklung und proletarisches Wohnen
2.1 Industrielle Entwicklung und Verstädterungsprozesse
2.2 Einkommens- und Wohnsituation der Arbeiterklasse (Proletarier)

3. Proletarisches Wohnen am Beispiel von London und Berlin
3.1 Proletarisches Wohnen in London
3.2 Proletarisches Wohnen in Berlin

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 "Wohnen" und "Proletariat" aus soziologischer Perspektive

Wohnung gehört neben Nahrung und Kleidung zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Jedoch ist Wohnen mehr als ein im persönlichen Bereich liegendes Bedürfnis - es reicht in den gesellschaftlichen Raum hinein. Der französische Stadtsoziologe de Lauwe drückt das Verhältis zwischen Wohnen und Gesellschaft folgendermaßen aus: "Das Bild der Gesellschaft ist auf den Boden geschrieben".[1].Diese Worte können wohl so verstanden werden, dass sich in Bezug auf "Wohnen" bzw. "Wohnverhältnisse" Charakteristika der jeweiligen Gesellschaftsordunng finden. Elias weist auf den spiegelbildlichen Charakter der "Wohnstrukturen als Anzeiger gesellschaftlicher Strukturen" hin.[2]

Mit dem Übergang aus feudalen Verhältnissen fand eine "Umwandlung der Ständegesellschaft in die Klassengesellschaft"[3] statt. In dieser vom Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit geprägten neuen Gesellschaftsordnung war die unterste Klasse das Proletariat, d.h. "diejenigen sozialen Schichten, die eigener Produktionsmittel beraubt, ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen und im unmittelbaren Bereich des Wertbildungsprozesses mit körperlicher Arbeit beschäftigt" sind.[4] Allerdings war das Proletariat "keine einheitliche oder unstrukturierte Masse, sondern setzte sich aus vielen Gruppen mit sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen und Mentalitäten zusammen ". [5]

1.2 Vorgehensweise, Fragestellung und Aufbau der Arbeit

Ergänzend zum "Wie?" bzw. der deskriptiven Darstellung des proletarischen Wohnens soll auch dem "Warum?" ein Augenmerk gewidmet werden. Insbesondere werden die Auswirkungen der Industrialisierung, der Urbanisierung, der Migration etc. auf das Proletarische Wohnen, aber auch auf damit zusammenhängende Interdependenzen betrachtet. Zur Verbesserung des Gesamtverständnisses wird zuweilen auch auf historische Hintergründe eingegangen.

In Kap. 2.1 wird werden die Industrialisierung und deren Auswirkungen erörtert. Es geht um die Umwandlung der Gesellschaft von einer Agrar- in eine Industriegesellschaft, in der die maschinelle, in Fabriken vollzogene Produktion von Gütern sowie Dienstleistungen einen immer größer werdenen Anteil annimmt. Nur im Vordergrund geht es um die "dramatischen Veränderungen der Produktionsprozesse"; im Hintergrund steht die Industrialisierung der gesamten Gesellschaft.[6] Ohne die Industrialisierung wäre die Entstehung des Proletariats und auch des proletarischen Wohnens undenkbar gewesen. Im Zusammenhang mit der Verstädterung wird neben Problemkreisen wie Bevölkerungswachstum und Migration u.a. auf die Frage eingegangen, in welcher Beziehung die mit der Urbanisierung einhergehende Segregation zur Entstehung des städtischen Proletariats als soziale Klasse zu sehen ist. Welche Auswirkungen hatten Arbeits- und Wohnbedingungen des Proletariats im Hinblick auf das Klassenbewusstsein)? Im Mittelpunkt von Kap. 2.2 steht die Einkommens- und Wohnsituation der Arbeiterklasse. Wie wirkte sich deren Einkommenssituation auf die proletarischen Wohnbedingungen aus? Welche proletarischen Wohnformen gab es? Wie sah das Wohnungselend konkret aus und welche Auswirkungen waren z.B. im Hinblick auf Gesundheit und soziales Zusammenleben zu beobachten?

In Kap. 3.1 wird ein Blick auf die Wohnsituation des Proletariats in London geworfen. Im Zentrum der Betrachtungen stehen Schilderungen von Engels, der in seinem Werk "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" insbesondere auch das Wohnungselend der Arbeiterklasse thematisiert. Auf Grund ihrer herausragenden Bedeutung wird diese Schrift einerseits als "Klassiker der Arbeiterliteratur"[7] bezeichnet. Darüber hinaus wird sie aber auch als "Klassiker der frühen Stadtkritik"[8] betrachtet. In Kap. 3.2 soll beispielhaft für das proletarische Wohnen und die damit verbundenen Probleme in Deutschland auf die Bedingungen in Berlin eingegangen werden. Berlin spielte eine besondere Rolle bei der industriellen Entwicklung und den damit einhergehenden Verstädterungsprozessen. Der Architekt Muthesius bezeichnet vor diesem Hintergrund Berlin als "eine Unsumme von Unkultur, wie sie in den Wohnungsverhältnissen der Menschheit noch nicht dagewesen ist".[9]

Im Resümee (Kap. 4) sollen wesentliche Aspekte und Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst bzw. darüber reflektiert werden.

2. Industrielle Entwicklung und proletarisches Wohnen

2.1 Industrielle Entwicklung und Verstädterungsprozesse

Die Industrialisierung beeinflusste das Leben der Menschen in vielen Bereichen. Insbesondere in der Arbeitswelt brachte sie tiefgreifende Veränderungen mit sich. Vor diesem Hintergrund kommt Landes zu der Feststellung, "der Engländer des Jahres 1750" habe sich "in größerer Nähe zu den Legionen Cäsars als zu seinen Urenkeln" befunden.[10] England gilt als Mutterland der industriellen Revolution und auch des industriellen Kapitalismus. Günstige wirtschaftliche Voraussetzungen wie Erfindungen, das Aufkommen der Eisenbahn und vor allem eine effiziente Industrie sorgten in Verbindung mit ebenfalls günstigen politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür, dass England jahrzehntelang eine Vorreiterrolle sowie Rolle als Vorbild zukam.[11] Engels zeigt den Zusammenhang zwischen der Industrialisierung und der Entstehung des Proletariats auf: "Die Geschichte der arbeitenden Klasse in England beginnt mit der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Maschinen zur Verarbeitung der Baumwolle. Diese [...] gaben [...] den Anstoß zu einer industriellen Revolution [...], die zugleich die ganze bürgerliche Gesellschaft umwandelte und deren weltgeschichtliche Bedeutung erst jetzt anfängt erkannt zu werden. England ist der klassische Boden dieser Umwälzung [...] und England ist darum auch das klassische Land für die Entwicklung ihres hauptsächlichsten Resultates, des Proletariats."[12] Deutschland hatte gegenüber England einen Vorsprung aufzuholen. Für die Entwicklung Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat ermöglichte die Schaffung günstigerer Voraussetzungen einen "großen Sprung nach vorn".[13] Zu nennen wären hier u.a. die Bauernbefreiung (1807), die mit der Abschaffung der Zunftwesens einhergehende Gewerbefreiheit (1810), ein einheitliches Wirtschaftsgebiet durch die Gründung des Zollvereins (1834) sowie später die Reichsgündung (1871) und der Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte Erwerb von Kolonien und Schutzgebieten in Übersee.

Auch außerhalb der Arbeitswelt - insbesondere auch im Bereich "Wohnen" - hatte die Industrialisierung in vielen Bereichen Änderungen der Lebensverhältnisse zur Folge. Eine der sozialen Folgen der Industrialisierung bezog sich auf die Wohnverhältnisse. Wohnungsnot, Wohnungsmangel etc. waren nicht ausschließlich auf das Proletariat begrenzt - auch das Kleinbürgertum war von diesen Problemen betroffen.[14] Am stärksten jedoch traf die Wohnungsnot die Arbeiterschaft; insofern kann man von einer "Arbeiterwohnungsfrage" sprechen.[15]

Die Wohnungsfrage muss also vor dem Hintergrund der industriellen Entwicklung und der damit einhergehenden Verstädterung betrachtet werden. Diese nahm sowohl quantitativ als auch qualitativ eine bisher nicht gekannte Dimension an. Die Interdependenz mit der Industrialisierung bedeutete auch, dass bei den Verstädterungsprozessen ebenso wie bei der Industrialisierung verschiedene Phasen zu beobachten waren. Im Zeitraum seit Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte der 1850er Jahre sind erste Ansätze zur Urbanisierung zu beobachten. Mit der Frühindustrialisierung kam es zum Durchbruch der allgemeinen Urbanisierung. Im Zeitraum der Hochindustrialisierung (1875 bis 1914) erreichte dementsprechend auch die Urbanisierung einen Höhepunkt.[16]

Die Industrialisierung bewirkte eine Landflucht. Viele vor allem junge Bewohner ländlicher Regionen zogen angesichts der dortigen schlechten Verdienstmöglichkeiten in städtische Industrieregionen zwecks Erwerbstätigkeit in Manufakturen, Fabriken. Die im Zuge der Industrialisierung zu beobachtenden Verstädterungsprozesse waren also zu einem wesentlichen Teil migrationsbedingt (insbesondere im Ruhrgebiet und in Berlin spielten polnische Zuwanderer eine Rolle).[17]

Der Prozess der Zuwanderung und die Stadtentwicklung waren interdependent. Einerseits hat das Leben in Mietskasernen etc. das proletarische Wohnen wesentlich geändert. Andererseits änderte sich mit dem Zustrom von Arbeitern in die Städte deren Sozialstruktur. Des Weiteren hat die Konzentration des Proletariats die Städte nicht nur in ihrer Größe, sondern z.B. im Hinblick auf die Entstehung von "Mietskasernen" auch in ihrer Bau- und Wohnstruktur verändert. Kennzeichnend für Arbeiterviertel war eine hohe Bebauungsdichte und vor allem auch eine hohe Wohndichte mit desolaten Wohnverhältnissen für die oft neuen Stadtbewohner. Der Zustrom von Arbeitnehmern führte zu einer Umstrukturierung der Städte dergestalt, dass sich um die Innenstadt, in der viele Arbeiter ihren Arbeitsplatz hatten, "Zentren der Transition" bildeten.[18] Die sozialen Schichten waren i.d.R. großräumig getrennt in Arbeiterviertel bzw. bürgerliche Viertel (Segregation).

Wehler weist auf die Konsequenzen der mit der Industrialisierung und der Urbanisierung einhergehenden Segregation im Hinblick auf die Entstehung eines städtischen Proletariats hin: "Die deprimierende Gleichförmigkeit miserabler Wohnbedingungen, die dominierende Erfahrung von Armut und Überfüllung, von Krankheit und Kindertod, von Verschuldung und Elend - sie haben jenes proletarische Milieu geschaffen, in dem sich die Vorstellung von einer gemeinsamen Klassenlage [...] und ein gemeinsames Klassenbewusstsein während einer langgedehnten Entwicklungsphase durchsetzen konnten. Daher gehörten die Auswirkungen der Segregation der Arbeiterviertel zusammen mit der steten Wiederholung des proletarischen Wohnalltags zu den herausragenden Einflussfaktoren, welche die Binnenhomogenisierung und Außenabgrenzung vorantrieben. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass aus heterogenen Arbeitergruppen [...] das Proletariat als soziale Klasse entstand. [19] Allerdings muss hier angemerkt werden, dass die Fabrikarbeit mit den damit verbundenen Zwängen viele Arbeiter in einen "Zustand passiver Resignation" versetzte: Dies hinderte die Arbeiter daran, ein "Solidaritätsgefühl [...] mit der gesamten Gruppe aller Arbeitenden zu entwickeln. So liegt in dieser Passivität der Hauptgrund für das so langsame Heranreifen des Klassenbewusstseins unter den Arbeitern".[20] Hinzuzufügen ist hier noch, dass neben den Arbeitsbedingungen auch die in Kap. 2.2 näher erörterten katastrophalen Wohnbedingungen den "Zustand passiver Resignation" förderten.

Nipperday weist darauf hin, dass am Entstehen von Arbeiterbewegung und sozialistischer Bewegung nicht die Unterschichten (insbesondere das Fabrikproletariat) den entscheidenden Anteil hatten. Die Unterschichten seien schon deshalb keine gemeinsame "Klasse" gewesen, weil ihnen ein gemeinsames Bewusstsein fehlte, das sie hätten artikulieren können. Sie waren quasi ausgeschlossen vom politischen Leben und die Möglichkeiten ihrer Willensäußerungen waren durch polizeiliche Unterdrückung sehr eingeschränkt. Vielmehr sei die sozialistische Bewegung "aus der eigentümlichen Verbindung radikaler Intellektueller mit Handwerkergesellen [...] in der Emigration" entstanden.[21]

2.2 Einkommens- und Wohnsituation der Arbeiterklasse (Proletarier)

Relativ niedrige Einkommen auf der einen Seite und relativ hohe Mieten auf der anderen Seite waren für die meisten Proletarier ein Problem. Auch wenn das Reallohnniveau im Laufe der Jahre anstieg, war auf der anderen Seite die Tatsache zu verzeichnnen, dass "die Mieten [...] in den Städten [...] den Löhnen davonliefen".[22] Im Hinblick auf die Einnahmen war folgendes zu berücksichtigen: "[...] selbst wenn ein regelmäßiges Beschäftigungsverhältnis bestand, konnten die Lohneinnahmen wegen Schwankungen in der Leistungskraft bei Akkordentlohnung, mehr noch wegen unregelmäßiger Beschäftigungszeiten in stark schwankenden Auftragslagen [...] von Woche zu Woche sehr stark voneinander abweichen.[23] All dies sorgte dafür, dass sich "gerade im Wohnbereich [...] die Instabilität des Arbeiterlebens im Kaiserreich greifen" ließ.[24]

[...]


[1] Bertels (2008), S. 28.

[2] Elias (1969), S. 68ff.

[3] Geißler (2014), S. 12.

[4] Ahlberg (1974), S. 54.

[5] Vgl. i.e. Geißler (2014), S. 16f. (m.w.N.).

[6] Condrau (2005), S. 1ff.

[7] Pzyrembel (2011), S. 1.

[8] Wendland (2006), S. 271.

[9] Zit. in Müller (1998), S. 16 (m.s.N.).

[10] Landes (1973), S. 19.

[11] Wende (1995), S. 198ff. ; Landes (1973), S. 52ff., 124ff.

[12] Engels (1972), S. 237.

[13] Ullrich (2007), S. 129ff.; vgl. auch Nipperdey (1983), S. 102ff.

[14] Vgl. Häußermann/Siebel (1996), S. 61.

[15] Häußermann/Siebel (1996), S. 62.

[16] Vgl. i.e. Reulecke (1985), S. 14ff., 36ff., 68ff.

[17] Ullrich (2007), S. 136.; Kaluza (2002), S. 699ff.

[18] v. Saldern (1995), S. 44.

[19] Wehler (2006), S. 25.

[20] Bergier (1976), S. 283.

[21] Nipperdey (1983), S. 377ff.

[22] Niethammer/Brüggemeier (1976), S. 128.

[23] Ritter/Tenfelde (1992), S. 498 (m.w.N.).

[24] Niethammer/Brüggemeier (1976), S. 128.

Details

Seiten
30
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668252202
ISBN (Buch)
9783668252219
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335292
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Wohnen Gesellschaftsstruktur Wohnstruktur Berlin London Proletariat Engels Proletarisches Wohnen Industrielle Entwicklung und Wohnen Wohnen in Berlin Wohnen in London

Autor

  • Iwan Müller-Schmidt (Autor)

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Titel: Wohnstruktur und Gesellschaftsstruktur. Proletarisches Wohnen am Beispiel von London und Berlin