Lade Inhalt...

Welche Rolle spielten die Maßnahmen des IWF beim sozio-ökonomischen Zusammenbruch der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens?

Hausarbeit 2015 22 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Der Internationale Währungsfonds als Reformer
2.1. Strukturanpassungsprogramme
2.2. Die politische Dimension der ökonomischen Krisen

3. Fallbeispiel: Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien
3.1. Geldpolitik
3.2. Strukturpolitik
3.3. Sozialpolitik & soziale Folgen

4. Diskussion

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abstract

Der Text untersucht die Rolle des Internationalen Währungsfonds beim sozioökonomischen Kollaps der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre.

Zunächst wird die Arbeitsweise des IWF im Allgemeinen präsentiert und erläutert. Anhand dreier Politikfelder - Geldpolitik, Strukturpolitik und Sozialpolitik- werden danach die Maßnahmen der jugoslawischen Regierung vor dem Hintergrund der Strukturanpassungsprogramme des IWF untersucht. In einer anschließenden Diskussion werden die Ergebnisse zusammengefasst und in einen Kontext zu der Ausgangsfrage gestellt.

Im Fazit wird geschlussfolgert, dass der IWF eine große Rolle beim sozio- ökonomischen Kollaps der SFRJ gespielt habe, allerdings dies nur einer von vielen Faktoren für den Zusammenbruch war. Außerdem wird festgehalten, dass die Maßnahmen des IWF das Ziel des Schuldenabbaus verfehlt haben und stattdessen den jugoslawischen Markt auf radikale Weise liberalisiert und privatisiert haben.

1. Einleitung

Als Josip Broz Tito, der langjährige Staatspräsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens (SFRJ) im Jahre 1980 verstarb, befand sich das Land bereits in einer großen Wirtschaftskrise und in hoher Abhängigkeit bei seinen ausländischen Kreditgebern. Die Folgen der hohen Staatsverschuldung waren zunehmende Armut und Arbeitslosigkeit sowie eine wachsende Ungleichheit in der Einkommensverteilung. Die sich rapide verändernde Situation des Weltmarktes zwang die Führung der SFRJ unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) allumfassende Reformen durchzusetzen. Die massiven Veränderungen gelten als einer der Gründe für den Zusammenbruch des Vielvölkerstaates.

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, die „balkan ghosts“1 seien der entscheidende Faktor beim Niedergang der SFRJ, soll in dieser Hausarbeit herausgebaut werden, dass auch die ökonomische Situation diesen maßgeblich mit verschuldete.

Diese Hausarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, den Einfluss des IWF als größten Kreditgeber der SFRJ auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Landes zu untersuchen und als einen der Gründe für den sozio-ökonomischen Kollaps Jugoslawiens näher zu beleuchten. Anlass für diese Untersuchung ist die aktuelle Debatte um den Einfluss der kontrovers diskutierten Sparmaßnahmen in Griechenland. Auch dort spielt der IWF im Rahmen der Troika gemeinsam mit der EU und der Europäischen Zentralbank eine wichtige Rolle und diktiert die Reformpolitik maßgeblich mit. Auch in Griechenland verursachen den Strukturanpassungsprogrammen ähnliche Auflagen Probleme für Staat und Gesellschaft. Der IWF agiert auch dort sehr radikal und erfährt nicht nur von Seiten der griechischen Bevölkerung massive Kritik an seinem Auftreten.

Die Frage, welche im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden soll lautet deshalb folgendermaßen:

Welche Rolle spielten die Maßnahmen des IWF beim sozio-ökonomischen Zusammenbruch der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens?

Zu diesem Zweck wird zunächst die Reformpolitik des IWF im Allgemeinen und anschließend anhand des Fallbeispiels Jugoslawiens im Speziellen untersucht und analysiert. Untersucht wird der Zeitraum ab Beginn der erneuten Kreditaufnahme der SFRJ im Zuge der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren bis zur Hyperinflation Anfang der 1990er Jahre und dem Anfang vom Ende der SFRJ.

2. Der Internationale Währungsfonds als Reformer

Der Internationale Währungsfonds wurde 1944 im Zuge des Abkommens von Bretton Woods geschaffen, um die Stabilität des internationalen Finanzmarktes zu gewährleisten. In Eigendarstellung soll er zusätzlich dazu dienen „den internationalen Handel zu erleichten, hohe Beschäftigung und nachhaltiges ökonomisches Wachstum zu unterstützen sowie die weltweite Armut zu reduzieren“ (IWF 2014a).

Ein stabiles internationales Finanzsystem soll dazu führen, dass sich Wachstum, Demokratie und Frieden verbreiten. Ironischerweise verfehlte der IWF mit seiner Politik insbesondere diese Entwicklungen und schaffte im Gegenteil mehr Armut, Ungleichheit und Konflikte (Stiglitz 2002: 12).

Um seine Ziele zu erreichen versorgt der IWF seine Mitgliedsstaaten mit Krediten. Diese Kredite werden nur in Verbindung mit umfassenden Auflagen vergeben, den sogenannten Strukturanpassungsprogrammen (SAP). Durch diese soll die Wirtschafts- und Finanzpolitik reformiert werden, um diese wieder in den internationalen Finanz- und Kapitalmarkt zu integrieren. Der IWF steht in der Kritik diese Ziele zu verfehlen, da der Großteil seiner Kredite nicht zur Stabilität des internationalen Finanzmarktes beiträgt, sondern nur die Liberalisierung der nationalen Märkte vorantreibt (Dreher/Vaubel 2004: 49ff).

2.1. Strukturanpassungsprogramme

Die Strukturanpassungsprogramme des IWF dienen im Kern dazu das Marktvertrauen in die krisengeschüttelten Länder wiederherzustellen und neue Anreize für Investoren zu schaffen. Im Gegenzug für die Gewährung von Krediten, verpflichten sich die Länder zu sogenannten Konditionalitäten. Diese Bedingungen umfassen wirtschafts- und finanzpolitische Themen, wie die Liberalisierung des nationalen Marktes, die Privatisierung von Staatseigentum sowie eine Deregulierung der Wirtschaftspolitik.

„When a country borrows from the IMF, its government agrees to adjust its economic policies to overcome the problems that led it to seek financial aid from the international community. These loan conditions also serve to ensure that the country will be able to repay the Fund so that the resources can be made available to other members in need” (IWF 2014b).

Die Konditionalitäten werden offiziell nicht vom IWF vorgegeben: In sogenannten „Letters of Intents“ (Absichtserklärungen), versichern die Länder sich den Grundsätzen des IWF zu folgen und erarbeiten sich eine eigene Vorgehensweise um die finanziellen und wirtschaftlichen Probleme zu bewältigen (IWF 2014b). De facto wird die Vorgehensweise allerdings vom IWF gesteuert, da er entscheidet, ob ein „Letter of Intent“ akzeptiert wird oder nicht. Laut Joseph Stiglitz (2002: 58ff) sind es vor allem „einseitige Verhandlungen, in denen die gesamte Verhandlungsmacht beim IWF liegt“.

Die starke Position des IWF wird deutlich, wenn man bedenkt, dass das oberste Ziel der SAP die Wiederherstellung des Marktvertrauens ist. Stellt sich ein Land gegen den IWF oder findet es dessen vorgeschlagene Maßnahmen zu rigoros, wird es in Fachkreisen als „off-track“ bezeichnet (Stiglitz 2002: 58). Ein verschuldetes Land, welches selbst vom IWF keine Mittel mehr gewährt bekommt, hat kaum noch Chancen Gelder von Privatgebern oder anderen Institutionen zu erlangen, da diese ihre Entscheidung größtenteils vom Votum des IWF abhängig machen (Wicht 2008: 25ff). Das Land droht dementsprechend komplett vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten zu werden.

Die Konditionalitäten sind meistens sehr präzise formuliert und beinhalten eindeutige zeitliche Vorgaben zur Gewährung neuer Tranchen aus den Krediten. Werden diese nicht eingehalten werden keine neuen Auszahlungen gewährt und das Land verliert an Glaubwürdigkeit (Stiglitz 2008: 9ff). Anhand diverser makro- und mikroökonomischer Faktoren wird die Einhaltung der Bedingungen vom IWF überwacht und überprüft (Stiglitz 2002: 60ff). Dreher und Vaubel (2004) haben in ihrer Analyse gezeigt, dass die Anzahl der Konditionalitäten keinen „entscheidenden Effekt“ auf die Wirkung der Kredite haben. Nicht nur Kritiker wie Stiglitz (2008: 10ff), haben erkannt, dass der IWF mit seinen Strukturanpassungsprogrammen seine offiziellen Absichten verfehlt hat sondern auch der IWF selbst stellt die Wirksamkeit seiner Programme in Frage.

[...]


1 Robert D. Kaplan prägte in seinem 1993 publizierten Buch Balkan Ghosts: A Journey Through History den Begriff der “balkan ghosts”, mit welchem er den (angeblich) uralten ethnischen Hass zwischen den verschiedenen Ethnien der Balkan Region bezeichnet. Seiner Meinung nach sei dieser Hass der Hauptgrund für die Konflikte im 20. Jahrhundert auf dem Balkan.

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668253124
ISBN (Buch)
9783668253131
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335397
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto‐Suhr‐Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Jugoslawien Balkan IWF Kollaps Strukturanpassungsprogramme Tito Stiglitz Serbien Kroatien Slowenien Krieg Balkan Kriege

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Welche Rolle spielten die Maßnahmen des IWF beim sozio-ökonomischen Zusammenbruch der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens?