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Transsexualität bei Kindern. Ursachen, Entwicklung und gesellschaftlicher Umgang

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und begriffliche Abgrenzung

3. Inzidenz kindlicher Transsexualität

4. Kulturhistorische Entwicklungen

5. Mögliche Ursachen von kindlicher Transsexualität
5.1 Psychische Ursachen
5.2 Physische Ursachen

6. Gesellschaftliche Positionierung

7. Aktuelle Entwicklungen

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Julia T., 13 Jahre, verwaschene Jeans, bauchfreies Top, leichtes Makeup und zu einem Zopf gebundene dunkle braune Haare. In Gedanken versunken sitzt sie in ihrem Zimmer im Obergeschoss zwischen Zeitschriften, Nagellack und Boygroup – Postern und erzählt von ihren Zukunftswünschen als Modedesignerin in New York. Doch der erste Eindruck dieses normalen, pubertierenden Mädchens trügt. Julia ist vor 13 Jahren als Julian geboren worden. Ihre DNA ist rein männlich, doch ihr war von Anfang an klar, dass sie im falschen Körper geboren wurde. Schon mit 3 Jahren spielte Julian lieber mit Puppen und verkleidete sich mit den Sachen seiner größeren Schwester. Für die Eltern war es vorerst nur eine Phase, bis Julian mit 5 Jahren in sein Zimmer rannte und drohte, „das Ding“ abzuschneiden. Von da an trug Julian seinen Lieblingsnamen Julia. Mit Einsetzen der Pubertät wuchs die Angst, einer dieser testosterongeladenen, pubertierenden Teenager mit leichtem Bartwuchs und tiefer Stimme zu werden. Den Eltern wurde bewusst, dass sie helfen müssen. Sie ließen sich von mehreren unabhängigen Gutachtern die Transsexualität ihres Sohnes bestätigen. Heute wird Julia vom Berliner Diplom – Psychologen Jens Lückert behandelt. Durch diverse Hormontherapien wird versucht, die männliche Pubertät zu stoppen und weibliche Entwicklungen zu fördern. Auch seine Namensänderung ist längst amtlich: Aus Julian wurde ganz offiziell Julia. Aus rechtlichen Gründen sind geschlechtsangleichende Operationen erst ab 18 Jahren erlaubt, weshalb Julia den letzten Schritt von Mann zu Frau erst noch gehen wird.[1]

Doch was ist Transsexualismus eigentlich und wodurch wird er bedingt? Besondere Bedeutung möchte ich daher den Ursachen und den Konsequenzen für Betroffene zuschreiben.

2. Definition und begriffliche Abgrenzung

Nach den Ausführungen der Weltgesundheitsorganisation WHO nennt man das, was Julia durchlebt, Transsexualismus (lat. Jenseits des eigenen Körpers). Laut ICD – 10 (F64.0), der „ International Classification of diseases “, ist Transsexualismus eine Geschlechtsidentitätsstörung, die mit dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einhergeht[2]. „Diese Störung zeigt sich während der frühen Kindheit, immer lange vor der Pubertät. Sie ist durch ein anhaltendes und starkes Unbehagen über das zugefallene Geschlecht gekennzeichnet, zusammen mit dem Wunsch oder der ständigen Beteuerung, zum anderen Geschlecht zu gehören. Es besteht eine andauernde Beschäftigung mit der Kleidung oder den Aktivitäten des anderen Geschlechtes und eine Ablehnung des eigenen Geschlechtes. Die Diagnose erfordert eine tiefgreifende Störung der normalen Geschlechtsidentität; eine bloße Knabenhaftigkeit bei Mädchen und ein mädchenhaftes Verhalten bei Jungen sind nicht ausreichend. (F64.2)“[3] Eine Unterform der Transidentität ist die Zisidentität, die mit dem Begriff der Interidentität einhergeht, bei der sich Betroffene nicht der vollständigen Angleichung des Geschlechts unterwerfen wollen. Es werden nur einzelne Maßnahmen vorgenommen, um dem gegensätzlichen Geschlecht nahe zu kommen, die allumfassende physische und psychische Geschlechtsumwandlung und -angleichung wird hierbei jedoch nicht angestrebt, es wird eher als gewollte psychische Zweigeschlechtlichkeit verstanden. Die Form mit den geringsten psychosomatischen Auswirkungen ist der Transvestitismus, bei der die Betroffenen sich lediglich in der äußeren Erscheinung dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, aber in keiner Weise Veränderungen physischer wie psychischer Art vornehmen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass bei transidenten Personen eine transvestitische Phase vorangegangen ist.[4] Um von Transsexualität sprechen zu können, müssen 3 Kriterien erfüllt sein, die 1997 in den „Standards der Betreuung und Begutachtung Transsexueller“ in Deutschland formuliert worden. Das erste Kriterium ist die tiefgreifende dauerhafte gegengeschlechtliche Identifikation, wobei die psychische und körperliche Zugehörigkeit zu einem Geschlecht als paradox gesehen wird. Das Phänomen tritt bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen meist schon während der Vorschulphase auf. Kritischer wird die Angelegenheit im umgekehrten Fall betrachtet. Mann-zu-Frau-Transsexuelle werden von der Gesellschaft oft weniger toleriert bzw. verstanden. Das Ausleben der weiblichen Lebenswelt von Jungen wird eher heimlich praktiziert, wobei es oftmals auch zu Verdrängungsversuchen kommt, um sich dem biologischen Geschlecht anzupassen. Der Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören, setzt sich jedoch immer wieder durch. Als zweites Kriterium wird ein stetiges Unwohlsein in der biologischen Geschlechtsrolle gesehen. Betroffene befinden sich in einem Rollenkonflikt und das Ausleben des gegenwärtigen Geschlechts, wie es von der Gesellschaft erwartet wird, bereitet enormes Unbehagen. Daraus ergibt sich das dritte Kriterium, laut dem der Konflikt mit sich selbst einen klinisch relevanten Leidensdruck mit sich bringt, von dem alltägliche Lebensbereiche auf beruflicher oder sozialer Ebene erheblich beeinträchtigt sind.[5]

3. Inzidenz kindlicher Transsexualität

Es gibt keinerlei veröffentlichte Statistiken zur genauen Bestimmung der Häufigkeit von kindlichem Transsexualismus, es können nur Mutmaßungen getroffen werden. Schätzungen zufolge schwanken die Angaben zwischen 1:500 bis 1:100.000.[6] Laut der Selbsthilfeorganisation Trans-Ident e.V. wurden zwischen 1991 und 2013 17255 Transsexuelle nach dem Transsexuellengesetz von den deutschen Amtsgerichten als vollwertige Staatsangehörige anerkannt, worunter sich die Anpassung des Vornamens in allen persönlichen Dokumenten bzw. die Änderung des Geschlechtseintrages im Geburtsregister versteht.[7] Dies entspricht etwa 0,01% der deutschen Bevölkerung. Bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen liegt die Häufigkeit zwischen 1:10.000 und 1:30.000, bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen zwischen 1:15.000 und 1:100.000.[8] Da sich Transsexualismus schon im Kindesalter entwickelt und ausprägt, lassen sich Rückschlüsse auf kindliche Transsexualität ziehen. Genaue Werte können jedoch nicht erhoben werden, da die Dunkelziffer aufgrund der geringen gesellschaftlichen Toleranz weitaus höher ist.

4. Kulturhistorische Entwicklungen

Das Phänomen „Transsexualität“ ist keine Erscheinung der Moderne, sondern wurde schon in der Geschichte in verschiedenen Kulturen thematisiert. In der Antike wurden Menschen, die ihre biologische Rolle wechselten, mit Hochachtung und Respekt behandelt. „In der griechischen Mythologie wird zum Beispiel von dem blinden Seher Teiresias erzählt, der sich als junger Mann wie durch ein Wunder in eine Frau verwandelte und später wieder in einen Mann. So machte er die sexuellen Erfahrungen des Mannes und der Frau, was ihm zu hohem Ansehen verhalf.“[9] Die Geburt der Göttin Aphrodite weist ebenso Merkmale eines transsexuellen Hintergrundes auf: Um 700 v. Chr. hielt der Schreiber Hesiod in seinen Schriften fest, dass der Tyrann Uranus (Gott des Himmels) die Göttin der Erde, seine Frau Gaia, und ihre Kinder töten wollte. Mit einer von Gaia erschaffenen Sichel wurde Uranus jedoch von dessen Sohn Kronos entmannt und die Genitalien wurden ins Meer geworfen, aus dem die Aphrodite, das Sinnbild vollkommener Weiblichkeit, empor stieg.[10] Konträre Ansichten zeichneten sich im römischen Reiches ab, wo Kinder, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten, als negatives Omen gedeutet und zeremoniell hingerichtet wurden. „Die wohl bekannteste Legende des Mittelalters ist die der Päpstin Jutte alias Papst Johannes VIII, die bereits als Mann verkleidet in Athen studiert und als Nachfolgerin von Papst Leo IV im September 855 zum Papst erwählt wird. Ihre Niederkunft mitten in ihrer Prozession soll zu ihrer Entdeckung geführt haben.“[11] Der Begriff „Transsexualismus“ vollzog mehrere Wendungen. In sexualwissenschaftlichen Falldarstellungen Ende des 19. Jahrhunderts wurde immer öfter von Männern berichtet, die Frauenkleider tragen, unter ihrem physischen Geschlecht leiden und sich voller Überzeugung dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen.

[...]


[1] Vgl. unbekannt, Aus Christin wurde Chris. Stand: 2013. (Namen geändert) URL: http://www.stern.de/tv/die-geschichte-eines-transsexuellen-jugendlichen-3312740.html (Zugriff am 01.Mai 2016)

[2] Vgl. Graubner, B., ICD-10-GM Alphabetisches Verzeichnis, Köln, 2015, S. 1181

[3] Vgl. Krollner, B. und Krollner D.M., Störungen der Geschlechtsidentität. Stand: 2016. URL: http://www.icd-code.de/icd/code/F64.-.html (Zugriff am 01.Mai 2016)

[4] Vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport., Zusammen leben in Berlin – männlich, weiblich, menschlich Trans- und Intergeschlechtlichkeit, Berlin, 2006, S. 17f.

[5] Vgl. Seikowski, K., Zusammen leben in Berlin – männlich, weiblich, menschlich Trans- und Intergeschlechtlichkeit, Berlin, 2006, S.19f.

[6] Ebd. S.17

[7] Vgl. unbekannt, Wie viele Transsexuelle gibt es in Deutschland?, Stand: O.J. URL: http://www.trans-ident.de/informationen/174-wie-viele-transsexuelle-gibt-es-in-deutschland (Zugriff am 17.05.2016)

[8] Vgl. Pichlo, H.-G., Transsexualimus – Diagnose, Behandlung und Begutachtung, Stand: 2002 URL: http://www.transsexuell.de/med-pichlo.shtml (Zugriff am 17.05.2016)

[9] Vgl. Haeberle, E.J., Transsexualität. In: Kamprad, B. und Schiffels, W., Im falschen Körper. Alles über Transsexualität., Zürich, 1991, S. 12-16

[10] Vgl. Schrott, R., Hesiod Theogonie, München, 2014, S. 13ff.

[11] Vgl. Röhm, S., Von falschen Körpern und echten Menschen, Marburg, 2015, S.26

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668263215
ISBN (Buch)
9783668263222
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336286
Institution / Hochschule
MSB Medical School Berlin - Hochschule für Gesundheit und Medizin
Note
1,0
Schlagworte
Transsexualität Transidentität Pädagogik Transsexualität bei Kindern

Autor

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Titel: Transsexualität bei Kindern. Ursachen, Entwicklung und gesellschaftlicher Umgang