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Psychoanalytische Literaturinterpretation Darstellung und Durchführung einer Methode

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Freuds Literaturtheorie
2.1. Produktionsebene
2.2. Rezeptionsebene

3. Methodik der Psychoanalytischen Literaturinterpretation
3.1. Autororientierte Interpretation
3.2. Werkorientierte Interpretation
3.3. Leserorientierte Interpretation

4. Exemplarische Deutung von Strindbergs “Fräulein Julie“
4.1 Werkorientierte Interpretation
4.1.1 Figurenanalyse Jeans
4.1.2 Figurenanalyse Fräulein Julies
4.2 Leserorientierte Interpretation
4.2.1 Subjektive Leseeindrücke
4.2.2 Interpretation der Leseeindrücke
4.3 Autororientierte Interpretation

5. Nachwort

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Sigmund Freud war einer der bedeutendsten und gleichzeitig umstrittensten Wissenschaftler seiner Zeit. Trotz aller Kritik fand sein Werk ungemein weite Verbreitung. Teile seiner Theorie, wie z.B. der Ödipuskomplex, sind inzwischen zu allgemein bekannten, in der Umgangssprache genutzten Begriffen geworden. Der Begriff Ödipuskomplex birgt die enge Verbindung zwischen Literatur und Psychoanalyse in seinem Namen. Freuds Theorie hatte auf die Literatur starke Auswirkungen. Vor allem in den 1970er Jahren war die Literaturwissenschaft von den Anwendungsmöglichkeiten der Psychoanalyse bestimmt. Dieser Trend ist längst wieder abgeflacht. Eine psychoanalytische Literaturinterpretation erscheint heutzutage methodisch eher antiquiert.

Das Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, am praktischen Beispiel zu überprüfen, ob die psychoanalytische Literaturinterpretation noch immer eine leistungsstarke Methode ist. In Kapitel zwei wurde hierzu die Literaturtheorie Sigmund Freuds dargestellt und erläutert. Im darauf folgenden Abschnitt wird die Methode der psychoanalytischen Literaturinterpretation vorgestellt. Dies geschah auf der Grundlage anderer Quellen, da Freud selbst keine methodische Schrift über die Textgenese hinterließ. Aus Platzgründen konnte leider nicht wie geplant eine der Textdeutungen von Freud als Ersatz herangezogen werden. Das vierte Kapitel ist der Versuch das naturalistische Bühnenstück „Fräulein Julie“ gemäß der dargestellten Methode zu interpretieren. Eine abschließende Beurteilung der psychoanalytischen Literaturinterpretation und der Schlüsse, die aus der hier geleisteten Probe aufs Exempel zu ziehen sind, schließt sich im Nachwort an.

2. Freuds Literaturtheorie

2.1 Produktionsebene

Die Literatur spielt in Freuds Theorie eine nicht zu unterschätzende Rolle. Freud hat sich in seinem 1908 erschienenen Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ mit dem Phänomen der literarischen Schöpfung näher beschäftigt. Ausgehend von der Frage, „woher diese merkwürdige Persönlichkeit, der Dichter, seine Stoffe nimmt“, untersuchte Freud die dichterische Textproduktion (Freud, Sigmund 1999: 31).

Um dieser Frage auf die Spur zu kommen, suchte Freud nach einem der Dichtung vergleichbaren Phänomen und fand dieses im Spielen von Kindern. Nach Freuds Meinung funktioniert das Spielen von Kindern nach dem gleichen Prinzip wie das Dichten: „Jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich eine eigene Welt erschafft“ (Freud, Sigmund 1999: 31).

Aber auch der Ursprung von Dichtung und Spiel ist derselbe. Beidem, Kinderspiel und Dichtung, liegen unerfüllte Wünsche zu Grunde. Freud fasste dies sehr prägnant in folgenden Worten zusammen: „Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit“ (Freud, Sigmund 1999: 34). Es handelt sich dabei meist um narzisstische oder erotische Wünsche.

Das Kind hegt den Wunsch, erwachsen zu sein, und „imitiert im Spiele, was ihm vom Leben der Großen bekannt geworden ist“ (Freud, Sigmund 1999: 33). Aber auch erwachsene Menschen tragen unerfüllte Wünsche in sich. Die Normen und Erwartungen der Gesellschaft verbieten es ihnen jedoch, diese durch kindliche Spiele zu befriedigen. Freud ging davon aus, dass die Menschen in Wahrheit auf nichts verzichten können, in dessen Genuss sie einmal gekommen sind. Was „ein Verzicht zu sein scheint, ist in Wirklichkeit eine Ersatz- oder Surrogatbildung“ (Freud, Sigmund 1999: 33). Ebenso verhält es sich mit dem heranwachsenden Menschen, „anstatt zu spielen, phantasiert er jetzt“ (Freud, Sigmund 1999: 33). Das Phantasieren ist also eine Ersatzform des Spielens und mündet bei entsprechend begabten Menschen in dichterische Schöpfungen.

Nun ist damit aber die Frage nach der Herkunft der literarischen Stoffe noch nicht gänzlich beantwortet. Dichtung und Literatur entstehen auf die gleiche Art wie Phantasien und Tagträume. Ein aktuelles Ereignis weckt die Erinnerung an vergangene, meist infantile Erlebnisse wach, von welchen ein gegenwärtig vorhandener Wunsch ausgeht und sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft. Deshalb lassen sich in literarischen Werken Spuren des gegenwärtigen Anlasses, der Erinnerung und der zukunftsorientierten Phantasie finden.

2.2 Rezeptionsebene

Nach der oben dargestellten Theorie Freuds ist Literatur- und Textproduktion ein äußerst egozentrischer Prozess. Denn Literatur ist demnach nichts anderes als die Befriedigung und immanente Offenlegung intimer Wünsche und Phantasien des Autors. Wie kann dann aber überhaupt Genuss am Rezipieren entstehen? Muss die Offenlegung der intimen Wunschphantasien nicht anstößig wirken und durch ihre Egozentrik abstoßen?

Auch diesen Fragen ging Freud auf den Grund. Er war in der Tat der Meinung, dass die pure Offenlegung und Beschreibung der Wunschphantasien des Autors abstoßend, egozentrisch und als gesellschaftlicher Faux Pas erscheinen muss. Um dies zu verhindern, schwächt der Dichter den egozentrischen Charakter der Phantasie in der Dichtung ab. Außerdem bereitet er den Rezipienten durch die sprachliche Ästhetik der Literatur einen formalen Kunstgenuss. Dies ist in Freuds Worten aber nur eine „Vorlust“ oder eine „Verlockungsprämie“, die den Rezipienten zum eigentlichen Genuss des Kunstwerks hinführen soll (Freud, Sigmund 1999: 40). Den eigentlichen Lustgewinn der Rezipienten beschrieb Freud so:

„Das teilnehmende Zuschauen beim Schau-Spiel leistet dem Erwachsenen dasselbe wie das Spiel dem Kinde [...]. Der Zuschauer [...] hat seinen Ehrgeiz, als Ich im Mittelpunkt des Weltgetriebes zu stehen, [...] kurz Held sein, und die Dichter – Schauspieler ermöglichen ihm das, indem sie ihm die Identifizierung mit einem Helden gestatten“ (Freud, Sigmund 1999: 23).

Literaturproduktion und -rezeption sind also beide Surrogatbildungen für die verloren gegangene Befriedigung des kindlichen Spielens. Damit der Leser bzw. Zuschauer seine Wünsche in dem ihm dargebotenen Werk aber befriedigen kann, muss eine Identifikation mit den Figuren der Dichtung stattfinden. Dadurch nimmt der Zuschauer bzw. Leser auch emotional an der Handlung des Stückes teil und kann so seine unerfüllten Wünsche fiktiv befriedigen. Die Literatur bietet damit die Plattform, auf der es möglich ist, die gesellschaftlichen Verbote unbeschadet zu umgehen und gedanklich seine intimsten und verwerflichsten Phantasien auszuleben.

Den eigentlichen literarischen Genuss beschrieb Freud als die „Befreiung von Spannungen in unserer Seele“, indem „uns der Dichter in den Stand versetzt, unsere eigenen Phantasien nun mehr ohne jeden Vorwurf und ohne Schämen zu genießen“ (Freud, Sigmund 1999: 40). Es ist also letztendlich die Umgehung der gesellschaftlichen Normen und Maßstäbe, die den Reiz der Literatur ausmachen.

3. Methodik der Psychoanalytischen Literaturinterpretation

Die verschiedenen Arten, wie man sich als Psychoanalytiker einem literarischen Werk nähern kann, wurden in der Tradition Kurt Eisslers oft als exo- und endopoetische Verfahrensweise bezeichnet. Der endopoetische Interpretation steht als Grundlage ausschließlich das Werk selbst zur Verfügung. Die exopoetische Deutung zieht zur Auslegung auch Fakten und Hintergrundwissen zu Rate, die nicht im Werk selbst enthalten sind (vgl. Dettmering, Peter 1981: 7). Walter Schönau unterscheidet analog zu Freuds Literaturtheorie zwischen produktionsästhetischer und Rezeptionsästhetischer Interpretation (vgl. Schaönau, Walter 1996: 37). Wie die Namen bereits sagen untersucht die Produktionsästhetische Interpretation den literarischen Schaffensprozess des Stückes, während sich die Rezeptionsästhetik mit Aufnehmen und Verstehen des Textes durch die Leser beschäftigt. Diese Zweiteilung ist von Schönau zu einer Dreiteilung in Autor-, Werk- und Leserorientierte Interpretation erweitert worden (vgl. Schönau, Walter 1991: 94). Greift man die oben genannten Begriffe wieder auf, lässt sich die Werkorientierte Interpretation mit der Endopoetischen Deutung gleichsetzen, während die anderen beiden Ansätze, die im Grunde wesensgleich mit Rezeptions- und Produktionsästhetik sind, exopoetisch verfahren müssen, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Allein dieser kleine Aufriss an möglichen Verfahrensweisen der psychoanalytischen Literaturinterpretation zeigt, welche Begriffsvielfalt in der Literatur vorherrscht.

Die dargestellten Möglichkeiten, an einen Text heran zu gehen, sind in der Praxis jedoch nicht strikt von einander zu trennen, da ein literarisches Werk nur aus seinem ganzheitlichen Kontext verstanden werden kann. Vielmehr können die drei Interpretationsarten Schönaus als die drei Dimensionen verstanden werden, die eine ganzheitliche Deutung in sich vereinen muss, um ihrer Ergebnisse hinreichen fundieren zu können. Es macht daher Sinn, im Folgenden diese drei Dimensionen kurz zu beschreiben.

3.1 Autororientierte Interpretation

Allgemein gesprochen gelten „alle jene Werkdeutungen, die sich auf irgendeine Weise der verfügbaren Informationen über den Urheber und den lebensgeschichtlich bedingten Entstehungsprozess des Werkes bedienen“, als autororientiert (Schönau, Walter 1991: 94). Man kann hierbei aber zwischen einem individualpsychologischen und einem sozialpsychologischen Ansatz unterscheiden, die als komplementäre Bestandteile der autororientierten Interpretation zu verstehen sind.

Der individualpsychologische Ansatz besteht aus einer „Analyse der äußeren Realitäten des Autors (soziale Zugehörigkeit, Familiensituation, zeitgeschichtliche Umstände), die eine Rekonstruktion seiner spezifischen Bedürfnisse und Konflikte und damit seiner bevorzugten Phantasien ermöglicht“ (Schönau, Walter 1991: 96). Ziel ist es, einen Einblick in die psychische Situation des Autors und deren Auswirkungen auf das literarische Werk zu erlangen. Hierbei sind zunächst Fragestellungen nach der Lebensgeschichte, den Lebensumständen und v.a. nach den Kindheitserfahrungen des Autors hilfreich, die sich oft im literarischen Schaffensprozess niederschlagen und aus psychoanalytischer Sicht sehr maßgebend sind. Eine weitere Fragestellung für den individualpsychologischen Ansatz ergibt sich aus dem Verständnis des literarischen Werkes als Produkt bzw. Abbild eines inneren Konflikts des Autors. Die zu analysierenden Textphänomene können dadurch auf die psychischen Instanzen des Autors (Ich, Es und Über-Ich) zurückgeführt werden. Bezieht man den inneren Konflikt dieser Instanzen mit ein, so ist aber auch die Frage, welche Bedeutung dem literarischen Schaffen in diesem Konflikt zukommt, zu berücksichtigen.

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Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638341479
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33747
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Psychoanalytische Literaturinterpretation Darstellung Durchführung Methode Oberseminar

Autor

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Titel: Psychoanalytische Literaturinterpretation Darstellung und Durchführung einer Methode