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Schulische und außerschulische Faktoren des Erwerbs von Lesekompetenz und die Förderung in der Grundschule

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Pädagogik - Leseerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gesellschaftliche Bedeutung von Sprache

2. Entwicklungsphasen der Lesesozialisation
2.1 Prä- und paraliterarische Kommunikation
2.2 Alphabetisierung
2.3 Selbstständige Lektüre

3. Leseförderung in der Grundschule
3.1 Leseförderung nach PISA
3.2 Leseförderung heute: Integrierendes Fördern
3.3 Bezug zum Rahmenlehrplan

Reflexion

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Bildquellenverzeichnis

Einleitung

Viele Faktoren beeinflussen in unterschiedlichster Weise die Entwicklung des Erwerbs von Lesekompetenz. Aufgrund dieser Hypothese wird in der Arbeit untersucht, welche schulischen und außerschulischen Faktoren auf den Erwerb von Lesekompetenz einwirken und welche Phasen der Lesesozialisation Lernende durchlaufen. Außerdem wird die Frage geklärt, wie Schüler in der Grundschule in Hinblick auf das Lesen gefördert werden können und ob der Rahmenlehrplan eine Förderung vorsieht.

Die Sprache und damit verbundene Vorgänge zu verstehen und umzusetzen ist ein wichtiger Teil in der heutigen Gesellschaft. Dabei wird in Sprache der Nähe und Sprache der Distanz unterschieden. Um den Zusammenhang von Lesesozialisation und Sprache zu verstehen, wird die gesellschaftliche Bedeutung von Sprache im Vorfeld geklärt. Lesesozialisation ist ein langjähriger Prozess, an dem viele Instanzen beteiligt sind. Auf Grundlage des Modells der Entwicklungsphasen der Lesesozialisation wird detailliert beschrieben, welche Schritte Kinder auf einem Weg zum erfolgreichen Leser gehen und welchen Einfluss die Familie, die Schule und das soziale Umfeld auf den Schriftspracherwerb und das Lesen haben.

Im Anschluss an die Entwicklung der Lesesozialisation wird beschrieben, wie die Leseförderung in der Grundschule ablaufen kann. Dort wird besonders auf die Förderung nach der Leistungsstanderhebung PISA 2000 und auf die heutige Förderung eingegangen. Anschließend wird der Rahmenlehrplan Deutsch der Grundschule für Berlin und Brandenburg in Hinblick auf Aspekte der Leseförderung untersucht.

1. Gesellschaftliche Bedeutung von Sprache

Sprache kann sowohl mündlich als auch schriftlich gebraucht werden (vgl. Koch, Oesterreicher 1985, 15). Die gesprochene sowie geschriebene Sprache ist im Alltag unabdingbar und beeinflusst den Tagesablauf eines jeden Menschen. Die Sprache der Nähe und der Distanz spielen dabei eine entscheidende Rolle. Wie Sprache benutzt wird hängt von verschiedenen Parametern ab z.B. dem sozialen Verhältnis, der räumlichen und zeitlichen Situierung der Kommunikationspartner, der Themafixierung, des Öffentlichkeitsgrads und der Rolle des sprachlichen, des situativen und des soziokulturellen Kontexts (vgl. ebd., 19). Dabei ist die Rollenverteilung in der gesprochenen Sprache meist offen und der Rollenwechsel ad hoc geregelt. Die geschriebene Sprache hat demgegenüber eine festere Rollenverteilung. Kommunikation ist aber in jedem Fall auch eine Kooperation, in der bei der gesprochenen Sprache Produzent und Rezipient fortgehend aufeinander eingehen. Dementsprechend sind Produzent und Rezipient in der geschriebenen Sprache räumlich und zeitlich voneinander getrennt, was bedeutet, dass der Produzent die Belange der Rezeption von vornherein berücksichtigen muss (vgl. ebd., 19f). In der Sprachverwendung gibt es unterschiedliche Kombinationen wie: Dialog, freier Sprecherwechsel, Vertrautheit der Partner, freie Themenentwicklung, keine Öffentlichkeit, Spontaneität u.a.. Die entsprechenden Kommunikationsformen werden als Sprache der Nähe bezeichnet (vgl. ebd., 21). Analog dazu gibt es Kombinationen, bei denen die entsprechenden Kommunikationsformen als Sprache der Distanz bezeichnet werden wie: der Monolog, kein Sprecherwechsel, die Fremdheit der Partner, räumliche und zeitliche Trennung, ein festes Thema, die völlige Öffentlichkeit u.a. (vgl. ebd., 21). Während in institutionellen Einrichtungen wie der Schule oder der Universität die Sprache der Distanz eine Rolle spielt, wird in der Familie oder Freundesgruppe fast ausschließlich die Sprache der Nähe verwendet. Diese Kommunikationsformen zu differenzieren und gezielt einsetzen zu können, sowie geschriebene Sprache zu beherrschen und anzuwenden, ist eine wichtiger Aspekt, um in der heutigen Gesellschaft sprachlich angemessen Handeln zu können. So heißt es unter Koch und Oesterreicher:

„für die Sprachteilnehmer geht es um nichts Geringeres als um den zivilisatorisch fundamentalen, gerade auch gesellschaftspolitisch relevanten Wert der Fähigkeit, maximaler kommunikativer Distanz genügen zu können“ (Koch, Oesterreicher 1985, 32).

2. Entwicklungsphasen der Lesesozialisation

Die gesamtgesellschaftliche Kultur mit ihren sich permanent verändernden faktischen Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Gesellschaftsmitglieder beeinflusst die Entwicklung der Lesesozialisation (vgl. Hurrelmann 2004, 39). Hierbei gehört „die Beherrschung der Muttersprache in Wort und Schrift [...] in allen modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaften zum Kernbestand kultureller Literalitat" (Schiefele u.a. 2004, 41). Dabei ist das Lesen eine Grundvoraussetzung für eine ständige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben (vgl. ebd., 41). Die Ebenen der formellen und informellen Sozialisationsinstanzen wie der Familie, Schule und Altersgruppe, wirken auf die Lesesozialisation ein. Es gibt entsprechende Vorgaben, welche generationsspezifisch und geregelt ablaufen und in konkrete Handlungskontexte des Kompetenzerwerbs für den Einzelnen integriert werden (vgl. Hurrelmann 2004, 39). Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Mensch selbst, welcher durch Eigenbestimmung maßgeblich für seinen Sozialisationsprozess und den von anderen Menschen verantwortlich ist.

Im Folgenden wird die Entwicklung der Lesesozialisation beschrieben, welche sich über mehrere Jahre erstreckt und entwickelt. Viele Institutionen wie Kindergarten, Schule, Altersgruppe und die Medien sind daran beteiligt. Es wird geklärt, in welcher Form die Lesesozialisation abläuft und welche Phasen vom Lernenden durchlaufen werden.

2.1 Prä- und paraliterarische Kommunikation

Die größte Bedeutung unter den Sozialisationsinstanzen hat nach Forschungsansicht die Familie (vgl. Hurrelmann 2004, 45). Sie nimmt an der gesellschaftlichen Kultur teil, hat aber auch einen spezifischen Sozialisationskontext, welcher in jeder Familie unterschiedlich ist und die Heranwachsenden so beeinflusst. In der prä- und paraliterarischen Phase haben die Kinder noch nicht mit der Dekodierung von Schrift zu tun (vgl. Hurrelmann u.a. 2006, 374). Lange vor der Alphabetisierung, also vor der Schule, beginnt die Lesesozialisation. Sie ist an die kindliche Sprachentwicklung geknüpft (vgl. Hurrelmann 2004, 45). Vor allem der Aspekt der Spracherfahrung ist wichtig für die Lesesozialisation.

Durch die Familie wird das Kind zum Sprechen angeregt. Positive Reaktionen auf seine Äußerungen fördern das Lesen durch eine stimulierende sprachliche Umgebung (ebd., 45). Durch prä- und paraliterarische Kommunikation und Gespräche über Bücher, die oft mit einer alltagsnahen Gesprächspraxis verbunden sind, wird das Leseverhalten des Kindes angeregt (Hurrelmann 2004, 49). Die Verwendung von elaborierter mündlicher Sprache seitens der Eltern, ist eine förderliche Bedingung für den Schriftspracherwerb. Erst nach der Ausbildung von Sprachbewusstheit ist es für Kinder möglich, Lesen zu lernen (ebd., 46). An der Wahl der zur Verfügung stehenden Medien ist die Familie maßgeblich beteiligt. In Familien mit höherem Bildungsstandart kontrollieren die Eltern den Gebrauch der Medien ihrer Kinder. So wird von Menschen aus höheren Bildungsschichten unter anderem häufiger davon berichtet, dass sie „nur selten“ ferngesehen haben (vgl. Hurrelmann u.a. 2006, 379).

Die familiären Voraussetzungen des Buchleseverhaltens von Grundschulkindern wurden von Hurrelmann, Hammer und Nieß (1993) untersucht und es ergaben sich fünf Faktoren, von denen das Leseklima abhängig ist. Ein wichtiger Faktor stellt hierbei die soziale Einbindung des Lesens in den Familienalltag dar. Diese beinhaltet gemeinsame Lesesituationen, das Vorhandensein von gemeinsamen Interessen an Büchern sowie Besuche in Buchhandlungen und Bibliotheken. Die soziale Einbindung des Lesens in den Familienalltag ist stark bildungsabhängig (vgl. Hurrelmann 2004, 47f). Auch Gespräche und prä- sowie paraliterarische Kommunikation beeinflussen das Leseklima. Dazu gehört der Umgang mit Reimen und Gedichten, die Gespräche der Eltern mit den Kindern über Bücher und das allgemeine Kommunikationsverhalten. Das Leseverhalten der Eltern und eine damit verbundene Vorbildfunktion hat ebenfalls einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Das Familienklima, ein weiterer Faktor, ist ein wesentlicher Indikator für die Qualität des allgemeinen Interaktions- und Kommunikationsverhaltens in den Familien. Die Nutzung von elektronischen Medien durch die Eltern wirkt sich auch auf das Leseklima und das spätere Leseverhalten der Kinder aus (vgl. Hurrelmann 2004, 48). Durch die Studie wurde vor allem hervorgehoben, dass „die soziale Einbindung des Lesens in den Familienalltag die stärkste Einflussgröße sowohl in Bezug auf [die] Lesefreude als auch [auf die] Lesefrequenz der Kinder darstellt“ (vgl. Hurrelmann 2004, 49).

Somit spielt die Frühförderung in der Familie eine große Rolle in Hinblick auf die Lesesozialisation.

2.2 Alphabetisierung

Dass Eltern mit höherem Bildungsstandard den Fernsehkonsum ihrer Kinder begrenzen liegt vermutlich daran, dass sie diese besser auf die Phase der Alphabetisierung vorbereiten möchten (vgl. Hurrelmann u.a. 2006, 380f). Die Alphabetisierung erfolgt in der Schule. Hierbei geht es um die „gegenstands- und zielgerichtete, methodisch geplante Vermittlung von Wissen, Fertigkeiten und kulturellen Orientierungen“ (Hurrelmann 2004, 50), welche durch den Lehrplan und die Traditionen der Schule geregelt sind. Die Anpassung und das Zurechtfinden in der Schulkultur hängt stark von der Vorbereitung der Lernenden durch die Eltern ab. Bei den Kindern die vor der Schule wenig gefördert wurden, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Leseverhalten in der Freizeit und der Qualität des Leseunterrichts. Bei intensiver schulischer Förderung kann das Leseverhalten benachteiligter Kinder genauso hoch sein, wie bei den elterlich stark geförderten Kindern (vgl. Hurrelmann 2004, 50).

Um den Sinngehalt eines Wortes verstehen zu können, muss jeder Buchstabe dem dazugehörigen Laut zugeordnet werden. Dieser Vorgang wird als Phonem-Graphem-Korrespondenz bezeichnet. Erst durch diese abstrakte Verknüpfung kann ein Sinngehalt aus den Buchstabenverknüpfungen gewonnen werden (vgl. Garbe u.a. 2009, 110). Durch die Zuordnung von Buchstabe und Laut, ist die Phonem-Graphem-Korrespondenz das stärkste Verbindungsglied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache (vgl. ebd., 111) und beeinflusst den Schulunterricht maßgeblich. In der Schule gibt es unterschiedliche Methoden für den Schriftspracherwerb.

Eine Methode ist das Lesen lernen durch die Fibel. In den heutigen Fibeln werden die analytische und die synthetische Methode zu einer integrativen Methode vereint, indem sie nach und nach in einer festgelegten Reihenfolge eingeführt und zusammengesetzt werden. So werden Buchstaben, also isolierte synthetische Einheiten, nach und nach zu Wörtern und Sätzen, also komplexen analytischen Einheiten, zusammengefügt (vgl. Garbe u.a. 2009, 114). Dies kann man gut anhand der Lesekarte einer Fibel erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Beispiel einer Fibelseite

Eine der neueren Methoden des Schriftspracherwerbs ist das Konzept des Lesens durch Schreiben. Ein zentrales Element davon ist die Anlauttabelle mit Bildern, welche den Lernenden sofort alle Buchstaben zur Verfügung stellt (vgl. ebd., 116). Um ein Wort lesen zu können, müssen die Buchstaben des Wortes erst Anhand der Anlauttabelle in ihre „lautliche Form umgesetzt und dann mit anderen Elementen synthetisiert werden“ (ebd., 116). Dies kann man gut in der folgenden Abbildung einer Anlauttabelle für die Vor- und Grundschule erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Beispiel einer Anlauttabelle

Ein qualitätsvoller Unterricht muss sich auf die Leseinteressen der Schülerinnen und Schüler beziehen. Eine Erfurter Studie von Richter und Plath 2001 fand heraus, dass die Freude am schulischen Lesen bei den Kindern im Laufe der Grundschulzeit schon ab der zweiten Jahrgangsstufe, also im Übergang vom so genannten „Anfangsunterricht“ zum „weiterführenden Lesen und Schreiben“, abnimmt (vgl. Hurrelmann 2004, 51). Dies lässt sich auch dadurch begründen, dass die Leseinteressen der Lernenden in den meisten Fällen nicht in die Themenwahl der Bücher integriert werden (vgl. Garbe u.a., 121ff). Deswegen ist es wichtig, durch eine Einbindung von Schülerinteressen dem entgegen zu wirken.

2.3 Selbstständige Lektüre

Wurde in der prä- und paraliterarischen Phase bei der Vorlesesituation ein Gefühl von Verbundenheit und Nähe hergestellt, so ist die emotionale Beteiligung bei der Lieblingslektüre unmittelbar an den literarischen Figuren orientiert (vgl. Hurrelmann u.a. 2006, 382). Für die Beständigkeit und den Erfolg der Eigenlektüre ist die emotionale Anteilnahme an dem Gelesenen eine zentrale Bedingung. Gleichzeitig muss die Fähigkeit zur emotionalen Anteilnahme bei dem Kind gegeben sein (vgl. ebd., 383). Insofern scheint es auch in der Entwicklungsphase kindlichen Lesens Prozesse zu geben, welche dafür sorgen, dass eine bestimmte Gruppe von Kindern aufgrund einer nicht erreichten Stufe emotionaler Rezeption beim Lesen u.U. benachteiligt ist (vgl. ebd., 383).

Die Studie zeigte auch, dass bei zunehmendem Alter der Befragten die Freunde für Leseanregungen wichtiger werden und die Eltern unwichtiger. Die Lehrer spielen diesbezüglich eine untergeordnete Rolle (vgl. Hurrelmann 2004, 56). Auch die Cliquenorientierung der Jugendlichen zeigt systematische Unterschiede im Leseverhalten. Dabei wird zwischen zwei Formen unterschieden: die eine Form, welche eine antischulische Haltung zum Ausdruck bringt und ein negatives Verhältnis zu den Leseleistungen aufweist und die andere Form, in der kulturelle Interessen geschätzt werden, und ein positives Verhältnis zu den Leseleistungen nachzuweisen ist (vgl. ebd., 56).

Durch dieses Ergebnis lässt sich feststellen, dass die Steuerung von Sozialisations-prozessen auch durch die Heranwachsenden selbst bestimmt wird.

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Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668266681
ISBN (Buch)
9783668266698
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337093
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
schulische faktoren erwerbs lesekompetenz förderung grundschule

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