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`lîp`- Kollokationen im Mittelhochdeutschen - Empirische Untersuchungen am Nibelungenlied: `Die Methode der satzsemantischen Kollokationsanalyse`

Examensarbeit 2004 158 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einführung ins Thema

Kapitel 1
Das Nibelungenlied
1.1 Inhalt
1.2 Entstehung
1.3 Handschriften
1.4 Autor

Kapitel 2
Theoretischer Teil
2.1 Einführung in die Valenztheorie
2.1.1 Verben und ihre Mitspieler
2.1.2 Typen von Valenzrahmen
2.1.3 Die Binnenstruktur von Valenzrahmen
2.2 Die Methode der satzsemantischen Kollokationsanalyse
2.2.1 Kollokationsauswertung nach Bergenholtz
2.2.2 Satzsemantische Funktionen der Bezugsstellen
2.2.3 Zusätze zum untersuchten Lexem

Kapitel 3
Der Begriff „Lîp“
3.1 Lesarten von „Lîp“
3.2 Untersuchung zu Phraseologismusverdacht

Kapitel 4
Katalog
4.1 Aufbau des Katalogs
4.1.1 Fundort
4.1.2 Mittelhochdeutsche Textstelle
4.1.3 Übersetzung
a) Brackert
b) Genzmer
4.1.4 Linguistische Analyse
a) Attribut
b) Valenz
c) Tiefenkasus
4.1.5 Übersetzung von „lîp“
a) Brackert
b) Genzmer
c) bevorzugte Übersetzung
4.1.6 Kommentar
4.2 Katalog

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Eidesstattliche Erklärung

Einführung ins Thema

„Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit
von helden lobebæren / von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, / von weinen und von klagen,
von küener recken strîten / muget ir nu wunder hœren sagen.“ [1]

Mit diesen Versen beginnt das Nibelungenlied, das bedeutendste mittelhochdeutsche Heldenepos. Es besteht aus zwei Teilen, wobei im ersten Teil Siegfrieds Tod im Mittelpunkt steht und im zweiten die Rache seiner Gattin Kriemhild. Der genaue Inhalt des Nibelungenliedes wird im ersten Kapitel dieser Arbeit beschrieben.

In der deutschen Sage bezeichnen die Nibelungen die Nebelmänner[2], das sind die Mannen des Nibelung, des dämonischen Besitzers des Nibelungenhortes.[3] Diesen Schatz behütet der mächtige Zwerg Alberich , ein Geist der Finsternis, den Siegried besiegt. Nach der Eroberung des Schatzes wird der Name Nibelungen auf die Burgunder übertragen, nur Siegfried, der Besitzer des Hortes, wird nie „Nibelung“ genannt.[4]

Das Nibelungenlied wurde uns anonym überliefert und entstand wahrscheinlich um 1200, vermutlich im Umkreis des Bischofs Wolfger in Passau an der Donau. Die genaue Entstehungsgeschichte, Angaben über die Handschriften des Nibelungenliedes, sowie Vermutungen über seinen Verfasser finden wir ebenfalls im ersten Kapitel dieser Arbeit. Das Nibelungenlied besteht aus 39 Aventiuren und ist in etwa 2400 Strophen , vier paarweise reimenden Langzeilen, abgefasst.[5]

Das erste Kapitel befasst sich mit dem Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit, dem Nibelungenlied, während das zweite Kapitel den theoretischen Teil behandelt. Das Thema dieser Arbeit lautet „`lîp`- Kollokationen im Mittelhochdeutschen. Empirische Untersuchungen am Nibelungenlied: `Die Methode der satzsemantischen Kollokationsanalyse`“. Daher beginnt das zweite Kapitel zuerst mit einer Einführung in die Valenztheorie, wobei in dem Unterkapitel „Verben und ihre Mitspieler“ unter anderem die Entstehung des Valenzbegriffs oder auch die Bindung der Mitspieler an das Verb erklärt werden soll. Das nächste Unterkapitel behandelt die drei unterschiedlichen Typen von Valenzrahmen, die jeweils mit Beispielen des Nibelungenliedes erläutert werden und unter „Die Binnenstruktur von Valenzrahmen“ finden wir unter anderem Methoden zur Ermittlung des syntaktischen Minimums.

„Die Methode der satzsemantischen Kollokationsanalyse“ lautet ein Kapitel von Ursula Louis – Nouvertné in ihrem Buch „Satzsemantik in der Kollokationsanalyse“. Ihre Kritik an der Kollokationsauswertung nach Henning Bergenholtz finden wir in Kapitel 2.2.1 wieder. Bergenholtz entwickelte acht Fragestellungen, die den Gebrauch des Angstlexems näher beleuchten sollen und die Louis – Nouvertné ausführlich analysiert.

Das Unterkapitel „Satzsemantische Funktionen der Bezugsstellen“ bietet eine Aufstellung der Tiefenkasus, wie sie zur Analyse der Textausschnitte des Nibelungenliedes notwendig waren. Die Aufstellung erfolgt in weiten Teilen nach Louis – Nouvertné und Peter Godglück in „Textspiele“.

Das dritte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff „lîp“. Es gibt verschiedene Lesarten von „lîp“, die einzeln aufgeführt und durch Beispiele aus dem Nibelungenlied belegt werden. Danach erfolgt eine kurze Einführung in die Phraseologie mit Hinweis auf einzelne Phraseologismen im Text, die anhand ihrer spezifischen Merkmale nachgewiesen werden.

Den größten Teil dieser Examensarbeit stellt der Katalog im vierten Kapitel dar. Zuerst wird der Aufbau des Katalogs beschrieben, mit einem kurzen Lebenslauf der beiden Übersetzer des Nibelungenliedes, Prof. Helmut Brackert und Felix Genzmer.

Danach folgt der eigentliche Katalog, in welchem die Textstelle, die den Begriff „lîp“ enthält ebenso verzeichnet ist, wie ihre eigentlichen Übersetzungen, sowie die favorisierte Übersetzung. Zudem folgen in der linguistischen Analyse die Attribute von „lîp“, die Abbildung des Teils des Satzes, der den Terminus „lîp“ enthält, durch einen Valenzrahmen und die entsprechenden Tiefenkasus der Mitspieler. Der nächste Unterpunkt gibt an, welche Lesart Brackert und Genzmer jeweils für den Begriff „lîp“ verwenden. Im Kommentar wird dann erklärt, warum eine bestimmte Übersetzung bevorzugt wird oder ob und warum ein Phraseologismus vorliegt. Weiterhin kann der Kommentar genutzt werden, um Übersetzungsvarianten zu erläutern oder auf eventuelle bessere Varianten hinzuweisen.

Das Fazit soll dann noch einmal einen Überblick über das Thema der „lîp“ – Kollokationen im Mittelhochdeutschen liefern und die Ergebnisse zusammenfassen. Zudem werden verschiedene Probleme, die sich eventuell während der Arbeit ergeben haben, angesprochen.

Kapitel 1
Das Nibelungenlied

1.1 Inhalt

Das Nibelungenlied besteht aus 39 Aventiuren und ist in zwei Teile gegliedert. Die Aventiuren 1 bis 19 erzählen die Geschichte von Siegfried und Kriemhild, die Aventurien 20 bis 39 berichten von Kriemhilds Rache an den Nibelungen.

Die Handlung des Nibelungenliedes erstreckt sich über einen Zeitraum von ungefähr 40 Jahren, von denen höchstens einige Wochen wirklich erzählt und mit Handlung erfüllt sind, die übrige Zeit ist in der Darstellung ausgespart.[6]

Das Epos beginnt mit der Vorstellung der Burgundin Kriemhild, Tochter Utes und Schwester der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher, mit denen sie in Worms lebt. Hagen von Tronje, sein Bruder Dankwart, Ortwin von Metz, Gere, Eckewart, Volker von Alzey, Rumold, Sindold und Hunold sind die Gefährten der drei Könige. Kriemhild hat einen Traum, in welchem zwei Adler einen von ihr abgerichteten Falken zerreißen. Ihre Mutter deutet den Traum auf einen geliebten Mann, dem früher Tod droht, Kriemhild jedoch weist jeden Gedanken an Liebe von sich.[7]

Siegfried ist der Sohn von Sieglinde und König Sigmund und wuchs in Xanten am Niederrhein auf. Seine Eltern erzogen ihn sorgfältig zum vorbildlichen Ritter. Seine Schwertleihe wird durch ein großes Fest gefeiert. Als er von der Schönheit Kriemhilds erfährt, fasst er den Entschluss, um sie zu werben. So zieht er nach Worms, wo er Gunther zum Zweikampf um Land und Herrschaft herausfordert, sich aber noch einmal besänftigen lässt. Er wird danach als Gast am Hof willkommen geheißen. Siegfried lebt daraufhin einige Zeit in der Hoffnung bei den Burgundern, eines Tages um Kriemhilds Hand anhalten zu können. [8]

Als Liudeger von Sachsen und Liudegast von Dänemark Gunther eine Fehde ansagen, bietet Siegfried an, mit einem burgundischen Aufgebot den Feldzug zu führen. Er nimmt Liudegast und Liudeger gefangen. Daher verdanken die Burgunder Siegfried einen glorreichen Triumph. Bei dem Siegesfest erscheint auch Kriemhild, die nun Siegfried, der sie zum ersten Mal sieht, durch Gruß und Kuss auszeichnen darf. Die beiden verlieben sich ineinander. Die gefangenen Könige werden gegen Urfehde freigegeben. Siegfried darf nun als vertrauter Freund der Könige jeden Tag mit Kriemhild zusammen sein.[9]

Als nun König Gunther von Königin Brünhild von Island hört, beschließt er, um sie zu werben. Siegfried weiß allerdings, dass Brünhild ihre Liebe nur dem gewähren will, der sie in drei Kampfspielen überwindet. Siegfried verspricht Gunther bei der Brautwerbung zu helfen, wenn ihm dafür Kriemhilds Hand zugesichert wird. Gunther, Siegfried, Hagen und Dankwart brechen so nach Island auf. Tatsächlich überlisten Siegfried und Gunther Brünhild, da Siegfried mit Hilfe der Tarnkappe aus dem Nibelungenschatz unsichtbar wird und so die Spiele an Gunthers Stelle besteht, der nur die entsprechenden Gesten ausführt.[10]

So wird Brünhild Gunthers Frau und Kriemhild mit Siegfried vermählt. In der Hochzeitsnacht verweigert Brünhild Gunther jedoch den Beischlaf. Statt dessen fesselt sie ihn und hängt ihn an einen Pflock, wo er dann die Nacht verbringen muss. Gunther vertraut sich daraufhin Siegfried an, der unsichtbar in Gunthers Schlafgemach erscheint und im Ringkampf Brünhild zähmt, ohne sie zu berühren. Erst danach lässt Brünhild ihren Mann gewähren. Siegfried stiehlt Brünhilde nach dem Kampf ihren Ring und Gürtel und schenkt beides Kriemhild.[11]

Siegfried kehrt dann mit Kriemhild nach Xanten zurück. Dort gebiert Kriemhild einen Sohn, den sie Gunther nennen. Auch Brünhild gebiert in Worms einen Sohn, der Siegfried getauft wird.[12]

Siegfried und Kriemhild kommen nach Worms und werden ehrenvoll empfangen. Brünhild erfährt im Streit mit Kriemhild von ihr, dass nicht Gunther, sondern Siegfried sie im Kampf und im Schlafgemach bezwungen habe und zeigt ihr den gestohlenen Ring und Gürtel. Brünhild veranlasst darauf Hagen von Tronje, Siegfried auf einer Jagd hinterhältig zu ermorden. Dieser gewinnt Gunther für den Gedanken, Siegfried umzubringen. Sie täuschen eine Kriegserklärung der Sachsen und Dänen vor und Siegfried verspricht, mit den Königen in den Kampf zu ziehen. Hagen verleitet die besorgte Kriemhild, Siegfrieds verwundbare Stelle auf seiner Kleidung zu bezeichnen, damit er ihn im Kampf schützen könne. Siegfried besiegte in seiner Jugend einen Drachen, in dessen Blut er sich badete. Das Blut verlieh ihm eine Hornhaut, durch die er bis auf eine Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die während des Bades ein Blatt fiel, unverwundbar ist.[13]

Sobald Hagen dies weiß, wird der Feldzug abgesagt und in eine Jagd verwandelt. Hagen ermordet Siegfried mit dessen eigenem Speer. Die Mörder beschließen vorzugeben, dass Siegfried durch Räuber erschlagen worden sei, aber Kriemhild ahnt sofort, dass Hagen die Tat beging. Als Hagen an die Bahre tritt, bluten Siegfrieds Wunden erneut. Kriemhild und die Gefährten Siegfrieds schwören Rache.[14]

Nach der Beerdigung will Sigmund heimkehren und Kriemhild mitnehmen. Auf Rat ihrer Verwandtschaft bleibt sie in Worms. Nach dreieinhalb Jahren versöhnt sie sich wieder mit Gunther und holt den Hort der Nibelungen nach Worms. Als sie sich durch ihre Freigiebigkeit viele Recken verpflichtet, sieht Hagen darin eine Gefahr. Er stiehlt den Hort der Nibelungen und versenkt ihn im Rhein. So endet der erste Teil des Epos.[15]

Im zweiten Teil erfährt Etzel von Kriemhild. König Etzel von Hunnenland ist durch Helches Tod verwitwet. Etzel beschließt, um Kriemhild zu werben und schickt mit diesem Auftrag den Markgrafen Rüdiger von Bechelaren nach Worms. Trotz Hagens Abmahnung ist Gunther dieser Verbindung geneigt. Hagen ahnt, dass Kriemhild mit Hilfe der Hunnen an den Burgundern Rache nehmen könnte. Kriemhild willigt in die Heirat ein, da Rüdiger sich eidlich verbindet, jedes ihr angetane Unrecht zu rächen. So zieht sie mit Rüdiger und einigen Getreuen zu Etzel, besucht allerdings unterwegs noch ihren Onkel, den Bischof von Passau. Nach der Hochzeit in Wien reiten sie nach Etzelburg, wo nun Kriemhild herrscht. Kriemhild bringt nach sieben Jahren einen Sohn zur Welt, der Ortlieb getauft wird. Nach langer Zeit bewegt sie Etzel dazu, ihre Wormser Verwandten zu einem Fest einzuladen, erwähnt aber nicht, dass sie nur Rache für Siegfried nehmen will.[16]

Die überschwemmte Donau hemmt den Zug der Burgunden. Als Hagen weggeht, um die Überfahrt zu erkunden, trifft er auf zwei Meerfrauen, die ihm verkünden, dass nur des Königs Kaplan diese Reise überleben werde. Um die Voraussage zu überprüfen, versucht Hagen vergeblich, den Kaplan zu ermorden.[17]

Bei Rüdiger bleiben die Burgunden vier Tage und Giselher verlobt sich mit Rüdigers Tochter Gotelint. Als die Burgunden bei Etzel ankommen, warnt Dietrich von Bern diese vor der Gefahr durch Kriemhild. Dennoch kehren die Burgunden nicht um. Kriemhild sucht nach einer Möglichkeit, die Burgunden anzugreifen, merkt aber, dass diese gewarnt sind. Kriemhild tritt mit einer bewaffneten Schar auf sie zu, diese jedoch verweigern ihr den Gruß durch Aufstehen. Hagen legt sogar herausfordernd Siegrieds Schwert über seine Knie und bekennt sich nun frei als Siegfrieds Mörder. Als Kriemhild darauf die Hunnen auffordert, Siegfried zu rächen, ziehen sich diese feige zurück.[18]

Trotzdem nehmen die burgundischen Ritter am Turnier teil. Kriemhild versucht Helfer für ihren Racheplan zu werben. Dietrich lehnt es ab, dagegen lässt sich Etzels Bruder Blödel im Tausch für eine Grenzmark gewinnen. Blödel überfällt mit tausend Mann die wehrlosen Knappen, die unter Dankwarts Aufsicht tafeln. Blödel wird von Dankwart erschlagen, der als einziger Burgunder überlebt und die Könige und deren Gefolge warnt. Daraufhin schlägt Hagen Ortlieb den Kopf ab. Etzel will sich in den Kampf stürzen und wird mit Mühe zurückgehalten. An seiner Seite kämpfen auch Iring von Dänemark, Irnfried von Thüringen, Rüdiger von Bechelaren, der wegen der Verlobung seiner Tochter mit Giselher vor einem Gewissenskonflikt steht, und Dietrich von Bern samt ihren Gefolgsleuten.[19]

Am Ende überlebt auf der Seite der Kämpfer für die Hunnen nur Dietrich, der die letzten lebenden Burgunder, Hagen und Gunther, gefangen nimmt. Kriemhild verlangt von Hagen die Auslieferung des Nibelungenhortes. Dieser antwortet, dass er ihn nicht verraten dürfe, so lange einer seiner Herren lebe. Da lässt Kriemhild Gunther enthaupten und tritt mit dem toten Haupt vor Hagen. Als Hagen ihr dann immer noch nicht das Versteck verraten will, köpft Kriemhild ihn mit Siegfrieds Schwert. Daraufhin tötet Hildebrand, ein Gefolgsmann Dietrichs, Kriemhild, da sie es als Frau wagte, einen Recken zu töten. Dietrich und Etzel, allein aus dem Blutbad übrig geblieben, klagen um die Toten. Land und Volk ist von der gleichen Klage voll.[20]

1.2 Entstehung

Das Nibelungenlied ist um 1200 entstanden und heutzutage wahrscheinlich die bekannteste Dichtung des Mittelalters in Deutschland. Im 13. Jahrhundert stand es dagegen in Konkurrenz zu den Artusromanen von Christian von Troyes.[21] Dieser brachte damit Gestalten wie Erec, Yvain, Lancelot, Perceval, aber auch den Tristanstoff in die Weltliteratur ein. Hartmann von Aue führte den Artusroman schließlich in Deutschland ein. Nibelungenlied und Artusroman wandten sich an das gleiche Publikum und konnten auch die gleichen Leser begeistern. Der Inhalt des Nibelungenliedes wurde jedoch aus heidnischen Heldensagen genommen, der Autor bediente sich also nicht des Artusmotivs.[22]

Das Nibelungenlied ist wahrscheinlich an einem politisch engagierten Hof entstanden, da es ein sehr politisches Gedicht ist. Die Verbindung zwischen Siegfried und das Problem der Territorialisierung sowie eine mögliche Verbindung zwischen Gunthers Schwäche als König und Philipp von Schwaben implizieren eine Sorge um politische Stabilität und die Anerkennung traditionell gewordener Machtansprüche. Für das politische Gefüge ist ein König, der sich als Vasall ausgibt nicht weniger gefährlich als ein Vasall, der danach trachtet, König zu werden.[23]

Die Geschichte von den Nibelungen wurde auch in Skandinavien mehrfach in Vers und Prosa überliefert, obwohl wir sie fast ausschließlich aus der hochmittelalterlichen Dichtung kennen. Inhaltlich wichen die skandinavischen Überlieferungen zum Teil sehr stark von dem hier betrachteten Nibelungenlied ab.[24] Eine Erzählung der gesamten Nibelungensage in Prosa finden wir in der Snorra Edda, einem Lehrbuch für junge Skalden, welches gegen Mitte des 13. Jahrhunderts verfasst wurde. In der Edda wird von Siegfrieds, hier Sigurd, Jugend und seinen Taten berichtet, aber auch die Brünhildsaga und der Burgundenuntergang sind in dieser Erzählung enthalten. Die Volsungasaga ist ein der Snorra Edda sehr nahe stehender Prosabericht des Nibelungenstoffes und in einer einzigen Handschrift von ungefähr 1400 erhalten. Verfasst wurde sie von einem Isländer um etwa 1260.[25] Die letzte nordische Prosadarstellung des Nibelungenuntergangs ist die "Hvensche Chronik", die im 16. Jahrhundert in lateinisch verfasst wurde und in einer dänischen Übersetzung aus dem 17. Jahrhundert erhalten ist.[26]

In den um 1270 aufgeschriebenen Lieder – Edda, dabei vor allem das Sigurdlied und das Alte Atlilied, wird einerseits die Lebens- und Liebesgeschichte Sigurds bis zu seiner Ermordung und andererseits die Einladung und Ermordung der Brüder Gudrun / Kriemhilds durch deren zweiten Mann Atli, sowie Gudruns Sippenrache an ihm geschildert.[27]

Eine unserem Lied besonders nahe stehende ausführliche Erzählung der gesamten Nibelungensage ist die um Mitte des 13. Jahrhunderts von einem Norweger verfasste Thidrekssaga.[28] In dieser geht es hauptsächlich um Dietrich von Bern, aber nebenbei finden sich auch andere Sagenstoffe wie Sigurds Jugend, die Tötung des Drachen durch Sigurd und dessen dadurch bedingte Unverwundbarkeit bis auf die Stelle zwischen den Schulterblättern, Sigurds und Gunnars Heirat, Sigurds Tod und Krimhilds Rache wieder.[29] Die Tatsache, dass die Thidrekssaga die Klage benutzte, zeigt auch, dass sie das Nibelungenlied, mit welchem die Klage überliefert worden war, kannte.[30]

Die Gründe für den Erfolg des Nibelungenliedes kennen wir nicht. Es könnte die Aufnahme mancher Tagesprobleme, die Vertrautheit mit den hier episch ausgestalteten Sagen oder auch das Hineingestelltsein der geschilderten Ereignisse in eine geographisch und historisch bekannte Welt sein. In der märchenhaften und formal glatteren Artusepik fehlten diese Probleme.[31]

Der historische Ausgangspunkt für die Siegfried-Brünhild-Erzählungen im ersten Teil des Nibelungenliedes ist nicht klar erkennbar, da der Stoff auf mehrere Heldensagen zurückzuführen ist. Für den zweiten Teil des Nibelungenliedes, den Untergang der Burgunden, liegen dagegen klare historische Fakten zugrunde. Durch die germanische Völkerwanderung im 5.Jahrhundert waren die Burgunden über den Rhein gedrungen und siedelten sich in der Landschaft um Worms an, wodurch es zu Grenzstreitigkeiten mit den Römern kam. Die Folge war, dass die Burgunden 436 von einem mit den Römern zusammenwirkenden hunnischen Heer vernichtend geschlagen wurden. Die Überlebenden erhielten von den Römern neue Siedlungsplätze im oberen Rhônetal.[32]

Der Untergang der Burgunden wurde später mit Attila in Verbindung gebracht, der 453 in der Hochzeitsnacht mit einer germanischen Nebenfrau Ildico an einem Blutsturz starb. Später erzählte man, Ildico hätte Attila aus Blutrache für den Tod ihrer Brüder, der von Hunnen getöteten Burgundenkönige, ermordet. Somit hatte man die Grundlage für die Lieder vom Untergang der Burgunden und Kriemhilds Rache im Nibelungenlied.[33]

Auch für die Siegfriedsage suchte man nach geschichtlichen Ursprüngen, da man glaubte, dass heroische Sagen immer auf historischem Geschehen gründen. Vor allem für Siegfrieds Tod versuchten Forscher ein bestimmtes Ereignis als Ausgangspunkt festzulegen.[34] Siegfrieds historische Wurzeln dürften in der merowingischen Geschichte des 6. Jahrhunderts liegen, sind im einzelnen aber nicht säuberlich herauszupräparieren.[35] Siegfried könnte ein vertriebener Merowinger sein, der am Hofe von Gundaharis Aufnahme fand, dort zu Ansehen gelangte, eine Tochter des Königshauses heiratete und schließlich von einer burgundischen Partei unter Führung eines Verwandten des Königshauses ermordet wurde, weil er immer mehr an Macht gewann.[36]

Allerdings kann nicht erklärt werden, welche Herkunft die Brünhild – Figur aufweist, die sowohl im mittelhochdeutschen Nibelungenlied als auch in den nordischen Dichtungen einen mythischen Charakter aufweist.[37]

Die Ethik des Nibelungenliedes folgt dem Gesetz epischen Handelns. Sie entfaltet sich situationsbedingt, mal heroisch, mal höfisch, ein anderes Mal archaisierend oder auch modernisierend. Die Welt der Helden und der Höfe geht im Nibelungenlied durch Stolz unter, ein archaisches, internationales episches Motiv, welches der Erzähler mit den Augen seiner Epoche sieht.[38]

Das Nibelungenlied ist ein Heldenepos, welches in Beziehung zur Nation steht, insofern nach mittelalterlicher Auffassung der Adel die Nation repräsentiert und nicht im Sinn nationaler Emotionen. Es dokumentiert im epischen Erzählen einen Weg, die Macht des Adelsstolzes.[39]

1.3 Handschriften

Mittelalterliche Dichtung kennen wir meist bloß aus späteren Handschriften, da ihre ursprüngliche, vom Dichter verabschiedete Form selten erhalten ist. Wenn ein Stück in mehreren Handschriften überliefert ist, können wir nach gründlicher Vorprüfung eine davon zur Leithandschrift erheben oder versuchen, aus den Handschriften einen dem Original nahe kommenden Text, den sogenannten Archetyp, zu gewinnen. Bei den rekonstruierten Fassungen, die Redaktionen oder auch Rezensionen genannt werden, versieht man die Sigel mit einem Stern, wobei die Handschriftensigel dem Alphabet folgen. Große Buchstaben bezeichnen die Handschriften bis ins 14. Jahrhundert, kleine diejenigen seit dem 15. Jahrhundert. Für das Nibelungenlied gingen die Signierungen von Karl Lachmann aus, spätere Funde wurden im Alphabet hinten angesetzt.[40]

Nahezu alle Textzeugen des Nibelungenliedes wurden im Süden Deutschlands, in Österreich oder der Schweiz gefunden. Viele von ihnen stammen aus Vorarlberg und Tirol, einer sehr sagenintensiven Landschaft. Das Epos könnte dort daher gerne gehört worden sein. Da die Gegenden Südwest -, Süd – und Südostdeutschlands weitaus mehr zum Fortleben der mittelhochdeutschen weltlichen Erzählliteratur beigetragen haben als andere, ist es wahrscheinlich, dass die geographische Überlieferung des Nibelungenliedes nur ein treuer Spiegel der Überlieferung der mittelhochdeutschen Literatur insgesamt ist.[41]

Das Nibelungenlied wurde rasch berühmt und heftig diskutiert, was die verhältnismäßig große Zahl der Handschriften zeigt sowie die Tatsache, dass viele von ihnen Redaktionen sind.[42]

Das Nibelungenlied ist in 36 oder 37 Handschriften überliefert, von denen 11 annähernd vollständig erhalten, eine spurhaft bezeugt und 24 oder 25 in Fragmenten erhalten sind. Unter letzteren sind drei, die nur den Text der „Klage“ enthalten, welche aber mit Sicherheit aus Handschriften stammen, die auch das Nibelungenlied enthielten.[43]

Das Originalwerk des Nibelungendichters gilt heute jedoch als verloren. Erhalten sind lediglich die Redaktionen *A, *B und *C, die die ursprüngliche Version des Nibelungenliedes dort durchscheinen lassen, wo sie wörtlich miteinander übereinstimmen.[44]

Die Unterscheidung der Handschriften geht im Kern auf Karl Lachmann, den Begründer der altgermanistischen Textkritik, zurück. Lachmann nahm an, dass der in A überlieferte Text dem Original am nächsten komme, B eine verbesserte Ausgabe dieses Textes biete und C die neuerliche Bearbeitung von B wäre.[45]

Handschrift A ist die Hohenems-Münchener Handschrift aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, Handschrift B ist die St. Galler Handschrift aus dem 13. Jahrhundert und Handschrift C ist die Hohenems-Laßbergische oder auch Donaueschinger Handschrift aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.[46]

Adolf Holtzmann und Friedrich Zarncke sahen in der Handschrift C die dem Original nahestehendste Version. Karl Bartsch dagegen entwickelte 1865 die These, dass das Nibelungenlied um 1140/50 entstand und um 1170/80 in zwei Versionen, nämlich *B und *C, bearbeitet wurde. Die Handschriften B und C stellten seiner Meinung nach zwei Rezensionen dieser Bearbeitungen dar und die Handschrift A ist bei Bartsch nur eine Abwandlung der Handschrift *B. *B ist laut Bartsch also die dem Original am nächsten stehende. Wilhelm Braunes Abhandlung über „Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes“ brachte schließlich die Entscheidung zugunsten von *B.[47]

In 14 Handschriften des 13. bis 16. Jahrhunderts ist die Klage überliefert, fünf davon sind allerdings nur noch fragmentarisch erhalten. Die Überlieferung der Klage teilt sich wie beim Nibelungenlied in zwei Gruppen, *B und *C, die beide auf einen verlorenen Vorläufer zurückzuführen sind.[48]

Die handschriftliche Überlieferung bezeugt uns einen mittelalterlichen Textgebrauch, in welchem die Klage nur zusammen mit dem Nibelungenlied auftaucht und diesem stets folgend überliefert ist. Bis auf wenige Handschriften wurde die Klage beim Nibelungenlied stets mit überliefert.[49]

1.4 Autor

Das Nibelungenlied ist uns ohne Verfasserangabe überliefert, was im Hochmittelalter keineswegs üblich war. Bei vielen Werken kennen wir den Verfasser, wobei es aber auch noch andere anonyme Schriften gibt. Die meisten mittelalterlichen Epen, die germanische Sagenstoffe behandeln, sind uns anonym überliefert worden.[50]

Die Frage nach dem Dichter des Nibelungenliedes spaltet sich in verschiedene Fragen, zum einen, ob er überhaupt existierte, nach seinem Namen und Stand, zum anderen nach der Entstehungsgeschichte seines Werkes. Seit der Wiederentdeckung des Liedes um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurden viele mögliche Autorennamen genannt. Es gibt aber auch Gelehrte, die von einer Kollektivproduktion sprechen und dadurch die Existenz des Dichters leugnen.[51]

Der Passauer Hof könnte der mögliche Entstehungsort des Nibelungenliedes sein, da der Autor über gute Ortskenntnisse bezüglich Passau verfügte und somit vermutet wird, dass er an der Donau, genauer im Bistum Passau lebte. Dass sich der Autor an der Donau auskannte, beweisen viele Details aus dem zweiten Teil. Weiterhin wird Passau im Text wiederholt erwähnt, spielt aber für die Handlung keine Rolle. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass man das Werk mit dem Hof, an dem es vorgetragen wurde, in Verbindung bringen wollte.[52] Vermutet wird auch, dass, wenn das Epos nicht aus Passau stammt, der Autor ein Kleriker war, der im Auftrag Bischof Wolfgers von Passau tätig war.[53]

Den Gesetzen der Gattung gehorchend hat sich der Dichter des Nibelungenliedes hinter sein Werk zurückgezogen. Dieses wird in so meisterschaftlicher Weise erzählt, dass es wenig vernünftig scheint, nicht von einem Dichter zu sprechen. Bemerkenswert ist vor allem die Kunst der Hörerführung, des langsamen Entbergens von Motiven, der Vor - und Rückverweise durch Wörter und Handlungen, sowie der Integration von überliefertem Stoff und neuem Erzählplan.[54]

Diese erzählerischen Eigenheiten des Nibelungenliedes sind die Leistung eines geschickten Dichters, der gekonnt die überlieferten Erzählformen bewahrte und sie gleichzeitig dem höfisch geprägten Publikumsgeschmack anglich. Im Text selbst meldet sich dieser auktoriale Erzähler wiederholt zu Wort, so zum Beispiel in der programmatischen Eingangsstrophe oder in den Schlussstrophen. Er hält sich jedoch in der unmittelbaren Bewertung der Vorgänge zurück, während er die Figuren selbst und ihre Handlungen charakterisiert und bewertet. Die männlichen Hauptfiguren sind demnach stets kühn, tapfer, schön und stark und die Frauen stets edel, schön, gut und tugendhaft.[55]

Der Dichter des Nibelungenliedes wollte eine bestimmte Geschichte erzählen und bediente sich dazu Quellen verschiedenster Art. Wo ihm Lieder und Exzerpte nicht genügten, erfand er Gestalten, Szenen oder Motivierungen hinzu. Manche Personen und Orte erfand der Dichter und hob alles ins Höfische.[56]

Sicher ist, dass der Dichter des Nibelungenliedes Theologe war. Dies lässt sich seiner großen Belesenheit entnehmen. Auch in der französischen Dichtung kannte er sich aus, da er aus dem „Reinaut de Montauban“, dem gegen Karl den Großen gerichteten Rebellenroman aus dem 12. Jahrhundert, einige Anregungen entnommen hat. So zum Beispiel die Konfliktsituation Rüdegers, der Sachsenkrieg oder das Nachhutgefecht mit den Bayern.[57]

Auch die deutsche Literatur war ihm ausreichend bekannt, was man besonders an seinen Beziehungen zu Wolfram von Eschenbach ersehen kann. Den Einfall, Siegfrieds Schwert, den Balmung, mit einem Jaspis zu verzieren, hat er dagegen dem Vergil entnommen.[58]

Der Nibelungendichter war überdurchschnittlich gebildet und durfte sich zur geistigen Elite zählen. Weiterhin besaß er erstaunliche Waffenkenntnisse, da Schwert und Schild sachkundig gehandhabt werden. Nach dem Brauch der damaligen Zeit werden die häufigen Massenkämpfe der Handlung von Einzelgefechten unterbrochen. Nur durch den steten Verkehr mit Rittern am Hofe konnte der Dichter über Dinge wie Helme und ihre Sturmriemen oder Drohgebärden Bescheid wissen. Daher konnte er kein praktizierender Geistlicher sein. Er hätte dann nicht so nah mit Rittern verkehren können.[59]

Der Dichter war auch kein junger Höfler. Sein Werk beschäftigte ihn viele Jahre und er plante es bis ins kleinste Detail.[60]

Getreu der Passauer Tradition war der Dichter staufisch gesonnen. Dies zeigt sich in seinen Berichten über die Einzelerlebnisse des kaiserlichen Hofes, zum Beispiel über die glänzenden Tage von Esztergom, oder über Riten wie den Steigbügelbrauch, die der Politk der Staufer eigen waren.[61]

Kapitel 2
Theoretischer Teil

2.1 Einführung in die Valenztheorie

2.1.1 Verben und ihre Mitspieler

Der Valenzbegriff wurde in der Linguistik erst durch Tesnière heimisch. Dieser ging bei seiner strukturellen Satzanalyse vom Verb aus und sah als dessen „subordinés immédiats“ die Handelnden und die Umstände an, wobei die Handelnden zahlenmäßig durch das Verb begrenzt sind. Die Fähigkeit des Verbs, eine bestimmte Anzahl von Handelnden zu sich zu nehmen, nannte Tenière Valenz.[62]

Brinkmann geht von Tesnières Valenzbegriff aus und nennt die Fähigkeit des Verbs, weitere Stellen in einem Satz zu fordern, Valenz und die Stellen selbst, die für weitere Beziehungen offen sind, Mitspieler.[63]

In der Sprachbeschreibung beginnt der Valenzbegriff immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Angesichts der Vielfalt der Konzeptionen des Begriffes der Valenz werden drei Gruppen von Linguisten unterschieden. Einige sowjetische Linguisten verstehen unter der Valenz eine Eigenschaft, die allen Wortarten zukommt. Diese Konzeption wurde unter anderem wohl auch von Brinkmann angenommen. Die zweite Gruppe, zu der auch Tesnière gehört, versteht Valenz als eine Eigenschaft, die nur dem Verb zukommt. Die letztendlich dritte Gruppe, wieder vorwiegend sowjetische Linguisten, wendet den Begriff der Valenz sogar auf alle sprachlichen Elemente an und nicht nur auf Verben und alle anderen Wortarten.[64]

Der Begriff der Valenz ist in der wissenschaftlichen Sprachbeschreibung noch nicht völlig geklärt. Für einen formalisierbaren Valenzbegriff scheinen mehrere Voraussetzungen nötig. Zuerst ist zur Beschreibung von Valenzbeziehungen die Annahme nötig, dass das Verb das strukturelle Zentrum des Satzes bildet. Bei der Subjekt – Prädikat – Beziehung handelt es sich um eine wesentliche Satzgründung im logisch – grammatischen Sinn.[65]

In der linguistischen Forschung gibt es fünf verschiedene Forschungen über die Beziehungen zwischen Subjekt und Prädikat. Viele Forscher sehen Subjekt und Prädikat als selbständige Satzglieder an und sie nicht in einer Beziehung der Unterordnung stehen. Andere interpretieren das Prädikat als vom Subjekt abhängig. In der deutschen Grammatik ist die geläufigste Auffassung, dass Subjekt und Prädikat selbständige Glieder sind, trotzdem aber in einem wechselseitigen Verhältnis der Zuordnung bestehen. Eine Weiterführung dieser Auffassung tritt auf, wenn das Verhältnis der beiden so eng ist, dass beide zusammen einen untrennbaren Satzkern bilden und innerhalb dieses Satzkerns kaum Eigenwert haben. Bei Tesnière dagegen wird der Subjektsnominativ dem finiten Wert untergeordnet.[66]

Im kommunikativ - grammatischen Sinn sind die Glieder, die außerhalb des traditionellen Satzkerns stehen das Wesentlichste und nicht das Subjekt oder das Prädikat.[67] Im Satz „nu solden si beruochen der vil sêre wunden lîp“[68] aus Kapitel 34, Vers 2015 des Nibelungenliedes steckt der logisch – grammatische Satzkern in der Subjekt – Prädikat – Beziehung „si solden beruochen“. Der eigentliche Mitteilungswert ist allerdings in „der vil sêre wunden lîp“ enthalten. Man spricht hier von Sinnworten.[69]

Im strukturell - grammatischen Sinn sollte man dagegen weder von einem Sinnwort, noch von einer logischen Subjekt – Prädikat - Beziehung oder vom Prädikat alleine ausgehen. Hier wird das Verb als Festpunkt des Satzes angenommen, das um sich herum bestimmte Leerstellen eröffnet. Diese Leerstellen können oder müssen von Substantiven, Präpositionalfügungen, Adjektiven oder Adverbien besetzt werden, wodurch das Subjekt seine Vorrangstellung gegenüber den anderen Mitspielern des Verbs einbüßt.[70]

Da die Mitspieler mehr oder weniger stark an das Verb als strukturelles Zentrum des Satzes gebunden sein können, ist hier sogar eine Hierarchie in der Bindung der reinen Kasus an das Verb erkennbar. Der Subjektsnominativ hat die engste Bindung, weil er durch die Kongruenzbeziehung strukturell mit dem finiten Verb verbunden ist. An zweiter Stelle steht der Objektsakkusativ, denn durch die Umwandlung in den Passiv wird der Objektsakkusativ affiziert und zum Subjektsnominativ. Dativ und Genitiv werden dagegen gar nicht von ihr berührt. Sie sind weniger fest an das Verb gebunden als der Nominativ und Akkusativ, da Objektsdativ und Objektsgenitiv von einer Umwandlung in den Passiv gar nicht berührt werden. Auf Grund der weniger starken Kohäsion des Dativs und des Genitivs an das Verb spricht man hier von peripherem Kasus oder auch Randkasus.[71]

Beim Versuch einen zu untersuchenden Text in plausible Einheiten zu segmentieren, gelten den internen Strukturen dieser Einheiten unterschiedlich starke Interessen. Da die segmentierten Sequenzen des Textes zur Konzeption terminaler Symbole eines Produktionssystems herangezogen werden sollen, müssen diese Sequenzen intern dargestellt werden als eine kunstsprachliche, syntaktisch eindeutige Ordnung diskret voneinander absetzbarer Einheiten.[72]

Diese normierten Darstellungen zum Zweck Mengen von Terminalsymbolen zu liefern, werden als Valenzrahmen bezeichnet. Hierbei ist noch nichts gesagt über ihren Charakter als einzelsprachlich determiniertes syntaktisches Abhängigkeitsverhältnis zwischen Verben und ihren Mitspielern.[73]

2.1.2 Typen von Valenzrahmen

Es gibt drei Formen von Valenzrahmen. Bei der ersten und gleichzeitig einfachsten Art wird einem Verbalausdruck, also Verb eine geordnete Menge von Mitspielern zugeordnet. Man trennt dabei die Symbole, die einen Mitspieler bezeichnen, durch Kommata voneinander und setzt sie in eckige Klammern.[74]

Typ a) wäre somit:

Verb [ M1, M2, M3, … Mi ][75]

Ein Beispiel hierzu finden wir in Kapitel 37, Vers 2186 des Nibelungenliedes: „mit iuwer selbes swerte nim ich iu den lîp“[76]

Fügt man diesen Satz in einen Valenzrahmen, ergäbe sich daraus:

nëmen [ Gêrnôt, swerte, Rüedegêr, lîp ].

Beim zweiten Typ von Valenzrahmen wird ein weiterer Valenzrahmen anstelle eines Mitspielers in den ursprünglichen Rahmen eingebettet.

Die hochgestellten Zahlen in Typ b) geben an, welche Mitspieler zu welchem Valenzrahmen gehören.[77]

b) Verb1 [M11, M21, Verb2 [M12, M22 … Mj2], …Mi1][78]

In Kapitel 20, Vers 1150 des Nibelungenliedes finden wir den Satz: „den si lobt ze friunde, der mac wol trœsten sînen lîp.“[79]

Dieser Satz lässt sich in einem Valenzrahmen des zweiten Typs darstellen:

loben [ Kriemhilt, friunde, trœsten [ friunde, lîp ] ]

Diese Einbettungsstruktur ist vor allem bei Sprechakten oder Wahrnehmungsakten notwendig[80], so zum Beispiel in Kapitel 27, Vers 1680 des Nibelungenliedes:

„dô lobte ouch er ze minnen den ir vil minneclîchen lîp“[81]

Hier würde sich folgender Valenzrahmen ergeben:

loben [Giselher, minnen [ Gîselher, ir lîp ] ]

Eine weitere Einbettungsstufe ergibt der dritte Typ von Valenzrahmen. Hier wird ein weiterer Valenzrahmen in den bereits integrierten Valenzrahmen von Typ b) eingebettet. Typ c) erkennen wir also an der Integration zweier Valenzrahmen in verschiedenen Einbettungstiefen:[82]

c) Verb1 [M11, M21, Verb2 [M12, M22, Verb3 [ M13,M23, …Mq3], … Mj2], …Mi1][83]

In Kapitel 20, Vers 1263 finden wir eine Textstelle dieses Typs:

„si bâtens alsô lange unz doch ir trûrec lîp

lobte vor den helden, si würde Étzélen wîp.“[84]

Typ 3 würde hier also folgendermaßen aussehen:

bitten [ bruoder, loben [ ir lîp, helden, wërden [ Kriemhilt, Etzeles

wîp ] ] ]

2.1.3 Die Binnenstruktur von Valenzrahmen

Der Valenzbegriff impliziert nun die Frage, welche Glieder als Mitspieler des Verbs aufzufassen sind. Allgemein gilt, dass zur Füllung der Leerstellen nur die notwendigsten Glieder gehören.[85]

Die Frage nach der Art und der Begrenzung der Zahl der Mitspieler innerhalb eines Valenzrahmens lässt sich spezifizieren in zwei Teilfragen. Die erste wäre, auf welche Weise Mitspieler in Klassen von Tiefenkasus eingeordnet werden. Die zweite Frage, die der Entscheidung über Notwendigkeit oder Fakultativität der Mitspieler relativ zu einem Verb gilt, wird in der linguistischen Diskussion auf drei Wegen angegangen.[86]

Der erste Weg führt über lexikalische und satzsyntaktische Argumentationen und ist linguistisch im engeren Sinne. Der zweite Weg hat logischen Charakter und beschreibt Valenz als Wertigkeit logischer Prädikate und den diesen Prädikaten funktional zugeordneten logischen Argumenten. Der dritte Zugang zur internen Valenzrahmenstrukturierung ist psychologisch zu beschreiben und zu rekonstruieren als eine „conceptionel dependency“ zwischen Verb - und Mitspielerkonzepten.[87]

Bei Renickes Ermittlung des syntaktischen Minimums, das die minimal notwendigen syntaktischen Grundelemente enthält, wird zwar auch im Verb die Zentralgröße des Satzes gesehen, allerdings sind seine Glieder nicht strukturell notwendig, sondern nur kommunikationsnotwendig.[88] Ein minimalsyntaktischer Satz wäre für ihn somit „nu wol mich, liebiu frouwe, daz ich íuwern schœnen lîp

hân in disen landen mit ougen mîn gesehen.“[89], da ihm für die Mittelung hier auch die Lokalbestimmung als wichtig erscheint. Die syntaktische Notwendigkeit eines Gliedes für den Satz kann Renicke nicht lösen, da es sich hier um ein semantisch – kommunikatives Satzminimum handelt.[90]

Mit Hilfe der Abstrichmethode dagegen sollen deutsche Sätze auf ein Mindestmaß reduziert werden. Dabei sollte man sich nicht auf die grammatisch notwendigen Glieder beschränken. Beim Abstreichen sollten zwei - oder dreigliedrige Sätze als unentbehrlicher Restbestand für die Bewahrung des Satzcharakters erhalten bleiben. Die Abstrichmethode lässt allerdings zahlreiche Zweifelsfälle offen und ist daher für die Klärung des Valenzbegriffes wenig geeignet.[91]

Die genauere Methode ist die Weglassprobe oder auch Eliminierungstest genannt von Glinz. Durch das gezielte Eliminieren von Satzgliedern soll geprüft werden, ob der Satzrest grammatisch bereits ungrammatisch ist. Bei einem grammatischen Satzrest ist das eliminierte Satzglied syntaktisch nicht obligatorisch. Umgekehrt gilt, dass bei einem ungrammatischen Satzrest das Satzglied für den Bestand des Satzes obligatorisch ist.[92]

Im Nibelungenlied finden wir in Kapitel 26, Vers 1591 den Satz: „dâ dem Elsen vergen was der lîp benomen“.[93] „dem vergen“ und „lîp“ sind hier obligatorisch, da der Satz bei Eliminierung dieser Satzglieder ungrammatisch würde. „Elsen“ dagegen ist wegen des grammatischen Satzrestes nicht obligatorisch.

Durch den Eliminierungstest ist es möglich, die obligatorischen Glieder, also ein syntaktisches Minimum zu ermitteln, wobei die nicht weglassbaren Glieder nicht identisch mit den notwendigen Gliedern sind. Diese sind vom Verb nach Zahl und Art determiniert und durch die Valenz des Verbs gebunden.[94]

Man muss daher eine Unterscheidung zwischen obligatorischen Aktanten, fakultativen Aktanten und freien Angaben vornehmen. Innerhalb der Valenzbeziehung unterscheidet man zudem zwischen obligatorischer und fakultativer Valenz. Die notwendigen Glieder obligatorische Aktanten und fakultative Aktanten sind durch Valenz an das Verb gebunden. Die freien Angaben als nichtnotwendige Glieder sind dagegen nicht an das Verb gebunden.[95]

Zur Verdeutlichung einige Beispiele:

In dem Satz „do empfie si sus mit gruoze víl máneges ritters lîp“[96] ist „ritters lîp“ ein obligatorischer Aktant, da der Satz bei Eliminierung dieses Satzglieds ungrammatisch würde.

Vergleicht man dagegen den Satz „si klageten ungefuoge des guoten Rüedegêres lîp.“[97], fällt auf, dass es sich bei „ des guoten Rüedegêres lîp“ um einen fakultativen Aktanten handelt. Der Satz wird hier zwar beim Weglassen dieser Glieder nicht ungrammatisch, trotzdem ist dieses Satzglied fest an das Verb gebunden.

In dem Beispiel „si trûte noch des nahtes den sînen wǽtlîchen lîp“[98] handelt es sich bei „des nahtes“ um eine freie Angabe. Dieses Satzglied kann eliminiert werden, ohne dass der Satz ungrammatisch wird. Es steht in so loser Köhäsion, dass es jedem Satz beliebig hinzugefügt oder weggelassen werden kann. Die freien Angaben stehen in keiner Valenzbeziehung zum Verb.[99]

Aus diesen Unterscheidungen ergibt sich eine strukturell - hierarchische Anordnung der Satzglieder, die sich von der Anordnung bei Glinz in primäre Glieder und sekundäre Binnenglieder ebenso unterscheidet wie von der bei Erben in Ergänzungsbestimmungen und Bestimmungsglieder. In unserer Anordnung bildet das Verb das strukturelle Zentrum des Satzes. Subjekt, Prädikativum, obligatorische und fakultative Objekte sowie notwendige Adverbialbestimmungen erscheinen als Glieder ersten Ranges. Attribute zu den Gliedern des ersten Ranges, der freie Dativ und nichtnotwendige Adverbialbestimmungen stellen die Glieder zweiten Ranges dar. Attribute zu Gliedern zweiten Ranges sind entsprechend Glieder des dritten Ranges und deren Attribute werden zu Gliedern vierten Ranges.[100]

2.2 Die Methode der satzsemantischen Kollokationsanalyse

2.2.1 Kollokationsauswertung nach Bergenholtz

Henning Bergenholtz entwickelte eine Methode zur Kollokationsuntersuchung, die auf acht Fragen beruht. Die Beantwortung dieser Fragen soll den Gebrauch des Angstlexems näher beleuchten. Die Fragen sollen hierbei so präzise formuliert sein, dass auch andere Forscher diese Untersuchung überprüfen können. Bergenholtz stellt jedoch unvermittelt ein System von Fragen vor, ohne seine Entstehung zu erläutern und Unstimmigkeiten ausreichend auszuräumen.[101]

Bezogen auf diese Arbeit würden nach Bergenholtz die folgenden acht Fragen formuliert werden:

1. Welche attributiven Adjektive treten vor einem lîp – Substantiv auf?
2. Welche Verben in Prädikatfunktion kommen in Sätzen mit einem lîp – Substantiv als grammatischem Objekt vor?
3. Welche Verben in Prädikatfunktion haben ein lîp – Substantiv als grammatisches Subjekt?
4. Welche Verben in Prädikatfunktion finden sich in Sätzen mit einem lîp – Substantiv in Präpositionalphrasen?
5. Welche parataktischen Größen treten zu den verschiedenen lîp – Substantiven auf?
6. Welche logischen Subjekte sind in Sätzen mit dem lîp – Substantiv vorzufinden?
7. Wird eine Pluralform des Substantivs verwendet?
8. Die achte Frage ist für diese Arbeit nicht verwendbar, da Bergenholtz hier nach den Gründen für das Auftreten des Angstgefühls fragt.[102]

Unter der Maßgabe ihrer jeweiligen Stellung im Satz wird in den Fragen eins bis fünf nach verschiedenen kollokierenden Größen gefragt. Frage sieben fragt als einzige nach der untersuchten Größe selbst. Frage sechs liegt eine linguistische Theorie zugrunde, die auf eine semantische Interpretation von Satzteilen zurückgeführt werden muss, was Bergenholtz leider versäumt. Frage acht distanziert sich völlig von dem Ziel linguistisch beschreibbarer Kategorien.[103]

Die Methode von Bergenholtz bleibt leider undurchschaubar und kaum auf andere Untersuchungsgegenstände übertragbar, da sich keine detaillierte Antwort auf die Frage finden lässt, auf welche Weise er diese acht Fragen ermittelte.[104]

Die zentrale Aufgabe von Bergenholtz Korpusauswertung ist es, mit Hilfe der Umgebungen des jeweils untersuchten Lexems Informationen über den untersuchten Gegenstand zu ermitteln. Das von Bergenholtz zur Kategorienbildung benutzte Syntaxmodell führt gerade in den wichtigsten Punkten zu unzureichenden Ergebnissen.[105]

2.2.2 Satzsemantische Funktionen der Bezugsstellen

Peter von Polenz bezeichnete in seiner „Deutschen Satzsemantik“ die Funktionen von Bezugsstellen als semantische Rollen und erweiterte das System der Tiefenkasus. Seine Liste von nahezu 20 semantischen Rollen sind seiner eigenen Ansicht nach ergänzungsbedürftig und vorläufig, außerdem etwas einseitig.[106]

Hier erfolgt nun eine Aufstellung der Tiefenkasus, wie sie sich zur Klassifizierung des zu untersuchenden Textes, des Nibelungenliedes, als notwendig erwiesen haben. Diese Liste ist zu verstehen als eine Aufstellung der möglichen satzsemantischen Funktionen des untersuchten Lexems.[107]

Agens (AG) bezeichnet den belebten Urheber oder den Ausführenden eines Ereignisses oder einer Handlung, andererseits die in einem Zustand befindlichen prinzipiell als Urheber oder Ausführende denkbaren belebten Wesen beziehungsweise Gruppen von solchen.[108]

Ursula Louis - Nouvertné bezeichnet Agens in ihrer Unterteilung der Tiefenkasus als Handelndes (HAN), also als ein Gegenstand, gemeint ist eine Person oder Sache, der eine Handlung ausführt.[109]

In Kapitel 31, Vers 1889 des Nibelungenliedes finden wir den Satz „er stach dem rîchen Hiunen daz sper durch sînen lîp“[110]. Hier ist „er“, damit ist Volker gemeint, Agens, da er die Handlung ausführt, indem er den Hunnen ersticht.

Vorgangsauslösendes (VORG) ist laut Louis – Nouvertné ein Gegenstand, also eine Person, Sache oder Sachverhalt, der einen Vorgang auslöst, und zwar nicht mit der eine Handlung auszeichnenden Absicht des Handelnden.[111]

So ist in dem Satz „durch sînes lîbes ellen wart im daz grǘezén getân“[112] in Kapitel 27, Vers 1666 „sînes lîbes ellen“ das Vorgangsauslösende, da seine Leibesstärke zwar das Grüßen auslöste, aber nicht die Absicht dazu hatte.

Patiens (PAT) bezeichnet laut Godglück Personen, Lebewesen oder Gruppen von solchen, die von einem Zustand, einer Handlung oder einem Ereignis nachteilig betroffen sind.[113]

„dô hiez si ir bruoder némen dén lîp“[114] lautet eine Textstelle in Kapitel 39, Vers 2369 des Nibelungenliedes. Hier ist „bruoder“ Patiens, da seine Schwester ihm das Leben nehmen lässt und ihn dadurch zum Leidtragenden bestimmt.

Nutznießer (NUTZ) bezeichnet Personen, Lebewesen oder Gruppen von solchen, die von einem Zustand, einer Handlung oder einem Ereignis betroffen sind und davon einen Vorteil haben.[115]

Instrument (INST) bezeichnet einen Gegenstand, eine Idee oder Vorgehensweise durch deren Hilfe ein Agens eine Handlung durchführt.[116] Auch Louis – Nouvertné sieht unter Instrument einen Gegenstand, der als Mittel eingesetzt wird.[117]

Dies sehen wir in Kapitel 24, Vers 1467, wo es heißt: „ir sult mit guoten kleidern zieren wol den lîp“.[118] Hier sind die Kleider das Instrument, da ein Agens sie benutzt, um sich zu schmücken.

Recipiens (REC) bezeichnet alle perlokutionsfähigen Personen oder Gruppen, an die ein Sprechakt gerichtet ist.[119]

Ein Beispiel hierzu finden wir in Kapitel 20, Vers 1263 des Nibelungenliedes. Hier heißt es: „si bâtens alsô lange unz doch ir trûrec lîp lobte vor den helden, si würde Étzélen wîp.“[120] Kriemhild gelobt hier vor den Helden, Etzel zu heiraten. Somit sind die Helden Recipiens, da an diese der Sprechakt gerichtet ist.

Faktitiv (FAK) bezeichnet alle Lebewesen oder Objekte, die das Resultat eines Ereignisses oder einer Handlung sind.[121]

Im Nibelungenlied finden wir in Kapitel 39, Vers 2364 den Satz: „ez enwárt nie gîsel mêre sô guoter ritter lîp, als ich iu, frouwe hêre, an in gegeben hân“[122], in dem „gîsel“ Faktitiv ist. Die Ritter wurden von Dietrich von Bern zu Geiseln gemacht und dadurch sind die Geiseln Resultat einer Handlung.

Objekt (OBJ) bezeichnet Gegenstände, an denen sich ein Ereignis oder eine Handlung auswirkt oder die sich in einem bestimmten Zustand befinden.[123] Louis – Nouvertné versteht unter Objekt alle Gegenstände, die von einer Handlung oder einem Vorgang betroffen sind.[124]

In dem Satz „dar umbe suln wir helde alle wâgén den lîp“[125] in Kapitel 31, Vers 1910 ist „lîp“ das Objekt, da sich die Wagnis der Helden an ihrem Leib auswirkt.

Force (FO) bezeichnet laut Godglück alle nicht belebten Urheber und Veranlasser von Ereignissen.[126]

In dem Satz „Diu swert genôte vielen uf sîn eines lîp“[127] in Kapitel 32, Vers 1938 des Nibelungenliedes ist das Schwert Force, da es der unbelebte Urherber dafür ist, dass Dankwart stirbt.

Ortsangabe (Ort) bezeichnet die Stelle wo ein Ereignis oder eine Handlung stattfindet beziehungsweise wo ein Zustand herrscht.[128]

So zum Beispiel in Kapitel 21, Vers 1313 des Nibelungenliedes: „nu wol mich, liebiu frouwe, daz ich íuwern schœnen lîp hân in disen landen mit ougen mîn gesehen.“[129] „diese lande“ ist hier die Ortsangabe, da hier das Ereignis stattfindet.

Zielort (Z-LOC) bezeichnet dagegen die Stelle an der die Bewegung ihr Ende hat.[130]

In dem Satz „si jâhen daz gesunder únser deheines lîp wíder ze lánde kœme, niwan der kappelân.“[131] in Kapitel 26, Vers 1589 ist „ze lánde“ der Zielort, da die Heimat das Ziel der Ritter ist.

Louis – Nouvertné würde dies als Richtung (RICHT) bezeichnen, also als Gegenstand, zu dem eine Hinwendung erfolgt.[132]

Andere satzsemantische Funktionen von Bezugsstellen nach Louis – Nouvertné konnten zur Analyse dieses Textes nicht herangezogen werden. Dazu gehört das Eigenschaftstragende, also ein Gegenstand, dem eine Eigenschaft zugesprochen wird, außerdem das Element einer Gattung, als ein Gegenstand, der in eine Gattung eingeordnet wird.[133]

Das Ganze ist ein Gegenstand, der das Ganze in einer Teil – von – Beziehung bildet.[134]

Das Besitzende bezeichnet einen Gegenstand, dem ein anderer zugehörig ist. Von Polenz spricht hierbei von Possessiv.[135]

Unter Vorstellungsobjekt versteht man einen Gegenstand, der im nichtgrammatischen Sinne das Objekt einer Vorstellung ist.[136]

Ein in ein Verhältnis Gesetztes ist ein Gegenstand, der zu einem anderen in einem bestimmten Verhältnis steht.[137]

Einen Gegenstand, der bewertet wird, bezeichnet Louis – Nouvertné als Bewertetes.[138]

Ein Gegenstand, der mit einem zweiten gleichgesetzt wird, ist ein Gleichgesetztes.[139]

Louis – Nouvertné sieht ihre Liste von satzsemantischen Funktionen von Bezugsstellen keineswegs als Alternative zur Liste von Von Polenz. Ihre Liste stellt nur einen durch semantische Eigenheiten des untersuchten Lexems bestimmten Ausschnitt aus dem System möglicher Funktionen dar.[140]

[...]


[1] S. Das Nibelungenlied I. Hg. v. Helmut Brackert. Frankfurt am Main 2003, S. 6.

[2] Vgl. Mackensen, Lutz: Die Nibelungen: Sage, Geschichte, ihr Lied und sein Dichter. Stuttgart 1984, S. 57.

[3] Vgl. Das große Duden – Lexikon in acht Bänden. Bd. 5. Mannheim 1966, S. 746.

[4] Vgl. Mackensen, S. 56 ff..

[5] Vgl. Das große Duden – Lexikon in acht Bänden, S. 746.

[6] Vgl. Wachinger, Burghart: Studien zum Nibelungenlied. Tübingen 1960, S. 58.

[7] Vgl. Das Nibelungenlied I, S. 6 ff..

[8] Vgl. Das Nibelungenlied I, S. 10 ff..

[9] Vgl. ebd., S. 18 ff..

[10] Vgl. ebd., S. 74 ff..

[11] Vgl. ebd., S. 130 ff..

[12] Vgl. Das Nibelungenlied I, S. 152 ff..

[13] Vgl. ebd., S. 160 ff..

[14] Vgl. ebd., S. 200 ff..

[15] Vgl. Das Nibelungenlied I, S. 222 ff..

[16] Vgl. Das Nibelungenlied II. Hg. v. Helmut Brackert. Frankfurt am Main 2003, S. 6 ff..

[17] Vgl. ebd., S. 82 ff..

[18] Vgl. Das Nibelungenlied II, S. 112 ff..

[19] Vgl.ebd., S. 162 ff..

[20] Vgl. ebd., S. 252 ff..

[21] Vgl. Das Nibelungenlied. Stuttgart 2003, S. 386.

[22] Vgl. Mackensen, S. 23 f..

[23] Vgl. Haymes, Edward R.: Das Nibelungenlied: Geschichte und Interpretation. München 1999. S. 155.

[24] Vgl. ebd., S. 13.

[25] Vgl. Panzer, Friedrich: Das Nibelungenlied: Entstehung und Gestalt. Stuttgart 1955, S. 273 f..

[26] Vgl. Panzer, S. 277 f..

[27] Vgl. Das Nibelungenlied, S. 388.

[28] Vgl. Panzer, S. 274.

[29] Vgl. Reichert, Hermann: Die Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien. In: Die Nibelungen. Sage- Epos- Mythos. Hrg. v. Joachim Heinzle, Klaus Klein u. Ute Obhof. Wiesbaden 2003, S. 66 ff..

[30] Vgl. Panzer, S. 276 f..

[31] Vgl. Das Nibelungenlied, S. 386 f..

[32] Vgl. ebd., S. 389 f..

[33] Vgl. ebd., S. 389.

[34] Vgl. Nagel, Bert: Das Nibelungenlied. Stoff – Form – Ethos. Frankfurt am Main 1965, S. 22.

[35] Vgl. Heinzle, Joachim: Die Nibelungensage als europäische Heldensage. In: Die Nibelungen. Sage-Epos-Mythos. Hg. v. Joachim Heinzle, Klaus Klein und Ute Obhof. Wiesbaden 2003, S. 4.

[36] Vgl. Das Nibelungenlied, S. 391.

[37] Vgl. ebd., S. 391 f..

[38] Vgl. Ehrismann, Otfrid: Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung. München 1987, S. 241.

[39] Vgl. ebd..

[40] Vgl. Ehrismann, S. 69.

[41] Vgl. ebd., S. 70.

[42] Vgl. Mackensen, S. 32.

[43] Vgl. Heinzle, Joachim: Die Handschriften des Nibelungenliedes und die Entwicklung des Textes. In: Die Nibelungen. Sage-Epos-Mythos. Hg. v. Joachim Heinzle, Klaus Klein und Ute Obhof. Wiesbaden 2003, S. 191.

[44] Vgl. Henkel, Nikolaus: Die Nibelungenklage und die *C- Bearbeitung des Nibelungenliedes. In: Die Nibelungen. Sage- Epos- Mythos. Hg. v. Joachim Heinzle, Klaus Klein u. Ute Obhof. Wiesbaden 2003, S. 113.

[45] Vgl. Heinzle, S. 191.

[46] Vgl. Panzer, S. 66 f..

[47] Vgl. Panzer, S. 192.

[48] Vgl. Henkel, S. 114.

[49] Vgl. ebd., S. 123.

[50] Vgl. Martini, Fritz: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Köln 2003, S. 82 ff..

[51] Vgl. Ehrismann, S. 231.

[52] Vgl. Mackensen, S. 82.

[53] Vgl. Haymes, S. 145.

[54] Vgl. Ehrismann, S. 232.

[55] Vgl. Das Nibelungenlied, S. 395.

[56] Vgl. Mackensen, S. 81.

[57] Vgl. ebd., S. 96.

[58] Vgl. Mackensen, S. 97.

[59] Vgl. ebd., S. 97 f..

[60] Vgl. ebd., S. 99.

[61] Vgl. ebd., S. 109.

[62] Vgl. Helbig, Gerhard; Schenkel, Wolfgang: Wörterbuch zur Valenz und Distribution deutscher Verben. Leipzig 1983, S. 13.

[63] Vgl. ebd..

[64] Vgl. ebd., S. 19 ff..

[65] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 24.

[66] Vgl. ebd., S. 24 f..

[67] Vgl. ebd., S. 25.

[68] S. Das Nibelungenlied II, S. 186.

[69] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 25 f..

[70] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 26.

[71] Vgl. ebd., S. 26 ff..

[72] Vgl. Godglück, Peter: Textspiele. Vorschläge zur generativen Beschreibung der Handlungs- und Valenzstrukturen des Schwanks. Frankfurt am Main 1985, S. 119.

[73] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 119 f..

[74] Vgl. ebd., S. 120.

[75] S. ebd..

[76] S. Das Nibelungenlied II, S. 224.

[77] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 120.

[78] S. Godglück: Textspiele, S. 120.

[79] S. Das Nibelungenlied II, S. 6.

[80] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 120 f..

[81] S. Das Nibelungenlied II, S. 118.

[82] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 121.

[83] S. ebd..

[84] S. Das Nibelungenlied II, S. 30.

[85] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 31.

[86] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 128.

[87] Vgl. ebd..

[88] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 32.

[89] S. Das Nibelungenlied II, S. 40.

[90] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 32.

[91] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 32.

[92] Vgl. ebd., S. 33.

[93] S. Das Nibelungenlied II, S. 100.

[94] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 33.

[95] Vgl. ebd., 33 f..

[96] S. Das Nibelungenlied II, S. 48.

[97] S. ebd., S. 232.

[98] S. ebd., S. 84.

[99] Vgl. Helbig; Schenkel, S. 35.

[100] Vgl. ebd., S. 44 f..

[101] Vgl. Louis - Nouvertné, Ursula: Satzsemantik in der Kollokationsanalyse. Mainz 1997, S. 33.

[102] Vgl. Bergenholtz, Henning: Das Wortfeld „Angst“. Stuttgart 1979, S. 148 f..

[103] Vgl. Louis - Nouvertné, S. 35.

[104] Vgl. ebd., S. 35 f..

[105] Vgl. ebd., S. 36 f..

[106] Vgl. ebd., S. 63.

[107] Vgl. Louis - Nouvertné, S. 64.

[108] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 134.

[109] Vgl. Louis - Nouvertné, S. 65.

[110] S. Das Nibelungenlied II, S. 160.

[111] Vgl. Louis - Nouvertné, S. 65.

[112] S. Das Nibelungenlied II, S. 114.

[113] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 134.

[114] S. Das Nibelungenlied II, S. 262.

[115] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 134.

[116] Vgl. ebd., S. 135.

[117] Vgl. Louis - Nouvertné, S. 68.

[118] S. Das Nibelungenlied II, S. 74.

[119] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 135.

[120] S. Das Nibelungenlied II, S. 30.

[121] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 135 f..

[122] S. Das Nibelungenlied II, S. 260.

[123] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 136.

[124] Vgl. Louis - Nouvertné, S. 66.

[125] S. Das Nibelungenlied II, S. 164.

[126] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 136.

[127] S. Das Nibelungenlied II, S. 170.

[128] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 136.

[129] S. Das Nibelungenlied II, S. 40.

[130] Vgl. Godglück: Textspiele, S. 137.

[131] S. Das Nibelungenlied II, S. 98.

[132] Vgl. Louis- Nouvertné, S. 68.

[133] Vgl. ebd., S. 65.

[134] Vgl. ebd., S. 66.

[135] Vgl. ebd..

[136] Vgl. ebd., S. 66.

[137] Vgl. ebd., S. 65.

[138] Vgl. ebd..

[139] Vgl. ebd., S. 65.

[140] Vgl. ebd., S. 64.

Details

Seiten
158
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638340021
Dateigröße
925 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33556
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
10 Punkte
Schlagworte
Kollokationen Mittelhochdeutschen Empirische Untersuchungen Nibelungenlied Methode Kollokationsanalyse`

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Titel: `lîp`- Kollokationen im Mittelhochdeutschen - Empirische Untersuchungen am Nibelungenlied: `Die Methode der satzsemantischen Kollokationsanalyse`