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Biologie im Dritten Reich

Seminararbeit 2004 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

Wissenschaften und Weltanschauungen beeinflussen sich gegenseitig

Der Sonderweg der Deutschen Biologie

Umsetzung der Ideologie in Universität und Schule

Veränderung der Naturwissenschaften an einem Beispiel aus Wetzlar und Giessen

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Quellen

Wissenschaften und Weltanschauungen beeinflussen sich gegenseitig

Der Nationalsozialismus ist eine Weltanschauung, die viele, wenn nicht alle Gebiete des geistigen und praktischen Lebens aller Menschen in seinem Einflussgebiet stark prägt oder zu prägen versucht. Führende Nationalsozialisten verfolgten im Dritten Reich nicht nur rein politische und gesellschaftliche, sondern auch kulturelle und philosophische - typisch intellektuelle - Leitgedanken und Ziele. Ideen und Erkenntnisse aus allen Bereichen des menschlichen Lebens und Denkens wurden aufgenommen und auf Verwertbarkeit im Sinne des Nationalsozialismus geprüft. Gegebenenfalls wurden diese Ideen auch modifiziert, die Erkenntnisse zielgerichtet interpretiert, um sie an die eigenen, zu einem grossen Teil sehr weltlichen Ziele anzupassen. Doch diese Ziele waren nicht a priori fix; der Darwinismus, der Sozialdarwinismus und später der Nationalsozialismus wurde ebenso geformt und geprägt durch die Neuerungen der Zeit. Jugendkult und Körperbewusstsein erfuhren in gleichem Masse durch medizinische und biologische Forschung Rechtfertigung wie Rassenhygiene und die Forderung nach mehr Lebensraum für das deutsche Volk.

Fundament dieser Arbeit ist die These, dass gerade die Errungenschaften und international diskutierten Fragen der Naturwissenschaften des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts entschieden zur Entwicklung der nationalsozialistischen Weltsicht beigetragen haben, wobei die Biologie eine besondere Rolle spielte. Der Einfluss der Nationalsozialisten auf die Biologie wäre demnach besser als Rückwirkung auf diese Wissenschaft zu bezeichnen, als lediglich als Einflussnahme.

Wie konnte die Biologie die Entwicklung des Nationalsozialismus beeinflussen? Änne Bäumer[1] betont, dass „die ‚Deutsche Biologie‛ eine für die damalige Zeit typische Entwicklung war“[2]. Gerhard Arnold[3] zufolge ging die Biologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts durch Wissenschaftler wie Charles Darwin, Francis Galton, Wilhelm Schallmayer, Joseph Arthur Comte de Gobineau bereits einen entschiedenen Schritt in Richtung der später sich zur Eugenik und Rassenkunde ausweitenden Denkrichtung der Biologie. Die Vererbung von Eigenschaften beim Menschen - körperliche wie charakterliche - wurde international diskutiert und der Gedanke des Genpools, auf Deutsch Erbmasse genannt, kam nicht nur in den Fokus der wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern wurde auch politisches, philosophisches und gesamtgesellschaftliches Thema.

Einige aufschlussreiche Zitate sollen hier wiedergegeben werden: Charles Darwin zog aus seinen, die Vererbung und Artenbildung betrachtenden, Untersuchungen den Schluss, dass „Unter den Wilden [...] die an Körper und Geist Schwachen [...] bald eliminiert“ würden, die Überlebenden folglich „gewöhnlich von kräftigster Gesundheit“ seien. Dagegen täten „wir zivilisierten Menschen [...] alles Mögliche [...] um die Ausscheidung zu verhindern“[4].

Der Mathematiker, Meteorologe und Biologe „Galton übertrug [ gegen 1920, Anm. d. Autors ] Ideen über Auslese, Entwicklung und Vererbung vom Tierreich direkt auf den Menschen und das menschliche Gesellschaftsleben. Grundlage seiner Ideen war die Annahme, dass körperliche, geistige und seelische Anlagen vererblich seien“[5].

Gobineau projizierte die heute biologisch überholte - aber bis weit in das 20. Jahrhundert hinein geltende - rassische Einordnung der Menschen ungeprüft auf „völkerkundliche, religiöse und sprachgeschichtliche Aspekte“[6], womit die Tür geöffnet wurde zur Betrachtung der Rassen nicht mehr nur bezogen auf rein genetische und physiologische Merkmale, sondern auch auf kulturelle und gesellschaftliche Eigenschaften der Menschen. Diese stünden, so dachte man, direkt mit der Erbinformation im Zusammenhang. Die Folgerung war einfach: Da es sowohl gute als auch schlechte Verhaltensweisen und Charaktere gibt, müsse es auch die dafür zuständigen guten und schlechten Gene geben. Der Mensch wurde zum Objekt einer Fragestellung, die nicht mehr nur die Eigenheiten der Rasse und deren Erbgut betrifft, sondern eine Qualität des Erbguts und somit in logischer Konsequenz auch die Qualität eines Menschen, einer Rasse an sich. „Durch Abnahme des Wertes des Blutes durch dauernde Durchmischung“ gingen „alle menschlichen Gesellschaften [...] abwärts“[7], prophezeite de Gobineau.

Wilhelm Schallmayer schließlich postulierte um 1920 in seinem Werk „Vererbung und Auslese. Grundriss der Gesellschaftsbiologie und der Lehre vom Rassendienst“, die Menschheit zeige eine „Entartungstendenz, die sich darin ausdrückt, daß sich Intelligente weniger häufig fortpflanzen, als einfache Arbeiter“[8].

Die Züchtung von Lebewesen von ursprünglichen Elterngenerationen zu vermeintlich besseren Folgegenerationen, wie sie in der Tierhaltung schon völlig etabliert und gesellschaftlich nicht infrage gestellt wurde, erfuhr eine Projizierung auf den Umgang mit menschlichen Populationen, auf die Bevölkerungspolitik, auf die Medizin und die Gesundheitspolitik. Die Rassenhygiene, auch Eugenik genannt, wurde von Galton als Instrument zur Verbesserung der „angeborenen Eigenschaften einer Rasse“ gepriesen, wobei hierfür wichtig sei, dass „erbbiologische Kenntnisse verbreitet werden und Bedingungen geschaffen werden, unter denen grosse, kinderreiche und begabte Familien existieren können“[9].

Der Mensch, so wurde gedacht, entzöge sich der Natur und ihrer Auswahlmechanismen auf eine so effiziente Weise, dass man selbst nun regulierend in seine eigene Entwicklung eingreifen müsse. Diese Steuerung der Evolution von Außen war der Gesellschaft auf anderen Gebieten bereits lange vertraut. In der Forstwirtschaft, der Zucht und im Naturschutz war das Eingreifen des Menschen in die Populationsentwicklung und die Selektion der Lebewesen nach Gutdünken des Menschen durchaus üblich. Der eigentliche Gedankenschritt der Eugeniker war also quantitativ sehr viel kleiner als qualitativ: Man ließ den kritischen Blick der Zuchtwahl lediglich vom Tier zum Menschen schweifen. So fand 1912 der erste internationale Kongress der Eugenik in London statt. Arnold resümiert: „Die Eugenik war die damalige Konsequenz der darwinistischen Lehren“[10]

[...]


[1] Bäumer, Änne, „NS-Biologie“, Edition Universitas, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 1990.

[2] Ebd., Vorwort.

[3] Arnold, Gerhard, „Biologie im Dritten Reich“, .ppt-Präsentation,

[URL: http://fachberatung-biologie.de/Themen/Evtheorie/DownloadEvo/rassenbiologie.zip ( Stand: 17.01.2004 )].

[4] Aus: Arnold, Gerhard, „Biologie im Dritten Reich“, .ppt-Präsentation, Folie 14,

[URL: http://fachberatung-biologie.de/Themen/Evtheorie/DownloadEvo/rassenbiologie.zip ( Stand: 17.01.2004 )].

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd., Folie 15.

[10] Aus: Arnold, Gerhard, „Biologie im Dritten Reich“, .ppt-Präsentation, Folie 15,

[URL: http://fachberatung-biologie.de/Themen/Evtheorie/DownloadEvo/rassenbiologie.zip ( Stand: 17.01.2004 )].

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638341608
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33762
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – FB 04
Note
1-
Schlagworte
Biologie Reich Wissenschaft Nationalsozialismus“ drittes reich schule universität lehre Bildung Rassismus Rasse Biologismus naturrecht gobineau

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