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Atypische Beschäftigung. Chancen und Risiken

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 19 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffliche Klärungen
2.1 Das Normalarbeitsverhältnis
2.2 Atypische Beschäftigungsformen

3. Entwicklungen und Strukturen
3.1 Entwicklungen
3.2 Strukturen

4. Chancen und Risiken
4.1 Chancen
4.2 Risiken

5. Resümee und Ausblick

6. Literatur

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind in atypischen Verhältnissen beschäftigt, dem gegenüber steht ein Rückgang des klassischen Normalarbeitsverhältnisses. Damit verknüpft ist der, in jüngerer Vergangenheit politisch wiederbelebte, Begriff der Altersarmut, mit der sich schon heute viele Menschen konfrontiert sehen und die eine der zentrale Herausforderungen der kommenden Generationen ausmacht.

Diese Arbeit soll mithilfe Begrifflicher Klärungen zeigen, inwiefern sich atypische Beschäftigungsverhältnisse vom Normalarbeitsverhältnis unterscheiden und ihre Heterogenität aufzeigen.

Daran anknüpfend soll die Entwicklung der beschriebenen Form von Arbeit in den zurückliegenden 25 Jahren dargestellt, sowie strukturelle Veränderungen zum Gegenstand gemacht werden.

Den Kern der Arbeit soll eine problematisierende Gegenüberstellung von Chancen und Risiken atypischer Beschäftigungsformen bilden. Dabei soll die bereits angesprochene Heterogenität berücksichtigt werden, um zu einer differenzierten Einschätzung über positive und negative Effekte atypischer Beschäftigung zu gelangen.

Den Abschluss bildet der Versuch, in der Forschung diskutierte Möglichkeiten der Verbesserung bzw. Reaktionen auf Missstände und Fehlentwicklungen darzustellen und diese kritisch zu bewerten.

2. Begriffliche Klärungen

Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der atypischen Beschäftigungsformen ist eine Klärung der Begrifflichkeiten nötig, die den verhandelten Gegenstand umschließen. Dabei hat sich die Darstellung von Mückenberger (1985) durchgesetzt. Diese definiert atypische Beschäftigungsformen negativ, also in Abgrenzung zu Beschäftigungsformen, die dem Normalarbeitsverhältnis (NAV) entsprechen. Aufgrund der Heterogenität atypischer Beschäftigungsformen ist dieses Vorgehen zur Abgrenzung durchaus sinnvoll.

2.1 Das Normalarbeitsverhältnis

Das NAV kann einerseits, in deskriptiver Perspektive, das mehrheitlich vorherrschende Arbeitsverhältnis beschreiben oder aber, in normativer Weise, einen Typus des anzustrebenden Arbeitsverhältnisses vorgeben (Giesecke 2006, S. 56).

Keller/Seifert fassen die Kriterien eines Normalarbeitsverhältnisses nach Mückenberger (1985, S. 424-429) in folgenden charakteristische Eigenschaften zusammen:

„Vollzeittätigkeit mit entsprechenden Einkommen, Integration in die sozialen Sicherungssysteme, unbefristetes Beschäftigungsverhältnis, Identität von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnis, Weisungsgebundenheit des Arbeitnehmers vom Arbeitgeber.“

(Keller/Seifert 2013, S. 11)

Dieses Arbeitsverhältnis stellte bis in die 1980er Jahre das in Westdeutschland am verbreitetste Modell der Beschäftigung dar. Dieses ist eng gekoppelt an eine „geschlechterdifferenzierte Arbeitsteilung“ (Gildemeister/Robert 1999, S. 110), in der dem Mann die entgeltliche Lohn- und Erwerbsarbeit zusteht, während die Frau die privaten Sphären der Arbeit, also Erziehungs-, Reproduktions- und Hausarbeit übernimmt, die allesamt unbezahlt sind.

Auch aktuelle Zahlen bestätigen ein entsprechendes, geschlechterspezifisches Ungleichgewicht. So sind 84% der erwerbstätigen Männer, aber nur 45% der erwerbstätigen Frauen in Normalarbeitsverhältnissen beschäftigt (Keller/Seifert 2013, S. 40).

2.2 Atypische Beschäftigungsformen

Dem NAV gegenüber stehen verschiedene Formen von Beschäftigung, die nicht den oben genannten Kriterien entsprechen und dementsprechend als atypisch bezeichnet werden.

Dabei lassen sich fünf verschiedene Formen unterscheiden: Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigungsformen, Leiharbeit, befristete Arbeitsverhältnisse und Solo-Selbstständige. Dabei ist anzumerken, dass auch Überschneidungen auftreten können, beispielsweise bei befristeten geringfügigen Beschäftigungen.

Beschäftigung in Teilzeitarbeit unterscheidet sich im Wesentlichen vom NAV durch eine geringere Arbeitszeit, als Vollzeitbeschäftigte. Der im Teilzeit- und Befristungsgesetz festgeschriebene Grenzwert liegt bei einer Wochenarbeitszeit von weniger als 35 Stunden (Keller/Seifert 2013, S.12). Arbeitsverhältnisse in Teilzeit sind sozialversicherungspflichtig und seit dem Jahr 2000 Vollzeitverhältnissen in jeder Hinsicht gleichgestellt. Somit kann Teilzeitarbeit als diejenige Form atypischer Beschäftigung bezeichnet werden, die dem Normalarbeitsverhältnis am nächsten kommt (Apitzsch et al. 2015, S. 30-31). Darüber hinaus macht Teilzeitarbeit mit 15,0% aller Erwerbstätigen den größten Anteil der atypisch Beschäftigten in Deutschland aus. Erwähnenswert ist dabei die enorme Vertretung von Arbeitnehmerinnen in Teilzeit im Vergleich zu Arbeitnehmern. (Dietz/Himsel/Walwei 2013, S. 90).

Geringfügige Beschäftigung kann als Variante der Teilzeitarbeit verstanden werden, die durch eine institutionelle monatliche Entgeltobergrenze definiert ist. Diese liegt bei sogenannten Minijobs aktuell bei 450€, wobei eine Befreiung von Sozialabgaben möglich ist, zum Beispiel durch eine Sozialversicherung des Ehepartners/der Ehepartnerin (Apitzsch 2015, S. 37-38). Geringfügig Beschäftigte machen nach der Teilzeitarbeit den größten Teil (9,1%) der atypisch Beschäftigten aus, wobei die weibliche Dominanz deutlich schwächer, aber immer noch signifikant ausfällt.

Befristete Beschäftigung zeichnet sich durch ein vorab festgelegtes Ende des Arbeitsverhältnisses aus. Wie auch Angestellte in Teilzeitarbeit sind befristet Angestellte seit 2000 über das Teilzeit- und Befristungsgesetz vor Ungleichbehandlung geschützt (Apitzsch 2015, S. 34). Zwar waren im Jahr 2010 nur rund 10% aller Erwerbstätigen befristet Angestellt, jedoch wurden in den vergangenen 10 Jahren stets über 43% der Neueinstellungen mit befristeten Arbeitsverträgen ausgestattet (Hohendanner 2013, S. 3).

Beschäftigungen in Leiharbeit zeichnen sich durch unterschiedliche Beschäftigungsorte, nämlich die Leiharbeitsfirma und Arbeitsorte, nämlich die Firma, die die Arbeitnehmer ausleiht, aus (Apitzsch 2015, S. 34-35). Die hohe Flexibilität ist ein weiteres Merkmal derartiger Beschäftigungsverhältnisse, die eine an konjunkturbedingte Veränderungen Zu- und Abnahme aufweist (Keller/Seifert 2013, S. 33-34). Gut 2% aller Beschäftigten sind über Leiharbeitsverträge angestellt (ebd. S. 27).

Als Solo-Selbstständige sind Personen zu bezeichnen, die Selbstständig sind und keinerlei Mitarbeiter beschäftigen. Die Abgrenzung von ‚normalen‘ Selbstständigen mit Mitarbeitern erscheint notwendig, wenn das monatliche Bruttoeinkommen in Betracht gezogen wird: Solo-Selbstständige verdienen weniger als die Hälfte des monatlichen Bruttolohns im Vergleich zu Selbstständigen mit Mitarbeitern – allerdings arbeiten Solo-Selbstständige im Durchschnitt auch 15 Stunden pro Woche weniger (Keller/Seifert 2013, S. 36). Im Jahr 2010 waren knapp 7% der Beschäftigten sogenannte Solo-Selbstständige (ebd. S. 27).

Darüber hinaus gibt es die spezielle Gruppe der Sonderformen (beispielsweise Wehr- und Zivildienstleistende und Auszubildende), die in dieser Arbeit keine weitere Berücksichtigung finden.

Wie nachfolgend dargestellt (Abbildung 1), sind rund 58% der Erwerbstätigen in Normalarbeitsverhältnissen beschäftigt. Den größten Teil der atypisch Beschäftigten macht die Teilzeitarbeit aus, die auch strukturell dem NAV noch am ähnlichsten ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Beschäftigungsformen (2010)

3. Entwicklungen und Strukturen

3.1 Entwicklungen

Für die Untersuchung der Entwicklung der verschiedenen Erwerbsformen in der Bundesrepublik eignet sich ein Vergleich mit den Daten nach der Wiedervereinigung, da durch frühere Zahlen Erwerbstätige aus der ehemaligen DDR nicht berücksichtigt werden, oder die Werte durch eine abweichende Arbeitsmarkt-, Familien- und Sozialpolitik verfälschen würde. [1]

Dabei nehmen das sogenannte Beschäftigungsförderungsgesetz von 1985, sowie die Hartz-Gesetze (Gesetze für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt) ab 2002 eine zentrale Rolle hinsichtlich der staatlichen Deregulierung atypischer Beschäftigungsformen.

In diesem Zeitraum wird auch der fortschreitende Wandel hinsichtlich der Wirtschaftssektoren, in denen Erwerbstätige beschäftigt sind, deutlich: Während der primäre Sektor (Agrarwirtschaft) und sekundäre Sektor (Industrie) an Volumen verlieren, steigt der tertiäre Sektor (Dienstleistungen) rasant an, so dass die dargestellte Entwicklung auch als Tertiärisierung bezeichnet wird (Statistisches Bundesamt 2015, S. 348).

In allen drei Sektoren sind zwischen 1991 und 2010 die Beschäftigten in Normalarbeitsverhältnissen anteilig gesunken, während der Anteil atypisch Beschäftigter gestiegen ist. Die signifikanteste Entwicklung ist dabei die Zunahme atypischer Beschäftigungsformen im Dienstleistungssektor mit rund 15% (Dietz/Himsel/Walwei 2013, S. 96).

Im Jahr 1991 waren 67,1% der Erwerbstätigen in Normalarbeitsverhältnissen beschäftigt, im Jahr 2010 hingegen nur noch 52,9%. Der rückläufigen Entwicklung des NAV steht eine Zunahme atypischer Beschäftigungsformen gegenüber: 1991 waren 21,5% in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, 2010 jedoch 36,5%. Diese deutliche Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse lässt sich ganz wesentlich auf weibliche Erwerbstätige zurückführen: 88% der in Teilzeit Beschäftigten sind weiblich, bei den geringfügig Beschäftigten sind es 69% (Dietz/Himsel/Walwei 2013 S. 95).

Insbesondere im Zeitvergleich wird deutlich, dass die Etablierung von Teilzeitarbeit für viele Frauen den Einstieg in die Erwerbstätigkeit darstellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte

Während in der dargestellten Dekade die Anzahl der Vollzeit-Beschäftigten Frauen leicht zurückging, erhöhte sich die Gesamtmenge sozialversicherungspflichtig Beschäftigter Frauen um 2 Millionen – zugunsten von Teilzeitbeschäftigungen. Für Männer spielen Teilzeitbeschäftigungen prinzipiell eine deutlich untergeordnete Rolle, dafür sind Männer in Vollzeitbeschäftigungen überrepräsentiert (Bundesagentur für Arbeit 2014, S. 9).

3.2 Strukturen

Nicht nur quantitative Veränderungen sind mit der Etablierung atypischer Beschäftigungsformen zu beobachten, sondern auch die Struktur der Erwerbstätigen ist eine genauere Betrachtung wert.

Da inzwischen mehr als die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen arbeitet, schlagen Keller/Schulz/Seifert vor, von einem „neuen NAV“ (2012, S. 6) der Frau zu sprechen. Insbesondere Teilzeitarbeit wird absolut von weiblichen Arbeitnehmerinnen dominiert – sie machen rund 88% aller in Teilzeit Beschäftigten aus.

Auch hinsichtlich des Familienstandes gibt es eindeutige Tendenzen: Alleinstehende und Ehepaare ohne Kind haben relativ geringe Sorgfaltspflichten und können den Fokus auf ihre Arbeit und Karriere setzen – sie arbeiten am häufigsten in Normalarbeitsverhältnissen. Dem Gegenüber haben Alleinerziehende die größten Verpflichtungen gegenüber ihrer Kinder und verzeichnen den größten Anteil atypischer Beschäftigung, insbesondere im Bereich der Teilzeitarbeit (Keller/Schulz/Seifert 2012, S. 8).

Jüngere Arbeitnehmer sind im Bereich der atypischen Beschäftigung überrepräsentiert. Zudem sind befristete Einstellungen inzwischen Normalität, allerdings ist in den vergangenen Jahren zu beobachten, dass mit 39% aller befristetet Angestellten ein guter Teil in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen wird (Hohendanner 2013, S. 3-4).

Nichtsdestotrotz gehen weite Teile der befristet Angestellten ein solches Arbeitsverhältnis mangels unbefristeter Alternativen ein. 46% der Befragten gaben an, nicht freiwillig in befristeten Arbeitsverhältnis angestellt zu sein, noch höher fielen die Zahlen aus, wenn Auszubildende nicht eingeschlossen wären, deren Verträge grundsätzlich zeitlich befristet sind (Statistisches Bundesamt 2012, S. 42).

Zusammenfassend lassen sich die dargestellten Entwicklungen in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren sowohl als ‚Erosion des Normalarbeitsverhältnisses‘ als auch als ‚Expansion atypischer Beschäftigungsformen‘ beschreiben. Die dabei bereits angeschnittenen Chancen und Risiken sollen im Folgenden genauer betrachtet werden.

[...]


[1] Grundsätzlich wird bei der Beschäftigung mit wissenschaftlichen Schriften zum Themenbereich (atypische) Beschäftigung deutlich, dass es erhebliche Abweichungen zwischen verschiedenen statistischen Quellen gibt. Im Wesentlichen dürften diese auf unterschiedliche Methoden bei der Erhebung zurückzuführen sein, wie z.B. Selbsteinschätzungen der Befragten oder Meldungen der Arbeitgeber (siehe dazu: Keller/Seifert 2013, S. 23-24).

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668274204
ISBN (Buch)
9783668274211
Dateigröße
838 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337984
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Schlagworte
Atypische Beschäftigung Beschäftigungsformen Prekäre Verhältnisse Prekariat

Autor

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Titel: Atypische Beschäftigung. Chancen und Risiken