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Die „Aktion T4“ und die Reaktion der Bischöfe

Die katholische Kirche und das Dritte Reich

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „Aktion T4“ und die Reaktion der Bischöfe
2.1 Eugenik, Euthanasie und Hitlers geheimer Erlass
2.1.1 Eugenik
2.1.2 Euthanasie
2.1.3 Hitlers geheimer Erlass
2.2 Die „Aktion T4“ und die Reaktion der Bischöfe
2.2.1 Die „Aktion T4“
2.2.2 Voraussetzungen für den Todesbeschluss und Form der Durchführung
2.2.3 Reaktion der Bischöfe
2.2.4 Ende der „Aktion T4“

3. Schluss

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellenverzeichnis
4.1.1 Buchquellen
4.1.2 Internetquellen
4.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 14. Dezember 2012 beschlossen die belgischen Zwillinge Marc und Eddy V. ihrem Leben gemeinsam ein Ende zu setzen. Sie waren für heutige Verhältnisse mit ihren 45 Jahren noch relativ jung. Die Brüder waren taub geboren, doch als sie anfingen zu erblinden, war für sie der Punkt erreicht. Aber es war kein Selbstmord - denn der Staat bewilligte ihre Entscheidung für den Tod.1 Dieses Phänomen ist unter der Bezeichnung der „aktiven Sterbehilfe“ bekannt und in Deutschland verboten. Geht man jedoch ca. 75 Jahre in der deutschen Geschichte zurück, kommt man an die Anfänge der sogenannten „Euthanasie“. Sogenannt deshalb, da der Begriff, wie oben beschrieben, das Befreien eines Leidenden von seinen Schmerzen bedeuten soll. Doch das NS-Regime verstand darunter nicht die Freiheit eines Individuums über sein Leben zu entscheiden, sondern sah jene Individuen, die mit physischen oder psychischen Leiden behaftet waren, als eine Last. So wurden zum Beispiel Rechnungen durchgeführt wie viel Geld ein Geisteskranker den Staat koste.2 Doch wie kam es dazu? Wie wurde das Unternehmen durchgeführt?Was spielten die Bischöfe für eine Rolle?

Die folgende Arbeit behandelt das Wirken der katholischen Kirche und beschränkt sich hauptsächlich, neben der „Kinder-Euthanasie“ auf die „Aktion T4“. Was die Quellenlage und den Forschungsstand betrifft ist zu sagen, dass die Nationalsozialisten zwar versuchten die Akten zu vernichten, aber an der Menge der Materialien gescheitert sind.3 4 Für die Forschung sind Namen wie Kurt Nowak oder auch Ernst Klee unentbehrlich und haben einen erheblichen Teil dazu beigesteuert, die „Euthanasie“Verbrechen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Im Zuge der Thematik wird in der folgenden Arbeit zunächst auf den Ursprung und die Verwendung der Begriffe Eugenik und Euthanasie eingegangen. Danach werden der Anfang, die Durchführung und der Abbruch der „Aktion T4“ beleuchtet und den Reaktionen der katholischen Kirche entgegengestellt. Schlussendlich wird die Frage aufgegriffen, welche Folgen die Entscheidungen der Bischöfe mit sich zogen und wie viel Gewicht jenen Entscheidungen beizumessen ist.

2. Die „Aktion T4“ und die Reaktion der Bischöfe

2.1 Eugenik, Euthanasie und Hitlers geheimer Erlass

2.1.1 Eugenik

Die Bezeichnung kommt aus dem altgriechischen, was so viel wie ‚gutes (eu) Geschlecht (genos)‘ bedeutet. An dieser Stelle angesetzt prägte Francis Galton, ein Cousin Charles Darwins, bereits im Jahre 1833 diesen Begriff.5 Galton gehörte, wie Alfred Hoche und Karl Binding, zu jenen Wissenschaftlern, die von den Nationalsozialisten zur Rechtfertigung und Erklärung ihrer Verbrechen zu Gute gezogen wurden.6 Die Zielsetzung der Eugenik bestand darin die angeborenen Eigenschaften einer Rasse zu ihrem Vorteil zu verbessern.

Mögliche Methoden wurden nach Wilhelm Schallmayer, dem Mitbegründer der „Rassenhygiene“ in Deutschland, zusammen mit Alfred Ploetz, folgenderweise zweigeteilt7: Zum einen solle das „Problem“ vom quantitativen Aspekt angegangen werden, indem die Gestaltung der Gesetzgebung, die Vererbung betreffend, verändert wird oder auch eine staatliche Eltern- und Nachwuchsversicherung eingeführt wird. Zum anderen solle der qualitative Gesichtspunkt die Beeinflussung der Fruchtbarkeit umfassen. Personen mit ungenügend guten Erbanlagen solle bei der Vermehrung Einhalt geboten werden, indem entweder medizinische Eingriffe wie Zwangssterilisationen oder gesetzliche Verbote von staatlicher Seite bei Ehewunsch auferlegt werden sollten. Im Gegenzug dazu sollten die Bürger mit guten beziehungsweise erwünschten Erbanlagen zur Reproduktion motiviert werden.

Schallmayers Theorie ist auch unter der Bezeichnung „negative Eugenik“ bekannt, was so viel wie die Verhinderung von Nachwuchs mit schlechten Erbeigenschaften bedeutet.

Dagegen wird Galtons Methode als die „positive Eugenik“ betitelt, also die Motivation zur Steigerung des Nachwuchses mit guten Erbeigenschaften.8

2.1.2 Euthanasie

Der Begriff ‚Euthanasie‘ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie ein ‚guter, schöner, leichter (eu) Tod (thanatos)‘. Nach Prof. Helmut Ehrhardt wird die Euthanasie in fünf Arten gegliedert.9 Die erste, an sich moralisch wie gesetzlich unproblematische, Version ist die „Sterbehilfe ohne Lebensverkürzung“. Sie ist die Verpflichtung eines jeden Arztes und tritt dann ein, wenn eine Person auf jeden Fall sterben muss und der Eingriff die Lebensdauer des Patienten nicht beeinträchtigt. Ein Beispiel hierfür wäre eine tödliche Schusswunde, die es dem Arzt versagt das Leben des Patienten zu retten und ihn dazu verpflichtet sein Dahinscheiden zu erleichtern. Die zweite Variante ist die „Sterbehilfe durch Sterbenlassen“. Hierbei werden kurzfristige, lebensverlängernde Eingriffe unterlassen. Wenn der Patient beispielsweise nur noch ein paar Monate zu leben hat, der Arzt jedoch diesen Zeitraum eventuell durch bestimmte Maßnahmen nur kurzfristig verlängern kann, so kann der Patient bzw. die Angehörigen (bei Bewusstlosigkeit) einen natürlichen Tod ohne lebensverlängernde Maßnahmen wählen. Im dritten Fall spricht Ehrhardt von der, heute in der modernen Medizin als „indirekte Sterbehilfe“ bezeichneten „Sterbehilfe mit Lebensverkürzung als Nebenwirkung“. Das heißt, dass wenn der Tod des Patienten in der nächsten Zeit bevorsteht, der zuständige Arzt um seine Leiden zu mindern beispielsweise ein hochdosiertes Beruhigungsmittel für einen schmerzfreien Tod verabreicht. Jedoch nimmt der Arzt dann eine Lebensverkürzung in Kauf, die wiederum entweder erwünscht oder indirekt (Bewusstlosigkeit > Bewilligung der Angehörigen) sein kann. Die nächste Stufe ist die „Sterbehilfe mit gezielter Lebensverkürzung“. Schließlich ist die letzte Stufe die „Vernichtung ‚lebensunwerten‘ Lebens“. Im Zusammenhang mit der „Aktion T4“ ist die letzte Stufe relevant.

2.1.3 Hitlers geheimer Erlass

1939 sollen die Eltern eines schwer behinderten Kindes die Tötung ihres Kindes ‚Knauer‘ gewünscht haben.10 Es sei nach nicht belegten Behauptungen blind geboren worden; des Weiteren würden ihm ein Arm und ein halbes Bein fehlen.11 Zusätzlich sei es noch idiotisch gewesen.12 Diese an Hitler gerichtete Bitte wurde von dessen Leibarzt Karl Brandt näher untersucht. Hitler gab seine Zustimmung und bald darauf auch eine mündliche Vollmacht an die Ärzte Brandt und Bouhler erteilt haben, die besagte, dass bei einem Vorliegen einer solchen Situation in Zukunft wie bei dem Fall Knauer vorzugehen sei.13 Kurz darauf wurden mittels eines Runderlasses alle Ärzte und Hebammen ab dem 18. August 1939 dazu verpflichtet Kinder mit folgenden Leiden bei den zuständigen Gesundheitsämtern zu melden14: Idiotie, Mongolismus, Mikro- oder Hydrozephalus, oder Missbildungen jeglicher Art. Als Grund dafür gaben die Planer der „Kinder-Euthanasie“ an, dass diese Erhebung der Informationen „zur Klärung wissenschaftlicher Fragen auf dem Gebiet der angeborenen Missbildung und der geistigen Unterentwicklung“ diene.15 Außerdem durften sie höchstens drei Jahre, später (ab 24. August 1941) acht, zwölf und schließlich 17 Jahre alt sein.16 Nach der Überprüfung und Zustimmung der Fälle durch die Gutachter wurden die Kinder dann in „Kinderfachabteilungen“ überführt, wo sie schließlich durch bestimmte Medikamente oder auch Nahrungsentzug getötet wurden.17 Neben den körperlichen Leiden wurden Kinder, die einer anderen Ethnie, wie den Sinti und Roma oder den Juden angehörten, auch eliminiert.18 Schätzungsweise fanden bei der Vernichtungsaktion 5000 Kinder den Tod.19

[...]


1 Vgl. Utler, Simone, in Spiegel Online: Sterbehilfe für belgische Zwillinge: Zusammen bis in den Tod, URL: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sterbehilfe-in-belgien-taube-und-blinde-zwillinge- waehlen-den-tod-a-877696.html , Letzter Zugriff: 27.03.2013.

2 Vgl. LpB (Hrsg), "Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940, M 8, URL: http://www.lpb- bw.de/publikationen/euthana/euthana32.htm , Letzter Zugriff: 27.03.2013.

3 Vgl. HStA Wiesbaden, Abt. 631a , 1370, Aussage vom 7.9.1965 in: Sandner, Peter, Die “Euthanasieakten” im Bundesarchiv, Zur Geschichte eines lange verschollenen Bestandes in: VjZ. 47, 1999,385-400: “Im Herbst 1944 kam ich für ca. 4 Wochen nach Hartheim, es können auch 6 Wochen gewesen sein. Meine Tätigkeit bestand lediglich darin, Akten zu vernichten.”

4 Jenner, Harald, Quellen zur Geschichte der “Euthanasie”-Verbrechen 1939-1945 in deutschen und österreichischen Archiven. Ein Inventar, in Bundesarchiv (Hrsg.), URL: http://www.bundesarchiv.de/geschichte_euthanasie/Inventar_euth_doe.pdf , Letzter Zugriff: 28.03.2013.

5 Vgl. Galton, Sir Francis, Inquiries into Human Faculty and its Development, London 1833.

6 Vgl. Binding, Karl und Hoche, Alfred, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, Leipzig 1920.

7 Vgl. Schallmayer, Wilhelm, Vererbung und Auslese. Grundriß der Gesellschaftsbiologie und der Lehre vom Rassedienst, Jena 1918.

8 Vgl. Fangerau, Heiner, Dissertation: Das Standardwerk zur menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene von Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz im Spiegel der zeitgenössischen Rezensionsliteratur 1921-1941, URL: http://www-brs.ub.ruhr- unibochum.de/netahtml/HSS/Diss/FangerauHeiner/diss.pdf , Letzter Zugriff: 27.03.2013, Bremen 2000, S. 15.

9 Vgl. Ehrhardt, Helmut, Euthanasie und Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens, Stuttgart 1965, S. 5 f.

10 Vgl. Kaul, Friedrich Karl, Nazimordaktion T 4. Ein Bericht über die erste industriemäßig durchgeführte Mordaktion des Naziregimes (2. Aufl.), Berlin 1971, S. 21 ff.

11 Vgl. Benzenhöfer, Udo, Der Fall Leipzig (alias Fall „Kind Knauer“) und die Planung der NS„Kindereuthanasie“, Münster 2008, S. 12 ff.

12 Vgl. ebd., S. 52.

13 Vgl. ebd., S. 53 ff.

14 Vgl: Geheimer Runderlass des Reichsinnenministeriums am 18. August 1939, URL: https://www2.landesarchiv- bw.de/ofs21/bild_zoom/thumbnails.php?bestand=657&id=3093751&syssuche=&logik= , Letzter Zugriff: 26.03.2013

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. Mitscherlich, Alexander und Mielke, Fred, Medizin ohne Menschlichkeit, Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Frankfurt a. M und Hamburg 1960, S. 211 ff.

17 Aly, Götz, „Reichsausschusskinder“. Eine Dokumentation, in: Aly, Götz (Hrsg.), Aktion T4 1939-1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4 (1. Aufl.), Berlin 1987, S. 121.

18 Vgl. Mitscherlich, Alexander und Mielke, Fred, Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Frankfurt a. M. und Hamburg 1960, S. 212.

19 Vgl. Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.), Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Folgen (1. Aufl.), Berlin 2001, S.302.

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668257146
ISBN (Buch)
9783668257153
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v335750
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
aktion t4 euthanasie nationalsozialismus drittes reich neueste geschichte geschichte katholische kirche

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