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Homo Oeconomicus versus Homo Sustinens

Zum Beitrag Siebenhüners für ein neues Menschenbild in der Ökonomie

Essay 2016 5 Seiten

Politik - Klima- und Umweltpolitik

Leseprobe

homo oeconomicus versus homo sustinens

EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit nimmt Bezug auf die Darstellungen zu homo oeconomicus und homo sustinens als Menschenbilder im Artikel „Homo sustinens – Für ein neues Menschenbild“ von Bernd Siebenhüner[1]. Dabei werden nach allgemeinen Ausführungen zur Verwendung von modellhaften Menschenbildern die Grundzüge des homo oeconomicus und die daran formulierte Kritik dargestellt. Dem gegenüber wird der homo sustinens gestellt, sowie eine kritische Prüfung der Legitimationen eines eben solchen Modells durch den Autor.

HAUPTTEIL

Für die wissenschaftliche Auseinandersetzung innerhalb der verschiedenen Disziplinen sind basale Annahmen über Menschen etabliert, die in Form eines Menschenbildes die Analyse menschlicher Verhaltensweisen ermöglichen. Dabei geht es nicht um eine detailgetreue Darstellung, die universelle Gültigkeit besitzt, sondern um Kategorien anhand derer grundlegende „Wesensbestimmungen, Bedürfnisse, Einstellungen und Verhaltensmuster“ (S. 448) deutlich werden. Dazu wird der Mensch als Akteur ganz wesentlich in seiner Individualität beschnitten und es sind starke Pauschalisierungen nötig. Siebenhüner verweist dabei auf den doppelten Charakter von Menschenbildern, die neben einer handlungserklärenden auch eine normative Funktion innehaben. Dass die letztgenannte, normative, Funktion dabei nur allzu oft ausgeblendet und ignoriert wird, ist die zentrale Kritik des zugrundeliegenden Textes.

Das Modell des homo oeconomicus ist, in Anlehnung an die neoklassische Perspektive, bis heute das gängige Menschenbild der Ökonomik. Ausgang findet der homo oeconomicus in der Annahme, menschliches Handeln anhand einer mathematischen Kosten-Nutzen-Rechnung erklären zu können. Handlungsalternativen werden dabei prinzipiell so gewählt, dass der persönlich größte Nutzen bei möglichst geringen persönlichen Kosten erzielt wird – vollkommen rational und egoistisch.

Fragen der Gerechtigkeit, Werte und soziale Normen haben bei der Abwägung keinerlei Relevanz – genau hier liegt die Fragwürdigkeit des beschriebenen Modells und setzt die Kritik des Autors an. Moderne Ökonomen fühlen sich demnach vielmehr einer werturteilsfreier, nicht-ethischen Wissenschaft verschrieben, die normative Fragen bewusst ausblendet. Es gibt demnach also kein gutes oder schlechtes Handeln, sondern nur mehr oder weniger profitable Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Abwägung.

Der homo oeconomicus ist ein Modell, dessen Nutzen aufgrund dargestellter Eigenschaften fraglich ist. Anhand einiger Anwendungsbeispiele entlarvt Siebenhüner die Defizite hinsichtlich der Aussagekraft: Das klassische Beispiel für Kritik am Modell des homo oeconomicus ist aus dem Feld der politikwissenschaftlichen Wahlforschung. Für ein Individuum, das anhand einer Kosten-Nutzen-Rechnung seine Handlungsoptionen abwägt, sind umfängliche Informationen nötig, um die rational beste Wahl zu treffen.

Im Falle der Wahlentscheidung bedeutet diese nicht nur grundlegende Kenntnisse über das politische System der BRD, über Wahlrecht und Zeitaufwand am Wahltag, sondern auch die dezidierte Auseinandersetzung mit sämtlichen Wahlprogrammen, Kandidaten und möglichen Koalitionen. Siebenhüner führt trefflich an, dass der homo oeconomicus demnach gar nicht an einer Wahl teilnehmen würde, da der persönliche Nutzen zu gering sei. Noch deutlicher wird die Unzulänglichkeit der Aussagekraft dieses Modells, wenn bei Bundestagswahlen Klein- und Kleinstparteien herangezogen werden: Wenn die Wahl bzw. der Wahlsieg der Partei X für den homo oeconomicus den größten Nutzen bringen würde, die Partei aber nach Umfragen deutlich unter der 5%-Sperrklausel liegt, würde der homo oeconomicus seine Stimme nicht an diese Partei ‚verschenken‘ – der zu erwartende Nutzen wäre gleich Null.

Darüber hinaus werden spieltheoretische Experimente angeführt, die ebenso zur Bestärkung kritischer Annahmen über das Modell des homo oeconomicus führen bzw. bestätigen, dass „soziale Normen handlungsleitend wirken“ (S. 450) – auch in der Ökonomie.

Doch insbesondere durch die universitäre Lehre der Ökonomie wird das Menschenbild des homo oeconomicus verbreitet. In spieltheoretischen Situationen verweigern Studierende der Wirtschaftswissenschaften eher kooperative Lösungsansätze als Studierende anderer Fachbereiche und versuchen eher aus dem kooperativen Verhalten anderer Teilnehmer einen persönlichen Vorteil zu ziehen – ganz nach dem Prinzip des homo oeconomicus. Bemerkenswert dabei ist ebenso der Hinweis des Autors, dass die beschriebenen Merkmale geschlechterspezifische Differenzen vorweisen. Während männliche Studierende der Wirtschaftswissenschaften deutlich empfänglicher für derartige, egoistische Ausprägungen des Handelns waren, konnten sich die weiblichen Studierenden deutlich weniger anfällig darstellen. Kohärent wirken diese Beobachtungen, wenn die Verteilung hochrangiger Positionen in Unternehmen der freien Wirtschaft hinsichtlich der Geschlechter hinzugezogen wird. Auf Ebene der Vorstände bzw. Aufsichtsräte sind 97% bzw. 90% der Personen männlichen Geschlechts (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010: S. 7). Die Prinzipien des homo oeconomicus sind also nicht bloß ein theoretisches Modell, sondern wirken in reale wirtschaftliche Prozesse, wenngleich dem Modell ebenso defizitäre Eigenschaften zugeschrieben werden müssen.

Siebenhüner plädiert stattdessen für ein nachhaltiges Leitbild, das Gerechtigkeit als Grundprinzip postuliert und das menschliches Leben nachfolgender Generationen bei Erhalt ähnlicher Umweltbedingungen anstrebt. Dieses, in der Umweltpolitik anerkannte, Prinzip soll mit dem homo sustinens (verstanden als nachhaltig lebender Mensch) als Menschenbild entsprechend erweitert werden. Anstelle von Egoismus sollen soziale Verantwortung und Solidarität, also altruistische Motive, menschliches Handeln bestimmen.

Dazu werden verschiedene Ansätze angeführt, die belegen sollen, dass ein derartiges Menschenbild sowohl erstrebenswert als auch realisierbar ist. Dabei greift der Autor auf die verschiedensten wissenschaftlichen Arbeitsbereiche zurück, so zum Beispiel die Neuro- und Evolutionsbiologie, Kommunikationswissenschaft, Geschichtswissenschaften. Auch wenn eine mehrperspektivische Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Nachhaltigkeit‘ angebracht ist, so erscheint das Vorgehen des Autors doch recht tendenziös – in einem rein normativen Ansatz fügen sich aus sämtlichen eben genannten Feldern einzelne, nicht belegte, Feststellungen, die den vorliegenden Ansatz stützen.

So werden Menschen zum einen als Wesen der Natur verstanden, die durch genetische Prädispositionen geprägt sind, aber zum anderen auch als Wesen der Kultur, die durch Umwelteinflüsse (verstanden als soziale Umwelt) wie beispielsweise Erziehung bestimmte Verhaltensweisen entwickeln. Somit ist eine Entwicklung hin zum homo sustinens prinzipiell möglich.

Diskussionswürdig sind die Darstellungen hinsichtlich der Umweltzerstörung zur Nutzung durch den Menschen und der gleichzeitigen genetischen Disposition zum Erhalt der Natur (S. 454). Die Rodung der Regenwälder Südamerikas bringt für die heutige Generation im wesentlichen Vorteile, während die Nachteile ‚weit weg‘ sind. Zum einen in regionaler Hinsicht, aber auch in zeitlicher Hinsicht – die tatsächlichen Folgen werden für nachfolgende Generationen spürbar, nicht aber für heutige. Für den homo oeconomicus, der egoistisch und den eigenen Nutzen maximierend handelt, stellte das keinerlei Problem dar – und genau nach diesem Muster funktionieren weite Teile der heutigen, realen Wirtschaft.

Kritisch zu betrachten sind auch die nachfolgenden Ausführungen zur Historie des reziproken Altruismus (S.455). Dabei werden prähistorische Gemeinschaften angeführt, die erste Formen der Arbeitsteilung und anderer Formen der Kooperation kannten. Dazu sind soziale Normen und Druck als Möglichkeiten der Sanktionierung bei Fehlverhalten nötig. Allerdings folgert der Autor, dass Handlungsweisen, wie sie der homo oeconomicus an den Tag legen würde (also zum Beispiel die Nutzung von Nahrung, die andere erlegt oder gesammelt haben, ohne selbst etwas zum Erhalt der Gemeinschaft zu leisten), zu Sanktionen führen würden. Das mag auch zutreffen, aber widerlegt nicht das Modell des homo oeconomicus: Ein einzelner Mensch hätte in dem gegebenen Szenario kaum eine Chance zu überleben, wäre er von der Gruppe ausgeschlossen und auf sich alleine gestellt. Der größtmögliche Nutzen besteht also darin, vermeintlich uneigennützig für die Gemeinschaft zu sammeln, zu jagen oder sonstige Arbeiten zu verrichten – aber im Gegenzug vom Schutz der Gruppe zu profitieren. Das angeführte Beispiel ist also keinesfalls geeignet, um das Modell des homo oeconomicus zu widerlegen, gleichwohl belegt es die historische Existenz von kooperativen Verhaltensweisen früher Gemeinschaften.

Auch gegen die nachfolgenden Darstellungen sind diskutabel. Siebenhüner führt an, dass Aggressionen gegen Artgenossen in frühen Gesellschaften nicht zur Überlebenssicherung geführt habe. Unabhängig davon, ob dieses zutreffend ist, sind die Ausführungen nicht auf Verhaltensweisen in modernen Wirtschaftssystemen übertragbar. Aggressionen eines Mineralölkonzerns gegen einen anderen Mineralölkonzern würden im besten Fall zu einer Stärkung der eigenen Position am Markt führen, oder sogar zu eine monopolistischen Position. Auch wenn in diesem Fall nicht körperliche Aggressionen gemeint sind, lassen sich beispielsweise öffentlichkeitswirksame PR-Kampagnen als Form der Aggression verstehen. Ursächlich für die Unterschiede der beiden Szenarien, ist das kapitalistische Wirtschaftssystem, in dem das zweite Szenario, nicht aber das erste eingebettet ist.

In einem System, das Wachstum und Konkurrenz als Grundprinzipien wirtschaftlicher Funktionsweisen ausmacht, sind Aggressionen als Kampf um Macht und Ressourcen durchaus ein Mittel der Überlebenssicherung des Unternehmens.

Grundsätzlich muss sich Siebenhüner die Frage stellen, wie nach einem Menschenbild des homo sustinens die derartigen Zustände innerhalb der globalen Wirtschaft erklärt werden können – wo doch Altruismus, soziale Normen und Kooperationsbereitschaft im Menschen fest verankert seien. Auch wenn das Modell des homo oeconomicus seine Grenzen hinsichtlich der Aussagekraft hat, so scheinen doch gute Teile der wirtschaftlichen Akteure genau nach diesem Muster zu handeln.

Darüber hinaus geht der Autor von frühen, vormodernen Gemeinschaften aus, die bis zu einhundert Personen umfassen. Dass in einem solchen Umfang soziale Normen und Solidarität das Handeln prägen, erscheint durchaus richtig – aber diese Erkenntnisse auf Staaten, Staatengemeinschaften oder gar die gesamte Welt zu übertragen, erscheint doch gewagt. Insbesondere wenn die angebliche Wertegemeinschaft der Europäischen Union über Monate hinweg nicht in der Lage ist, sich auf eine gemeinsame Asylpolitik zu einigen, so dass tausende Menschen ist Leben verloren haben – dass globale Nachhaltigkeitskonzepte dann tatsächlich von Gemeinschaftsgefühlen und Altruismus getragen werden, erscheint dann doch als romantische Vorstellung.

ABSCHLUSS

Zuzustimmen ist Siebenhüner jedoch zum Schluss, der die Forderung nach Moralität innerhalb der Ökonomie formuliert. Die Grenzen staatlichen Einflusses sind dabei in pragmatischer Hinsicht nicht allzu weit gefasst – die Verantwortung muss den Menschen selbst überlassen werden und durch Erziehung, Information und Sozialisation ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen werden.

Durch ein Menschenbild des homo sustinens würden nachhaltige Lebens- und Konsumweisen deutlich erfolgreicher etabliert, da ein ‚Lernen durch Einsicht‘ oder auch intrinsische Motivation nachhaltiges Handeln vom Individuum selbst ausgelöst wird, nicht etwa durch Kontrollen oder mögliche staatliche Sanktionierungen.

TEXTGRUNDLAGE

Siebenhüner, Bernd (1999): Homo sustinens. Für eine neues Menschenbild. In: Universitas, Jg. 54, H. 635, S. 448-459.

WEITERE LITERATUR

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010): Frauen in Führungspositionen. Barrieren und Brücken.

[...]


[1] Die Textgrundlage ist in den Literaturangaben am Schluss der Arbeit angegeben

Details

Seiten
5
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668274266
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337988
Note
1
Schlagworte
homo sustinens homo oeconomicus Menschenbild Ökonomie Neoklassik Siebenhüner Nachhaltigkeit

Autor

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Titel: Homo Oeconomicus versus Homo Sustinens