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Strategien zur Romantisierung der Welt in polnischen romantischen Dramen am Beispiel von Słowacki’s "Kordian" und Mickiewicz’s "Dziady"

Hausarbeit 2014 10 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Romantisierung
2.1 Poetologische Konzepte der deutschen Romantik
2.2 Besonderheiten der polnischen Romantik

3. Analyse am Beispiel der Werke Dziady und Kordian

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Als Beginn der polnischen Romantik gilt allgemein das Erscheinen der ballady i romanse von Adam Mickiewicz im Jahr 1822 und endet 1864 mit der Niederschlagung des polnischen Januaraufstands. Die polnischen Romantiker orientierten sich vor allem an literarischen Vorbildern aus England und Deutschland. Mickiewicz selbst notierte: „Wir ahmen Shakespeare, Schiller und Goethe nach und wenden zumindest ihre Formen auf die nationalen an.“[1] In Deutschland war, nach der Frühromantik (1795 - 1804) und der Hochromantik (bis 1815), zum Zeitpunkt des Aufkommens der Romantik in Polen bereits die letzte Phase der Spätromantik angebrochen, deren Ende analog zu Polen die missglückte Revolution von 1848 markierte. Die Entwicklung der literarischen Romantik war demnach in Polen zeitlich verschoben, denn sie begann deutlich später. Deshalb ist aus dieser Konstellation heraus der Einfluss von literarischen Vorbildern und auch von programmatischen Texten der direkten Nachbarn auszugehen. Die deutschen Romantiker haben einige programmatische Texte als Grundlage ihres literarischen Schaffens hervorgebracht. Vor allem die Ausführungen von Schlegel und Novalis sind Schlüsseltexte. Friedrich Schlegel machte 1798 in der Zeitschrift Athenäum die „Progressive Universalpoesie“ zum Programm.[2] Novalis gilt als derjenige, der den Begriff „Romantik“ einführte.[3] Ob die Hauptwerke der polnischen Romantik tatsächlich Aspekte des Programms der deutschen Romantiker enthalten, ist die zentrale Fragestellung dieses Textes.

Dieser Rückgriff auf die deutsche Romantik wird anhand der Betrachtung zweier polnischer Dramen nach Bezügen und Verweisen auf die Programmatik von Schlegel und Novalis hin untersucht. Dazu wird eine kurze Übersicht über programmatische Texte der deutschen sowie der polnischen Romantik gegeben. Anschließend wird auf die besonderen Aspekte der polnischen Romantik eingegangen. Vor diesem Hintergrund werden Themen der beiden Dramen exemplarisch analysiert und das „Romantische“ an ihnen herausgestellt. In einem Fazit werden die Erkenntnisse daraufhin zusammengefasst. Die Arbeit schließt mit einem Literatur- und Quellenverzeichnis.

Die Kontakte zwischen polnischen und deutschen Romantikern, wie etwa zwischen Goethe und Schlegel mit Mickiewicz, sind eingehend erforscht, ebenso der kulturelle Austausch zwischen Polen und Deutschland.[4] Dabei werden selten spezifische Textstellen untersucht, sondern eher die Themen und Motive oder die Einflüsse sowie die Entstehungsgeschichte von Werken. Daher beschäftigt sich diese Arbeit speziell mit ausgewählten Stellen und deren Art von Romantisierung. Die Dramen Dziady von Adam Mickiewicz und Kordian von Juliusz Słowacki wurden exemplarisch ausgewählt, da sie die populärsten polnisch-romantischen Dramen sind und inhaltlich polemisch aufeinander Bezug nehmen. Bei der verwendeten Forschungsliteratur handelt es sich um Gerhart Hoffmeisters Buch zur deutschen und europäischen Romantik, die Studien zum deutsch-polnischen Kulturtransfer in der Romantik, einen Essay über den polnischen, romantischen Helden von Michał Masłowski sowie das Kapitel zur Romantik von Grażyna Królikiewicz in dem Band Annäherungen zur Polnischen Literatur der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Zur knappen, präzisen Begriffsbestimmung wurde ferner das Sachwörterbuch der Literatur von Gero von Wilpert genutzt. Als entscheidende Quellen dienten schließlich die poetologischen und philosophischen Schriften von Schlegel und Novalis.

2. Zur Romantisierung

2.1 Poetologische Konzepte der deutschen Romantik

Neben einem unglaublich großen Schaffensdrang poetischer Werke haben sich die deutschen Romantiker auch wegen ihrer programmatischen Texte zu Literatur und Weltanschauung einen Platz im kulturellen Gedächtnis erarbeitet. Bei der romantischen Literatur ist es vielleicht noch wichtiger als bei anderen Literaturepochen zu erkennen, welcher Geist dahinter steckte und aus welchem Beweggrund Dichter die Welt auf ihre individuelle Weise darstellten. Denn die Romantik ist von phantastischen und abstrusen Elementen geprägt, deren Grund und Funktion im Kontext des Werkes es erst zu entschlüsseln gilt. Laut dem Sachwörterbuch der Literatur zeichnet sich die Epoche der Romantik durch eine „Steigerung des schöpferischen Ich ins Universale, Unendliche, Elementare“, eine „Poetisierung des Lebens durch Vereinigung von Geist und Natur, Endlichkeit und Unendlichkeit, Vergangenheit und Gegenwart und deren Durchdringung mit dichterischen Kräften“[5] aus. Vor allem zwei Zeitgenossen haben der romantischen Dichtung ihren programmatischen Stempel aufgedrückt: Karl Wilhelm Friedrich Schlegel und Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Letzterer erläutert in seinen Schriften ausführlich seine Vorstellung von Romantik und speziell von romantischer Literatur. Der Kern seines literarischen Schaffens war das Streben nach einer „Romantisierung der Welt“. Es ging ihm nicht nur darum, die Literatur zu verändern, sondern durch Literatur und andere Künste die Welt zu verändern. Das zeigt sich deutlich in seinen viel zitierten Worten:

„Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualitative Potenzierung. […] Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisire ich es.“[6]

Er strebte die Verbindung von Wissenschaft und Poesie an und eine Aufhebung der Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Religion. Das Ergebnis dessen sollte eine progressive Universalpoesie sein. Für Novalis war Poesie die Darstellung des Gemüts, also der inneren Welt in ihrer Gesamtheit. Er träumte von der Rückkehr ins so genannte „Goldene Zeitalter“, als Gefühl und Verstand noch eins waren.

Für Schlegel war es offensichtlich, dass man die Wahrheit nicht erfassen könne, wenn man nur vermeintliche Fakten berücksichtige und ihr nicht auch intuitiv begegne. Ähnlich wie Novalis forderte er die dramatische Literatur solle das äußere Geschehen in seiner Breite darstellen, aber ebenso auch das Innere – die Gefühlswelt des einzelnen Individuums sowie die Mannigfaltigkeit der Welt in ihren Widersprüchen und seltsamen Verwicklungen. Sie solle das Rätsel des Daseins nicht einfach beschreiben, sondern lösen. Sie solle das Leben aus der Verwirrung ihrer Gegenwart hindurch führen bis zur letzten Entwicklung und Entscheidung.[7] Das sei es, was die Poesie leisten müsse. Nur in Verbindung mit der Philosophie gehe sie eine unnachahmliche Symbiose ein. Zudem hat Schlegels Programmatik einen tiefen christlichen Hintergrund und spielt an vielen Stellen auf die Gestalt des leidenden Christus und dessen Widerauferstehung an.[8] Ein Motiv, das auch die polnischen Romantiker mit Inbrunst verwendeten und in übersteigerter Form auf sich selbst und die polnische Nation bezogen.

[...]


[1] AM L, 352.

[2] Hammacher, Klaus / Schrader, Wolfgang H. / Schottky, Richard (Hrsg.): Fichte und die Romantik. Hölderlin, Schelling, Hegel und die späte Wissenschaftslehre. Jena: Internationale J.G.-Fichte-Gesellschaft 1997, S. 170.

[3] Hammacher u.a.: Fichte und die Romantik, S. 169.

[4] Siehe die Reihe Studien zum deutsch-polnischen Kulturtransfer im Leipziger Universitäts- Verlag.

[5] von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der Literatur. Stichwort: Romantik. Stuttgart: Alfred Kröner 1979. S. 699-704, hier S. 700.

[6] Novalis. Werke. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. München: Beck 1969, S. 384.

[7] Vgl.: Kopij-Weiß, Marta: Über Imitation zur Kreation. Zur Geschichte des deutsch-polnischen romantischen Kulturtransfers (Studien zum deutsch-polnischen Kulturtransfer 1). Leipzig: Leipziger Universitäts-Verlag 2011, S. 197, 198.

[8] Kopij-Weiß: Über Imitation zur Kreation, S. 198.

Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668266742
ISBN (Buch)
9783668266759
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337106
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Polonistik
Note
Schlagworte
strategien romantisierung welt dramen beispiel słowacki’s kordian mickiewicz’s dziady

Autor

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