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Förderung von emotionalen und sozialen Kompetenzen in einer Förderschulklasse im Bereich Lernhilfe

Praktischer Einsatz des "Verhaltenstrainings in der Grundschule" von Petermann und Koglin

von Sofia Markgraf (Autor)

Hausarbeit 2015 12 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das “Verhaltenstraining in der Grundschule”
2.1 Inhaltliche Struktur
2.2 Zeitliche Struktur
2.3 Aufbau der Trainingseinheiten

3 Durchführung des Verhaltenstrainings
3.1 Situation der Lerngruppe unter besonderer Berücksichtigung der sozial-emotionalen Kompetenzen
3.2 Didaktisch-methodische Entscheidungen

4 Reflexion des Verhaltenstrainings im Hinblick auf Trainingseffekte innerhalb der Lerngruppe

5 Fazit

6 Anhang Nr

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ausgangspunkt meiner Überlegungen für die Wahl des „Verhaltenstrainings in der Grundschule“ von Petermann/Koglin.ist meine Erfahrung aus der Praxis, dass auch die schulische Lernwelt erheblichen Einfluss auf das Sozialverhalten von Schülern besitzt, und dass man deshalb hier ansetzen kann.

Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen, dass sich Präventionsprogramme, die einen gewaltfreien Umgang miteinander schulen, unmittelbar auf die Lernmotivation und auf schulische Leistungen auswirken. Sie sind somit Voraussetzung für optimierte Lernbedingungen. (vgl. Gugel, G., 2007, S. 6-7)

Der Ursprung des Gewaltpotentials einzelner Schüler liegt meist viel tiefer als die Oberfläche preiszugeben vermag. Daher ist es unabdingbar, dass die Institution Schule den Kindern dazu verhilft, gewaltfreies Konfliktlösen zu Erlernen. Kinder, die z.B. in ihrer eigenen Familie ausschließlich Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung kennen gelernt haben, fehlt meist die Einsicht, Konflikte verbal und reflektiert zu lösen.

"Wo es kein Gespräch mehr gibt, beginnt die Gewalt", so schrieb es jedenfalls Sokrates in seinen Weisheiten nieder.

Mit Hilfe präventiver Maßnahmen können wir die soziale Entwicklung von Kindern fördern und ihre Entwicklung positiv beeinflussen. In der Schulpraxis führt die rechtzeitige und systematische Förderung von Kindern vielfach noch ein Schattendasein. (vgl. Hessisches Ministerium für Soziales und Integration. Hessisches Kultusministerium, 2014, S.44)

Für Kinder im Grundschulalter gibt es im deutschsprachigen Raum nur wenige evidenzbasierte Programme. Eines davon ist das von mir ausgewählte „Verhaltenstraining in der Grundschule“ von Petermann/Koglin.

Bei der Planung und Durchführung des Verhaltenstrainings bewegten mich die folgenden beiden Fragen:

· Können durch das “Verhaltenstraining in der Grundschule” die Sozial- und Selbstkompetenzen der Schülergefördert werden?

· Inwieweit ist das “Verhaltenstraining in der Grundschule” für Kinder einer Förderschule im Bereich Lernhilfe geeignet?

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

2 Das “Verhaltenstraining in der Grundschule”

Bei dem „Verhaltenstraining in der Grundschule“ handelt es sich um ein kognitiv-behaviorales Präventionsprogramm für Schüler der Klasse 3 und 4. Das Programm konnte seine kurz- und mittelfristige (1 Jahr später)Effektivität bereits im Rahmen von wissenschaftlichen Studien nachweisen. (vgl. Petermann, F./Koglin, U. u.a., 22013, S.223ff)

2.1 Inhaltliche Struktur

Das Training ist inhaltlich in drei Bereiche gegliedert. In jeder Trainingseinheit wird ein Themenschwerpunkt bearbeitet. Der erste Bereich dient der Förderung emotionaler Kompetenz. Im zweiten Bereichwird der Aufbau sozialer Kompetenz geschult, während im dritten Bereich die Moralentwicklung im Vordergrund steht, die durch eine Förderung der Eigen- und Sozialverantwortung unterstützt wird. Die Durchführung des Trainings sollte, wenn möglich, vom Klassenlehrer erfolgen. Der Kurs wird von einer Abenteuergeschichte in Form eines Hörspiels begleitet. Die Geschichte spielt in einer verlassenen Burg. Die vier Protagonisten sind Schüler der Klasse 3 mit unterschiedlichem kulturellem und sozialem Hintergrund.

2.2 Zeitliche Struktur

Das Verhaltenstraining besteht aus 26 Einheiten, die jeweils 45 bis 90 Minuten dauern. Es wird empfohlen ein bis zwei Einheiten pro Woche durchzuführen, so dass das Training innerhalb eines Schulhalbjahres absolviert werden kann. Eine eintägige Trainingspause sollte eingehalten werden, um das Gelernte im Alltag zu erproben und damit zu festigen.

2.3 Aufbau der Trainingseinheiten

Die Trainingseinheiten sind nach einer festgelegten Struktur aufgebaut. Zu Beginn jeder Einheit werden die behandelten Inhalte der vorausgegangenen Einheit kurz reflektiert. Anschließend hören die Schüler gemeinsam eine Hörspielsequenz, die in das Thema der neuen Einheit einführt. Danach wird die aktuelle Trainingsaufgabe bearbeitet und die wichtigsten Trainingsinhalte reflektiert. Zum Schluss verteilt die Lehrkraft Punkte anhand eines Verstärkerplans, dabei müssen sich die Schüler selbst einschätzen.Das Training endet mit einem Burgfest und der Vergabe einer Urkunde mit den gesammelten Punkten.

Darüber hinaus gibt es Übungen und Aufgaben, die die Kinder mit ihren Eltern, auf dem Schulhof mit Freunden und auch allein in Konfliktsituationen umsetzen sollen. Die Trainingsinhalte werden so stärker in den Alltag integriert und eine Generalisierung auf andere Lebensbereiche gefördert. Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit können die im Laufe des Trainings erarbeiteten Produkte (Rap Song, Wandbilder etc.) präsentiert werden. Für eine längerfristige Stabilisierung der Trainingseffekte werden Auffrischungssitzungen vorgeschlagen und einzeln beschrieben.

3 Durchführung des Verhaltenstrainings

3.1 Situation der Lerngruppe unter besonderer Berücksichtigung der sozial-emotionalen Kompetenzen

Die Klasse 4/5 besteht aus 10 Schülern (4Mädchen und 6 Jungen), die in der aktuellen Zusammensetzung seit Februar 2015 eine Lerngruppe bilden. In den vergangen beiden Jahren fand ein häufiger Schüler- und Fachlehrerwechsel statt, der viel „Unruhe“ in die Klasse brachte. Neben der Klassenlehrerin unterrichten zur Zeit fünf Fachlehrer in der Klasse. Es finden regelmäßige Absprachen untereinander statt, jedoch wendet jeder Lehrer ein eigenes Regel- (manche auch ein Verstärkersystem) an, was die Schüler meiner Meinung nach überfordert. Mich kennen die Kinder sehr gut, da ich sie auf einer Klassenfahrt begleitetet und zwei Jahre eine Doppelstunde Deutschunterricht übernommen habe.

Die Kinder kommen z. T. aus sehr problembehafteten Elternhäusern. Bei zwei Schülern wurde das Jugendamt wg. Kindswohlgefährdung (häusliche Gewalt) „eingeschaltet“. Zwischen zwei Mädchen und zwei Jungen bestehen längere Freundschaften. G. und N. haben oft große Probleme, sich an die Regeln zu halten und erfordern viel Aufmerksamkeit seitens der Lehrkraft. N. erfährt regelmäßig die Abwehr anderer Kinder aufgrund ihres stark distanzlosen Verhaltens (heftiges Umarmen bis hin zum „Wehtun“). Verbale Gewalt in Form von Beleidigungen ist der häufigste Konfliktauslöser in der Klasse. Bei den Jungen geht diese schnell in körperliche Gewalt über.Vor allem M. fühlt sich oft unbegründet angegriffen und lässt sich leicht provozieren, währendP. regelmäßig ausländerfeindliche Bemerkungen äußert. Ausgrenzung bis hin zu Mobbing bilden die Hauptkonfliktpunkte unter den Mädchen. Zwei Schüler besitzen eine sehr geringe Frustrationstoleranz, die –je nach „Tagesform“- zur Arbeitsverweigerung führen kann.J. hat eine Außenseiterposition, bei ihm wurde eine leicht ausgeprägte Form von autistischen Verhaltensweisen diagnostiziert. Insgesamt 4 Kinder können sich gut an die Regeln des Zusammenlebens halten und haben somit Vorbildcharakter für ihre Mitschüler.

Des Weiteren gibt es häufig bereits auf dem Weg zur Schule und vor Unterrichtsbeginn Auseinandersetzungen zwischen den Lernenden, so dass unter Umständen diese Konflikte auch mit in die erste und zweite Stunde getragen und ggf. geklärt werden müssen, um einen weiteren Verlauf des Unterrichts zu ermöglichen. Aufgrund dessen ist ein konzentriertes Arbeiten oft nur bedingt möglich.

3.2 Didaktisch-methodische Entscheidungen

Um besser an die Lernvoraussetzungen der Schüler anknüpfen zu können, musste ich viele Änderungen im Trainingsprogramm vornehmen. Ohne die Lernziele der einzelnen Trainingseinheiten zu vernachlässigen, konnte ich den Unterricht dadurch gut auf die Lerngruppe abstimmen.

Die auf einer Begleit-CD zu Programm ausdruckbaren Arbeitsblätter überforderten die Schüler sowohl qualitativ (zu hohes Sprachniveau) als auch quantitativ (Text- und Aufgabenmenge). Vor dem Hintergrund, dass ca. die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund besitzen und teilweise erhebliche sprachliche Defizite aufweisen, vereinfachte ich Satzmuster und tauschte viele Begriffe aus. Bei der Planung des Unterrichts berücksichtigte ich auch, dass der offene Umgang mit Emotionen in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich akzeptiert ist, um sensibel auf Aussagen der Schüler eingehen zu können.

Die kurze Konzentrationsspanne der Schüler erforderte beispielsweise wesentlich häufiger einen Phasenwechsel und Unterrichtsmethoden, die Bewegung beinhalteten, als im Handbuch von den Autoren vorgeschlagen wird.Damit das Hörspiel zu Beginn jeder Trainingseinheit in einer ruhigen und entspannten Atmosphäre von allen Kindern aufgenommen werden kann, ging ich mit der Klasse in den Bewegungsraum, ein leeres Zimmer ohne ablenkende Reize. Jedes Kind legte sich bequem auf eine Matte, manche mit Kissen und Decke, der Raum wurde verdunkelt und alle lauschten der Fortsetzung des Hörspiels.

Die von den Autoren vorgegebenen Konfliktsituationen ergänzte ich mit Beispielen aus dem Alltag der Schüler, nachdem diese den Wunsch äußerten. Durch den aktuellen Lebensweltbezug fiel es ihnen leichter, Konflikte zu sammeln, zu verschriftlichen und diese in Rollenspielen umzusetzen.

Ich erweiterte das Programm u. a. durch die für die Klasse bisher unbekannten kooperativen Methoden „Think-Pair-Share“ und „Erzählkarussell“ (s.Anhang). Beide Methoden wählte ich aus, da sie das soziale Miteinander und die Kommunikation unter den Schülern fördern.

Zusammenfassend war meine Hauptaufgabe bei der Planung die „Differenzierung“, um der Heterogenität der Lerngruppe gerecht zu werden. Ich hätte mir von den Autoren des Trainingskonzeptes mehr Differenzierungsvorschläge gewünscht, die auch für eine Grundschulklasse unverzichtbar sind.

4 Reflexion des Verhaltenstrainings im Hinblick auf Trainingseffekte innerhalb der Lerngruppe

Das Trainingsprogramm hatte einen hohen motivationalen Charakter durch das spannende Hörspiel, das den didaktischen Rahmen bildete. Die Schüler konnten sich sehr gut mit den Protagonisten des Hörspiels identifizieren. Der Spannungsbogen wurde durchgehend erhalten und beugte dadurch Sättigungseffekte vor.

Das Arbeiten in Zweierteams während der kompletten Einheit hat die Kinder ebenfalls motiviert(in der Mitte der Einheit fand ein Teamwechsel statt). Dadurch und durch die vielen intensiven Gespräche über eigene Gefühle lernten sich die Kinder besser kennen, was einen positiven Effekt auf das soziale Klima in der Klasse ausübte. Die Ethiklehrerin berichtete mir, dass sich das Gesprächsklima und das Einhalten/Einfordern von Gesprächsregeln in den vergangenen Monaten in der Klasse verbessert hat.

Welche bedeutende Rolle Motivation beim Lernen einnimmt,untermauern Ergebnisse der Neurowissenschaft: gute Gefühle und Spaß ermöglichen dem Gehirn, besser zu funktionieren und Neugier und Kreativität zu entwickeln. (vgl. Gugel, G., 2007, S. 6).

Aufgrund des geforderten Seitenumfangs ist eine tiefgehende Reflexion der Trainingseffekte des Trainings nicht möglich. Ich beschränke mich im Folgenden exemplarisch auf die 7. Trainingseinheit „Sammeln von Wutkontrollstrategien“.

Nachdem wirdie individuellen „Lieblingswutstopper“ erarbeitet hatten, durfte jedes Kind immer zu Beginn jeder Stundevon Situationen berichten, indenen es erfolgreich seinen„Wutstopper“ angewendet hat. Ich lies mir dies von den Fachlehrern (Mitteilungsbuch in der Klasse), der Pausenaufsicht oder einer kurzen Notiz der Eltern im Hausaufgabenheft bestätigen und vermerkte es mit einem ausführlichen Lob auf dem Punkteplan. Als „Wutstopper“ wählten die meisten Kinder als Strategie „die Konfliktsituation verlassen und warten, bis man sich beruhigt hat“ und „sich ablenken durch Spielen oder Musik hören“. In Rollenspielen wurden Wutanlässe und die Reaktion darauf mit „“Wutstoppern“ von den Kindern erarbeitet und mit viel Freude und Applaus aufgeführt.

Alle Kinder haben von der Unterrichtseinheit profitiert, auch Schüler mit gutem Sozialveralten in der Schule. Diese berichteten von Wutsituationen zu Hause (Konflikte mit Eltern und Geschwistern), in denen sie ihren persönlichen „Wutstopper“ mit Erfolg anwendeten.

Es fand eindeutig ein Transfer des Gelernten auf Lebensbereiche der Schüler außerhalb der Trainingsstunden im Klassenzimmer statt.

Durch das Kennenlernen von„Wutstoppern“ lernten die Kinder Emotionsregelungsstrategienals Alternative zu Gewaltkennen, die sie in Problemsituationen erfolgreich anwendeten. Die Schüler konnten über den langen Zeitraum von sechs Monaten ihr Repertoire an angemessenen Lösungsstrategien erweitern und werden sie evtl. zukünftig durch viele Wiederholungen auch automatisieren.

Indem die Schüler ihren „Wutlevel“ und den von anderen Personen einschätzen mussten (=Wutstärke: rot, gelb, grün) wurde ihre Eigenwahrnehmung sowie Fremdwahrnehmung geschult. Es kam zu Aussagen wie z. B. Herr X war heute auf Level rot, als G. ihn beleidigte.

Insbesondere J., der aufgrund autistischer Verhaltensweisen Probleme damit hat, Emotionen anderer Personen zu deuten, wurde durch vielfältige Übungen (u. a. gestische und mimische Darstellung der Gefühle) dafür sensibilisiert, besser auf Gefühlsausdrücke und –stärken seiner Mitschüler zu achten.

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668287440
ISBN (Buch)
9783668287457
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338240
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Schlagworte
Pädagogik Erziehung Schule Trainingsprogramm Sonderpädagogik Unterrichtseinheit Projekt

Autor

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    Sofia Markgraf (Autor)

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Titel: Förderung von emotionalen und sozialen Kompetenzen in einer Förderschulklasse im Bereich Lernhilfe