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Die Mnemotechnik der Orte und die Psychologie des Gedächtnisses

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung

Leseprobe

Inhalt

2 Einleitung

3 Die kognitive Psychologie des menschlichen Gedächtnisses
3.1 Entwicklung bis zur Neuzeit
3.1.1 Wachstafelmodell nach Platon
3.1.2 Speicher- und Bibliotheksmodell
3.1.3 Das flüssige Gedächtnis nach Giordano Bruno
3.2 Aktuelle Theorien
3.2.1 Das Modell unterschiedlicher Verarbeitungsebenen
3.2.2 Das Arbeitsspeichermodell

4 Die Loci-Mnemotechnik
4.1 Entwicklung
4.2 Mögliche Routen beziehungsweise Orte
4.3 Praktische Anwendung

5 Einordnung der Mnemotechnik der Orte in die psychologische Gedächtnistheorie

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

2 Einleitung

„Superior memory can be achieved by virtually anyone who is willing to become well versed in mnemonic techniques“ (Worthen & Hunt, 2011, S. 91). Das menschliche Gedächtnis ist von Mythen umrissen, mit Faszination getränkt und für einige Begeisterung empfänglich. Ausgangspunkt dafür sind zumeist außergewöhnliche Gedächtnisleistungen einzelner klugen Köpfe. Jedoch konnten die Psychologen Worthen und Hunt zeigen, dass die Fähigkeit eines überragenden Gedächtnisses zumeist auf der Anwendung von bestimmten Techniken basiert, und damit prinzipiell für jeden zugänglich ist. Die Grundprinzipien der wichtigsten dieser Techniken, der Loci-Methode, reichen zurück bis in die Antike und waren dort essentieller Bestandteil der Rhetorik. Auch wenn wir heute in Zeiten von Smartphone, Tablets und Laptops unser Gedächtnis teilweise outsourcen, stellen jedes neue Passwort, jedes Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch und jegliche alltägliche Situationseinschätzung eine erhebliche Anforderung an unser Gedächtnis. So lässt sich die Gedächtnistechnik der Orte bis heute sinnvoll einsetzen.

Giordano Bruno (1548-1600) könnte als Meister dieser Technik gelten, da er sie mit einer völlig neuen Theorie untermauerte und ihre Möglichkeiten um ein vielfaches potenzierte. Allerdings macht es die „manieristisch anmutende Komplexität“ (Wildgen, 2011, S. 131)der Gedächtnistheorie Brunos fast unmöglich diese in Gänze darzustellen[1].

Diese Hausarbeit möchte sich der Frage annehmen, ob man die Effektivität der Loci-Technik psychologisch nachweisen kann und diese auch auf theoretischer psychologischer Grundlage erklären kann. Dafür sollen Gedächtnistheorien als Reflexionsbasis dienen und empirische Forschungen angeführt werden. Damit soll die Idee der Mnemonologie[2] auf die Gedächtnismethode der Orte angewandt werden.

3 Die kognitive Psychologie des menschlichen Gedächtnisses

Die kognitionspsychologische Forschung bietet nähere Beschreibung und Erklärung von Abläufen und Funktionen von Gedächtnisprozessen.

Schon in der Antike machten sich Menschen verschiedene Vorstellungen vom menschlichen Gedächtnis. Die Fähigkeit des Menschen Vergangenes auf die Gegenwart zu übertragen, war seit jeher der Ausgangspunkt für Phantasien, Mythen und philosophische Erklärungen. Stark geprägt von Metaphorik und Simplifizierungen begann damit der Versuch das Gedächtnis der Menschen modellhaft zu beschreiben. Bei der Bewertung der Theorien ist auf das Problem der Sphärenvermischung hinzuweisen. Die Beschreibungen bedienen sich an Bildern der greifbaren Welt und die Beschreibung darf nicht mit dem Beschriebenen verwechselt werden. Ziel aller Theorien ist es ein Modell zu erstellen, beziehungsweise ein Informationsverarbeitungsprozess zu erkennen, welches die wichtigsten Phänomene des menschlichen Gedächtnisses adäquat beschreiben kann. Um bei der Untersuchung der Mnemotechnik der Orte auf aktuelle, wie auch antiquierte Theorien, zurückgreifen zu können, sollzunächst ein kurzer Überblick über einige Gedächtnistheorien vorangestellt werden.

3.1 Entwicklung bis zur Neuzeit

3.1.1 Wachstafelmodell nach Platon

Platon (427-347 v. Chr.) versuchte mit seiner Theorie„Wiedererkennugswissen“(siehe dazu Yates, 1991) und individuelle Gedächtnisunterschiede zu erklären. Nach seiner Vorstellung ist das Gedächtnis eine Art Wachstafel, in die sich Wahrnehmungen einprägen. Der Abdruck, der durch die Wahrnehmung hinterlassen wird, kann dann bei jeder neuen Wahrnehmung zum Vergleich herangezogen werden. So erkennt der Rezipient, ob er den Inhalt bereits kennt oder einen neuen Abdruck benötigt. Die Tafeln (also die individuellen Gedächtnisse) unterscheiden sich in Härte[3], Größe und Reinheit des Wachses. Durch diese Unterschiede divergieren auch die Gedächtnisleistungen der Individuen.

3.1.2 Speicher- und Bibliotheksmodell

Das Speicher- und Bibliotheksmodell geht auf John Locke (1623-1704) beziehungsweise Henry Head (1861-1940) zurück. Aus diesem Modell geht erstmals die Idee der Unterscheidung des Gedächtnisses in Ultrakurzzeit-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis hervor. Das Ultrakurzzeitgedächtnis (0,1 bis 0,5 nach der Wahrnehmung) dient als Eingangsstelle und Sortierapparat. Nur brauchbare und als relevant erachtete Informationen werden zur weiteren Bearbeitung an das Kurzzeitgedächtnis transferiert.

3.1.3 Das flüssige Gedächtnis nach Giordano Bruno

Der Dominikanermönch und Gedächtniskünstler Giordano Bruno (1548-1600) beschreibt das Gedächtnis als Hohlform. Die Gedächtnisinhalte werden von ihm als Flüssigkeiten dargestellt, die in die „Hohlform“ des Gedächtnisses fließen können. Gedächtnisinhalte und ihre Bedeutungen sind damit Dynamiken unterworfen. Die Flüssigkeiten suchen sich in einer Art Epigenese[4] ihre vorläufigen Auffangbecken. Die Gedächtniskunst macht sich darauf aufbauend auf die Suche nach den richtigen Orten für die jeweiligen Inhalte. Durch die Mnemotechniken[5] kann eine Ordnung geschaffen werden, die die Stabilität der Flüssigkeiten sichert. Giordano Bruno stellt also ein stetes „Kommen und Gehen“ (Wildgen, 2011, S. 179) im Reich des Gedächtnisses ins Zentrum seiner Betrachtung. Es geht dem Gedächtniskünstlerder Renaissance dementsprechend vor allem darum, Bewegungsgesetze zu finden. Die Kenntnisse darüber, welche Flüssigkeiten an welchen Orten verweilen und welche sich wieder verflüchtigen, nutzt er um seine Gedächtniskunst weiter auszufeilen. Diese Gedächtnistheorie ist zudem eingebettet in ein Muster einer Kosmologie der unendlichen Welten. Darauf aufbauenderweist sich das unendliche Gedächtnis als Analogie zur Unendlichkeit des Kosmos. Für Giordano Bruno gibt es keine Begrenzung der Leistung des Gedächtnisses. Die moderne Psychologie geht heute ebenfalls von einer prinzipiellen unbegrenzten Kapazität des Langzeitgedächtnisses aus (vgl. Müsseler, 2008).

3.2 Aktuelle Theorien

Zunächst einmal ist eine generelle Abgrenzung zwischen Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis festzuhalten. Im Kurzzeitgedächtnis werden Informationen nur für circa eine Minute gespeichert. Ein klassisches Beispiel dafür wäre das Behalten einer Telefonnummer über einen recht kurzen Zeitraum. Dagegen werden Informationen im Langzeitgedächtnis über sehr lange Zeitspannen gespeichert. So wird das Fahrradfahren auch nach Jahren nicht verlernt.

Darüber hinaus wirft die Psychologie das Modell des sensorischen Gedächtnisspeichers auf. Dieser ist die erste Stufe der Informationsverarbeitung, auf der nur sehr kurzlebige visuelle (ikonisches Gedächtnis) und auditive Stimuli (echoisches Gedächtnis) für etwa eine halbe Sekunde gespeichert werden. Dementsprechend liegt die Verarbeitung im sensorischen Gedächtnis noch vor der Codierung im Kurzzeitgedächtnis.

Generell unterteilt man den komplexen Gedächtnisprozess in 3 Stufen. Chronologisch folgen dabei Codierung, Speicherung und Abruf aufeinander. Zunächst wird die Information encodiert[6]. Diese Stufe des Prozesses wird maßgeblich vom Grad des arousals[7] beeinflusst. Bei der Speicherung greift unter anderem die Theorie des Multi-Speicher-Modells nach Atkinson und Shiffrin. Nach dieser werden Informationen durch Wiederholung (rehersal) ins Langzeitgedächtnis überführt. Allerdings gilt diese Theorie als überholt(vgl. Müsseler, 2008) und gerade die hier vorgestellte Loci-Technik zeigt, dass Wiederholung nicht die einzige Methode zur langfristigen Speicherung von Informationen ist. Und doch bleibt festzuhalten, dassdurch Wiederholung und modifizierte Einübung die Informationen auch langfristig aus dem Gedächtnis abgerufen werden können. Damit ist durch die wichtige Zwischenstufe der Speicherung schon ersichtlich, wie eng die drei Stufen des Gedächtnisprozesses zusammenhängen. Keine kann unabhängig von den anderen gedacht werden. Der erfolgreiche Gedächtnisprozess wird vom korrekten Abruf der Informationen komplettiert. Das Abrufen kann dabei über Rekognition (Wiedererkennung), freie Wiedergabe (ohne Hinweis- oder Abrufreiz), Redintegration (Hinweisreiz führt zu Durchmusterung unseres Gedächtnisses nach weiteren, assoziativen Erinnerungen) oder Zustands- und kontextabhängige Wiedergabe ablaufen. Dabei ist die freie Wiedergabe zunächst die schwierigste Form des Abrufens. Die zustands- und kontextabhängige Wiedergabe wird durch Hinweisreize unterstützt, die den Kontext beziehungsweise generelle Informationen während des Enkodierens aufgreifen. Diese kontextuelle Unterstützung beim Abrufen von Gelerntem ist ein gewichtiges Element der Loci-Technik.

3.2.1 Das Modell unterschiedlicher Verarbeitungsebenen

Wie bereits oben festgestellt wurde, lässt sich die Abspeicherung ins Langzeitgedächtnis nicht nur durch die Form der einfachen Wiederholung (rehersal) erreichen. Der Ansatz unterschiedlicher Verarbeitungsebenen beziehungsweise -tiefen von Craig und Watson aus dem Jahr 1973 unterscheidet deshalb zwischen zwei unterschiedlichen Formen der Wiederholung. Zum einen die erhaltende mechanische Wiederholung, die ein simples Wiederholen im ursprünglichen Sinne darstellt. Zum anderen aber auch die elaborative Wiederholung, die assoziative Verbindungen beziehungsweise sinnhafte Bezüge zwischen den zu lernenden Informationen herstellt. Auf letztere Wiederholungsform wirdzurückgekommen, wenn die Loci-Technik mit psychologischen Theorien untersucht wird. Nach der Theorie der Verarbeitungstiefe ist das hohe Retentionsniveau der semantischen Verarbeitungstiefe entscheidend und somit können Informationen direkt von den sensorischen Gedächtnissystemen ins Langzeitgedächtnis gelangen[8].

3.2.2 Das Arbeitsspeichermodell

Nach Baddeley und Hitch(1974)kann das Kurzzeitgedächtnis durch die sogenannte zentrale Verarbeitungseinheit (central executive) ersetzt werden. Komplettiert wird das flexible Verarbeitungssystem von derartikulatorischen Schleife und dem visuell-räumlichen Notizblock. Dabei ist die artikulatorische Schleife eine Art Rückkopplungsschleife des verbalen Übens. So spricht man sich eventuell eine Zahlenreihe immer wieder geistig vor, um sie nicht aus dem Gedächtnis zu verlieren. Der „Notizblock“ hält räumliche und/ oder visuelle Informationen kurz fest. Diese Dreiteilung bietet die Möglichkeit mehrere Stimuli gleichzeitig zu verarbeiten. Später wurde zu der Dreiteilung noch der episodische Puffer hinzugenommen. Diese Einheit des Arbeitsgedächtnisses erklärt das Phänomen des Chunkings, bei dem die zu memorierenden Items in einen logischen übergeordneten Kontext überführt werden (vgl. Müsseler, 2008). Die Loci-Technik arbeitet über die Bildung von Gedächtnisrouten und -bildern mit eben dieser Technik. Zudem spielt die zentrale Verarbeitungseinheit eine entscheidende Rolle bei der Fokussierung der Aufmerksamkeit und damit der Überführung von Informationen ins Langzeitgedächtnis.

4 Die Loci-Mnemotechnik

Die hier vorgestellte Mnemotechnik basiert darauf, dass zu lernenden Items assoziativ kraft der Vorstellungskraft mit einer bereits bekannten Gedächtnisstruktur verbunden werden. So erfolgt die Enkodierung zumeist auf visueller Ebene. Um die Loci-Methode anwenden zu können, braucht es zunächst eine geeignete Gedächtnisstruktur. Generell können zum Beispiel häufig gesehene Wege und Räume verwendet werden. Nach welchen Kriterien diese Gedächtnisrouten ausgewählt werden sollten, wird in diesem Kapitel zu klären sein. Auf der Gedächtnisroute legt man nun bestimmte Orte fest, die mit Items „belegt“ werden können. In einem Raum könnten die Wände kreisrund abgegangen werden und mögliche Einrichtungsstücke als Gedächtnisorte verwendet werden. Das „Ablegen“ der Items auf die bestimmten Gedächtnisorte erfolgt über assoziative mnemonische Bilder. Allerdings müssen die Items häufig angepasst werden, um sie gedanklich visualisieren zu können.

[...]


[1] „Wir werden diese Sache [Brunos Theorie, d. Verf.] im einzelnen nie verstehen“ (Yates, 1991, S. 195).

[2] Worthen und Hunt (2011) definieren diesen Forschungszweig der Grundlagenforschung durch die Erforschung von Prozessen, die Gedächtnis ermöglichen. Die beiden Psychologen betonen in diesem Sinne die Analyse von bereits bestehenden Mnemotechniken (mnemonics), wie der Loci-Technik, auf ihre Effektivität und zugrundeliegenden Gedächtnisprozessen.

[3] Der Aspekt der Härte ist besonders interessant, da er die Beziehung zwischen Lernen und Gedächtnis verdeutlicht. Was leicht in das weiche Wachs eingekerbt werden konnte, kann auch leicht wieder verblassen. Was mühsam in hartes Wachs eingearbeitet wurde, wird langfristig erkennbar bleiben.

[4] Aus dem griech. epigenesis „nachträgliche Entstehung“. Dementsprechend geht Bruno davon aus, dass sich Gedächtnisstrukturen immer wieder weiterentwickeln.

[5] Bruno bezieht sich dabei hauptsächlich auf die Technik der Orte.

[6] Für verbale Items kommt eine akustische Enkodierung zum Tragen. Für Nonverbale spielt sich die Enkodierung visuell ab und wenn die Items noumenale Bedeutungen sind, wird die Enkodierung semantisch sein. Die semantische Enkodierung stellt die Überführung ins Langzeitgedächtnis sicher.

[7] Der Grad der Aufgewecktheit beziehungsweise Wachheit. Die Stufen der Aktivität wurden von Zuckerman (1984) in 6 Stufen mit möglichen Erscheinungen beim Lernen eingeteilt.

[8] Für weitere Lektüre wird auf Anderson und Graf (2001) verwiesen.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668272811
ISBN (Buch)
9783668272828
Dateigröße
806 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337859
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Psychologie
Note
1.0
Schlagworte
Loci-Technik Loci Lernen Mnemo Wissen Bruno Platon Mnemotechnik Gedächtnis Psychologie Intelligenz Lernforschung Theoriearbeit Praxis

Autor

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