Lade Inhalt...

Goethe und der Islam. Übersetzung von Voltaires Mahomet (1799)

Essay 2013 5 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I. Was ist Voltaires Mahomet?

II. Warum hat Goethe Mahomet übersetzt?

III. Abweichungen vom Original beim Übersetzen

IV. Reaktionen auf die Übersetzung

V. Die von Voltaire kritisierte Seite

I. Was ist Voltaires Mahomet?

Der Aufklärer Voltaire hat eine Verstragödie geschrieben, die “le fanatismeouMahomet le prophète“ betitelt. Sie ist in Dramenform gefasste Schmähschrift. Da bekämpft Voltaire den religiösen Fanatismus, der im Propheten verkörpert sei. Gerade der Titel “le fanatismeouMahometle prophète“ spiegelt diese Idee klar und deutlich wider.

Es wurde 1740 geschrieben, 1741 uraufgeführt und erst 1799 von Goethe ins Deutsche übersetzt, 1800 in Weimar aufgeführt. Kurz nach seiner Aufführung in Frankreich wurde Voltaires Stück zum ersten Mal verboten, da der Kardinal de Fleury eine anti-katholische Parabel darin wähnte. Es sei nach ihm voller Schändlichkeiten, Unglauben und Gottlosigkeiten. Papst Benedikt 14., an den sich Voltaire um Hilfe wendete, erteilte dem Dichter seinen Segen und ermöglichte Aufführungen in katholischen Ländern. Die Aufführung des Voltairischen Mahomet galt als ein Bekenntnis zur Freiheit der künstlerischen Äußerung, zur Freiheit des geschriebenen Worts und kurz darauf zur Meinungsfreiheit in Europa.

II. Warum hat Goethe Mahomet übersetzt?

War es frei von sich aus oder war es ein Auftrag von jemandem anderen?

Der Herzog von Weimar Carl August wünschte, Mahomet auf seinem Hoftheater zu sehen. Er selber hatte schon eine Aufführung in Paris erlebt. So beauftragte er Goethe 1799 damit, Mahomet für die Weimarer Bühne zu übersetzen, in der Hoffnung dadurch „eine Epoche in der Verbesserung des deutschen Geschmacks“.

„Aus eigenem Antrieb hätte Goethe niemals die Übersetzung gerade dieses Stücks unternommen, da die Thematik seiner eigenen Auffassung des Propheten Mohammed widersprach.“[1]

Voltaire versucht in diesem Werk eine extrem negative Vorstellung von Mohammedbei den Rezipienten zu schaffen, indem er ihn als Betrüger, Fanatiker, skrupelloser und sexbesessener Mensch, Tyrannen und Machtsüchtiger darstellt hat. Goethe hingegen sah Mohammed nie als Betrüger an. Deswegen kam es ihn hart an, dieses Stück zu übertragen. Der Grund für die Übersetzungsannahme ist die Abhängigkeit der Hoftheater damaliger Zeit von den Höfen, ohne deren Zuschüsse hätte das Weimarer Theater nicht existieren können. Es war damals undenkbar, die Aufführung eines bestimmten Theaterstücks zum Geburtstag der Gemahlin des Herzogs abzulehnen. Goethe persönlich war dem Herzog vielen Dank schuldig, dass er seinen Wunsch unbedingt erfüllen sollte.

Für die Gestaltung der Handlung in seinem Drama schob Voltaire historische Fakten bei Seite.

„Während zum Beispiel historisch belegt ist, dass Mohammed einer der angesehensten Familien Mekkas entstammte, macht Voltaire ihn zum gebürtigen Sklaven. Der bei Voltaire als erbitterter Gegner des Propheten auftretende Zopir war in Wirklichkeit ein Freund Mohammeds“[2]

Bei Voltaire war Mohammed ein Sklave. Die historisch belegte Wahrheit besagt, dass er aus einer der großen Familien Mekkas stammt. Bei Voltaire war Zopir ein Gegner des Propheten. Die historisch belegte Tatsache besagt, dass er ganz im Gegenteil sein Freund war. Bei Voltaire tritt Seide als blindes Werkzeug des Tyrannen auf. Die historisch belebte Wahrheit besagt dass Seide ein Sklave Mohammeds war und später an SohnesStatt angenommen wurde.

Goethe distanzierte sich vom negativen Mohammed-Bild seiner Zeit. Er verstand den Religionstifter vielmehr als das Ideal eines großen schöpferischen Genies (Mahomet Gesang). Das in Voltaires Mahomet dargestellte Bild des Propheten widerspricht hundertprozentig Goethes Auffassung von Mahommed. Er hat dieses Stücks gegen seinen Willen schweren Herzens übersetzt. „Durch eine sonderbare Veranlassung übersetzte ich Mahomet des Voltaire ins Deutsche“[3].

Der Herzog war auch bewusst, dass diese Übersetzung Goethes Einstellung zu Mohammed widerspricht. Jedoch hoffte er, diese Übersetzung eine neue und wichtige Epoche des deutschen Theaters einleiten könnte.

Goethe war ein Verehrer Voltaires und rühmte seine enorme Begabung. Jedoch sprach er letztlich von seiner Frechheiten, durch sie Voltaire die Menschen verwirrt. Die Frechheiten sind hier Mahomet gemeint.

III. Abweichungen vom Original beim Übersetzen

Die Übersetzung an sich zeigte den Vorbehalt Goethes gegenüber der Darstellung des Propheten durch Voltaire. Daihm die Hauptthematik in Mahomet-Tragödie nicht gefällt und er sich abgestoßen fühlte, suchte er einen Ausweg, in dem er sein Interesse auf die tragische Liebeshandlung konzentrierte. Er hat diese Liebeshandlung zwischen Seide und Palmire bearbeitet, mithilfe einer anregenden Lektüre von Tausend und eine Nacht. So hat er die Aufmerksamkeit der Zuschauer von dem Titel Figur abgelenkt und stärker auf die jungen Liebenden hingelenkt. Goethe schrieb in diesem Rahmen einen Brief an Christiane, wo er die Konzentration auf das Liebespaar erwähnt.

„ Du hast mich wohl sagen hören, dass Durchl. der Herzog ein französisches Trauerspiel übersetzt wünschte, ich konnte immer damit nicht zurecht kommen“. Endlich habe ich dem Stück die rechte Seite abgewonnen und dieArbeit geht von Statten“.[4]

Die Verse auf der Seite 88 verdeutlichen klar die Liebeshandlung. Sie sind Goethe Eigentum. Die Übersetzung hier ist eine Art Bearbeitung des Originals. Den abstoßenden Charakter von Voltaires Mahomet suchte Goethe möglichst zu mildern, sowohl durch die Hinlenkung der Konzentration von Mahomet auf die Liebeshandlung als auch durch Bearbeitung und Abänderung sogar durch Tilgung von Versen, die das Bild-Mahomet verdunkeln. Die bearbeiteten Verse klingeln viel menschlicher als bei Voltaire. Im Voltaires Mahomet scheint der Koran als Instrument religiöser Einschüchterung. Bei Goethes Übersetzung hingegen ist er als frohe Botschaft dargestellt. Trotz alle Versuche und durch alle Mittel der Milderung des Bildes und Entlassung des Helden gelang es dem Dichter nicht, die gesamte Handlung abändern zu können. Es ist wirklich sehr schwer und nicht machbar, das Bild des Helden insgesamt in einem Bestimmten Werk zu retuschieren und akzeptabler zu machen, wenn doch, dann auf Kosten der Handlung.

IV. Reaktionen auf die Übersetzung

Vor der Aufführung wurde Vorlesungen als Leseprobe im Goetheschen Haus stattgefunden. Herden nah daran teil und kommentierte das folgendermaßen. “Vortreffliche, vortreffliche Verse,[…] aber der Inhalt ist eine Versündigung gegen die Menschheit und gegen Alles.“[5]

Nach der Uraufführung am 30. Januar 1800 waren das Ehepaar Herder so von Goethe Sprache und Rhythmus begeistert. Den Inhalt aber lehnten sie empört ab und haben ihn scharf kritisiert. Caroline Herder schrieb am nächsten Tag an Knebel:

„Eine solche Versündigung gegen die Historie (er machte den Mahomet zum groben platten Betrüger, Mörder und Wollüstling) und gegen die Menschheit habe ich Goethe nie zugetraut. Die platte grobe Tyrannei, Macht, Betrug und Wollust wird gefeiert!“.[6]

Das ist aber kein Wunder, da Herder auch den Propheten hochachtet und würdigt. Er sah Goethes Übersetzung des Voltairischen Dramas als Verrat an das, wovon sie im Jugendalter überzeugt waren, was sie respektiert, verehrt und gewürdigt haben. Goethe Bemühungen, das Bild-Mohammed zu mildern, wurden nicht in Betracht gezogen, wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Ein Freund von Goethe war gerechter als das Ehepaarherder, als er bemerkt hat die Unterschiede auf der Inhaltsebene zwischen dem Voltairischen und Goetheschen Mahomet. In einem Brief an knebel schrieb Goethe:

„Es ist mir sehr angenehm dass du meinem Mahomet ein gutes Zeugnis giebst. Die Gelegenheit zur Vergleichung mit dem Original sollte den denkenden Deutschen auffordern über das Verhältnis der Kunst beyder Nationen nachzudenken. Gebe mir der Himmel mehr solche Leser wie du bist.“[7]

Als Goethe Auftritte aus Mahomet in seiner Zeitschrift herausgeben wollte, hatte er nur zwei Auftritte ausgewählt, wo Mohammed höchst verehrt ist. Das ist eine andere Facette der Sympathie dem Bild Mohammed gegenüber.

Es ist schließlich zu bemerken und festzustellen, dass es Goethe nicht gelungen ist, die gesamte Darstellung des Bildes Mahomet umzukehren. Die völlige Umkehrung des Bildes ins Positive setzte eine ganze Umschreibung des ganzen Werks voraus, was nicht vom Herzog gestattet worden wäre.

V. Die von Voltaire kritisierte Seite

Letztlich möchte ich nur darauf hinweisen, dass es zwei Versionen gibt, was die betroffene kritisierte Seite angeht. Anders gesagt, wen möchte Voltaire mit diesem Werk kritisieren?

Die erste Version besagt:

„Versteckt hinter der Kritik am Islam ist der eigentliche Gegner das Christentum“[8]

Die zweite Version besagt:

„Das Stück war ein Angriff gegen den Islam und die Muslime, sollte aber ursprünglich auch als Angriff gegen die Kirche gedeutet worden. Erst das wahre Charakter des Stücks deutlich wurde, wurde es von der Kirche unterstützt.“[9]

[...]


[1] Mommsen, Katharina : Goethe und der Islam, inseltachenbuch, 1. Auflage, 2001, S. 82

[2] Ebenda S. 82

[3] Ebenda S. 84

[4] Ebenda S. 87

[5] Ebenda S. 91

[6] Ebenda S. 92

[7] Ebenda S. 93

[8] http://www.correspondance-voltaire.de/html/mohammed.htm

[9] http://www.islam.de/begriffe/m/mahomet_der_Prophet.htm

Details

Seiten
5
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668271319
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337780
Note
1,8
Schlagworte
Goethe Islam islamische Welt Voltaire Mommsen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Goethe und der Islam. Übersetzung von Voltaires Mahomet (1799)