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Nutzen und Schaden des modernen Sports. Die zwei Seiten der Medaille

Der moderne Sport auf dem soziologischen Prüfstand

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 30 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung: Warum gerade Sport?

2. Definitionen und Theorie:
2.1 Nutzen und Schaden
2.2 Gemeinwohlorientierung

3. Analyse: Nutzen und Schaden, die zwei Seiten der Medaille in verschiedenen Bereichen
3.1 Natur
3.2 Gesellschaft
3.3 Individuum
3.4 Erst ein Schaden, dann ein Nutzen: Perspektivenwandel im Frauensport

4. Diskussion: Verortung des modernen Schulsports zwischen Nutzen und Schaden

5. Zusammenfassung.

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Warum gerade Sport?

Der moderne Sport als Phänomen unserer Gesellschaft ist in unserem Alltag omnipräsent, sei es durch persönliche sportliche Aktivitäten oder durch eine mediale Inszenierung. Sport wird dabei fast immer positiv beschrieben und sein Nutzen wird selten kritisch hinterfragt. Vergleicht man unsere heutige Gesellschaft allerdings mit derjenigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wird deutlich, dass wir heute in einer Wohlstandsgesellschaft leben, frei von vielen lebensbedrohlichen Zwängen. Welche Umstände können unserer Gesellschaft also heute schaden? Neben Terror, Kapitalismus und Klimawandel sind das z.B. eine erhöhte Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft und einige neue Krankheiten, die im Zuge des Wohlstandes auftreten. Was hat das mit Sport zu tun? Sport wird von der Gesellschaft und vor allem von der Politik, die diesen gern als ÄAllheilmittel“ instrumentalisiert, als Lösung für viele Probleme gesehen. Dieser Satz lässt trotzdem ahnen, dass diese Meinung nicht überall bedingungslos vertreten wird und kritisch hinterfragt werden muss. Der organisierte Sport, um diesen Begriff etwas genauer zu umreißen, birgt zweifelsohne eine Menge Potenzial um die Gesellschaft und die Individuen die in ihr leben positiv zu beeinflussen. Beispiele sind u.a. Rehabilitations- und Präventivprogramme, die einen gesundheitlichen Nutzen (wieder) herstellen sollen, oder gesellschaftliche Integration und gewaltpräventive Leistungen, um ein friedliches und gemeinschaftliches Miteinander zu fördern. Dieses sind nur einige der vielen positiven Aspekte, die der organisierte Sport heute bieten kann, aber nicht zwangsläufig muss. Es darf daher nicht außer Acht gelassen werden, dass jede Medaille immer zwei verschiedene Seiten hat. So kann der Sport ebenso negative Einflüsse auf Individuen, die Gesellschaft und auf die Natur haben und Schaden anrichten, z.B. in Form von körperlichen Verletzungen, Gewaltausschreitungen nach sportlichen Großereignissen oder durch die Zerstörung der Natur. In der hier vorliegenden Arbeit wird zum einen eine allgemeine Definition von Nutzen und Schaden dargestellt um diese Begriffe dann, anhand der Beziehungen und dem Wirken des organisierten Sports auf ausgewählte Aspekte in den Teilbereichen Natur, Gesellschaft und Individuum, näher zu erläutern. Da eine vollständige Analyse aller Aspekte den Rahmen dieser Seminararbeit übersteigt, wird hier nur eine stellvertretende Auswahl getroffen. Nutzen und Schaden sind allerdings keine unumstößlichen Konstrukte und so soll auch der Perspektivenwandel, wie er im Frauensport stattgefunden hat, berücksichtigt werden und zeigen, wie aus einem Schaden ein Nutzen werden konnte. Abschließend soll eine kurze Diskussion über die Verortung des modernen Schulsports erfolgen, um auch dort eventuelle Änützliche“ oder Äschädliche“ Aspekte und Tendenzen aufzuzeigen. Es folgen die Zusammenfassung und Fazit.

2. Definitionen und Theorie

2.1 Nutzen und Schaden: Definitionsversuche

Eine allumfassende (oder soziologische) Theorie, die Nutzen und Schaden in ihrer Gesamtheit definiert, ist nicht leicht zu finden, da es meist bereits um Beziehungen von Nutzen und Schaden auf einen bestimmten Bereich geht. Um diese Termini trotzdem ein wenig genauer zu beleuchten, werden hier die Einträge der online-Version des Duden herangezogen. Hier wird Nutzen mit Synonymen bzw. mit der Beschreibung ÄVorteil, Gewinn, Ertrag, den man von einer Tätigkeit, dem Gebrauch von etwas, der Anwendung eines Könnens o. Ä. hat“ definiert. Das Individuum sieht sich hier als ÄBenutzer“ von Dingen, geistigen und/oder körperlichen Fähigkeiten, zu denen es Zugang hat, ohne näher zu definieren warum, oder wodurch diese Dinge oder Fähigkeiten für es Vorteile bringen. Dominierend ist hier also der positive Aspekt sowie die Bereiche Wirtschaft, Ökonomie und Therapie, in denen dieses Wort laut Duden am häufigsten vorkommt. Alleine die Worte ÄGewinn und Ertrag“ aus der eben dargestellten Definition weisen bereits auf die wirtschaftliche Komponente hin (Bibliographisches Institut, 2013a). Der Schaden wird im Gegensatz zum Nutzen etwas differenzierter dargestellt und in der Definition in drei Kategorien unterteilt. Zunächst wird Schaden als ein ÄAuslöser" definiert, der Ädie Gegebenheiten, die bestehende Situation in einer negativen, nicht wünschenswerten Weise verändert“. Das heißt, dass eine ursprünglich positive oder neutrale Situation durch einen wie auch immer gearteten Einfluss verschlechtert wird. In einer zweiten Definition geht es eher um eine materielle Schadensdimension, die als eine „durch Verlust oder [teilweise] Zerstörung eines Guts entstandene Einbuße“ oder als Äteilweise Zerstörung; Beschädigung; Defekt“ definiert wird. In der dritten und letzten Definition wird Schaden als Äkörperliche, gesundheitliche Beeinträchtigung“ gesehen. Auch hier ist auffällig, dass die Bereiche, in denen das Wort oft verwendet wird, die gleichen wie beim Nutzen sind: Es handelt sich wieder um Wirtschaft und Gesundheit (Bibliographisches Institut, 2013b) Dieser Sachverhalt lässt ggf. auch Rückschlüsse auf den Sport zu, da unser Denken gerade in diesem Sektor oft nur noch von Wirtschaftlichkeit, Vorteilen, Ertrag und Konsum bestimmt wird, die zwar auch einen Nutzen aber eben auch einen Schaden beinhalten können können (siehe dazu auch Kapitel 3). Ferner ist die Gesundheit der zweite zentrale Themenbereich der hier vorgestellten Definitionen und auch beim Sport, da auch die Gesundheit sowohl den meisten Nutzen als auch den meisten Schaden erfährt (Siehe dazu Kapitel 3 und 4.3).

2.2 Gemeinwohlorientierung

Von der Vielzahl der existierenden soziologischer Theorien lassen sich nur wenige auf das doch sehr komplexe Thema dieser Arbeit anwenden und einige von diesen können nur auf einzelne Themengebiete, wie etwa ÄSport und Gesellschaft“, bezogen werden. Als insgesamt am besten geeignet scheint die Theorie zur Gemeinwohlorientierung, wie sie von Rittner und Breuer dargelegt wird. Als Basis dient den beiden Autoren dabei die Definition von Gemeinwohl von Renate Mayntz, die diesen Begriff zunächst als eine Äüber die mitgliedsbezogene Nutzenmaximierung hinausgehende Funktionalität von Verbänden und Verbandshandeln“ (Mayntz, 1992, 17) definiert. Der Begriff Gemeinwohlorientierung bezieht sich also auf ein

,,absichtsvolles Handeln; er bezeichnet eine mögliche Orientierung des Handelns korporativer Akteure, die sich insbesondere von einer egoistischen Nutzenorientierung unterscheidet (die auch dann eine solche bleibt, wenn das daraus folgende Handeln auch für andere bzw. die ÄGemeinschaft“ nützlich ist).“ (Mayntz,1992, S. 17)

Es geht also um Nützlichkeit und Nutzen für andere, um gemeinschaftliche- und gesellschaftliche Leistungen als Beitrag (des Sports) zum Gemeinwohl, nicht aber zwingend um einen Nutzen für den handelnden Akteur- in diesem Fall der Sport. Trotz alledem ist zu beachten, dass auch immer negative Effekte in Form eines Schadens möglich sind (Rittner, Breuer, 2004, S.17). Die Autoren Rittner und Breuer stellen zunächst die veränderten Bedingungen gegenüber, die den Staat als ehemaligen alleinigen Garanten für politischen und gesellschaftlichen Zusammenhalt und Interessenwahrung der Bevölkerung zeigen (Vobruba, 1992, S. 110). Sie räumen allerdings ein, dass es gegenwärtig auch verschiedene, konflikthafte Vorstellungen von Gemeinwohl gibt (Vobruba, 1992, S.110-112), je nach Interessenlage und Motivation einzelner beteiligter Institutionen. So kommt es, dass Ämit dem Übergang zu modernen Gesellschaften […] der exklusive Bezug des Staates auf Gemeinwohl als Anspruch unergründbar und als Anforderung prekär geworden ist“ (Vobruba, 1992, S. 110). Diese Tatsache entsteht dadurch, dass unsere heutige Gesellschaft sehr weit ausdifferenziert ist und jede Institution, die vom Staat mit bestimmten Vollmachten ausgestattet ist, ihr Einmischen mit einer Gemeinwohlorientierung begründet (Vobruba, 1992, S. 115-116, Heinemann, 1981, S. 232). Diese ist letzten Endes aber die einzige Legitimierung des Staates, denn wenn jeder Bürger alleine für sein Wohlergehen sorgen könnte, wäre der Staat als politische Führungsinstanz und die Parteien als regierende Instanz nicht von Nöten. So ist es also die Aufgabe des Staates für seine Bürger zu entscheiden, was ein Nutzen oder ein Schaden für sie ist, wie ersterer zu erreichen und zu sichern oder letzterer zu vermeiden und zu bekämpfen ist. Der Staat hat dafür verschiedene Systeme ausdifferenziert, wie z.B. das Bildungs- und Rechtssystem, aber auch das Sportsystem, um die vielfältigen Probleme und nicht lösbaren Aufgaben delegieren zu können, die mit der Pflicht das Gemeinwohl der Bevölkerung zu sichern einhergehen. Somit ist festzustellen, dass der Staat an sich keine Probleme lösen kann (und damit auch eigentlich keine Gemeinwohlfunktion hat), sondern diese nur an andere Institutionen (hier z.B. das Sportsystem) weitergibt. Somit erhalten die dem Staat unterstellten Systeme neben einer Existenzberechtigung auch (ökonomische, personelle etc.) Ressourcen. Da das Sportsystem allerdings keineswegs in der Lage ist, so vielschichtige Probleme wie z.B. Integration alleine zu lösen, wird es zwangsläufig scheitern, da es trotz der vielen positiven Aspekte des Sports auch zu einer wesentlichen und unerwünschte Beeinflussung der Gemeinwohlproduktion im Sportsektor kommen kann. Es handelt sich hierbei um Probleme, wie sie sich aus den Beziehungen Sport und Umwelt (siehe Kapitel 3.1), Sport und Sicherheit (z.B. Fanausschreitungen, siehe Kapitel 3.2), oder Sport und Gesundheit (siehe Kapitel 3.3) ergeben. Es liegt demnach nicht nur eine Funktionszuschreibung (als Garant für Nutzen), sondern auch eine Problemzuschreibung (wegen eines möglichen Schadens) des Staats bezogen auf den Sport vor.

Rittner und Breuer stellen in der Folge sechs Kriterien auf, anhand derer sie die Gemeinwohlorientierung einer Organisation prüfen: Zuerst nennen die Autoren die verantwortungsethische Orientierung, die die Existenz von partiellen Interessenverzichten zugunsten des Gemeinwohls hinterfragt und ob es nur um den Willen der Mitglieder geht (Mayntz, 1992) bzw., ob und wie intensiv eine Orientierung an gesellschaftlich akzeptierten Werten wie Demokratie, Gesundheit etc. erfolgt. Das zweite Kriterium prüft die Durchführung von gemeinwohlorientierten Maßnahmen darauf, inwieweit tatsächlich gemeinwohlorientiert gehandelt und nicht nur darüber geredet wird. Das dritte Kriterium von Rittner und Breuer beschäftigt sich mit einem eventuellen Schaden, den eine Organisation verursachen könnte und prüft diesbezüglich die Vermeidung von negativen Einflüssen, z.B. auf die Umwelt und die Gesellschaft. Das vierte Kriterium bezieht sich auf die reflexiven Leistungen einer Organisation hinsichtlich der Zielsetzungen zum Gemeinwohl. Dabei spielen zum einen das Eigeninteresse der Organisation und ihrer Mitglieder und zum anderen die Berücksichtigung von Auswirkungen ihres Handelns eine Rolle. Handelt eine Organisation per se gemeinwohlorientiert oder nur, weil ihr Eigeninteresse sich zufällig mit dem Gemeinwohl deckt?1 Bzw. wird das Handeln (vor der eigentlichen Durchführung) auf seine langzeitlichen Auswirkungen geprüft. Als weiteres Kriterium wird die Frage angeführt, inwieweit eine Gemeinwohlorientierung durch interne Aufgabenbereiche stabilisiert wird. Konkret heißt dass, je deutlicher und weiter fortgeschritten die Ausdifferenzierung von Arbeitsgebieten, Positionen und Funktionsrollen ist, desto besser ist die Gemeinwohlorientierung, da somit die Entscheidungen ggf. nicht zu stark von einer Person abhängen und einseitig getroffen werden. Weiterhin wird die Verpflichtungsfähigkeit der Verbandsführung thematisiert, d.h. in wie fern ist diese einerseits in der Lage, durch interne Verpflichtungsfähigkeit Einfluss auf Mitglieder auszuüben, um z.B. ein gewisses schädliches Verhalten zu unterbinden und andererseits, durch externe Verpflichtungsfähigkeit eine Verhandlungsfähigkeit gegenüber dritten wahr zu nehmen. Als vorletztes Kriterium wird nun die Kooperation von Sportvereinen mit anderen Gemeinwohlträgern angeführt, z.B. mit Schulen oder Gesundheitsorganisationen. Durch eine solche Kooperation kann übergreifend am Gemeinwohl gearbeitet werden, z.B. an der Integration von Schülern aus Äproblematischen“ Verhältnissen in geordnete Strukturen des Sportvereins. Abschließend geht es noch um das Argument der Mitgliederanzahl einer Organisation. Dabei wird angenommen, dass je mehr Mitglieder einem Verein oder eine Organisation angehören, desto eher ist eine Gemeinwohlorientierung garantiert, da der betreffende Verein, sich somit nach dem Willen vieler zu richten hat und so auch viele gemeinschaftlich ausgerichtete Interessen vertritt (Rittner, Breuer, 2004,S. 17-18).2

3. Analyse: Nutzen und Schaden, die zwei Seiten der Medaille in verschiedenen Bereichen

In diesem Hauptteil der Arbeit sollen nun in vier Unterkapiteln der Nutzen und der Schaden von Sport dargestellt werden. Dabei wird hier näher auf die Teilbereiche der Natur, der Gesellschaft und der Individuum eingegangen. Zuerst wird die positive Seite, in Form eines Nutzens, dargestellt und im Anschluss daran, die negative Seite in Form eines Schaden. Im ersten Unterkapitel zur Kategorie Natur muss diese Reihenfolge allerdings ausgesetzt werden, da man einen eventuellen Nutzen von Sport auf die Natur tatsächlich nur erklären kann, wenn vorher die gegenteilige Position des Schadens erläutert wurde. Als viertes Kriterium wird der Frauensport untersucht, der im Laufe des 19. Jahrhunderts einen Perspektivenwechsel vom Schaden zum Nutzen erfahren hat.

3.1 Natur

Beleuchtet man den Zusammenhang zwischen Sport und Natur, wird sowohl in der einschlägigen Forschungsliteratur (vgl. Kleinhans, 2001a,b, Hammerich, Schaffrath, 1995 und Rittner, Breuer, 2004, 167-173) und auch in der aktuellen Berichterstattung fast immer auf den großen Schaden hingewiesen, den vor allem der alpine Sport, durch aufwendige Nutzung, Bebauung und Waldrodung, der Natur zufügt. Tatsächlich schein in diesem Teilbereich deutlich die Seite des Schadens zu überwiegen, denn ÄNatursport wird durchgängig mit Begriffen wie Störung, Schädigung, Schwächung, Verarmung oder Verlust in Verbindung gebracht, und als schwerwiegende Belastung für die alpine Pflanzen- und Tierwelt beschrieben“ (Kleinhans, 2001b, S. 58). Das Sport auch einen Nutzen für die Natur haben kann, scheint kaum denkbar, doch auch diese Position soll im Folgenden erläutert werden. Will man das Verhältnis von Sport und Natur beleuchten, muss hierbei zunächst auf die gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten 150 Jahren eingegangen werden, die das Verhalten und das Verhältnis der Menschen zur Natur maßgeblich beeinflusst haben. Noch um 1900 waren nur wenige Gebiete der europäischen Alpen tatsächlich als Skigebiete erschlossen und der Wintersport und der Wintertourismus steckten gerade in den Anfängen. So gab es um diese Zeit, als Europa noch eine Industriegesellschaft war, kaum Nachfrage nach Winterfreizeitsport, da nur wenige, außerhalb der Alpenregion lebende, Menschen überhaupt die finanziellen Mittel besaßen um sich ein solches Vergnügen leisten zu können. Erst mit Beginn der neuzeitlichen olympischen (Winter)Spiele in Chamonix, 1924 und dem wirtschaftlich-technischen Fortschritt dieser Zeit erlebte das Skifahren eine erhöhte mediale Popularität und damit begann auch die vermehrte Nachfrage nach Wintertourismus, sowie dem Bau und der Erschließung von (ganzjährigen) Skigebieten, Liftanlagen, Hotels und allen anderen Begleitumständen des Wintertourismus. Mit Fortschreiten des 21. Jahrhunderts wandelt sich auch die Gesellschaft mehr und mehr von der Industrie- und Arbeitsgesellschaft zur Freizeit- und Wohlstandsgesellschaft. Das Konsumverhalten und die Nachfrage an sportlichen Freizeitangeboten steigen allgemein und beziehen auch den Natursport mit ein. Wo es früher also hieß: Arbeiten um zu (über)leben und die Grundbedürfnisse zu sichern, heißt es heute: (Arbeiten um zu) Erleben, um ein Wohlbefinden weit über die Grundbedürfnisse hinaus zu sichern und gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen (vgl. Hammerich, Schaffrath, 1995, S. 7ff). Werbemaßnahmen, die die Natur als sportlichen Freizeit- und Erholungsort propagieren, tragen genauso zu dieser Entwicklung bei, wie die Medien, die sportliche Großereignisse, z.B. in Form von Skiwettkämpfen, übertragen und der technische Fortschritt, welcher sowohl neue Erschließungs- und Bebauungstechniken immer weiter vorantreibt. Auch die Sportarten selbst und das dazugehörige Material verändern sich ständig und entwickeln sich weiter. Nicht zuletzt tragen heute die neuartigen Freeride- und Freestyle-Bewegungen mit all ihren Aspekten, die im letzten Jahrzehnt den Skisport gerade für Junge und Jugendliche attraktiv gemacht haben, zu einer nicht nur veränderten sondern auch erhöhten Nutzung der (alpinen) Natur bei.3 Im Zentrum steht dabei allerdings nicht nur die Natur selbst, sondern auch der Mensch, der sich in der Natur bewegt. Für die Menschen werden dabei, abgesehen von Verletzungen, wie sie allerdings auch bei jeder anderen Sportart vorkommen können nur positive Auswirkungen, wie die Bewegung an der frischen Luft dargestellt. Die dargestellten Auswirkungen auf die Natur bleiben meist eher negativ (Kleinhans, 2001a, S. 7). Zunächst muss allerdings der Begriff ÄNatursport“ etwas genauer umrissen werden, da sich hier immer wieder neue (Unter-) Sportarten entwickeln. Matthias Kleinhans unterteilt Natursport dabei in fünf verschiedene Kategorien. Die erste Kategorie bezeichnet (a), Sportarten, die eng an die Nutzung von Natur- und Kulturlandschaften als Sportstätte gebunden sind, d.h. die ohne die Begleitumstände nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich wären und die außerhalb künstlicher Anlagen ausgeübt werden. Beispiele sind Drachen- und Gleitschirmfliegem, Klettern oder Wildwasser-Kajak. Dabei ist die Natur allerdings immer Äaustauschbare Kulisse und nicht mit der Freizeitaktivität unmittelbar verbunden“ (Kleinhans, 2001a, S. 9). Als zweite Kategorie nennt er (b), Sportarten, bei denen die (Fort-) Bewegung nur durch Muskelkraft erfolgt oder auf einer Änatürlichen Energiequelle, wie Wind, Wasser oder Gefälle [beruht] und […] nicht durch technische (z.B. motorgetriebene) Systeme ersetzt“ wird (Kleinhans, 2001a, S. 9-10). Hier ist das Äkörperliche Erleben [und] die subjektive Naturerfahrung ein wesentlicher Bestandteil der Sportausübung“ (Kleinhans, 2001a, S.10). Beispiele sind wieder Gleitschirmfliegem, Wildwasser-Kajak oder Skifahren. In der nächsten Kategorie geht es um (c) Sportarten, bei denen die Sportausübung nicht Anlagegebunden ist. Da es laut Kleinhans kaum mehr Natursportgebiete ohne Anlagen wie Seilbahnen, vorgegebene Wanderwege o.a. gibt kann hier als Beispiel vielleicht nur noch Gleitschirmfliegen angeführt werden (Kleinhans, 2001a, S.10). Als vorletzte Kategorie werden (d), Sportarten genannt, bei denen ein Technikeinsatz der Risikominimierung dient. Hierunter können viele Beispiele, wie Seile und Haken beim Klettern, oder ein Verschüttungssuchgerät beim Skifahren gemeint sein. Diese Sicherheitsvorkehrungen machen die Sportarten zwar ungefährlicher, aber auch leichter zugänglich für mehr Menschen (Kleinhans, 2001a, S.10), die dann für ein erhöhtes Touristenaufkommen und den damit verbundenen Schaden sorgen. In der letzten Kategorie geht es nun um (e) Sportarten, bei denen Training und Vorbereitung notwendig sind. Dies ist zwar in der Regel bei fast allen der bisher genannten Sportarten der Fall, doch da Menschen, die eine risikoreiche Sportart ausüben meist das ganze Jahr über trainieren, werden so auch andere Regionen die ggf. etwas näher am jeweiligen Wohnort liegen stärker beansprucht und ein eventueller Schaden beschränkt sich somit nicht nur auf die Hochgebirgsregionen der Alpen sondern auch auf Mittelgebirgsregionen (Kleinhans, 2001a, S.10-12).

Zusammenfassend lässt sich bisher also sagen, dass die Natur für den Menschen oft primär als ÄMittel zum Zweck“ für seine Wünsche und sportlichen Bedürfnisse gesehen wird. Gerade hier dient Sport mehr und mehr als Befriedigung von Konsum-, Freizeit-, und Fluchtverhalten.

[...]


1 Siehe dazu auch Mayntz, 1992, S. 17

2 zu Kriterium 4,5,6 siehe auch Vobruba (1992, 105-113)

3 Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, es ginge allein um Skifahren. Auch andere Sportarten, wie Rafting, Mountainbiking, Gleitschirmfliegen und Bergwandern können unter Umständen negative Effekte haben. Skifahren ist jedoch die populärste unter den Natursportarten.

Details

Seiten
30
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668274839
ISBN (Buch)
9783668274846
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338057
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Sprtwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Sportsoziologie Frauensport Nutzen Sport Schaden Sport Auswirkungen Sport Gesellschaft Auswirkungen Sport Natur

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