Lade Inhalt...

Deutscher Militarismus und deutsche Militärtradition. Zur Situation nach 1945

von Iwan Müller-Schmidt (Autor)

Hausarbeit 2015 37 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Erläuterungen zu Schlüsselbegriffen 2.1.1 "Militarismus"
2.1.2 "Militärische Traditionen"
2.1.3 "Stunde Null"
2.2 Kriegsziele der Alliierten im Hinblick auf Militär und Militarismus
2.3 Rückblickende Bewertung des deutschen Militarismus von deutscher Seite
2.4 Diskussion über die Notwendigkeit einer Remilitarisierung
2.4.1 Rahmenbedingungen sowie Interessen der Westmächte
2.4.2 Interessen- und Motivationslage aus westdeutscher Sicht
2.4.3 Beurteilung der Remilitarisierungstendenzen aus ostdeutscher Sicht
2.5 Stellung und Funktion der Streitkräfte in Staat und Gesellschaft
2.5.1 Die Ausgangsposition
2.5.2 Abkehr von Staat und Gesellschaft beherrschenden Stellung des Militärs
2.5.3 Notwendigkeit der gesellschaftlichen Rehabilitierung des Soldatentums
2.5.4 Die führende Rolle der SED im Militär
2.6 "Militärischer Widerstand": Herausbildung einer neuen Traditionslinie
2.6.1 Der Diskurs im Westen
2.6.2 Der Diskurs im Osten: Nichtherausbildung einer neuen Traditionslinie
2.7 Exkurs: Die De- und Remilitarisierung Japans nach 1945

3 Resümee

Literaturverzeichchnis

1 Einleitung

Auch wenn der Betrachtungszeitraum analog zum Online-Seminar "Die deutsche Nachkriegszeit 1945-1949" im Prinzip in diesem Rahmen liegt, wird mitunter der Blick weiter in die Vergangenheit gerichtet oder es wird auf aus der Sicht der Nachkriegszeit zukünftige Entwicklungen eingegangen. Dies geschieht, um die 1945-1949 erfolgten Weichenstellungen und ihre Vorbedingungen und Auswirkungen besser zu verstehen.

Nach Erläuterungen zu Schlüsselbegriffen (Kap. 2.1) wird in Kap. 2.2 ein Blick auf mit der Entmilitarisierung zusammenhängende Fragen geworfen. Entsprechend einem Hautpkriegsziel der Alliierten konnte nach der deutschen Kriegsniederlage die Demilitarisierung durchgeführt werden. Auf dem ersten Blick erscheint es nicht einfach, "Militarismus" im Zeitraum 1945-1949 zu betrachten, da deutsches Militär nach der Entmilittarisierung eigentlich nicht vorhanden war.[1][2] Es geht hier aber auch um den nach Ende der Existenz des deutschen Militärs z.T. noch weiterlebenden Geist des Militarismus, der ja nach dem Willen der Alliierten ebenfalls auszurotten war. Des Weiteren interessiert, wie das Trauma von Nationalismus und Militarismus von deutscher Seite aus verarbeitet bzw. bewertet wurde (Kap. 2.3).

Nicht lange nachdem im Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches die Waffen schwiegen, begann der Kalte Krieg zwischen West und Ost. In Kap. 2.4 wird von der Prämisse ausgegangen, dass dieser Bedeutung für Weichenstellungen in der Nachkriegszeit hatte. Notwendig erscheint eine Analyse im Hinblick auf die durch unterschiedliche innen- und außenpolitische Voraussetzungen geprägte Interessen- und Motivationslage bei den Alliierten sowie auf deutscher Seite. Bezüglich der neu aufzubauenden Streitkräfte erscheint als Schwierigkeit, dass Militär und Gesellschaft nicht mehr "militaristisch" sein wollten bzw. sollten, also offenbar das konkrete Betrachtungsobjekt fehlt. Hier kommt es aber auch auf die in Ost und West unterschiedliche Einschätzung und Bewertung hinsichtlich des Militarismus an.

In Kap. 2.5 wird der Frage nachgegangen, wie die nach dem Krieg vollzogene "Überwindung des Militarismus" den damit zusammenhängenden Status des Militärs und des Soldatentums in Staat und Gesellschaft beeinflusste.

Ähnlich wie in Kap. 2.4 scheint auch bei der Betrachtung der Militärtradition der aufzubauenden Streitkräfte im Zeitraum 1945-1949 (Kap. 2.6) sozusagen das konkrete Betrachtungsobjekt zu fehlen, da die militärische Tradition in den im Falle der Wehrmacht nicht mehr und im Falle der Bundeswehr bzw. NVA noch nicht vorhandenen Streitkräften als Betrachtungsgegenstand ausscheidet. Jedoch lassen sich anhand entsprechender Diskurse in der Nachkriegszeit durchaus Weichenstellungen im Hinblick auf die Traditionslinien der Bundeswehr und der NVA ausmachen. Als ein die Mauer in den Köpfen der Menschen zeigendes Beispiel eignet sich ein Blick auf den in der Traditionslinie der Bundeswehr stehenden Widerstand vom 20. Juli 1944. Ausgehend von der Situation des Nachkriegsdiskurses im Westen wird auf Unterschiede im Osten und deren Hintergründe und Folgen eingegangen.

Im Exkurs über Japan (Kap. 2.7) soll hinterfragt werden, ob aus der dortigen Situation nach Kriegsende Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Lage in Deutschland gezogen werden können.

Reflektierend über wesentliche Aspekte und Erkenntnisse der Arbeit. soll im Resümee versucht werden, aus den gewonnenen Erkenntnissen eine Art Bilanz zu ziehen.

Auf der Basis u.a. von Materialien aus dem Online-Seminar "Die deutsche Nachkriegszeit 1945-1949" (WS 2014/15), Kursmaterial der FernUniversität "Deutsche Geschichte 1871-1945" sowie weiteren einschlägigen Monographien, Zeitschriften- und Zeitungsartikeln, Internetquellen etc. wird der Sach- und Meinungsstand analysiert. Wenn Einschätzungen konträr sind, werden u.U. eigene Stellungnahmen abgegeben, soweit dies sinnvoll erscheint. Internetquellen wurden am 21.08.2015 überprüft. Im Hinblick auf Abkürzungen sei auf den Duden bzw. auf www.abkuerzungen.de verwiesen.

2 Hauptteil

2.1 Erläuterungen zu Schlüsselbegriffen

2.1.1 "Militarismus"

Hierunter wird allgemein "das Überhandnehmen des Militärischen im politischen und gesellschaftlichen Bereich"[3] verstanden. Hierbei betont Förster jedoch den Aspekt der "Zweckentfremdung der Streitkräfte über ihre genuine Aufgabe der Landesverteidigung hinaus".[4] Das Wesen des Militarismus fasst Förster an anderer Stelle wie folgt zusammen:

"Militarismus bedeutet die Zweckentfremdung der Streitkräfte für die innere Politik und/oder für die Aggression nach außen und damit eng zusammenhängend die Überbetonung der Militärpolitik gegenüber anderen Bereichen der Politik[...]".[5]

Heinemann unterstreicht in diesem Zusammenhang zu Recht den Aspekt der Illegitimität der Einflussnahme auf die Politik; allerdings erscheint Heinemanns strikte Trennung von "Militarismus" und "Militarisierung zweifelhaft.[6] Charakteristisch für den preußisch-deutschen Militarismus war u.a. die Militarisierung der gesamten Gesellschaft: "Wohl nirgendwo entwickelten militärische Leitbilder eine solche Prägekraft auf das Zivilleben wie im Deutschen Reich vor 1914." [7] Nach Wette ist demgegenüber für einen nicht militaristisch orientierten Staat u.a. das negative Abgrenzungskriterium charakteristisch, dass er von seinen Soldaten Nichtgehorsam in Bezug auf Verbrechen beinhaltende Befehle verlangt.[8] Dieser Gesichtspunkt spielt u.a. beim militärischen Widerstand gegen Hitler vom 20. Juli 1944 eine Rolle.

2.1.2 "Militärische Traditionen"

"Tradition" bedeutet "den Vorgang des Überlieferns ebenso wie die überlieferten Inhalte. Tradition in diesem Sinne ist ein zentraler kulturbildender Vorgang, auch wenn die Inhalte der jeweiligen Überlieferungen zwischen den jeweiligen Kulturen naturgemäß variieren."[9]Fast alle Armeen pflegen militärische Traditionen. U.a. durch "historisierende Uniformen [...] zu feierlichen Anlässen, Fahnen, Abzeichen, Zeremonielle" wird die "Erinnerung an militärische Ereignisse, insbesondere an militärische Erfolge" wach gehalten.[10]Es geht dabei um "eine wertbezogene Auswahl aus der Geschichte. Als traditionswürdig werden solche Phänomene und Personen bewertet, an denen sich soldatische Existenz [...] ausrichten kann."[11]

2.1.3 "Stunde Null"

Es ist fraglich, ob man von einer "Stunde Null" im Allgemeinen[12] und für deutsches Militär und deutschen Militarismus im Besonderen[13] sprechen kann. Die Kapitulation am 8. Mai 1945 steht für einen Epochenwechsel. Vor dem Hintergrund von totaler Niederlage und Entmilitarisierung erscheint die Situation im Nachkriegsdeutschland als Beispiel für einen tiefen Bruch bzw. Wendepunkt.[14] Der Gedanke liegt daher nahe, dass von einer "Stunde Null" im Zusammenhang mit einem "identitätsstiftenden und die Gemeinschaft integrierenden [...] politischen Gründungsmythos" bzw. der Unterform des "kathartischen Mythos"[15] gesprochen wird, dessen Funktion die Legitimierung der Existenz der Bundesrepublik ist.[16] Problematisch ist dabei jedoch, dass bei einer solchen Sichtweise ausgeblendet wird, "dass dieser Neuanfang tatsächlich aus umfangreichen Kontinuitäten bestand".[17] Der Terminus "Stunde Null" impliziert jedoch einen absoluten Neubeginn. Einen solchen kann es aber in der Geschichte rein begrifflich niemals geben, da vor jedem auch noch so umwälzenden Ereignis irgendetwas existiert haben muss, auf das zumindest teilweise aufgebaut wird. Trotz des sich in einem"Bild der Verwüstung und der Hoffnungslosigkeit" ("zerbombte Städte, zerschmetterte Industrie, zerstörte Infrastruktur, dazu die hungernde Bevölkerung, endlose Flüchtlingsströme, vernichtete Existenzen, eine traumatisierte Gesellschaft")[18] manifestierenden Katastrophe[19] kann man auch imHinblick auf Kontinuitätslinien folgenden Ausführungen v. Weizsäckers zustimmen:

"Immer wieder ist von einer Stunde Null die Rede, weil sie von uns Menschen im Leben und Zusammenleben so empfunden wird. Es kann so tiefe Abstürze oder einen so radikalen neuen Anfang geben, dass wir keine Orientierung vorfinden oder dass wir sie neu schaffen müssen oder wollen. Dennoch hat jede Geschichte ihre Vorgeschichte. Im historischen Sinne gibt es nichts dem religiös geglaubten oder dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Nullpunkt Vergleichbares. Alle Gegenwart folgt aus einer Vergangenheit."[20]

Allerdings hat der Begriff "Stunde Null" im Hinblick auf eine "erinnerungspolitische" Komponente eine gewisse Berechtigung:

"[...] die 'Stunde Null' als ein geistiger Neubeginn, der nicht die Geschichte 'auf Null' stellte, sondern die Erinnerung daran und die Orientierung daraus für Gegenwart und Zukunft."[21]

2.2 Kriegsziele der Alliierten im Hinblick auf Militär und Militarismus

Bei der Besetzung Deutschlands kam jedenfalls nicht ausschließlich der Aspekt der "Befreiung" zum Tragen. In der die Grundlinien der amerikanischen Besatzungspolitik festlegenden US-Direktive JCS 1067 heißt es:

"Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat. Ihr Ziel ist nicht die Unterdrückung, sondern die Besetzung Deutschlands, um gewisse wichtige alliierte Absichten zu verwirklichen."[22]

Kernpunkte der "alliierten Absichten" waren die in der Dreimächtekonferenz ("Potsdamer Abkommen") vom 2. August 1945 festgelegten "4 D" (denazification, decentralisation, demilitarisation and democratisation of Germany). Die Eliminierung des deutschen (und auch des japanischen) Militarismus war jedenfalls eines der Hauptkriegsziele der Alliierten:

"Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und Nationalsozialismus zu zerstören und dafür Sorge zu tragen, daß Deutschland nie wieder im Stande ist den Weltfrieden zu stören. Wir sind entschlossen, alle deutschen Streitkräfte zu entwaffnen und aufzulösen; den deutschen Generalstab, der wiederholt die Wiederauffrischung des deutschen Militarismus zu Wege gebracht hat, für alle Zeiten zu zerschlagen; sämtliche deutschen militärischen Einrichtungen zu entfernen und zu zerstören; die gesamte deutsche Industrie, die für militärische Produktion benutzt werden könnte, zu beseitigen oder unter Kontrolle zu stellen; alle Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen und einer schnellen Bestrafung zuzuführen sowie eine in gleichem Umfang erfolgende Wiedergutmachung der von den Deutschen verursachten Zerstörungen zu bewirken; die Nationalsozialistische Partei, die nationalsozialistischen Gesetze, Organisationen und Einrichtungen zu beseitigen, alle nationalsozialistischen und militärischen Einflüsse aus den öffentlichen Dienststellen sowie dem kulturellen undwirtschaftlichen Leben des deutschen Volkes auszuschalten und in Übereinstimmung miteinander solche Maßnahmen in Deutschland zu ergreifen, die für den zukünftigen Frieden und die Sicherheit der Welt notwendig sind. Es ist nicht unsere Absicht, das deutsche Volk zu vernichten, aber nur dann, wenn der Nationalsozialismus und Militarismus ausgerottet sind, wird für die Deutschen Hoffnung auf ein würdiges Leben und einen Platz in der Völkergemeinschaft bestehen."[23]

Die nach der Niederlage Nazideutschlands durchgeführte Entmilitarisierung bezog sich also nicht nur auf die Demobilisierung der deutschen Streitkräfte, wichtig war darüber hinaus auch die Austilgung jeglichen militärisch relevanten Potentials. Neben dem wirtschaftlich-industriellen Bereich (z.B. Demontage von Industrieanlagen) ging es insbesondere auch um den geistig-ideologischen Bereich (Entnazifizierung, Kriegsverbrecherprozesse, "Reeducation" der deutschen Bevölkerung etc.). Diese sehr weitgehende Auslegung des Begriffs "Entmilitarisierung" hing damit zusammen, dass man auf Seiten der Alliierten"Nationalismus und Militarismus als typisch deutsche Abartigkeiten und die Wurzeln allen Übels" hielt, "die sie nun für alle Zeiten ausroden wollten, hatten sie doch [...] 1919 in Versailles nur an den Symptomen kuriert."[24] Als bemerkenswerter Höhepunkt der Entmilitarisierung kann die Auflösung des Landes Preußen durch ein Gesetz des Alliierten Kontrollrats im Februar 1947 gesehen werden:

"Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört."[25]

Dieses Gesetz kann "als die förmliche Ächtung des preußischen Staates, als seine Exkommunikation [...] aus dem Kreis der gesitteten Nationen" verstanden werden.[26]

2.3 Rückblickende Bewertung des deutschen Militarismus von deutscher Seite

Wie wurde in der Nachkriegszeit unter dem frischen Eindruck von Kriegsniederlage, Kriegsverbrechen etc. der deutsche Militarismus von deutscher Seite aus bewertet? Parallel zur Auffassung der Alliierten, die eine enge Verbindung zwischen Nationalsozialismus und Militarismus sahen, wurde dieser Zusammenhang auch von deutscher Seite aus verurteilt.[27] In den Kölner Leitsätzen der CDU (Juni 1945) hieß es:

"Mit dem Größenwahnsinn des Nationalsozialismus verband sich die ehrgeizige Herrschsucht des Militarismus und der großkapitalistischen Rüstungsmagnaten. Am Ende stand der Krieg, der uns alle ins Verderben stürzte. [...] Darum fort mit der Diktatur und Tyrannei, Herrenmenschentum und Militarismus!"[28]

Einen Hintergrund dieses Zusammenhanges sprach Thomas Mann 1945 an:

"Durch Kriege entstanden, konnte das unheilige Deutsch-Deutsche Reich preußischer Nation immer nur Kriegsreich sein. Als solches hat es, ein Pfahl im Fleische der Welt, gelebt und als solches geht es zugrunde."[29]

Der preußisch-deutsche Militarismus wurde für den Krieg verantwortlich gemacht: Der "die deutsche Vergangenheit seit Friedrich dem Großen prägende extreme Militarismus und der den Deutschen beziehungsweise dem Preußentum innewohnende Eroberungsdrang" habe "in Hitler und seinem übersteigertem Weltmachtstreben [...] seinen verhängnisvollen Höhepunkt gefunden."[30]

Bezeichnend ist, dass der Zeitgeist so von einer pazifistischen Stimmung geprägt war, dass selbst Zeitgenossen wie Franz-Josef Strauß, dem von Gegnern militaristische Neigungen nachgesagt wurden, sich darin einfügten. Im Bundestagswahlkampf 1949 soll er sich wie folgt in antimilitaristischer Weise geäußert haben: "Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen."[31]

2.4 Diskussion über die Notwendigkeit einer Remilitarisierung

2.4.1 Rahmenbedingungen sowie Interessen der Westmächte

Die Einmündung des Ost-West-Gegensatzes in einen Kalten Krieg bewirkte u.a., dass die ursprünglich von den Alliierten geforderte nachhaltige Demiltarisierung letztlich nicht konsequent durchgesetzt wurde, Diese Entwicklung führte zu Diskussionen und z.T. auch Vorbereitungen für eine deutsche Wiederbewaffnung (Aufstellung von Bundeswehr und NVA), wobei durchaus unterschiedliche Interessen und Motivationen festzustellen waren. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die in Kap. 2.2 dargestellten Motive und Interessen der Besatzungspolitik z.T. tiefere Hintergründe hatten und unter dem Eindruck der Zuspitzung des Ost-West-Gegensatzes Änderungen unterworfen waren. Am Beispiel der Amerikaner erkennt man

"ein [...]vielschichtiges Bild, in dem die Zuordnungen zwischen politisch proklamierten Zielen und (vor allem) wirtschaftlichen und außenpolitischen Interessen in ihren wirklichen Relationen und Prioritäten erfaßt wurden:"[32]

"Die Amerikaner wollten Deutschland und die Deutschen nicht nur entnazifizieren, entmilitarisieren, entflechten, demokratisieren und reorientieren, sie waren auch im Interesse der Wahrung ihrer, eigenen Sicherheit darauf bedacht, Deutschland und Europa wieder wirtschaftlich gesunden zu lassen und den Bestand des freien Unternehmertums zu gewährleisten. Sie wollten den Sozialismus verhindern, dem Kommunismus zuvorkommen, das Geld des amerikanischen Steuerzahlers sparen, französische Pläne zur Zerstückelung Deutschlands vereiteln und die Sowjetunion in Mitteleuropa in Schranken halten."[33]

Nicht zuletzt im Hinblick auf ihre psychologischen Auswirkungen stellten die Blockade Berlins vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 sowie die Zündung der ersten sowjetischen Atombombe. am 29. August 1949 wichtige Eckpunkte dar. Darüber hinaus wurde auch folgende Entwicklung im Osten Deutschlands als Bedrohung eingeschätzt: "Die Russen haben damit begonnen, in der Ostzone als kasernierte Polizei eine Bürgerkriegsarmee aufzustellen." [34] Bereits vor dem 1950 beginnenden Koreakrieg war mit der Einbindung in westliche Bündnisstrukturen die hohe Wahrscheinlichkeit eines westdeutschen Verteidigungsbeitrages gegeben. Vor dem Koreakrieg standen allerdings"historische Ressentiments [...] offiziellen Beratungen der brisanten Frage durch die alliierten Regierungen" im Wege.[35] Trotz solcher Ressentiments war vor dem Hintergrund des Kalten Krieges klar, dass die Westalliierten auch im Hinblick auf die Reduzierung der eigenen Truppen nicht mehr die ursprünglich intendierte Entmilitarisierung, sondern im Gegenteil eine Wiederbewaffnung Westdeutschlands anstrebten:

"Die in Potsdam noch manifestierte Einheit der Kriegskoalition war der grundsätzlichen Wandlung des weltpolitischen Gefüges durch den ‚Kalten Krieg’ gewichen. Das internationale System der Nachkriegszeit wurde [...] von der Polarität des Ost-West-Konfliktes geprägt."[36]

Augstein stellte die 1949 erfolgte Gründung der Bundesrepublik Deutschland in den Zusammenhang strategischer Überlegungen der Westmächte. Hierbei bezog er sich auf ein Bonmot des französischen Grafen Mirabeu, der über das Preußen Friedrichs II. wie folgt geurteilt haben soll: "Das ist kein Staat, dcr eine Armee hat, sondern eine Armee, die einen Staat hat".[37] Da die Bundesrepublik eine Armee habe und nicht umgekehrt, könne Mirabeus Ausspruch zwar nicht unverändert übertragen werden; dennoch treffe "auf die Ratio der Bundesrepublik, auf den Antrieb, auf den sie hervorgegangen ist", Mirabeaus Gedanke irgendwie zu:

"Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine neue Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen - mag diese Ratio den Paten im In- und Ausland auch nicht voll bewusst gewesen sein."[38]


[1] Einige Wehrmachtsdienststellen bestanden allerdings auch nach der Kapitulation noch für einige Zeit im Dienst der Alliierten fort (vgl. Das Bundesarchiv, 15.06.2013, Das deutsche Militärwesen - Die Nachkriegszeit 1945-1949).

[2] Zu den Anfängen einer verdeckten Aufrüstung in der SBZ vgl. Eisert (1994), S. 141ff.

[3] Förster (2011), S. 159.

[4] Förster (2011), S. 159 (m.w.N.).

[5] Förster (2005), S. 34f. (m.w.N.).

[6] Heinemann (2011), S. 63.

[7] Brandt/Daum (2012), KE 1, S. 120.

[8] Wette (2011), S. 222.

[9] Heinemann (2007), S. 3.

[10] Heinemann (2007), S. 3f.

[11] Heinemann (2007), S. 4.

[12] Vgl. Kleßmann, Christoph (15.10.2010) sowie Engelmann (1980), S. 33ff.

[13] Vgl. Bald (2005), S. 18ff: "Frühe Anfänge und keine Stunde Null".

[14] Vgl. Winkler (31.01.2005), S. 16ff.

[15] Vgl. Hein-Kircher (2007), S. 26ff.

[16] Hein-Kircher (2007), S. 26ff.

[17] Hein-Kircher (2013), S. 33ff.

[18] Verfürth (27.04.2015).

[19] Vgl. auch Meinecke (1945), Die deutsche Katastophe sowie Winkler (2000), S. 1ff. (Die deutsche Katastrophe).

[20] Weizsäcker (2001), S. 7.

[21] Kaschuba (2008), S. 295ff.

[22] Zit. in Kleßmann (1991), S. 352f.

[23] Alliiertes Sekretariat, Berlin (Hg.) (1945): Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Ergänzungsblatt Nr. 1, S. 4-5.

[24] Meyer (1986), S. 33.

[25] Alliiertes Sekretariat, Berlin (Hg.) (1947): Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nr. 14 vom 31. März 1947, S. 262.

[26] Willoweit (1978), S. 188; vgl. auch Gornig (1998), S. 5ff.

[27] Vgl. Meinecke (1945/46), S. 344ff.

[28] Schwering (1946), S. 32; vgl. auch Schwering (1963), S. 215ff.

[29] Zit. in Jäger (2011), S. 108 (m.w.N.).

[30] Jäger (2011), S. 108.

[31] O.V. (02.01.1957), Der Primus.

[32] Müller (1973), Entnazifizierung in Bayern.

[33] Gimbel (1972), zit. in Meyer (1986), S. 36; vgl. auch Müller, 02.02.1973.

[34] Tüngel (02.12.1948).

[35] Wiggershaus (1986), S. 63.

[36] Schubert (1970), S. 17.

[37] Augstein (1961), S. 48.

[38] Augstein (1961), S. 48.

Details

Seiten
37
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668265578
ISBN (Buch)
9783668265585
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335360
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Deutscher Militarismus NVA Aufrüstung Wiederaufrüstung Remilitarisierung Bundeswehr Militärtradition Demilitarisierung Nationale Volksarmee Entmilitarisierung Aufbau der NVA Volksarmee Miliär und Traditon Militarismus und Tradition

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Iwan Müller-Schmidt (Autor)

Zurück

Titel: Deutscher Militarismus und deutsche Militärtradition. Zur Situation nach 1945