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Die Offenbarung von Präferenzen gegenüber öffentlichen Gütern in Theorie und Praxis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Eigenschaften privater und öffentlicher Güter

3. Die optimale Bereitstellung öffentlicher Güter – Das Samuelson-Modell

4. Das Lindahl-Modell

5. Methoden zur Ermittlung der Präferenzen gegenüber öffentlichen Gütern
5.1. Indirekte Methoden
5.1.1. Substitutionsbeziehungen
5.1.2. Komplementaritätsbeziehungen
5.1.3. Marktpreismethode
5.1.4. Aufwandmethode
5.1.5. Wanderungsanalyse
5.2. Direkte Methoden
5.2.1. Laborexperimente - Clarke-Steuer
5.2.2. Marktsimulationen
5.2.3. Contingent Valuation Method

6. Fazit

Die Offenbarung von Präferenzen

gegenüber öffentlichen Gütern in Theorie und Praxis

1 Einleitung

Bei öffentlichen Güter versagt der Marktmechanismus; dies bedeutet, dass ihre Bereitstellung und optimale Allokation nicht über den Markt sichergestellt ist. Dies ist eine wesentliche ökonomische Begründung für Staatseingriffe in das Wirtschaftsgeschehen [vgl. Blankart (2003, S. 57ff.)].

So besteht auch ein wesentlicher Teil der Staatstätigkeit darin, öffentliche Güter bereitzustellen. Das Budget der westlichen Industrieländer besteht neben Sozialtransfers zu einem großen Teil aus Ausgaben für diese Güter. Doch gibt es viele Zeichen dafür, dass die Allokation dieser öffentlichen Güter nicht im Interesse der Bevölkerung ist oder - anders ausgedrückt - nicht den Präferenzen der Bürger entspricht. So nimmt nach Breitbach (2000, S.3) der Widerstand gegen Steuerzahlungen immer weiter zu und die Zufriedenheit mit den staatlichen Leistungen immer weiter ab [vgl. Pommerehne (1987, S. 1f)].

Dies bedeutet, dass die Mechanismen, die zur Allokation der öffentlichen Güter führen, nicht optimal sind. In repräsentativen Demokratien werden die Präferenzen für öffentliche Güter durch Wahlen ausgedrückt [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 104)]. Ein Bürger wählt die Person oder Partei, die ihm das attraktivste Bündel an öffentlichen Gütern und deren Finanzierung verspricht. Offensichtlich führen Wahlen aber nicht zu einem effizienten Ergebnis [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 222f)].

In diesem Zustand existieren wesentliche Gerechtigkeitsprobleme: Bürger, die ein öffentliches Gut ausdrücklich nicht wünschen (z.B. Verteidigung), müssen dieses trotzdem durch ihre Steuer­zahlungen mitfinanzieren.

Ein wesentlicher Teil dieses Problems ist darauf zurückzuführen, dass im politischen Prozess unzureichende Informationen über die Präferenzen der Bürger für öffentliche Güter zur Verfügung stehen [Pommerehne (1987, S. 6)]. Jedoch hat, wie im zweiten Abschnitt dargestellt wird, jedes Individuum einen positiven Anreiz seine Präferenzen für öffentliche Güter zu verbergen.

Gelänge es, die wahren Präferenzen der Konsumenten gegenüber öffentlichen Gütern zu ermitteln, wäre eine vollständige Anwendung des Äquivalenzprinzips denkbar. Jeder Konsument könnte seine gewünschte Menge an öffentlichen Gütern zu einem äquivalenten „Steuerpreis“ erhalten. Eine neue Qualität an Konsumentensouveränität und Wirtschaftsdemokratie könnte realisiert werden. Große Wohlfahrtsgewinne und gerechtere Wege der Finanzierung wären möglich.

Auch wenn dieser Idealzustand in der Realität kaum durchsetzbar ist, kann das Wissen über die Präferenzen für öffentliche Güter von großem Nutzen sein. Öffentliche Projekte, die eine Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen werden, können effizienter bereitgestellt werden [Hanusch (1994, S. 3)]. Der gesamte politische Prozess wäre in der Lage, Ergebnisse hervorzubringen, die den Präferenzen der Menschen wesentlich näher kommen als bisher. In besonderer Weise gilt dies für den Umweltbereich, da diese Güter oftmals schwer zu bewerten sind.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Methoden, die versuchen die Präferenzen einzelner Individuen oder Gruppen für öffentliche Güter zu ermitteln. Dazu wird anfangs auf die Eigenschaften öffentlicher Güter eingegangen. Im zweiten Teil wird die wohlfahrtsökonomisch optimale Allokation öffentlicher Güter dargestellt. Anschließend wird auf die direkten und indirekten Methoden der Präferenzermittlung für öffentliche Güter eingegangen. Schließlich folgt eine kritische Würdigung der verschiedenen Methoden unter Berücksichtigung ihrer praktischen Anwendbarkeit.

2 Eigenschaften privater und öffentlicher Güter

Private Güter sind durch die Eigenschaften der Rivalität in der Nutzung und der Ausschließbarkeit vom Konsum gekennzeichnet. Durch Ausschließbarkeit und Rivalität muss ein Individuum seine Präferenzen für das Gut offenbaren, um es konsumieren zu können. Dies erfolgt mittels eines Preises, den ein Individuum mindestens bereit sein muss zu bezahlen. Durch den Marktmechanismus[1] kommt es nun zu dezentralen Einigungen und einer pareto-effizienten Allokation des privaten Gutes [vgl. Varian (1994, S. 226f)].

Öffentliche Güter sind dagegen durch Nichtausschließbarkeit und Nichtrivalität gekennzeichnet. Nichtausschließbarkeit bedeutet, dass niemand vom Konsum eines Gutes ausgeschlossen werden kann. Dies kann entweder technisch unmöglich oder ökonomisch unsinnig sein. Das wiederum impliziert, dass jeder dieses öffentliche Gut nutzen kann, ohne einen Beitrag zu seiner Finanzierung zu leisten [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 94)].

Nichtrivalität bedeutet, dass die Grenzkosten der Nutzung eines Gutes durch ein Individuum gleich Null sind. Das heißt, dass beliebig viele Individuen das Gut konsumieren können, ohne dass es für ein Individuum zu Nutzeneinbussen durch andere kommt [ebenda( S. 94)].

Die Nichtausschließbarkeit ist aus wohlfahrtstheoretischer Sicht eine wünschenswerte Eigenschaft bei nichtrivalen Gütern, weil jede weitere Nutzung die gesamte Wohlfahrt erhöht. [vgl. Blankart 2003, S. 58]

Der Fall der absoluten Nichtausschließbarkeit und Nichtrivalität kommt in der Realität selten vor. Es ist gar umstritten, ob es solche reinen öffentlichen Güter überhaupt gibt.

Die Eigenschaft der Nichtausschließbarkeit vom Konsum bei öffentlichen Gütern führt jedoch zu einem weitreichenden Problem. Jeder kann das Gut konsumieren ohne dafür einen Preis zu entrichten. Das Gewicht eines einzelnen in einer großen Gruppe wird im Allgemeinen als so klein angesehen, dass es für ihn den Anschein hat, dass es keine Rolle spielt ob er sich an der Finanzierung des öffentlichen Gutes beteiligt oder nicht. Deshalb ist es für jeden einzelnen rational, sich nicht an der Finanzierung eines öffentlichen Gutes zu beteiligen, es aber trotzdem zu nutzen. Dieses Trittbrettfahrer- oder Free-Rider-Verhalten führt dazu, dass kein einziges Individuum bereit ist, öffentliche Güter nachzufragen[2]. Ein Unternehmen, das öffentliche Güter herstellt, hat jedoch Kosten von über Null. Da diese allerdings durch keinerlei Zahlungsbereitschaft privater Individuen gedeckt werden, kommt es über den Marktmechanismus nicht oder nur in geringen Mengen zu einer Bereitstellung öffentlicher Güter. Der Marktmechanismus versagt. [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 100f)]

Als Alternative kann der Staat dieses Gut anbieten, er tritt also an die Stelle des versagenden Marktmechanismus und stellt das öffentliche Gut bereit. Um dies tun zu können, muss der Staat über die Präferenzen der Bürger für dieses öffentliche Gut informiert sein. Für diese ist es jedoch rational, diese Präferenzen nicht oder nicht korrekt zu offenbaren. Wenn ein Bürger damit rechnen muss, im Umfange seiner Präferenzoffenbarung an der Finanzierung des öffentlichen Gutes beteiligt zu werden, ist es für ihn nutzenmaximierend, seine Präferenzen zu untertreiben oder sogar zu behaupten, die Bereitstellung des Gutes gar nicht zu wünschen. Wenn die Finanzierung des öffentlichen Gutes jedoch z.B. durch eine übergeordnete Gebietskörperschaft erfolgt und der Bürger nicht damit rechnen muss, zur Finanzierung des Gutes herangezogen zu werden, ist es für ihn rational seine Präferenzen bis zum Rande der Glaubwürdigkeit zu übertreiben, um so eine Bereitstellung in höherem Umfang zu erreichen [vgl. Pommerehne (1987, S. 6)].

3 Die Optimale Bereitstellung öffentlicher Güter – Das Samuelson-Modell

Da öffentliche Güter nicht pareto-effizient über den Marktmechanismus bereitgestellt werden, müssen sie auf andere Art und Weise bereitgestellt werden. Dabei stellt sich Frage nach den Bedingungen für eine pareto-effiziente Bereitstellung öffentlicher Güter.

Samuelson (1954) hat als erstes die Bedingungen für eine pareto-optimale Bereitstellung öffentlicher Güter hergeleitet. Die Samuelson-Bedingung für eine pareto-optimale Bereitstellung öffentlicher Güter lautet:

∑ GRSöj = GRTöj

Oder in Worten ausgedrückt: „Die Summe der Grenzraten der Substitution zwischen öffentlichen und beliebigen privaten Gütern muss der Grenzrate der Transformation dieser Güter entsprechen.“[Brümmerhoff (2001, S. 96)].

Diese Optimalbedingung für öffentliche Güter steht ihm Gegensatz zur Optimalbedingung für private Güter, die besagt, dass die Grenzraten der Substitution aller privater Güter gleich der Grenzrate ihrer Transformation sein müssen [vgl. Varian (1994, S. 222ff)].

Das Samuelson-Modell geht von einem Staatsbild des allwissenden und wohlmeinenden Diktators aus. Dies bedeutet, dass der Staat sämtliche Informationen über die Präferenzen seiner Bürger gegenüber öffentlichen Gütern besitzt. Da diese Annahme offensichtlich unrealistisch ist, kann die Samuelson-Bedingung lediglich als normatives Referenzmodell dienen, an dem sich andere, realistischere Modelle der Allokation von öffentlichen Gütern messen lassen müssen.

4 Das Lindahl-Modell

Das Modell von Lindahl geht auf die Arbeit Knut Wicksells (1896) zurück. Dieser führte die These ein, dass ein pareto-optimaler Zustand eine Verbesserung für alle darstelle und deshalb alle einer Maßnahme, die einen solchen Zustand herbeiführt, zustimmen würden. Die Einstimmigkeit staatlicher Entscheidungen stellte für Wicksell gleichzeitig einen Schutz der Bürger eines Staates vor Ausbeutung durch andere dar [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 101)].

Lindahl (1919) setzte an diesen Überlegungen an und formulierte daraus ein Modell, das zur pareto-optimalen Bereitstellung öffentlicher Güter führen sollte [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 101f)].

Der Staat nimmt dabei die Rolle eines Auktionators oder Vermittlers zwischen den einzelnen Individuen ein. Er bestimmt die Menge des bereitgestellten öffentlichen Gutes und die Aufteilung der Finanzierungslast zwischen den einzelnen Individuen. Im einfachsten Fall kann von zwei Individuen ausgegangen werden, zwischen denen die Kosten der Bereitstellung des öffentlichen Gutes aufgeteilt werden. Der Staat schlägt zu Anfang eine bestimmte Aufteilung der Kosten vor. Danach teilen die Individuen dem Staat mit, welche Menge des öffentlichen Gutes sie bei der gegebenen Kostenaufteilung wünschen. Wenn die gewünschten Mengen voneinander abweichen, werden die Finanzierungsanteile angepasst: Das Individuum, das eine größere Menge wünscht, bekommt einen höheren Kostenanteil, das andere einen niedrigeren. Nach einer entsprechenden Anzahl von Anpassungen werden die beiden Individuen die Bereitstellung der gleichen Menge des öffentlichen Gutes wünschen.

Damit werden die Präferenzen der Individuen für das öffentliche Gut deutlich: Zu einem gewissen Finanzierungsanteil (oder „Preis“) wünschen sie eine bestimmte Menge.

Nun kann der Staat die entsprechende Menge des öffentlichen Gutes bereitstellen und die Kosten durch die von den Individuen übernommenen Finanzierungsanteile decken. [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 102)] Diese Allokation des öffentlichen Gutes ist pareto-effizient [ebenda S. 103].

Der Mechanismus nach Lindahl ist jedoch anfällig für strategisches Verhalten der beteiligten Individuen. So hat jedes Individuum einen Anreiz, seine Präferenzen für das öffentliche Gut zu untertreiben. Auf diese Weise kann den anderen Individuen ein höherer Finanzierungsteil zugewiesen werden. Da nach der Annahme rationalen Verhaltens jedoch jeder seine Präferenzen untertreiben oder sogar komplett abstreiten wird, wird eine zu geringe oder gar keine Menge des Gutes bereitgestellt. Dies bedeutet, dass der Ansatz von Lindahl am Trittbrettfahrerverhalten eigennutzorientierter Individuen scheitert, die ihre wahren Präferenzen für öffentliche Güter nicht enthüllen wollen [vgl. Brümmerhoff (2001, S. 104)].

5 Methoden zur Ermittlung der Präferenzen gegenüber öffentlichen Gütern

Offensichtlich kann die Bereitstellung öffentlicher Güter durch den Staat nicht pareto-effizient sein, solange er keine Informationen über die Präferenzen seiner Bürger gegenüber öffentlichen Gütern hat. Für diese ist es jedoch rational ihre Präferenzen zu verbergen. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie zumindest näherungsweise versucht werden kann, diese Präferenzen zu enthüllen.

Diese Methoden lassen sich grob in zwei Kategorien gliedern. Zum einen gibt es indirekte Methoden der Präferenzerfassung. Diese beobachten Marktvorgänge und versuchen von diesen auf die Präferenzen für öffentliche Güter zu schließen. Zum anderen gibt es direkte Methoden, die direkt am Individuum ansetzen und durch Befragung oder durch kontrollierte Umweltbedingungen die Präferenzen ermitteln.[3]

[...]


[1] Vollständiger Wettbewerb wird vorausgesetzt.

[2] Eine Ausnahme kann der Fall sein, in dem ein einzelner sehr großes Interesse an der Bereitstellung eines öffentlichen Gutes hat. Dann wird er bis zur individuellen Optimalbedingung Grenzkosten = Grenznutzen eine geringe Menge des Gutes nachfragen. Diese Menge ist jedoch gesamtgesellschaftlich zu gering.

[3] Die Klassifizierungen unterscheiden sich in der Literatur. [vgl. Pommerehne (1987, S. 11); Becker/Gretschmann/Mackscheidt (1992, S. 23); Mühlenkamp (1994, S. 192); Hanusch (1994)]

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638339957
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33547
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim – VWL
Note
1,0
Schlagworte
Offenbarung Präferenzen Gütern Theorie Praxis AVWL-Seminar

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