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Menschliche Erkenntnis und die Erkenntnis Mensch. Erkenntnisgewinn nach Lütjens Bildungswegmodell und Sokrates’ Höhlengleichnis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 18 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.EINLEITUNG

2.DAS BILDUNGSWEGMODELL

3.DIE HÖHLE UND DER BESEELTE KÖRPER

4.DER MENSCH-OHNE WENN UND ABER

5.FAZIT

Literaturverzeichnis

1.EINLEITUNG

3

„ Als behindert im erziehungswissenschaftlichen Sinne gelten alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsene, die in ihrem Lernen, im sozialen Verhalten, in der sprachlichen Kommunikation oder in psychomotorischen Fähigkeiten soweit beeinträchtigt sind, dass ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft wesentlich erschwert ist. Deshalb bedürfen sie besonderer pädagogischer Förderung. “

Definition der Behinderungen nach: Deutscher Bildungsrat

Das Leben und die Welt stellt den Menschen immer wieder vor neue Herausforderungen und Veränderungen, egal ob diese persönlicher oder soziokultureller Natur sind, der Mensch muss sich anpassen und sich auf diese Herausforderungen einlassen. Gleichzeitig möchte der Mensch ein Individuum sein, welches nicht in der breiten Masse untergeht, sondern sich einen Platz in der Gesellschaft und in seinem eigenen Leben schafft. Diese Diskrepanz zwischen gewollter Einzigartigkeit und gezwungener Anpassung an das System macht dem Menschen zu Schaffen. Hiervon sind insbesondere auch behinderte Menschen betroffen, die durch ihre Beeinträchtigung oftmals nicht als Teil des Systems angesehen werden. Das Bildungswegmodells nach Lütjen, welches eng verflochten ist mit Sokrates’ Höhlengleichnis und seines Entwicklungsgradmessers, stellt eine Möglichkeit dar, um die Entwicklung zum Menschen und seine Möglichkeit der Erkenntnisgewinnung wiederzugeben. Da in dieser Arbeit insbesondere auf das Problem der behinderten Menschen eingegangen wird, dass diese leider oft nicht nur als Mensch gesehen werden, sondern die Behinderung über diesem steht, muss zusätzlich ein Menschenbild gefunden werden, dass zwar den Aspekt der Behinderung nicht ausschließt, jedoch den Menschen als Ganzes betrachtet. Nachdem also die Theorie des Bildungswegmodells und eine kurze Darstellung des Höhlengleichnisses, mit dem speziellen Fokus auf die „Schatten des Menschen“, abgehandelt wurden, wird das Menschenbild Freire’s erläutert und ausgeführt, insbesondere im Kontext der Behinderung.

2. DAS BILDUNGSWEGMODELL

"Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache", sagte der Fuchs. "Es bedeutet, sich 'vertraut machen'."

„ Vertraut machen? “

„ Gewiss “ , sagte der Fuchs. „ Noch bist du für mich nichts als ein kleiner Junge, der hunderttausend kleinen Jungen völlig gleicht. [ … ] Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in

der Welt … [ … ]

"Mein Leben ist eintönig. [ … ] Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander [ … ]. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. [...] “ [ … ]

„ [ … ] Ich mußFreunde finden und viele Dinge kennenlernen."

"Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs. "Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. [ … ] Wenn du einen Freund willst, so zähme mich "

"Was mußich da tun?" sagte der kleine Prinz.

"Du mußt sehr geduldig sein", antwortete der Fuchs.

(de Saint-Exupéry, 2008, 87ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung)1:)Das)Bildungswegmodell)nach)Lütjen abgebildet wird),

Anschauungswelt (Bilder - Abbild des Seins), Erfahrungswelt (Meinung) und Erkenntniswelt (Vernunft). Wie im Entwicklungsgradmesser des Sokrates finden sich auch im Bildungswegmodell die Bereiche des Sichtbaren und des Denkbaren. Ergänzt werden diese durch den objektiven und subjektiven Bereich. Während die Welt des Seins und die Erkenntniswelt zur objektiven Seite gehören, zählt die Anschauungs- und Erfahrungswelt zur Subjektivität. Das Denkbare unterteilt sich in Erkenntnis- und Erfahrungswelt, das Sichtbare in Welt des Seins und Anschauungswelt. Die gewählten Größenverhältnisse geben Aufschluss über weitere Zusammengehörigkeit und Verhältnis der Bereiche. Zum einen wurde der Bereich des Denkbaren ein größerer Platz zugemessen, da „der Bereich des Denkbaren (geht) über das Sichtbare hinaus [geht]“ (Lütjen, 2013, 16, Korr. des Verf.), zum anderen sind die Welt des Seins und die Erfahrungswelt gleich groß, da sich die Seinswelt in der Erfahrung wiederspiegelt. In diesem Sinne ist die Welt des Seins nur ein Ausschnitt der Welt, da erst Erfahrungen gesammelt werden müssen, um weitere Aspekte von Welt zu erfassen und um die „Wirklichkeit zwischen Anschauung und Erkenntnis“ (ebd., 90) wahrzunehmen. Die Welt des Seins ist die Welt der Dinge, also von alle dem, „wovon der Mensch sich Bilder macht“ (ebd., 18). Zwar sind diese Dinge dem Sichtbaren zugehörig und für alle gleich (vlg. ebd., zit. Habermas, 2001, 17), dennoch unterscheidet sich der Ausschnitt, auf Grund eben genannter Kriterien und weil niemand ungefiltert die Welt wahrnimmt. Der Mensch ist exzentrisch positioniert. An diesem Punkt kommt die Anschauungswelt ins Spiel, da sich hier Abbilder und Schatten der Wirklichkeit (des Seins) befinden. „Es ist das Nachgebildete und Widergespiegelte des Seins, welches durch die Sinne wahrgenommen wird“ (ebd., 17). Durch ebendiese Perzeption wird sie trotz allem als Realität angenommen, auch wenn sie bereits interpretiert wurde. Die Anschauungswelt gilt als Voraussetzung für die Welt der Erfahrungen, da er „sich der sinnlichen Gegenstände durch die Abbilder bedient.“ (ebd.). Sie fungiert also als Umschlagsstelle von Subjektivität und Objektivität (vlg. ebd., 88) und ebenso als Zugangspunkt zum Bereich des Unbewussten - der Höhle. Auf das Höhlengleichnis werde ich später näher eingehen. Erst durch aktive Teilnahme am Leben - also durch Aktion - kann der Mensch sich die Welt des Seins aneignen (vgl. ebd., 89). Diese Aktionen in der Anschauungswelt sind Voraussetzung für Erfahrungen und vor allem auch für die Erkenntnis im letzten Schritt. „Erkenntnis ist immer eine aktive und subjektive Auseinandersetzung des Individuums mit den äußeren Erscheinungen der Realität“ (ebd., zit. Krawitz, 1997, 92). Wenn aber Erkenntnis immer wieder reflektiert werden muss, so wird ein Teil der Erkenntniswelt durch die Begriffe wieder zurückgeführt in die Anschauungswelt. „We are blind to the other possible configurations because we literally ‚cannot imagine‘ these unlikely objects. They have no name and no habitation in the universe of our experience.” (Bordwell, 1985, 102, zit. Gombrich, 1961, 249). Besonders der zweite Satz Gombrichs ist für dieses Modell ausschlaggebend: „Sie [die möglichen Konfigurationen, Anm. des Verf.] haben keinen Namen […] im Universum unserer Erfahrungen“ - Der Mensch muss also zur Erkenntnis kommen über einen Gegenstand oder Sachverhalt, sonst wird er niemals dessen Namen wissen und damit nicht fähig sein, diesen in der Anschauungswelt zu erkennen. Gombrich spricht hier aber auch vom Universum der Erfahrungen. Diese Welt finden wir ebenfalls im Bildungswegmodell wieder. Sie stellt einen Zwischenschritt von Anschauung zu Erkenntnis dar, da sie zwar schon zum denkbaren Bereich hinzugehört, allerdings noch subjektiv behaftet ist - der Mensch bildet sich also Meinungen über die Abbilder (vgl. Lütjen, 2013, 17) durch Interiorisation. Darunter kann man sich eine Verinnerlichung vorstellen. Demnach ist sie nicht nur subjektiv denkbar, sondern auch die Koppelung von sichtbarem und denkbarem Bereich. Daher bedingt die Sichtweise nicht nur die Größe der Anschauungswelt, sondern auch direkt die Erfahrungswelt, da Bewusstseinsbildungsprozesse stattfinden (vgl. ebd., 90). Diese Prozesse können mit dem Erkenntnisgewinn verknüpft werden, da Erfahrungen ebenfalls in Reflexion treten, welche dann im Bestfall durch die Verarbeitung des Verstandes zu Erkenntnissen werden. Damit hat der Mensch die Erfahrungswelt vorerst verlassen und taucht ein in die Welt der Erkenntnis. Das Ziel: zum voraussetzungslosen Anfang zu gelangen, zur Idee (vgl. ebd., 18). Diese arbeitet mit der Erkenntnis zusammen. Die Idee steht unter Anderem auch für die Begriffe, die nicht mehr subjektiv sind, sondern rein und objektiv - abstrakt. Wenn ein Begriff durch Dialektik und Vernunfttätigkeit (vgl. ebd., 90) gewonnen wurde (also Erkenntnis), dann entwickeln sich gleichzeitig alle anderen Bereiche mit, da die Erkenntnis als Begriff zurück zur Erfahrungswelt kehrt, um dort als „allgemeine Bedeutungen, die Sinn bildend wirksam werden“ (ebd.) wieder zu erscheinen. Da die Größe der Erfahrungswelt an die der Welt des Seins gebunden ist, wächst automatisch auch diese Zone mit - wird der Mensch doch dazu befähigt, seinen Ausschnitt des Seins zu erweitern und damit auch neu zu erfassen. Um neue Aspekte zu greifen, wird zunächst wieder die Anschauungswelt benötigt, weshalb diese wiederum mitwächst.

Als allumfassende Verbindung der vier Bereiche sind die sich bewegende Seele und ihr Dialog mit der Welt und ihren Möglichkeiten vorzufinden. Diese werden visualisiert durch einen spiralförmigen Pfeil, der weder einen Anfang noch ein Ende zu haben scheint. Das ist durchaus sinnvoll, da der Mensch sich ständig weiterentwickelt und damit auch die vier Zonen ständig durchschreitet. Die beiden Zonen des objektiven Bereichs können als unendlich angesehen werden, daher wird dem Menschen auch immer wieder Neues zuteil. Zwar strebt er nach dem voraussetzungslosen Anfang, nach der puren Idee, aber wird diesen vermutlich nie erreichen, da die Welt sich andauernd und wahrscheinlich für alle Zeitalter verändern wird. Dementsprechend gibt es auch für den Menschen immer wieder neues zu entdecken und zu erkennen. Der Dialog dient zusätzlich dazu zu verdeutlichen, dass alle Begriffe dadurch gefunden und gewonnen werden können. Er ist die Verbindung nicht nur aller, sondern insbesondere des Erfahrungs- und Erkenntnisbereichs (vgl. ebd., 19). Dieser spiralförmige Pfeil wird Bildungs- und Entwicklungsspirale genannt

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656989431
ISBN (Buch)
9783656989448
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337474
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Pädagogik – Schulpädagogk / Allgemeine Didaktik
Note
1,0
Schlagworte
Bildungswegmodell Sokrates Freire Behinderung

Autor

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Titel: Menschliche Erkenntnis und die Erkenntnis Mensch. Erkenntnisgewinn nach Lütjens Bildungswegmodell und Sokrates’ Höhlengleichnis