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Der Fähigkeiten-Ansatz Martha Nussbaums. Implikationen und Probleme des Essentialismus

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Grundzüge Nussbaums essentialistischer Theorie
2.1. Kritik an ökonomischen sowie kulturrelativistischen Ansätzen
2.2. Starke vage Theorie des Guten
2.2.1. Methodische Vorgehensweise
2.2.2. Liste der menschlichen Grundfähigkeiten
2.2.3.Praktische Implikationen der Theorie

III. Kritische Betrachtung der essentialistischen Theorie
3.1. Allgemeine Vorwürfe am Essentialismus
3.2.Kritische Betrachtung der methodischen Vorgehensweise
3.3. Kritische Betrachtung der Fähigkeitenliste
3.4. Kritische Betrachtung staatlichen Implikationen

IV. Schluss

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

Martha C. Nussbaum, die derzeit an der Universität Chicago lehrt, gilt als eine der prominentesten und renommiertesten Moralphilosophinnen.

Mit dem Anspruch, die Interessen und Bedürfnisse aller Menschen zu berücksichtigen, formuliert Nussbaum eine auf den humanen Fähigkeiten basierende essentialistische Konzeption des guten Lebens. Ziel ihrer, an Aristoteles anschließenden Theorie, ist es, die Grundlage für eine globale Ethik zu schaffen, die als Richtschnur für die Politik aller Staaten dienen kann (Nussbaum 1993: 327). Die Notwendigkeit eines universellen Maßstabes politischen Handelns hebt Nussbaum mit der Begründung hervor, dass nur mit Hilfe einer allgemeingültigen Theorie Formen der Unterdrückung und Diskriminierung einzelner Individuen beurteilt werden können (Nussbaum 2000: 59- 60).

Vor dem Hintergrund eines grundlegenden Wertepluralismus schließt sich jedoch die Frage an, in wie weit es Nussbaum gelingt, die Lebensqualität aller Menschen über kulturelle Differenzen hinweg zu bewerten: Weist ihre Theorie tatsächlich die universelle Geltung auf, die sie beansprucht oder unterliegt sie einem spezifisch westlichen Zugriff? Da Nussbaum mit ihrer Theorie zentrale allgemeingültige Ziele für die Politik formuliert, die möglicherweise in die Autonomie des Einzelnen eingreifen, wird des Weiteren der Vorwurf des Paternalismus zu diskutieren sein.

Um die aufgeworfenen Fragen zu beantworten, werden in einem ersten deskriptiven Part die Grundzüge von Nussbaums essentialistischen Begründungsprogramm dargelegt (2.1.). Dabei wird zunächst auf ihre Kritik an ökonomischen sowie kulturrelativistischen Ansätzen einzugehen sein (2.1.1.). Ihren Gegenentwurf zu den beschriebenen Konzeptionen, den sie in der Form einer „ starken vagen Theorie des Guten “ formuliert wird, in einem folgenden Schritt dargestellt (2.1.2.). In diesem Zusammenhang soll auch thematisiert werden, wie Nussbaum methodisch vorgeht, um aufzuzeigen, dass ihre Grundannahmen über das menschliche Leben über kulturelle wie auch zeitliche Grenzen Gültigkeit aufweisen (2.1.2.3). Daraufhin wird das Kernstück ihrer Theorie, ein Katalog der humanen Fähigkeiten, die ein menschliches bzw. ein gutes menschliches Leben ausmachen, vorgestellt (2.1.2.4.). Der deskriptive Teil der vorliegenden Arbeit wird daraufhin mit dem Aufzeigen der praktischen Implikationen hinsichtlich der Rolle staatlichen Handelns abgeschlossen (2.1.2.4). In einem zweiten Part wird Nussbaums essentialistische Theorie kritisch betrachtet (2.2.). Dabei sollen zunächst die allgemeinen Züge der Essentialismuskritik deutlich gemacht werden (2.2.1.). In einem zweiten Schritt wird untersucht, inwieweit es Nussbaum mit ihrer methodischen Vorgehensweise gelingt, die Universalität ihres Ansatzes zu begründen (2.2.1). In diesem Zusammenhang werden auch die Resultate dieses Ansatzes, die sich in einem Katalog der menschlichen Fähigkeiten niederschlagen, dahingehend betrachtet, ob sie wirklich kulturelle sowie zeitliche Unabhängigkeit beanspruchen können (2.2.3.). Darauf folgt eine Untersuchung der praktischen Implikationen der Theorie hinsichtlich des Paternalismusvorwurfes (2.2.4.). In einem dritten abschließenden Teil werden die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit in Bezug auf die aufgeworfenen Fragestellung beurteilt (3.).

Grundlage für den darstellenden Teil dieser Arbeit bieten Veröffentlichungen Nussbaums, in denen sie sich der Begründung einer Form des Essentialismus widmet. Es wird sich dabei auf folgende Schriften bezogen: „ Menschliches Tun und soziale Gerechtigkeit. Zur Verteidigung des aristotelischen Essentialismus “ ;Nature, function, and capability: Aristotle on political distribution “ ; „ Human functioning and social justice: In defense of Aristotelian essentialism “ ; Gerechtigkeit oder Das gute Leben “ sowie „ Women and Human Development: The Capabilities Approach.“ Im Rahmen der kritischen Betrachtung der Theorie wird auf die Einwände von Dirk Jörke, Christiane Schere und Dieter Birnbacher Bezug genommen sowie eigene Argumente hervorgebracht.

II. Grundzüge Nussbaums essentialistischer Theorie:

Ausgangspunkt Nussbaums essentialistischer Theorie ist es, die gleichwertige Berechtigung aller Menschen auf ein gutes Leben zu begründen.

Im Blick hat sie dabei insbesondere die Lebenssituation in den Entwicklungsländern, deren Beurteilung angesichts des großen Einflusses ökonomischer Theorien und kulturrelativistischer Positionen ein Essentialismus fehlt (Nussbaum 1993: 346- 347).

2.1. Kritik an ökonomischen sowie kulturrelativistischen Ansätzen

Nussbaum wendet sich kritisch gegen die Vorherrschaft ökonomischen Theorien, die beanspruchen, die Lebensqualität eines Landes lediglich anhand des Bruttoinlandsproduktes zu messen. Das durchschnittliche Pro- Kopf- Einkommen sagt ihrem Verständnis nach aber wenig über die tatsächliche Lebenssituation aller Menschen aus: So werden weder die Verteilung der Ressourcen noch politische sowie soziale Determinanten berücksichtigt (Nussbaum 1993: 346-347). Eine weitere kritische Position bezieht Nussbaum gegenüber kulturrelativistischen Ansätzen, die der Erhaltung traditioneller Lebensformen in den Entwicklungsländern oberste Priorität einräumen. Kulturrelativistische Positionen leiten die Rechte des Einzelnen aus dem jeweiligem Wertesystem der Gemeinschaft ab. Demnach kann es keine über allen Kulturen stehende Wertvorstellung geben (Forst 2008: 634). Nussbaum wendet sich gegen die unkritische Legitimation örtlich gebildeter Traditionen, da in deren Namen Formen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit gerechtfertigt werden können (Nussbaum 2000: 59- 60). In diesem Zusammenhang kritisiert Nussbaum präferenzbasierte Ansätze, in denen die individuelle Zufriedenheit der Betroffenen mit ihrer sozialen sowie politischen Situation als alleiniges Kriterium für die Adäquanz dieser angesehen wird. Die subjektiven Wünsche einer Person sind aber nicht notwendigerweise ein Indikator dafür, was sie wirklich benötigt, da Bedürfnisse auch Ausdruck von Bräuchen, Ängsten, geringen Erwartungen sowie ungerechten Rahmenbedingungen sein können (Nussbaum 2000: 112- 114). Inwieweit Nussbaum aufgrund dieser Annahmen Forderungen formuliert, die sich gegen den Willen des einzelnen Individuums richten und damit dem Vorwurf des Paternalismus ausgesetzt sind, wird im zweiten Teil dieser Arbeit zu diskutieren sein.

2.2. „Starke vage Theorie des Guten“

Als Alternative zu den beschrieben Ansätzen formuliert Nussbaum eine auf den menschlichen Fähigkeiten basierende essentialistische Konzeption, die sie auch als „ starke vage Theorie des Guten “ bezeichnet. Unter Essentialismus versteht sie die Auffassung, „ dass das menschliche Leben bestimmte zentrale universale Eigenschaften besitzt, die für es kennzeichnend sind “ (Nussbaum 1993: 326). Im Zentrum ihrer Theorie steht eine Liste von Fähigkeiten und Funktionen, über die ein Mensch verfügen muss, damit sein Leben überhaupt als menschliches bzw. als gutes menschliches Leben bezeichnet werden kann. Die Lebensqualität eines Landes bemisst sich danach, inwieweit den Menschen institutionelle, materielle sowie pädagogische Bedingungen zur Verfügung gestellt werden, um die genannten Fähigkeiten auszubilden (Nussbaum 2000: 4-6). Die Notwendigkeit einer derartigen Konzeption begründet sie folgendermaßen: „ Wir können nicht sagen, wie es einem Land geht, solange wir nicht wissen, wie die Menschen dort im Hinblick auf die zentralen menschlichen Funktionen aktiv sein können. Und ohne eine [...] vage Darlegung des Guten, die wir als gemeinsam unterstellen, haben wir keine angemessene Grundlage, um zu sagen, was dem Leben der Armen, der Marginalisierten oder Ausgegrenzten fehlt, und wir können die Behauptung, eine [...] Tradition auf die wir stoßen, sei ungerecht, nicht angemessen rechtfertigen “ (Nussbaum 1993: 346).

Die Bezeichnung der Theorie als „ stark “ wird von Nussbaum in Abgrenzung zu John Rawls „ schwacher Theorie des Guten “ verwendet. Rawls möchte mit möglichst wenigen Annahmen über die menschliche Natur auskommen und keine Vorstellung eines guten Lebens vorschreiben. Diese Theorie reicht jedoch nach Nussbaum nicht aus, um eine Tradition der Unterdrückung zu verurteilen. Ihr Ansatz zielt dagegen auf eine normative gefärbte Bestimmung der Inhalte eines guten Lebens (Nussbaum 1999: 92- 94). „ Vage “ ist die Theorie, da sie in verschiedenen Kulturen je nach den lokalen Bedingungen spezifiziert werden kann. Nussbaum betont in diesen Zusammenhang, dass es bei der Realisierung ihres Ansatzes kein allgemeingültiges transnationales Konzept gibt, sondern eine große Sensibilität für die jeweilige gesellschaftliche Situation aufgebracht werden muss (Nussbaum 1993: 342). Das bedeute aber nicht, dass das Ausleben der Fähigkeiten nicht mehr einklagbar wäre. Sie sind als eine „ Minimalkonzeption des Guten “ (Nussbaum 1993:337) nicht relativierbar. Die Spezifikation bezieht sich also nur auf die konkrete Umsetzung der Fähigkeiten (Nussbaum 1993: 342- 343).

2.2.1. Methodische Vorgehensweise

In einem folgenden Schritt soll dargestellt werden, wie Nussbaum methodisch vorgeht, um aufzuzeigen, dass ihre Grundannahmen über das menschliche Leben über kulturelle wie auch zeitliche Grenzen hinweg Gültigkeit aufweisen und damit dem Anspruch der Universalität gerecht werden.

Essentialistische Ansätze sind häufig mit einem metaphysischen Realismus assoziiert. Unter dieser Art der Metaphysik versteht Nussbaum Ansätze, die davon ausgehen, „ dass [sich] die Welt [...] in einer ganz bestimmten Weise von der menschlichen Geschichte und Interpretation unterscheidet “ (Nussbaum 1993: 328). Ewig gültige Aussagen über das menschliche Leben können Nussbaum zufolge nicht über einen metaphysischen externen Zugriff gewonnen werden. Die Ablehnung metaphysischer Wahrheiten bedeutet jedoch nicht, dass die einzige Alternative ein Kulturrelativismus ist, in dem der Anspruch aufgehoben wird, universalistische Aussagen über eine menschenwürdige Daseinsform zu treffen (Nussbaum 1992: 207). Ein Ausweg, um der Relativierung jeglicher Werte zu entkommen, sieht Nussbaum in einem internen Zugriff auf die humane Natur. Dieser ermögliche es, Aussagen über den Menschen in anthropologischer Allgemeinheit zu treffen, ohne dabei metaphysisch zu argumentieren. Ausgangspunkt dieses Ansatzes, den Nussbaum auch als empirischen Essentialismus bezeichnet, ist die Frage, was alle Menschen über kulturelle und zeitliche Grenzen hinweg gemeinsam haben. Sie versucht die am häufigsten geteilten humanen Erfahrungen anhand der Selbstbeschreibungen der Menschen zu unterschiedlichen Kulturen und Epochen zu ermitteln. In der Beschreibung der Erfahrungen, die die Menschen als besonders kennzeichnend für ihr Leben ausmachen, spiegeln sich gleichzeitig normative Bewertungen der menschlichen Daseinsform wieder, denen Nussbaums besonderes Interesse gilt. Ihre Annahme ist nun, dass sich die Menschen in ihrer Selbstinterpretation darin treffen, was den Menschen ausmacht und sich so aus der Zusammenschau der Werturteile der Menschen über ihr Leben ein normativ imprägnierter Konsens der humanen Natur ergibt (Nussbaum 1992: 215). Da dieser Ansatz die anthropologischen Grunderfahrungen aller Menschen berücksichtige, weit er neben seinem normativen Charakter zugleich eine Universalität auf.

Um festzustellen, was für ein humanes Leben bestimmend ist, verwendet Nussbaum, resultierend aus ihrem internen Ansatz, mythische, literarische sowie philosophische Quellen, da sich in diesen Schriften wertende Urteile der Menschen widerspiegeln. Ihren starken Anspruch, dass es sich tatsächlich um interkulturell geteilte Erfahrungen aller Menschen handelt, versucht sie zu legitimieren, indem sie Quellen aus möglichst vielen Epochen und Kulturen verwendet (Nussbaum 1992: 215).

2.2.2. Liste der menschlichen Grundfähigkeiten

Ausgehend von den als gemeinsam unterstellten humanen Erfahrungen generiert Nussbaum eine Liste, die durch eine Zweistufigkeit gekennzeichnet ist.

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Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668275058
ISBN (Buch)
9783668275065
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338089
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Capability Martha Nussbaum Fähigkeiten-Ansatz Essentialismus

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