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Grenzen der Körper. Zur Materialität des Leiblichen in Pipilotti Rists „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“ und Ulrike Müllers „Mock Rock“

Essay 2016 10 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Gliederung

1. Der Körper als Material: gemeinsames Element in Pipilotti Rists „Hilf mir, 2 ehrlich zu sein (Flatten)“ und Ulrike Müllers „Mock Rock“

2. Struktur, Kontext der Videos
2.1. „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“
2.2. „Mock Rock“

3. Mise-en-Scene
3.1. Weicher Ton, Handkamera in „Mock Rock“
3.2. starke Farbkontraste, rasante Kamerafahrten in „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“

4. Der Körper in seiner Materialität nach Merleau-Ponty
4.1. Handelnder, prozesshafter Körper bei Pipilotti Rist
4.2. Spacing des Körpers in „Mock Rock“
4.3. Stimme als Verbindungsglied in „Mock Rock“
4.4. Der Mund als Grenzorgan bei „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“

5. Der Körper und seine „social extensions“
5.1. Die Glasscheibe als Erweiterung und Medienkommentar
5.2. Das Subjekt in der Spannung zwischen Innen und Außen

6. Videofilm als Medium zur körperlichen Selbsterfahrung, als „dritter Raum“

7. Quellenverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

„I have no need for friendship. Friendship causes pain“1, singt die amerikanische Sängerin Essie Jain in Ulrike Müllers Videoarbeit „Mock Rock“, während die Künstlerin selbst auf einem grauen Felsen liegt. Gleichzeitig windet sich eine Pipilotti Rist in ihrem Film „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“ an einem Hochhausfenster entlang und hinterlässt schmierige Spuren auf der Fensterscheibe. Während beide Arbeiten auf den ersten Blick wenig mehr gemein haben, als dass sie von Künstlerinnen aus dem deutschsprachigen Raum gemacht wurden (wenn man Rists Herkunft, die Schweiz, dazuzählen darf), so wird bei näherer Betrachtung deutlich: Diese filmästhetisch so eigenen, unterschiedlichen künstlerischen Positionen vereint ihr Interesse am Körperlichen, am Leib. Sie verwenden ihn als Material, und genauso werde ich in dieser Arbeit ihre Videos als Material verwenden, sie gewissermaßen sezieren, und ihren Einsatz von Körper untersuchen.

Dabei gehe ich von außen nach innen vor: Zuerst werden die Arbeiten der Künstlerinnen abrisshaft vorgestellt und kontextualisiert. Danach betrachte ich die Mise-en-Scene: welche Entscheidungen sind auffällig, welches Setting wird verwendet, welche Farben? Wie unterscheiden sich die beiden künstlerischen Ansätze ästhetisch voneinander? Hierbei orientiere ich mich an Bordwell/Thompsons Kategorisierungen der Mise-en-Scene2 im Film. In einem zweiten Schritt möchte ich die Körper in den Videos selbst erforschen. Ich gehe dabei vom phänomenologischen Leib und seiner Materialität (sowie deren Grenzen) nach Maurice Merleau-Ponty aus3. Danach untersuche ich die „social extensions of the body“4, den Körper im (politischen) Raum anhand Michel Foucaults5 fluiden Körperkonzepten. Wie lässt sich die Darstellung der Körper in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang deuten, was ist den Körpern eingeschrieben? Schließlich beziehe ich mich auf die Analogie vom Körper als eine Art dritter Raum6 des Künstlers Koffi Kôkô, die meine Fragestellung abrundet und weitere Perspektiven anbietet.

Als erstes möchte ich beide Videoarbeiten kurz zusammenfassen und in einen Kontext stellen. Pipilotti Rist arbeitet seit jeher mit dem Medium Video, und ihre Arbeit „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“, um die es hier geht, wurde erstmals 2001 mitten in New York auf einem großen Screen am Times Square ausgestellt (allerdings in einer verkürzten, 60 Sekunden langen Version. Ich werde hier mit einem auf DVD verfügbaren Ausschnitt von 4:09 Minuten arbeiten7 ). Man sieht darin die Künstlerin, für Rist untypisch ohne Ton, wie sie ihr Gesicht und ihre Hände an einer Glasscheibe entlang drückt und schiebt. Nach ca. 50 Sekunden geht diese Einstellung in eine neue über, wieder Rist, diesmal jedoch mit rotem Lippenstift und grünem Lidschatten geschminkt, was farbige Flecken auf der Scheibe hinterlässt. Die Zeit wird dabei manchmal minimal verlangsamt und beschleunigt. Dann entfernt sich die Kamera aus dieser nahen Perspektive und zoomt aus dem Gebäude heraus, fährt in rasantem Tempo eine Häuserschlucht entlang, wir sehen Rist nun von außen, am Fenster eines Hochhauses stehend, ihre Hände bewegen sich die Scheibe entlang, sie blickt die Kamera an und bewegt das Gesicht weiterhin, die Kamera zoomt wieder ans Gesicht und wieder weg, gleitet wieder an den Fensterreihen des Hochhauses entlang, wobei es durch die ständigen Drehbewegungen kein Unten und Oben mehr für die BetrachterInnen gibt. Rist wird wieder von außen gefilmt, ihr Gesicht an das Fenster gepresst, dann wieder Nahaufnahmen direkt vor dem Gesicht. In der letzten Minute sieht man wieder die anfängliche Einstellung mit dem geschminkten Gesicht in Großaufnahme, wiederum hinterlässt es Schlieren, das Video ist hier etwas beschleunigt. Das Video lässt sich also grob in drei Teile gliedern: einmal das ungeschminkte Gesicht in Nahaufnahme, dann das geschminkte Gesicht und die Außenperspektive auf den am Fenster stehenden Körper.

Ulrike Müllers Arbeit „Mock Rock“ wurde im Jahr 2004 auf 8mm Film aufgenommen und ist auf der DVD-Zusammenstellung „As she likes it. Female Performance Art from Austria“8 erschienen. Der Film beginnt mit einer kurzen Einstellung, in der eine verlassene Industriegegend zu sehen ist; es gibt keine Hinweise, wo die Kamera sich befindet. Mitten an einem Straßeneck ist eine große Stein-bzw. Felsformation zu sehen, die die Kamera in den nächsten drei Minuten umrundet und von verschiedenen Perspektiven aus zeigt. Gleichzeitig ist bei manchen Einstellungen der Körper einer Frau auf oder an dem Felsen zu sehen. Währenddessen singt auf der Tonspur die Sängerin Essie Jain eine Version von „I am a Rock“ von Simon & Garfunkel. Die Künstlerin selbst sagt auf dem Bonustrack der DVD, ein Gespräch zwischen der Kamerafrau und Künstlerin K8 Hardy, der Sängerin Essie Jain und ihr selbst, dass sie die Steinformation auf einem Spaziergang entdeckt habe und unbedingt etwas damit machen wollte. Nach anfänglichen Ideen war klar: „Ich wollte einen Körper verwenden [im Film]“9. Auch hier steht der Körper wie bei Rist nicht für einen Charakter, eine Person, sondern für Material, Fleisch, er repräsentiert keine Figur, sondern stellt sich selbst aus. Im Zusammenhang mit ihrer Videoarbeit „Ginas Mobile“ betonte Pipilotti Rist in einem Gespräch ebenfalls, dass ihre Bilder trotz der Nähe zum menschlichen Körper nicht intim seien, sondern universell10. Dies stellt die Grundlage meiner Arbeit dar, da es auch mir die Freiheit gibt, über den Körper als kulturpolitisches Universalkonzept nachzudenken, ihn eher in der bildenden Kunst und Performance Art als in den darstellenden Künsten zu verorten. Beide Künstlerinnen arbeiten seit jeher in der bildenden Kunst und haben charakteristische Bild-und Formsprachen entwickelt. Mit welchen ä sthetischen Mitteln arbeiten die Künstlerinnen hier, wie nähern sie sich filmisch an den Körper an?

Ulrike Müller erklärt in einem Gespräch mit der Kamerafrau K8 Hardy:

„ Mock Rock to me is also the piece with which I broke away from an unquestioning belief in a conceptual aesthetic— an aesthetic that is handed down over a couple of generations now and that has become something like a standard (…) I thought I was supposed to address rationality, and talk about fact and information, and frame it in a way that it would make an impact, and Mock Rock is really the opposite of that. It’s really about feelings and sensation and trying to find an image for that“11

Dieses Weiche, von dem Müller spricht, ist auch in der Entscheidung von K8 Hardy begründet, Super8-Film zu verwenden, der als Material einen weniger harten Ton als Video bietet12. Der Film beginnt mit einem „establishing shot“13, bei dem zwar die Landschaft gezeigt wird, diese aber nichts über sich selbst verrät: ein Industriegebiet, „a very non-site-like place out in Queens where there is an outcropping of bedrock in between the industrial buildings“14, wie die Künstlerin selbst sagt. Danach nähert sich die Kamera an den Felsen wie an einen Körper an, die Schnitte sind langsam, die Einstellungen statisch. Bewegung erfolgt nur durch den Körper am Felsen, der mal liegt (hier erinnert es stark an Valie Exports Serie Körperkonfigurationen), mal auf oder neben dem Felsen geht - gleichzeitig bewegt sich die Kamera selbst, da K8 Hardy mit einer Handkamera filmte, was den Einstellungen etwas Unvollkommenes, Menschliches verleiht. Mehrmals ist auch eine Pflanze zu sehen, die im Wind weht, wodurch der Kontrast zwischen sich bewegendem Material (Körper, Pflanze) und dem Stein noch stärker wird. Die Farben sind gedeckt gehalten, es überwiegt das Grau des Steins und das rotbraun der Häuser dahinter, was den dokumentarischen Eindruck des Videos verstärkt. Müller selbst trägt schwarze Kleidung. Am Ende entfernt sich die Kamera wieder von dem Stein, die Erforschung des Materials ist beendet.

[...]


[1] Vgl. Rock Mock (AUT 2005), 01:24 - 01:29.

[2] Vgl. Bordwell/Thompson, Film Art., S.112-159.

[3] Vgl. Kristensen, „Maurice Merleau-Ponty I - Körperschema und leibliche Subjektivität“.

[4] Grosz, Volatile Bodies, S.79.

[5] Vgl. Schneider, „Michel Foucault - Der Körper und die Körper“.

[6] Vgl. Odenthal, Tanz, Körper, Politik, S.64.

[7] Vgl. Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten) (DE 2004).

[8] Vgl. Mock Rock (AUT 2005).

[9] Vgl. Bonustrack: Ulrike Müller (AUT 2005), 03:23.

[10] Vgl. Hess, „Es ist nicht intim, auch wenn ich nahe ans Fleisch gehe“.

[11] Müller/K8 Hardy, „K8 Hardy and Ulrike Müller“, S.4.

[12] Vgl. Bonustrack: Ulrike Müller (AUT 2005), 02:02.

[13] Bordwell/Thompson, Film Art, S.478.

[14] Müller/K8 Hardy, „K8 Hardy and Ulrike Müller“, S.4.

Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668310575
ISBN (Buch)
9783668310582
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337720
Note
Schlagworte
grenzen körper materialität leiblichen pipilotti rists hilf flatten ulrike müllers mock rock

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Titel: Grenzen der Körper. Zur Materialität des Leiblichen in Pipilotti Rists „Hilf mir, ehrlich zu sein (Flatten)“ und Ulrike Müllers „Mock Rock“