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Individualisierung im Nachwuchssport. Zwischen Talent- und Persönlichkeitsentwicklung

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Definition Individualisierung

3. Individualisierung im Nachwuchssport

4. Der Prozess der Individualisierung im Nachwuchsfußball
4.1 Variablen der Individualisierung im Nachwuchsfußball
4.1.1 Leistungsmotiv
4.1.2 Multi Optionalität
4.1.3 Der junge Mensch als Ich-AG
4.2 Folgen der Individualisierung im Nachwuchsfußball
4.2.1 Leistungsbereitschaft
4.2.2 Motivation
4.2.3 Talentdiagnose
4.2.4 Sportliche Leistung
4.3 Individualität im Training und angepasste Talententwicklung
4.3.1 Psychologische Testverfahren
4.3.2 Trainingsplanung & Steuerung
4.3.3 Die veränderte Rolle des Trainers
4.3.4 Die veränderte Rolle der Mannschaft

5. Konklusion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Internetquellen

1.Einleitung

„Eben die Individualisierung lässt Vergemeinschaftlichung des Sports im Verein unattraktiv erscheinen - der Sport wird rationalisiert zur gesellschaftlich relevanten Bewegung des Individuums“[1]

Die Auswirkungen von gesellschaftlichen Prozessen und Veränderungen auf den Sport haben bereits durch die Verbindung zwischen Gloablisierung und der Entwicklung der Sportarten gezeigt, dass in dieser Dimension die neu entwickelte Identität des Menschen einen bedeutenden Einfluss auf den Sport hat.[2]

Eine Verbindung zwischen dem Prozess der Individualisierung und der Entwicklung des Fußballs und dessen Trainings- und Ausbildungspraxis liegt also nahe und lässt einen großen Einfluss in der gesellschaftlichen Dimension vermuten. Der Nachwuchsfußball ist nicht nur als Mannschaftssport, sondern auf Grund der besonderen Stellung der Sportart in den Medien im Bezug auf die Individualisierung im Sport besonders interessant. Die Idole der Jugendlichen sind täglich in Werbespots von Weltfirmen zu sehen und werben auf Plakaten, sowie in Sportgeschäften. Diese Werbung, das agressive Marketing mit den Vorbildern der Jugendlichen, um diese in teurem, elitären und berühmten Stil erscheinen zu lassen[3], prägt die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen nachhaltig. Fußball als Mannschaftssport wird in diesem Bereich vom als Individualsportler dargestellten Fußballstar verkörpert und den Jugendlichen vermittelt. Der Einfluss der Individualisierung zeigt sich jedoch noch viel weitreichender als nur auf der Ebene der Kommunikationsmedien. Sowohl die zunehmende Zahl an Freizeitaktivitäten, die veränderten Bildungs- und Berufsziele, das veränderte Leistungsmotiv der Jugendlichen, sowie eine kreative, flexible und multi-optionale Umwelt[4] verändern die Leistungsbereitschaft der Jugendlichen im Fußball grundlegend.

In dieser Arbeit sollen die Charakteristika der Individualisierung im Sport, sowie deren Folgen, speziell im Nachwuchsfußball, bearbeitet und erklärt werden. Im letzten Teil dieser Arbeit werden anhand dieser Erarbeitung Ansatzpunkte zur Anpassung im Bereich der Trainingsmethodik und Persönlichkeitsentwicklung gesucht.

2. Definition Individualisierung

„Die Entwicklung zu mehr Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung. Anythinggoes, Unverbindlichkeit und Multioptionalität]…[ werden stetig zu eigenen Werten. Individualismus und Hedonismus können nun wirklich ausgelebt werden. Die Freiheit ist da. Alles geht, wird versprochen.“[5]

Der gesellschaftliche Prozess der Individualisierung beschreibt also eine Veränderung der Werte, sowohl innerhalb von Gruppen, als auch bei Individuen. Diese Prozess in der sozialen Dimension der Gesellschaft gründet sich in den politischen,technologischen,kulturellen und entwicklungspsychologischen Veränderungen. Bei der Individualisierung des Menschen wird aus einer Normal-Biografie eine Bastel-Biografie[6] – der Mensch geht also nicht mehr den normalen Weg einer Schulbildung, dem nachfolgendem festen Beruf und einer Familie. Vielmehr äußert sich die Individualisierung in einer freien Auslebung aller Interessen und Möglichkeiten, einem Selbstfindungsprozess, der ein Leben lang anhalten kann. Die Vielfalt an Ausbildungs-, Studien- und Berufsmöglichkeiten in aller Welt eröffnen dem Menschen als Individiuum neue Entfaltungsmöglichkeiten, sie verändern dessen Persönlichkeit und die Struktur seiner Gesellschaft grundlegend.

3.Individualisierung im Nachwuchssport

Um die Individualisierung im Nachwuchssport näher beschreiben zu können, muss zunächst die Sportart und Ihre Medienpräsenz an sich betrachtet werden. Fußball ist grundsätzlich betrachtet eine Mannschaftssportart[7]. Doch schaut man sich die Werbemaßnahmen der großen Sportartikelhersteller in allen Medien an wird deutlich, dass hier nicht mit einer Mannschaft, sondern mit einzelnen Athleten geworben wird. In Kinofilmen und Biografien werden die Idole des Sports, das Phänomen Superstar, welcher den Fußball geprägt hat[8] stilisiert und als Individualsportler dargestellt. Die eigene Entwicklung des Sportlers, seine Beziehungen, Freunde, Familie, seine Motive und die körperliche Entwicklung stehen im Vordergrund. Die Werte der Zusammengehörigkeit in der Gruppe, sowie die Erfolge der Mannschaft werden unbedeutend.

Diese Entwicklung im Bereich der Medien ist zudem auch ein Verstärker der Individualisierung im Nachwuchssport, da sich die jungen Athleten an ihren Idolen orientieren und deren Verhaltensmuster nachahmen wollen.

So kommt es, dass der Trend zum Individualismus der Fußballer zu grundlegenden Problemen im Bereich der Mannschaft und der Leistungsbereitschaft führt. Durch die Individualisierung im Sport kommt es dazu, dass sowohl Athleten als auch Trainer sich mit veränderten individuellen Problemen und Erwartungen auseinander setzen müssen.[9]

4. Der Prozess der Individualisierung im Nachwuchsfußball

Abb.1 Quelle: Eigene Darstellungin Anlehnung an Sinus Milieus(Sinus Sociovision, 2002, S.8)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Sinus-Modell[10], welches auf Grund von sozialer Lage und Lebenswelt die Persönlichkeitsstrukturen einzelner Bevölkerungsgruppen, sowie deren Mileus, steckbriefartig zusammenfasst, bildet die Grundlage für das obige Modell der Individualisierung im Nachwuchsfußball. Die einzelnen Variablen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind bei den Nachwuchssportlern unterschiedlich stark ausgeprägt und beeinflussen die Leistungsbereitschaft und die daraus resultierende sportliche Leistung. Im folgenden Teil werden nun die einzelnen Variablen dieses Prozesses genauer beschrieben.

4.1 Variablen der Individualisierung im Nachwuchsfußball

Die Variablen der Individualisierung, die im Nachwuchsfußball Einfluss auf die Leistungsbereitschaft haben sind vielfältig. Vom Sport erhoffen sich die individualisierten Sportler einen Beitrag zum glückenden Lebensalltag, wobei das traditionelle Wettkampfprinzip in den Hintergrund tritt.[11]

Ob dieses Prinzip des Wettkampfs und der stetigen Leistungssteigerung aufrecht erhalten werden kann, bzw ein Athlet es möchte hängt im sozialen Bereich von seinem Umfeld, den beruflichen Zielen und dem Bildungsniveau ab. Im intra individuellen Bereich spielt die Interessensvielfalt, der Drang zur Selbstfindung, das Leistungsmotiv, die Selbstkompetenz, sowie der daraus resultierende sportliche Ehrgeiz eine entscheide Rolle.

Im folgenden sollen die Variablen Leistungsmotiv und Multi Optionalität näher bearbeitet werden, da diese nach Auffassung des Verfassers von mehreren anderen Variablen bestimmt werden und somit einen direkten Einfluss auf die Leistungsbereitschaft besitzen.

4.1.1Leistungsmotiv

„Die für ein Motiv charakteristischen Anreize unterliegen einem kulturhistorischen, lebensalterbezogenen und auch lebensbereichabhängigen Wandel.“[12]

Das Leistungsmotiv, somit der grundlegende Antrieb des Sportlers Leistung zu erbringen wird durch den Individualsierungsprozess dauerhaft beeinflusst.

Dass das Leistungsmotiv an sich einen direkten Einfluss auf die sportliche Leistung hat[13] wurde bereits wissenschaftlich untersucht. Zudem sind Erfolgsmotivierte jugendliche Fußballer im Wettkampf direkt leistungsfähiger.[14]

Der Einfluss der Individualisierung auf das Leistungsmotiv im Sport wurde wissenschaftlich noch nicht behandelt, es können jedoch Parallelen im Bereich der Lerntätigkeit eines Schülers aufgezeigt werden. Das Leistungsmotiv soll im Bereich der Psychologie die Lerntätigkeit des Schülers erklären, es entspricht der schulischen Situation, in der das Lerninteresse des Schülers keine Rolle mehr spielt und durch Zensuren und Sanktionen geprägt ist.[15] Der Sport zählt jedoch im Gegensatz zur Schule nicht zu einer verpflichtenden Tätigkeit, wodurch die Wichtigkeit der Interessensauslebung des Jugendlichen zunimmt. Das Leistungsmotiv wird somit mehr durch die Interessensvielfalt und das hohe Maß an Entscheidungsfreiheit bei Freizeitaktivitäten geprägt.Jedoch wird im Nachwuchsfußball die Steigerung der Leistungsfähigkeit als Ziel ausgegeben, was bestimmte Trainingsmethoden und Trainingsinhalte vorraussetzt. Im Prozess der Individualisierung nimmt jedoch der Anspruch des Jugendlichen zu die Inhalte seiner Freizeitgestaltung selbst zu bestimmen und je nach Interessenslage anzupassen. Diese gesteigerte Forderung zur Entscheidungsfreiheit kollidiert im Rahmen des Leistungsmotivs mit der derzeitigen Trainingspraxis im Nachwuchsfußball und lässt somit einen Einfluss auf die Leistungsbereitschaft vermuten.

4.1.2Multi Optionalität

Im Prozess der Individualisierung kann der Mensch unter einer Vielzahl an Handlungsoptionen auswählen und ist in seiner Handlungsfreiheit von weniger sozialen Restriktionen beschränkt.[16]

Der jugendliche Sportler hat also auf Grund seines Bildungsniveaus, des sozialen Umfelds und seiner gesteigerten Interessensvielfalt deutlich mehr Optionen, sowohl seine Freizeit zu verbringen, als auch seinen beruflichen und individuellen Lebensweg zu bestreiten.

Auch im Bereich der Einstellung, Leistungsmotivation und der Ernährung herrscht ein hohes Maß an Flexibilität und stetiger Veränderung.

4.1.3Der junge Mensch als Ich-AG

„Alle Menschen sind Ich-Ags, die das Preis-Leistungsverhältnis ihrer Beziehungen zu anderen Menschen ständig berechnen.“[17]

Die obige Aussage des Kabarettisten Joseph Hader lässt vermuten, dass die Individualisierung aus dem Menschen eine Ich-bezogene Figur macht, die jeglichen sozialen Kontakte nur noch auf sich bezogen und berechnend eingeht.

Diese Interpretation kann jedoch nicht belegt werden, da der Prozess der Individualisierung nicht das Individuum aus der Gesellschaft herauslöst und losgelöst darstellt, sondern viel mehr die Gesellschaft mehr durch die individuellen Handlungen des Einzelnen bestimmt wird.

Das „Berechnen der Beziehungen“ mit anderen Menschen manifestiert sich also viel mehr in den losgelösten traditionellen Sozialzusammenhängen wie Schicht, Klasse, Verwandschaft,Nachbarschaft und religiöse Gemeinschaft.[18]

Somit kann wissenschaftlich gesehen nicht von einer Ich-AG als Effekt der Individualisierung gesprochen werden. Viel mehr handelt es sich um ein Individuum, welches seine Handlungsoptionen und Beziehungen, auf Grund von sich verändernden sozialen, sowie kulturellen Umständen, neu definiert und bewertet.

[...]


[1] Elbe/Schädler/Weidringer/Werner, Gesellschaftliche und ökonomische Perspektiven, Zeitschrift für Gesundheit und Sport 1/11, 2011, S.12

[2] Wojciechowski, Sportentwicklung zwischen Amerikanisierung und Globalisierung, Sport und Gesellschaft 2/1, 2005, S.13

[3] Märzendorfer, Marketingstrategien von Sportartikelherstellern im Fußball, 2008, S.92

[4] Mertens, Thesen zur Schulung für eine moderne Gesellschaft, 1974, S.40

[5] Voigtländer, Arbeit: Der Mensch als Architekt, 2010, S.16

[6] Beck, Riskante Freiheiten, 1994, S.120

[7] Breuer/Feiler, Der Sportverein und seine Abteilungen, DOSB Sportentwicklungsbericht 11/12, 2013, S.12

[8] Anthony Wonke, Die eigenartig isolierte Welt des Stürmers Ronaldo, Die Welt Online

[9] Stokvis, Globalization, Commercialization and Individualization, Culture Sport Society, 3/1, 2002, S.22

[10] Sinus Sociovision, 2002, S.8

[11] Prof.Dr Jürgen Schwier, Justus-Liebig Universität Gießen, Vorlesung Sport und Individualisierung

[12] Brandstätter/Otto, Handbuch der Allgemeinen Psychologie, 2009, S.277

[13] Hohmann, Entwicklung sportlicher Talente an sportbetonten Schulen, 2009

[14] Zuber/Conzelmann, Der Einfluss des Leistungsmotivs auf die sportliche Leistung bei jugendlichen Nachwuchsfußballern, 2013

[15] Offe/Stadler, Arbeitsmotivation, 2013, S.50

[16] Tropp, Moderne Marketing-Kommunikation, 2014, S.204

[17] Joseph Hader, Schauspieler und Kabarettist, Frankfurter Rundschau, 2010

[18] Tropp, Moderne Marketing-Kommunikation, 2014, S.204

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668276925
ISBN (Buch)
9783668276932
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338128
Institution / Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst) – Sportwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Fussball Sportpsychologie Leistungssport Persönlichkeitsentwicklung Talententwicklung Individualisierung

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