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Die literarischen Techniken in Terry Pratchetts Scheibenweltromanen exemplarisch untersucht an Terry Pratchetts 'Gevatter Tod'

Seminararbeit 2001 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

I N H A L T

Vorwort

1. Stilistische und narrative Besonderheiten
1.1 Personifizierungen
1.2 Parallelen zur heutigen und zur historischen Realität
1.3 Einbezug des Lesers
1.4 Bruch zwischen Textproduktionsebene und Textinhalt
1.5 Fußnoten und Nebenhandlungen
1.6 Das Szenario der Scheibenwelt

2. Tod
2.1 Personifizierung eines mittelalterlichen Symbols
2.2 Verharmlosung des Todes
2.2.1 Die Aufgaben Tods
2.2.2 Tods Charakter
2.2.3 Wirkung auf den Leser
2.3 Vermeidung einer Jenseitsbeschreibung

3. Mort
3.1 Identifikationsfigur
3.2 Parallelen zum Bildungsroman
3.3 Spannungsbögen

Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

V o r w o r t

Terry Pratchett hat seit 1983 über zwanzig Scheibenweltromane geschrieben und mehrmals die britischen Bestsellerlisten angeführt. Das in der vorliegenden Arbeit behandelte Werk “Gevatter Tod” erschien 1987 und stellt den dritten Teil der Romanreihe dar. Ziel der Untersuchung ist es herauszufinden, welche Besonderheiten Pratchetts Romane von anderen unterscheiden. Dabei steht im Vordergrund, wie diese auf die Leser wirken, und somit den Erfolg von Pratchetts Romanen erklären können. Der behandelte Roman kann als exemplarisches Beispiel dieser Besonderheiten dienen. Da bisher kaum Sekundärliteratur zu Pratchetts Werk erschienen ist, ist die Arbeit fast ausschließlich auf textanalytischer Basis entstanden.

Leider war es durch den begrenzten Umfang der Arbeit nicht möglich, alle interessanten Aspekte von Terry Pratchetts Romanen zu beleuchten. So konnte die romanübergreifende Entwicklung der Charaktere, das Arbeiten mit visuellen Reizen (wie das Reden von Tod in Großbuchstaben) oder das Zurückgreifen auf Darstellungsformen aus bekannten Filmen leider nicht eingehender untersucht werden. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, daß die unter 1.3 behandelten Formen des Einbeziehens des Lesers mit den Parallelen zur Realität unter 1.2 auch in kombinierter Form auftreten (u.a. S.53). Die eingeklammerten Seitenangaben im Text sind Verweise auf den untersuchten Roman zum Beleg meiner Argumentation. Ich beziehe mich auf die im Literaturverzeichnis aufgeführte Ausgabe.

1. STILISTISCHE UND NARRATIVE BESONDERHEITEN

1.1 Personifizierungen

Pratchett verwendet in seinem Roman eine Vielzahl von Personifizierungen. Dabei muß zwischen zwei Arten unterschieden werden:

1. Am häufigsten werden alltägliche Gegenstände und Erscheinungen wie das Tageslicht (S.139) oder Ysabells Frisierkomode (S.209) personifiziert, aber auch abstrakte Begrifflichkeiten wie die Historie (S.155) oder die Logik (S.169). Allerdings wird ihr Handeln nur aus der Sicht eines Beobachters geschildert. Niemals wird die Innensicht dieser Akteure beschrieben. Außerdem treten sie nie in einen Dialog ein.
2. Weitreichender ist die zweite Art der Personifizierung, die im Vergleich zu den oben genannten seltener auftritt. Dafür wird den personifizierten Akteuren hier ein eigenes Bewußtsein verliehen. Sie führen auch Dialoge mit den Hauptcharakteren. Als Beispiele seien hier Schneidguts Türklopfer zu nennen (S.128 ff). Es handelt sich also wieder um einen Alltagsgegenstand. Aber auch Morts Unterbewußtsein (S.175 f, 179, 313) wird auf diese Weise eingebunden. Es tritt zwar nur in einen inneren Dialog mit Mort, setzt sich dadurch jedoch gegen die oben genannten dialogunfähigen Personifizierungen ab.

Die so unterschiedenen Arten der Personifizierung dienen verschiedenen Zwecken. Erstere ist nur eine Art der bizarren Beschreibung und soll den Leser amüsieren. Für den Handlungsverlauf bleibt sie unerheblich.

Die Personifizierungen der zweiten Kategorie beeinflussen zwar ebensowenig die Handlung wie die der ersten, sie liefern dem Leser jedoch zusätzliche Informationen über die Hauptfiguren. So wird z.B. im Dialog mit dem Türklopfer Kelis Temperament veranschaulicht (S.127). Morts Unterbewußtsein gibt Aufschluß über dessen Zuneigung zu Keli, die bis dahin noch keine direkte Erwähnung fand. Es ließe sich zwar anführen, daß Morts Unterbewußtsein das Geschehen erheblich beeinflußt, da es seine Beweggründe für Kelis Rettung darstellt und damit den Hauptkonflikt des Romans verursacht. Letztendlich überschreitet es aber die Schwelle zum eigenständigen Akteur nicht, da es ein Teil des Protagonisten bleibt.

1.2 Parallelen zur heutigen und zur historischen Realität

Ein weiteres Charakteristikum von Pratchetts Schreibstil stellt das Einfügen von Brüchen zwischen den Ebenen der phantastischen Realität und der tatsächlichen Realität dar. Auch hier lassen sich wieder zwei verschiedene Arten unterscheiden:

1. Durch das Einfügen von realen Elementen, wie in folgender Textstelle: “Die Reaktion des Magiers entsprach dem Drehbuch”[1], wird ein Bruch zwischen fiktiver- und realer Wirklichkeit erzeugt. Häufig geschieht dies auch in Form von Vergleichen (u.a. S.73). Auffällig ist, daß Pratchett hierzu oft Elemente aus der Filmbranche und der modernen Technik nutzt. Die so erzeugten Brüche sind sehr kurz und beschränken sich meist auf einzelne Wörter.

2. Die zweite Art des Realitätsbruchs ist in die Beschreibung impliziert und erzeugt ein Zerrbild von realen Begebenheiten. Dabei arbeitet der Autor sowohl mit historischen als auch mit heutigen Begebenheiten. Als exemplarisches Beispiel kann hier die Beschreibung des Kaiserhofs von Bes Pelargic (S.263-268) dienen. Pratchett streut dabei dermaßen viele Motive aus dem heutigen und historischen China ein, daß sich der Leser unweigerlich an dieses Land erinnert fühlen muß. Zum einen übernimmt er Elemente der Eßkultur, des Hoflebens und der Mythologie Asiens. Zum anderen beschreibt er das Kaiserreich als eine Diktatur, um an das heutige kommunistische Regime in China zu erinnern. Die Grenze ist mit einer hohen Mauer umringt, um die Einwohner am Verlassen des Landes zu hindern. Dies entspricht der Funktion der Berliner Mauer und kann damit als Symbol für kommunistische bzw. sozialistische Unterdrückung gelten. Eventuell kann das Motiv auch an die chinesische Mauer erinnern, obwohl diese eigentlich eine normale Grenzbefestigung war und die Bewohner nicht am Verlassen des Landes hinderte. Eine eindeutigere Anspielung auf China ist der “Steingarten des Universellen Friedens”[2], der unweigerlich an den Platz des himmlischen Friedens in Peking erinnert.

Da zu erwarten ist, daß der Leser sowohl historische als auch aktuelle Motive mit China assoziiert, werden sie von Pratchett bewußt vermischt. Gleichzeitig erzeugt Pratchett kein korrektes Abbild vom realen China, sondern ein Zerrbild, indem er alle Motive, die seine Leser mit China in Verbindung bringen, in seiner Schilderung lebendig werden läßt. Der Leser erkennt dadurch nicht das konkrete China zu einer bestimmten Zeit wieder, sondern seine eigene, vage Vorstellung und Assoziation von China. Deshalb benutzt Pratchett auch Motive wie die oben genannte Grenzmauer, die wie gesagt, als Symbol für das heutige oder das historische China verstanden werden kann. Entweder wird sie als Symbol für den Kommunismus im heutigen China verstanden oder mit der historischen chinesischen Mauer in Verbindung gebracht. Außerdem benutzt der Autor auch Motive wie das Essen mit Stäbchen, die allgemein mit Asien und somit auch mit China konnotiert werden. Die eindeutigen Hinweise, wie der “Steingarten des universellen Friedens”, tauchen nur selten auf.

1.3 Einbezug des Lesers

An einigen Stellen des Romans wechselt Pratchett die Erzählperspektive und rückt den Leser selbst in den Mittelpunkt. Diese Stellen erstrecken sich maximal auf die Länge einer halben Seite, um den Fortgang des Leseflusses nicht zu stören. Inhaltlich weicht der Autor nicht von der eigentlichen Thematik ab. Meist spricht Pratchett den Leser direkt an. Er spricht dabei von “dem Leser” und von “dem Autor”.

Voraussetzung für das Verständnis ist, daß Leser und Autor über gemeinsames Wissen verfügen, wie beispielsweise in folgender Textstelle: “Der Autor empfiehlt dem Leser, sich von Vorstellungen zu trennen, bei denen es um Erbsen und Matratzen geht”[3]. Pratchett greift hier auf eine traditionelle Vorstellung aus dem Märchen “die Prinzessin auf der Erbse” zurück, um ein gegenteiliges Bild von einer Prinzessin zu skizzieren. Der Rezipient kann dies nur nachvollziehen, wenn er dieses traditionelle Bild und das dazugehörige Märchen kennt. Pratchett greift aber auch auf alltägliche Erfahrungen des Lesers zurück (u.a. S.185).

Dieses Stilmittel wird auch genutzt, um beim Leser Interesse für die bevorstehende Beschreibung zu wecken. Auf Seite 103: “...vermutlich ist dem Leser bereits die seltsame Form des Tempels aufgefallen.”[4] wird zum einen das Interesse an der unmittelbar folgenden Beschreibung des Tempels geweckt, zum anderen ironisiert Pratchett die Situation des Lesers, dem nichts aufgefallen sein kann, denn er hat bis zu dieser Stelle noch nichts über den Tempel erfahren.

Auf Seite 73 f soll mit dem Berichten über den Leser ein Abfallen der Spannung verhindert werden:

“Sie sahen ganz wie die zu allem entschlossenen, durchtriebenen Bösewichter aus, die irgendwann in jedem Roman auftauchen, um den Helden ein wenig in Gefahr zu bringen. Der Leser bleibt bei solchen Abschnitten natürlich zuversichtlich, denn er weiß genau, daß der Protagonist nicht vor der letzten Seite sterben kann. Er ist sich daher ziemlich sicher, daß den Halunken eine Überraschung bevorsteht.”[5]

Pratchett geht davon aus, daß der Leser ohne den oben zitierten Einschub annehmen würde, die folgende Textpassage sei langweilig. Er erzielt durch seinen Einschub zwei Effekte, die dies verhindern sollen. Einerseits weckt der Einschub selbst das Interesse des Lesers durch die geänderte Erzählperspektive und das Berichten über den Leser und sein übliches Leseverhalten. Andererseits lenkt Pratchett die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Überraschung, die den Halunken bevorsteht.

Auch bei der Beschreibung von Gemütszuständen der Romanfiguren bezieht Pratchett den Leser mit ein (S.291 f). Dies geschieht allerdings nicht wie in den oben untersuchten Beispielen durch das Ansprechen des Lesers oder das Berichten über ihn, sondern durch das verallgemeinernde Beschreiben des Gemütszustandes der Romanfigur. Das Verallgemeinern wird durch das Ersetzen der Romanfigur durch das Pronomen “man” erreicht. Pratchett will so suggerieren, daß sowohl Autor als auch Leser vergleichbare Erfahrungen bereits gemacht haben. Die Beschreibung bleibt dabei bewußt vage, damit die Leser sich an ihre individuell verschiedenen Erfahrungen erinnert fühlen können.

1.4 Bruch zwischen Textproduktion und Textinhalt

An einigen wenigen Stellen, wie auf Seite 76: “‘Du solltest nicht ----’, brummte einer der anderen Schurken. Es fiel ihm überhaupt nicht schwer, vier Bindestriche zu formulieren”[6] konstruiert Pratchett einen Bruch zwischen den Ebenen der Textproduktion und des Textinhalts. Die äußere Form des Romans scheint hier von den Figuren selbst gestaltet zu werden. Dies obliegt jedoch nur dem Autor bzw. anderer an der Textproduktion beteiligter Personen. Eine Art Selbstironie des Autors und seiner Rolle als Textproduzent ist deutlich erkennbar.

[...]


[1] Pratchett, Terry: Gevatter Tod. 15. Aufl. München: Wilhelm Heyne Verlag, 1998. S. 36

[2] Ebd. S. 264

[3] Ebd. S. 108

[4] Ebd. S. 103

[5] Ebd. S. 73

[6] Ebd. S. 76

Details

Seiten
16
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638341448
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33744
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Techniken Terry Pratchetts Scheibenweltromanen Gevatter Proseminar Rhetorik Kreativität Schreibanleitungen Bestseller

Autor

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Titel: Die literarischen Techniken in Terry Pratchetts Scheibenweltromanen exemplarisch untersucht an Terry Pratchetts 'Gevatter Tod'