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Beratung als Medienangebot - Inhalte, Beurteilung, Akzeptanz

©2003 Diplomarbeit 80 Seiten

Zusammenfassung

Die meisten Menschen haben im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal Probleme, die so groß scheinen, dass sie diese nicht mehr alleine lösen können. Hilfe wird dann bei Freunden oder anderen Vertrauten gesucht oder die Probleme werden verdrängt und nicht selten dadurch nur noch größere aufgebaut. Mehrere Berufsgruppen haben sich darauf spezialisiert, Menschen bei eben solchen Problemen zu helfen, unter anderem Pädagogen und Psychologen. Doch auf diese professionelle Hilfe wird häufig nicht zurückgegriffen. Viele Menschen scheinen den Gang zu einer Beratungseinrichtung zu scheuen. Vielleicht aus Angst vor mangelnder Anonymität, oder weil Beratungsstellen gesellschaftlich nicht die Akzeptanz genießen, die der einzelne für notwendig erachtet.


Beratungseinrichtungen gibt es von den unterschiedlichsten Trägern (Pro Familia, Kirchen, Rotes Kreuz ...) mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten (allgemein, Erziehung, Familien, Sexualität, Drogen, Alkohol). Doch neben der traditionellen Beratungsstelle gibt es auch Beratung als Medienangebot. Manche Formen gibt es schon länger (Telefonseelsorge, spezielle Radiosendungen, Ratgeberseiten in Zeitschriften mit Leserbriefen), andere gibt es erst seit relativ kurzer Zeit (z.B. Internetangebote). Je nach Medium können diese Beratungsformen unterschiedlich intensiv ihrer Beratungsfunktion nachkommen und somit ihre selbst gesteckten Ziele erreichen, und sind deshalb für bestimmte Probleme besser geeignet als andere. Doch wie bekannt sind solche Angebote? Wie häufig werden sie genutzt? Sind sie eine Alternative zur persönlichen Beratung oder nur eine Ergänzung? Sind sie wenig wirksame Spinnerei oder vielleicht doch ein sinnvoller Einstieg? Liegt die Hemmschwelle zur Nutzung eines „medialen“ Beratungsangebots tatsächlich niedriger als beim Besuch einer Beratungseinrichtung? Welche Möglichkeiten gibt es, mediale Beratungsangebote mit realen Beratungseinrichtungen zu kombinieren und somit ein optimales Beratungsangebot für Ratsuchende zu schaffen?

Mit diesen Fragestellungen will sich die vorliegende Arbeit befassen. Zunächst soll aufgezeigt werden, was hier unter Beratung verstanden wird und was sie zum Ziel hat. Dann wird der Bereich der Medien eingegrenzt und es werden beispielhaft einige Beratungsangebote, die als Medienform auftreten, dargestellt.

Um die oben aufgeworfenen Fragen zu beantworten, soll in einem empirischen Teil die Akzeptanz von Beratung und speziell von medialen Beratungsangeboten abgefragt werden.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Vorbemerkung

1. Einleitung

2. Beratung
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Ursachen für den Beratungsbedarf
2.3. Allgemeine Ziele von Beratung
2.4. Beratung und Therapie
2.5. Geschichte der Beratung
2.6. Erziehungsberatung in Zahlen
2.7. Theoretische Ansätze von Beratung
2.7.1. Psychodynamische Konzepte
2.7.2. Humanistische Konzepte
2.7.3. Lern- und verhaltenstheoretische Konzepte
2.7.4. Systemtheoretische Konzepte

3. Beratungsformen
3.1. Traditionelle Beratungsstelle
3.2. Fernsehen
3.3. Radio
3.4. Printmedien
3.5. Internet
3.5.1. Die kommerzielle Online-Beratung „www.beratung-therapie.de“
3.5.2. Online-Angebot von Pro Familia
3.6. Telefon

4. Wichtige Unterschiede zwischen face-to-face-Beratungssituationen und entsprechenden Medienangeboten

5. Bisher vorliegende Ergebnisse zur Akzeptanz von Beratung als Medienangebot
5.1. Grenzen und Chancen von Ratgeberkolumnen (Borneman, 1988)
5.2. BRAVO (Wenzel, 1988)
5.3. Lösungsorientierte Beratung im Internet (Stumpp, 2001)
5.4. Selbsthilfe, Beratung und Therapie im Internet (Döring, 1997)
5.5. Das Telefon in der Krisenhilfe (Stauß, 1990)

6. Begründung der Fragestellung

7. Empirischer Teil
7.1. Hypothesenbildung
7.2. Methoden und Stichprobe
7.3. Aufbau des Fragebogens
7.4. Ergebnisse

8. Zusammenfassung und Interpretation der gesammelten Daten

9. Kritische Betrachtung der Untersuchung

10. Fazit

11. Literatur

Anhang

Fragebogen

Erklärung

Danksagung

Herrn Dr. Uli Gleich und Herrn Prof. Dr. Peter Nenniger dafür, dass sie die Betreuung meiner Arbeit übernommen haben.

Vorbemerkung

Im folgenden Text werden Begriffe verwendet, die sich aus den Wortstämmen „Beratung“ und „Medien“ zusammensetzen. Beispiele sind „Medien-Beratungsangebote“, „mediale Beratungsangebote“, „Beratungsangebote in Medien“ etc. Da diese Begriffe verwirrend wirken und zu der Annahme führen könnten, es handle sich um Angebote, die in irgendeiner Form Medien beraten, sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sämtliche Begriffe in diesem Text, die sowohl etwas mit „Medien“ als auch mit „Beratung“ zu tun haben, meinen, dass es um Beratung im psychosozialen Bereich geht, die mittels eines Mediums bzw. den aufgeführten Medien erfolgt. Alle Wortformen von „Medium“ werden also in diesem Text nie inhaltlich verwendet, sondern meinen stets die technische Seite.

1. Einleitung

Die meisten Menschen haben im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal Probleme, die so groß scheinen, dass sie diese nicht mehr alleine lösen können.. Hilfe wird dann bei Freunden oder anderen Vertrauten gesucht oder die Probleme werden verdrängt und nicht selten dadurch nur noch größere aufgebaut. Mehrere Berufsgruppen haben sich darauf spezialisiert, Menschen bei eben solchen Problemen zu helfen, unter anderem Pädagogen und Psychologen. Doch auf diese professionelle Hilfe wird häufig nicht zurückgegriffen. Viele Menschen scheinen den Gang zu einer Beratungseinrichtung zu scheuen. Vielleicht aus Angst vor mangelnder Anonymität, oder weil Beratungsstellen gesellschaftlich nicht die Akzeptanz genießen, die der einzelne für notwendig erachtet.

Beratungseinrichtungen gibt es von den unterschiedlichsten Trägern (Pro Familia, Kirchen, Rotes Kreuz ...) mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten (allgemein, Erziehung, Familien, Sexualität, Drogen, Alkohol). Doch neben der traditionellen Beratungsstelle gibt es auch Beratung als Medienangebot. Manche Formen gibt es schon länger (Telefonseelsorge, spezielle Radiosendungen, Ratgeberseiten in Zeitschriften mit der Möglichkeit Leserbriefe einzuschicken), andere gibt es erst seit relativ kurzer Zeit (z.B. Internetangebote). Je nach Medium können diese Beratungsformen unterschiedlich intensiv ihrer Beratungsfunktion nachkommen und somit ihre selbst gesteckten Ziele erreichen, und sind deshalb für bestimmte Probleme besser geeignet als andere. Doch wie bekannt sind solche Angebote? Wie häufig werden sie genutzt? Sind sie eine Alternative zur persönlichen Beratung oder nur eine Ergänzung? Sind sie wenig wirksame Spinnerei oder vielleicht doch ein sinnvoller Einstieg? Liegt die Hemmschwelle zur Nutzung eines „medialen“ Beratungsangebots tatsächlich niedriger als beim Besuch einer Beratungseinrichtung? Welche Möglichkeiten gibt es, mediale Beratungsangebote mit realen Beratungseinrichtungen zu kombinieren und somit ein optimales Beratungsangebot für Ratsuchende zu schaffen?

Mit diesen Fragestellungen will sich die vorliegende Arbeit befassen. Zunächst soll aufgezeigt werden, was hier unter Beratung verstanden wird und was sie zum Ziel hat. Dann wird der Bereich der Medien eingegrenzt und es werden beispielhaft einige Beratungsangebote, die als Medienform auftreten, dargestellt.

Um die oben aufgeworfenen Fragen zu beantworten, soll in einem empirischen Teil die Akzeptanz von Beratung und speziell von medialen Beratungsangeboten abgefragt werden.

2. Beratung

2.1. Begriffsbestimmung

„Beratung ist zielgerichtetes, kontext-spezifisches und temporäres Handeln in der pädagogischen oder psychologischen Arbeit mit Personen, die Unterstützung bei der Lösung eines Problems suchen“. (Brunner/Schönig, 1990, S. 153)

Beratung ist ein sehr weit gefasster Begriff. So scheint es auch wenig Sinn zu machen, von „der“ Beratung zu sprechen, denn Beratung findet in nahezu allen Lebensbereichen statt. Sie begegnet einem beim Alltagsgespräch mit Freunden, beim Einkauf im Gemüseladen oder beim Autokauf. Auch die Palette der professionellen Berater scheint unendlich groß. Es gibt Anlageberater, Vermögensberater, Steuerberater und viele mehr. In dieser Arbeit soll der Schwerpunkt auf der sogenannten psychosozialen Beratung liegen. Diese umfasst sämtliche Beratungsarten durch professionelle Berater, die das soziale und psychische Umfeld eines Menschen betreffen. Dazu gehören unter anderem die Erziehungsberatung und die Familienberatung, ebenso wie Beratungsfälle der Schwangerschaftsberatung, Drogenberatung, Ausländerberatung und Schuldnerberatung. Dies sind Bereiche, in denen hauptsachlich professionelle Berater mit (sozial-) pädagogischer und/oder psychologischer Ausbildung tätig sind.

Da Beratung immer dann notwendig ist, wenn es Probleme zu lösen gibt, die allein nicht bewältigt werden können, geht es in dieser Arbeit um Beratung, die zum Lösen von Problemen im sozialen, psychischen und seelischen Bereich in Anspruch genommen wird. Probleme, die so gravierend sind, dass sie eine Beratung von professioneller Seite notwendig machen.

Beratung setzt sich aus mindestens drei Komponenten zusammen: dem Ratsuchenden, dem Berater und dem Beratungsproblem.

Übergeordnetes Ziel der Beratung ist, dem Ratsuchenden zu helfen, aus eigener Kraft die Lösung des Problems zu finden, also Hilfe zur Selbsthilfe (Schwarzer & Posse, 1994, S. 567).

Im Idealfall zeigt der Berater nicht eine Lösung des Problems, sondern verschiedene Lösungswege. Der Ratsuchende soll selbst entscheiden, welcher Weg für ihn der beste ist und selbst eine Lösung finden.

Auch psychosoziale Beratung lässt sich in vielfacher Weise unterscheiden. Eine Möglichkeit ist die Unterscheidung in institutionelle und in offene Beratung. Dabei meint institutionell die Beratung in einer speziellen Beratungseinrichtung, während offene Beratung in einem nicht speziell als solchen gekennzeichneten Kontext meint, z.B. Beratung durch Sozialarbeiter in einem Jugendtreff oder in einem Bürgerzentrum.

Diese Unterscheidung bringt auch noch zwei neue Begriffe mit sich. Beratung in speziellen Einrichtungen haben einen sogenannten hohen Institutionalisierungsgrad, sind also an eine feste Einrichtung gebunden. Viele Menschen haben aber eine relativ hohe Hemmschwelle, solche als Beratungseinrichtung gekennzeichneten Institutionen aufzusuchen. Dagegen werden offene Beratungsformen als niedrigschwellig bezeichnet, da es offenbar leichter fällt, eine solche Beratungsform in Anspruch zu nehmen. Ein Grund dafür könnte sein, dass niedrigschwellige Angebote wesentlich unverbindlicher sind. Bei Beratungseinrichtungen muss man oft Termine ausmachen, während man sich in offenen Einrichtungen oftmals auch kurzfristig zu einem Besuch entschließen kann. Dafür haben Berater in offenen Einrichtungen oftmals weniger Zeit für den einzelnen Ratsuchenden, da sie möglichst allen gerecht werden wollen, die Fragen haben und das Angebot wahrnehmen wollen.

Nach Belardi et al. (2001) bedürfen 5-10 Prozent der Bevölkerung psychotherapeutischer Hilfe, jedoch nur 0,2 Prozent würden diese wahrnehmen. Ähnlich dürfte es demnach mit professioneller Beratung aussehen (die jedoch von Therapie abzugrenzen ist). Ein großer Teil der Menschen, die eigentlich professioneller Beratungshilfe bedürfen, nimmt diese nicht wahr. Dies dürfte zu einem wesentlichen Teil daran liegen, dass es, wie oben erwähnt, gewisse Hemmschwellen gibt, solche Beratungsangebote wahrzunehmen.

Solche Hemmschwellen haben ihre Ursache zum Teil sicher darin, dass Beratung immer noch mit einem negativen Akzent besetzt ist, da man sich als Ratsuchender dadurch eingestehen muss, sein Leben zumindest teilweise nicht selbst im Griff zu haben.

Anderseits ist die Bekanntheit von Beratungseinrichtungen sicher auch noch verbesserungsbedürftig. Viele dürften Namen von einigen Einrichtungen der Beratung kennen und wissen, dass es prinzipiell solche Stellen gibt, im konkreten Fall wüssten sicher aber nicht alle, wo sie sich hinwenden sollten. Vor allem im ländlichen Bereich fehlen oftmals solche Stellen bzw. Informationen solcher Stellen.

Belardi et al. sehen Beraten und Helfen als alltägliche menschliche Handlungen, aber eben auch als eine zentrale sozialpädagogische Berufstätigkeit.

Dabei werden für sozialpädagogische Beratung unterschiedliche Schwerpunkte unterschieden:

- Information (im Sinne konkreter Informationen, z.B. wo man bestimmte Gelder beantragen kann)
- Vermittlung (von Kontakten z.B. zu Ämtern)
- Rückmeldung (durch Beobachtung und Analyse, also z.B. auf Fehlverhalten aufmerksam machen)
- Unterstützung (konkret, z.B. sozialpädagogische Familienunterstützung)
- Hilfeplan (z.B. für Suchtkranke, also etwa in Zusammenarbeit mit Suchtberatungsstelle)

(ebd., S. 32)

Idealerweise wirken also verschiedene Kräfte zusammen (Ämter, Pädagogen, Psychologen, Ärzte etc.).

Belardi et al. unterscheiden Beratung auch in Alltagsberatung, klinische Beratung und sozialpädagogische Beratung.

Bei Beratungsfällen hat man es zumeist mit tiefer gehenden Problemen zu tun. Diese vertraut man nicht so gerne Bekannten an, denn nach Ansicht Belardis kann das eine Freundschaft zerstören (ebd., S. 35). „Viele Menschen vertrauen sich deswegen lieber einer Fachkraft an. Weil sie wissen, dass sie am Ende der Beratungszeit mit dieser Person nichts mehr zu tun haben werden.“

Unter klinischer Beratung versteht Belardi Psychotherapie, die nur von Fachkräften mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung geleistet werden darf. Klinische Beratung wird in der Laienmeinung oft mit „Krankheit“ oder gar „Verrücktheit“ in Verbindung gebracht, zu unrecht (ebd., S. 37).

„Bis zu einem Drittel der Patienten in den Praxen von Allgemeinärzten leiden unter psychoneurotischen bzw. psychosomatischen Erkrankungen; aber nur bei 3-4 Prozent werden diese Erkrankungen auch erkannt“ (ebd., S. 36).

Der Beratungsprozess wird als Lernprozess angesehen, wer berät, der lehrt. Dieser Prozess ist umkehrbar, denn professionelle Berater haben ihre Erfahrung hauptsächlich von den Ratsuchenden, nicht aus Weiterbildungsveranstaltungen. Beratung ist eine spezielle Dienstleistung, die zur eigenständigen Lösung von Problemen im psychosozialen und/oder materiellen Bereich verhelfen soll (ebd., S. 40). Sozialpädagogische Beratung ist dabei zeitlich eher kürzer und weniger häufig als die klinische Beratung (ebd., S. 41).

Professionelle Beratungspersonen können bei ihrer Arbeit auf wissenschaftlich begründete Erkenntnisse der Beratungswissenschaft zurückgreifen.

Bei Belardi et al. werden die Beratungsbereiche Erziehungsberatung, gemeinwesenorientierte Familienberatung, Ausländerberatung, Schuldnerberatung, Drogenberatung, Schwangerschaftskonfliktberatung und Beratung bei sexuellem Missbrauch (im Kindesalter) unterschieden.

2.2. Ursachen für den Beratungsbedarf

Die Zahl der Beratungsinstitutionen und damit der professionellen Berater ist erheblich gestiegen, es gibt kaum noch ein menschliches Problem für das es nicht eine spezielle Beratungsinstitution gibt, so zum Beispiel im Bereich der Sexualität, Sucht oder Erziehung. Giesecke (1997) sieht dafür vor allem zwei zusammenhängende Gründe:

Zum einen sind frühere normative und soziale Festlegungen weitgehend entfallen. Dadurch wird aber die persönliche Entscheidungslast erhöht. Der Einzelne muss Verantwortung in Bereichen übernehmen, in denen es früher Weisungen oder feste Regelungen gab. Damit hängt dann der zweite Grund zusammen, nämlich die gestiegene Anzahl an Wahlmöglichkeiten in nahezu allen Lebensbereichen. Dazu gehören Schullaufbahn und Berufswahl, aber auch Partnerwahl oder Wahl an Freizeitmöglichkeiten.

Nach Giesecke entsteht somit aus dieser Situation sowohl ein Bedarf an Beratung, aber auch die Gefahr der Manipulation (ebd., S. 93).

Dass die Ursachen für den gestiegenen Beratungsbedarf in vielen unterschiedlichen Bereichen liegen, meinen auch Belardi et al. (S.21). Zum einen wird die um ein Vielfaches angestiegene Entwicklungsgeschwindigkeit in der heutigen Lebenswelt genannt, damit zusammenhängend die Auflösung traditioneller Lebensbereiche.

Eine weitere Ursache sieht er im zunehmenden Bedeutungsverlust traditioneller Bindungen wie Kirchen und Gewerkschaften. Dadurch fehle oftmals eine Richtungsvorgabe, es stelle sich vermehrt die Sinnfrage.

Weiter habe sich ein Wertewandel vollzogen. Die Gesellschaft orientiere sich weg vom Leistungs- und Konsumdenken hin zur Erhöhung der individuellen Lebensqualität (siehe auch Marschner, 1999).

Die Lebensentwürfe würden nicht mehr in der herkömmlichen Weise gelingen, denn heutzutage spielten viele unabsehbare Faktoren oftmals noch eine entscheidende Rolle.

Zudem sehe es die moderne Gesellschaft zunehmend als normal an, dass man persönliche Schwierigkeiten hat.

Nicht zuletzt würden sämtliche Veränderungen auch für die Millionen von Migranten gelten, die bisher auch so schon eine Gruppe mit erhöhtem Beratungsbedarf ausmachten.

Daraus folge, dass es keinen einheitlichen Standard der Lebensbewältigung gäbe, zusätzliche Hilfen seien nötiger als zuvor.

Diese Veränderungen hätten auch die vermehrte Verberuflichung der Helfertätigkeit gefördert.

Aus den obengenannten Beratungsursachen sind als konkrete Beratungsfallbeispiele vor allem die zunehmenden Ehescheidungen und Trennungserfahrungen zu nennen sowie die gestiegene Anzahl an Alleinerziehenden und damit verbundene Erziehungsprobleme.

Zusammenfassend lassen sich also fünf Gruppen von Beratungsursachen bilden:

1. Lebenspraktische Schwierigkeiten
2. Soziale Schwierigkeiten
3. Seelische Schwierigkeiten
4. Körperliche Schwierigkeiten
5. Wirtschaftliche Schwierigkeiten.

2.3. Allgemeine Ziele von Beratung

Jede Beratung hat in der Regel ein Beratungsziel, auf das der Beratungsprozess ausgerichtet wird. Konkrete Ziele können dabei durchaus auch erst während der Beratung festgelegt werden. Prinzipiell lassen sich aber einige generelle Ziele von Beratung formulieren.

Nach Giesecke (1997) ist es wichtig, dass im Beratungsprozess der Ratsuchende die Ziele festlegt. Da aber eine Kontrolle über das Erreichen der Ziele notwendig und sinnvoll scheint, ist eine Beratung grundsätzlich so anzulegen, dass sich Ratsuchender und Ratgebender mehrmals treffen können. Letztendlich bleibt die Entscheidung über diese Fortsetzung der Treffen beim Ratsuchenden. Gerade bei Beratungsangeboten von Medienseiten ist eine Fortsetzung der Beratung (vor allem beim gleichen Ratgeber) nicht immer möglich.

Der Berater ist eigentlich nur „Lernhelfer“. (Giesecke, S. 93)

Als allgemeine Ziele von Beratung findet man bei Belardi (2001)

1. Veränderung der Art und Weise, wie Menschen sich sehen. Damit ist eine Wiederherstellung eines Gefühls des Selbstwertes und eine Unterbindung der Selbstabwertung des Gesprächspartners und Unterstützung einer positiven Selbstsicht gemeint. Negative Verteidigungsstrategien sollen in positive Handlungsstrategien umgeformt werden.
2. Veränderung der Art und Weise, wie Menschen die Welt erfahren. Gemeint ist eine Unterstützung bei und eine objektive Betrachtung der vorliegenden Problemsituation. Dem Ratsuchenden soll nahegelegt werden, Verantwortung für den eigenen Anteil am Problem zu erkennen und zu übernehmen. Dem Ratsuchenden soll klargemacht werden, dass er die Situation selbst kontrollieren kann. Es gilt angemessene Bewältigungsstrategien aufzuzeigen, dazu gehört auch die Hilfe zum Abbau von Erfahrungen der Abhängigkeit.
3. Veränderung der Art und Weise, die eigene emotionale Welt zu sehen. Das heißt, Hilfe bei einer möglichst realistischen Sicht der eigenen emotionalen Erfahrungen zu geben. Ängste sollen verringert und positive Gefühle verstärkt werden.
4. Veränderungen der Art und Weise, in der Menschen denken. Hier geht es um die Unterstützung zweckgerichteten Denkens. Die Bewältigung von Krisensituationen kann in kleine Schritte aufgeteilt werden, Teilziele können formuliert und angegangen werden. Es gilt, die Selbstreflexion zu steigern.
5. Veränderungen des körperlichen Zustands. Körperliche Grundbedürfnisse (z.B. Nahrung, Kleidung, Wohnung und Gesundheit) gilt es sicherzustellen. Dies bedarf wirtschaftlicher und sozialer Absicherung, was unter anderem durch angrenzende Maßnahmen der Sozialarbeit geschehen kann.

(nach Belardi et al., 2001, S. 62)

2.4. Beratung und Therapie

Wo kann man die Grenze zwischen sozialpädagogischer Beratung und klinischer Beratung (Therapie) festmachen? Belardi et al. liefern dazu einige interessante Gesichtspunkte, sie verdeutlichen die erwähnte Grenze anhand einiger Merkmale. Rein institutionell findet Beratung im definierten Sinne in sozialpädagogischen Einrichtungen statt, während Therapie normalerweise in einer Praxis stattfindet. Damit verbunden ist der Zugang. Während eine Beratungsstelle freiwillig und relativ schnell aufgesucht werden kann, gibt es bei der klinischen Beratung bzw. Therapie höhere Zugangsbarrieren, zum Beispiel sehr lange Wartezeiten auf einen entsprechenden Termin. Meist wird man erst vom Arzt oder eben einer Beratungsstelle zur Therapie verwiesen. Ein anderer großer aber bedeutender Unterschied ist die Finanzierung. Denn Therapie ist im Vergleich zur Beratung kostenintensiv und diese Kosten werden nicht immer von der Krankenkasse übernommen.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Dauer. Während Beratung normalerweise kürzer und weniger häufig stattfindet, kann sich Therapie oftmals über mehrere Jahre hinziehen (Mutzeck, 1999).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Therapie mit inneren, seelischen Prozessen und der Vergangenheit auseinandersetzt, also in die Tiefe geht, während Beratung die eher die Gegenwart und Zukunft im Blick hat, sich mit der „Breite“ (Belardi et al., S. 41) des Menschen beschäftigt.

Konkrete Hilfemöglichkeiten spielen in der Beratung eine wesentlich stärkere Rolle als bei der Therapie. So ist es eine wesentliche Aufgabe für den Berater, mit dem Ratsuchenden sämtliche Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten und zu planen. Ebenso gehört die Begleitung zu und in anderen sozialen Diensten zum Aufgabenbereich des Beraters.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Gesprächstechnik. So orientiert sich die hier beschriebene Beratung nicht an einer psychotherapeutischen Richtung, sondern nutzt vielmehr alle Möglichkeiten vorhandener Ansätze. In der Regel sollen die Ratsuchenden ihre Probleme selbst erkennen und nicht vom Berater gedeutet bekommen.

Auch die Grundeinstellung ist ein Unterscheidungsmerkmal. So sieht der Berater den gegenüber nicht als „Klienten“ oder gar „Patienten“ und stellt somit keine Diagnose anhand von „Krankheitsbildern“. Vielmehr gilt es, die Fähigkeiten des Ratsuchenden, der bisher ohne Hilfe auskam, zu fördern, nicht diese in Frage zu stellen.

Genauso wie sich die Beratung mit der Breite des Lebens eines Menschen beschäftigt, so sind auch ihre Ziele ausgerichtet: auf die Breite der Lebensbewältigung, nicht so sehr auf Selbstreflexion.

Ein weiteres Merkmal wird Vernetzungsaspekt genannt. So haben Berater in der Regel Kontakt zu anderen Hilfeeinrichtungen und nutzen diese für den Ratsuchenden und verweisen diesen in der Regel weiter. Dies ist bei der Therapie normalerweise nicht der Fall.

Auch das Rollenverständnis ist ein weiterer Unterschied. Während der klinische Berater/Therapeut Beziehungshelfer ist und prinzipiell „nur“ das reine helfende Gespräch anzubieten hat, ist der (sozialpädagogische) Berater zwar kein so ausgesprochener Gesprächsspezialist, hat aber neben diesem dafür zusätzlich praktische Hilfe anzubieten.

Trotz der angeführten Merkmale und der damit möglichen Unterscheidung zwischen Therapie und Beratung ist es in der Praxis doch so, dass diese Grenzen in der Regel fließend sind, es eine ideale Grenzziehung zwischen den beiden Bereichen also nicht geben kann.

2.5. Geschichte der Beratung

An dieser Stelle soll ein kurzer Abriss über die Beratungsgeschichte in Deutschland gegeben werden. Schon 1903 gab es eine heilpädagogische Beratungsstelle in Hamburg. 1906 wurde die „medico-pädagogische Poliklinik für Kinderforschung, Erziehungsberatung und ärztlich erziehliche Behandlung“ in Berlin eröffnet. 1907 entstand eine „Mütterberatungsstelle“, die der Leipziger „Ziehkinderarzt“ Taube für die Pflegemütter unehelicher Kinder einrichtete (Belardi et al., S. 94). Die erste deutsche Eheberatungsstelle wurde 1911 in Dresden eröffnet. Die erste Münchner Erziehungsberatungsstelle eröffnete 1922. Das „Reichsjugendwohlfahrtgesetz“ (RJWG) von 1923 lieferte die erste gesetzliche Grundlage für die Einrichtung von Jugendämtern in größeren Städten, das die „Beratung in Angelegenheiten der Jugendlichen“ ermöglichte (ebd., S.94). 1928 gab es immerhin schon 42 Erziehungsberatungsstellen in den Großstädten Deutschlands. Um diese Zeit entstanden auch die ersten Sexualberatungsstellen für Arbeiterfamilien in Berlin. Betrieben wurden diese von Ärzten und Fürsorgern. Während des Nationalsozialismus wurden vor allem die Erziehungsberatungsstellen nicht weiter ausgebaut, teilweise sogar eingestellt, da es nicht in das nationalsozialistische Menschenbild passte, dass Familien der Beratung und Unterstützung bedurften. Sämtliche freien Beratungsstellen wurden entweder geschlossen oder staatlichen Wohlfahrtsverbänden unterstellt.

Nach dem Krieg und vor allem durch die Reformbewegungen nach 1968 hielten neue Theorien Einzug in die Beratung und das Beratungswesen wurde stark ausgebaut. So zählt dann auch der „Beratungsführer“ von 1987 insgesamt 6000 Beratungsstellen aus allen möglichen Bereichen für das gesamte Bundesgebiet auf. 1993 gibt es allein 1258 Erziehungsberatungsstellen. Bereits 1962 gründete sich die „Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, Gesellschaft für Beratung und Therapie von Kindern, Jugendlichen und Eltern e. V.“ mit Sitz in Fürth. Dies ermöglichte eine bundesweite Zusammenarbeit und auch eine Vernetzung mit den Dachverbänden anderer Beratungsbereiche. Ein solcher Dachverband ist die „Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Beratung e. V.“, die neben Ehe- und Erziehungsberatungsstellen auch 59 Beratungsstellen der Telefonseelsorge unterhält, die faktisch als eine der ersten Medienformen von Beratung für diese Arbeit eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Sie kann auf eine mittlerweile fast 50-jährige Geschichte zurückblicken.

Viele Beratungsstellen sind mittlerweile integrierte Beratungsstellen und nehmen auch Aufgaben aus mehr Bereichen wahr, als es ihr Name vermuten ließe (z. B. Erziehungsberatungsstelle). So ist es möglich, dass eine Einrichtung Erziehungsberatung, Ehe- und Lebensberatung, Schwangerschaftskonfliktberatung, Sexualberatung, Ausländerberatung und Suchtberatung anbietet.

Gerade aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Beratungstheorien, die es mittlerweile gibt (siehe auch Kap. 2.7.), ist ein vorrangiges Ziel der Beratungsarbeit, dass institutionalisierte Beratung stärker mit zugangsorientierten Arbeitsweisen verknüpft wird, also praktische Hilfe, auch mittels anderer (sozialer) Einrichtungen, geleistet wird (ebd., S. 96).

2.6. Erziehungsberatung in Zahlen

Hier sollen nun einige Zahlen wiedergegeben werden, die in Bezug auf das Thema Beratung interessant erscheinen. Alle an dieser Stelle wiedergegebenen Zahlen sind Belardi et al. (2001) entnommen. Es soll ein kurzer Überblick über die Beschäftigten im Beratungsbereich gegeben werden, ein Überblick über die Verbreitung der Beratungsstellen, Trägerstruktur, Problembereiche, Motivation zum Aufsuchen der Beratungsstelle. Dies erfolgt beispielhaft am Beispiel der Erziehungsberatung. Da der Bereich Erziehungsberatung aber einer der größten im Beratungswesen ist, treffen die Zahlen auch eine gewisse Aussage hinsichtlich des gesamten Beratungswesens.

Zunächst folgt also ein Überblick über die Fachkräfte in Erziehungsberatungsstellen, also welche Berufsgruppen dort arbeiten und wie viele jeweils. Die Zahlen gelten noch für die alten Bundesländer, jedoch zeigen sie ziemlich deutlich die Verhältnisse.

Anzahl der Fachkräfte in den Erziehungsberatungsstellen (Tab. 2.1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, 1990, zit. n. Belardi et al., 2001, S. 103)

Nun folgt ein Überblick über die Verteilung an Erziehungsberatungsstellen in den alten Bundesländern in Bezug auf die jeweilige Einwohnerzahl.

Verteilung der Erziehungsberatungsstellen auf die Einwohnerzahl

der Altbundesländer (Tab. 2.2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, 1990, zit. n. Belardi et al., 2001, S. 103)

Aus der Tabelle lässt sich folgende Problematik ablesen: bereits 1956 empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Richtzahl von einer Beratungsstelle (Erziehungsberatungsstelle) pro 50.000 Einwohner bzw. eine Fachkraft pro 10.000 Einwohner. Damit würden allein in den alten Bundesländern über 550 Erziehungsberatungsstellen fehlen, für die neuen Bundesländern hat man einen zusätzlichen Bedarf von 300 Erziehungsberatungsstellen ermittelt.

Einen interessanten Einblick in die Herkunftsberufe von in der Beratung tätigen Fachkräften liefert die folgende Tabelle. Die Zahlen stammen von einer 1992 durchgeführten Untersuchung von 180 ostdeutschen Beratungsstellen (Menne, 1994)

Herkunftsberufe der Fachkräfte in ostdeutschen

Erziehungsberatungsstellen (1992) (Tab. 2.3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Menne, 1994, zit. n. Belardi et al., 2001, S. 104)

Als nächstes folgt ein Überblick über die Träger von Beratungsstellen. Die Tabelle zeigt vor allem, dass sich öffentliche Träger zunehmend zurückziehen, kirchliche Träger im Untersuchungszeitraum zugenommen haben.

Verteilung der Beratungsstellen auf Träger (Tab. 2.4)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Koblank, 1967; Presting, 1987; Bundeskonferenz, 1987; zit. n. Belardi et al., 2001, S. 105)

Von Interesse dürften auch die Problembereiche sein, mit denen eine Beratungsstelle zu tun hat. Exemplarisch wurden diese für die „Evangelische Beratungsstelle für Paar-, Familien- und Lebensfragen“ einer mittelgroßen Stadt ermittelt.

Problembereiche in einer evangelischen Beratungsstelle (Tab. 2.5)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Belardi et al., 2001, S. 108)

Eine weitere Darstellung beschäftigt sich mit der Motivation der Ratsuchenden die Beratungsstelle aufzusuchen. Zwar erfolgt der konkrete Besuch einer Beratungsstelle in der Regel freiwillig, jedoch ist der Anlass dafür sehr unterschiedlich, höchstens 50% der Ratsuchenden sind sogenannte „Selbstmelder“. Die große Spanne der Prozentangaben in der Tabelle lässt sich auf unterschiedliche Untersuchungen zurückführen.

Motivation zum Aufsuchen einer Beratungsstelle (Tab. 2.6)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Belardi et al., 2001, S. 110)

Zum Schluss erfolgt noch eine Darstellung der Probleme und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, die als „Symptomträger“ familiärer Spannungen bei Erziehungsberatungsstellen vorstellig werden.

Probleme von Kindern, die in Erziehungsberatungsstellen kommen (Tab. 2.7)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Belardi et al., 2001, S. 111)

Anmerkung:

Die Prozentzahlen ergeben zusammen mehr als 100%, da Mehrfachnennungen möglich waren.

Mit diesen Zahlen sollte ein Überblick darüber gegeben werden, womit man es im herkömmlichen Beratungsbereich zu tun hat, wer dort arbeitet, welche Größenordnung das Beratungswesen umfasst und mit welchen Problemen man es dort sowohl inhaltlich als auch organisatorisch zu tun hat.

[...]

Details

Seiten
80
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638342056
ISBN (Paperback)
9783638713764
DOI
10.3239/9783638342056
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Erscheinungsdatum
2005 (Januar)
Note
2
Schlagworte
Beratung Medienangebot Inhalte Beurteilung Akzeptanz Onlineberatung Internetberatung

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