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Europa. Einheit und Grenzen

von Clara Omag (Autor)

Studienarbeit 2012 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

EUROPA – EINHEIT UND GRENZEN

Die Idee einer Einheit Europas reicht weit zurück. Über Jahrhunderte haben die Menschen von einer Union geträumt, einige haben früh schon eifrig zur Feder gegriffen und konkrete Pläne entworfen. So findet man bereits 1306 Pläne für die Union Europas in Pierre Dubois Werk De Recuperatione Terrae Sanctae, im 17. Jahrhundert dienen Sullys Großer Plan oder die Europapläne von William Penn und John Bellers als Zeugnisse für die Einheitsbestrebungen. Dies waren nur einige von vielen Plänen, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind.[1] Allerdings implizieren diese Einheitsbestrebungen Europas auch, dass es Grenzen verschiedener Natur geben musste, die die Einheit verhindert haben. Doch wo sind diese verlaufen? Inwiefern haben sie die europäischen Völker getrennt? Welchen Einfluss üben sie heute aus? Im untenstehenden Schaubild wird versucht, diverse reale und fiktive Grenzen der Geschichte Europas schematisch darzustellen. Es sei vorweggenommen, dass diese Graphik nicht alle Grenzen der Geschichte Europas behandelt, sondern sich vorwiegend auf diejenigen beschränkt, die den Westen vom Osten Europas abgrenzen. Grenzen, die Westeuropa in sich trennten, wie etwa die Reformation, die das westliche Christentum in verschiedene Konfessionen spaltet, werden hier vernachlässigt.[2] Nun soll auf den folgenden Seiten diese Graphik beschrieben, interpretiert und kritisiert werden, wobei besonders auf die religiösen Linien (3, 3a und 4) sowie auf die Linie des Eisernen Vorhangs (6) eingegangen wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1: Ost-West-Grenzen in Europa in Norman Davis, Europe. A history, Oxford 1996, S.18.

Sieben Linien verlaufen auf dieser Abbildung durch die Länder, die nicht nur die europäischen Nationen, sondern auch asiatische wie Armenien, Georgien oder Aserbaidschan umfassen. Beim Betrachten dieser Linien fällt sofort auf, dass fast alle horizontal durch Europa verlaufen; nur Linie 2 und 4 trennen die Gebiete horizontal. Diese Teilung in Ost- und Westeuropa bildet wie bereits erwähnt die Schlüsselproblematik dieser Arbeit.

Hierbei gründet die Problematik auf dem Aspekt, dass europäische Geschichte oft fälschlicherweise mit dem Erbe der westlichen Zivilisation gleichgesetzt wird. Alles Westliche sei zivilisiert während alles Östliche oft als minderwertig und rückständig bezeichnet wird. Dies ist aber keineswegs eine neue Idee. Die Idee des überlegenen Westens reicht zurück bis in die griechische Antike, die das westliche Hellas über die östlichen Barbaren gestellt und sich somit zugleich von ihnen abgegrenzt hat.[3] So wurde bis zum Ende des zweiten Weltkrieges die Geschichte Europas häufig als Kampf zwischen Ost und West dargestellt, ja manchmal sogar als Kampf der Kulturen zwischen der rettenden Zivilisation im Westen und der Aggresivität des Ostens. Die Geschichte Westeuropas kann jedoch nicht alleine stehen, sondern muss in Zusammenhang mit der des östlichen Teils des Kontinentes stehen.[4]

Obwohl sich das vollständige Bild der Geschichte Europas nicht nur auf den Westen beschränken kann, sondern auch den Osten miteinbeziehen muss, können HistorikerInnen jedoch nicht leugnen, dass es wichtige und reelle Grenzen auf der Landkarte gegeben hat, die die Unterteilung in West- und Osteuropa erleichtert haben. So wird in Abb.1. der Limes als erste historische Grenze eingezeichnet, der von den Römern bis ins 4. Jahrhundert nach Chr. angelegte Grenzwall zur Kennzeichnung der Grenzen des römischen Reiches. Dieser ersteckt sich weit über die Grenzen Europas und umfasst auch Teile Kleinasiens und Afrikas.[5] Der Einfluss der römischen Kaiserzeit auf die heutige Zeit ist unumstritten. Darüber hinaus kann man heute genau bestimmen, welche Länder, wie etwa Frankreich oder Spanien, einen Teil des Reiches bildeten und welche die Römer nicht erreicht haben. So kann in diesem Zusammenhang der Westen mit den Teilen Europas gleichgesetzt werden, deren Rechtssystem auf dem römischen Recht basiert. Die anderen Länder wie etwa Polen oder Schweden würden so folgich dem anderen Teil angehören.[6]

Die religiösen Grenzen Europas: Ost und West zwischen Katholizismus, Orthodoxie und Islam

Die komplexe Frage, wo die Grenze zwischen Ost- und Westeuropa verlaufe, wird häufig mit der Hilfe der Religion beantwortet. So spiegelt sich diese religiöse Sicht ganz klar in der Aussage Bidlos wider, dass die Unterscheidung zwischen West und Ost in einem grundlegenden Dualismus der europäischen Geschichte liege. Denn diese Unterschiede seien nicht nur das Produkt der geographischen Lage, sondern im eigentlichen Wesen begründet. Demnach führt er dies auf den Gegensatz zwischen Byzanz und Rom zurück und trennt somit den katholischen Westen von dem orthodoxen Osten.[7] Diese religiöse Trennlinie zwischen Katholizismus und Orthodoxie spielt sicherlich eine wichtige Rolle bei der Teilung Europas in Ost und West. Immerhin dauert das Schisma der lateinischen und griechischen Christenheit im Jahre 1054 bis in die heutige Zeit an und unlängs wurde auch im Laufe des Zerfalls Jugoslawiens gezeigt, dass diese Teilung noch immer über politische Macht verfügt.[8] Allerdings ist diese Trennung sicherlich nicht die einzig wahre. Halecki argumentiert, dass diese aus theologischer Sicht nicht nachvollziehbar sei, da die Unterschiede zwischen Protestantismus und Katholozismus sicherlich größer seien als die zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Dennoch gehören die protestantischen Länder im Norden zu Westeuropa, niemand stelle dies jedoch in Frage. Darüber hinaus reicht es nach Halecki auch nicht, die Religion als einzige Grundlage für die Gliederung heranzuziehen.[9] Die Argumentation Haleckis ist durchaus nachvollziehbar und kohärent, allerdings übte das Schisma des Christentums zweifellos einen Einfluss auf die östlichen und westlichen Entwicklungen aus. So kamen im Westen Bewegungen wie die Reformation, die Renaissance oder die Aufklärung auf, wobei diese das Geschehen im Osten aber nicht maßgeblich beeinflussten.[10]

Im Gegensatz dazu war der Osten mit der Invasion der Tataro-Mongolen im 13. Jahrhundert und der Ausdehnung der Türken und des Islams im 14. und 15. Jahrhundert konfrontiert, von der Westeuropa nur in Süditalien und in südlichen Teilen Spaniens kurz betroffen war. So war das 14. Jahrhundert für das byzantinische Reich eine Zeit politischer Katastrophen. Bürgerkriege, dynastische Zwisten am Hof, die mehrmahlige Absetzung Kaisers Johannes V. sowie auch die Pest schwächten das Reich und die Türken zögerten nicht, die Misshelligkeiten in Byzanz für ihren Vorteil zu missbrauchen. Gegen Ende des Jahrhunderts blieben dem Kaiserreich nur noch Konstantinopel und einige Städte entlang der Küste des Marmarameers.[11] Mit dem Fall Konstaninopels im Jahre 1453 kulminierte die osmanische Expansionspolitik, die sich nahezu ununterbrochen über eineinhalb Jahrhunderte auf byzantinisches und islamisches Territorium und darüber hinaus auch auf weitere europäische und asiatische Bereiche ausdehnte. So ist das byzantinische Reich letzten Endes an der Ausbreitung des Osmanischen Reiches, der türkischen Fremdherrschaft und der damit einhergehenden Verbreitung des Islams zerfallen.[12] Die osmanische Linie verläuft auch durch die obenstehende Graphik – allerdings reicht die Grenze des osmanischen Reiches weit über die hier abgebildeten Länder hinaus und umfasste Ende des 17. Jahrhunderts zur Zeit seiner größten Ausdehnung auch Teile Asiens und Afrikas – demnach wird hier nicht die Spaltung zwischen West- und Osteuropa markiert. Allerdings wird der Islam und das Christentum durchweg mit Osten und Westen assoziiert, wobei das westliche Europa mit dem Christentum gleichgesetzt wird – dieses Argument wird auch heute unter anderem gegen den EU-Beitritt der Türkei als muslimisches Land verwendet.[13] Zudem ist auch der Hinweis auf die christlichen Wurzeln Europas in seiner Gesamtheit sehr fragwürdig[14]. Wahrscheinlich wird deshalb die osmanische Linie, die sehr ähnlich wie die Grenze zu den heutigen islamischen Ländern verläuft, in diesem Schaubild im Gegensatz zu den anderen nicht durchgehend sondern unterbrochen dargestellt.

Die Graphik nimmt eine weitere Unterteilung der orthodoxen Kirchen vor und grenzt mit einer Linie die mit Rom unierten Ostkirchen ab. Diese waren die einizigen orthodoxen Kirchen, die eine Union mit dem Papst von Rom und der lateinischen Kirche abgeschlossen haben und somit den Papst als Oberhaupt der Christenheit anerkennen. Diese Spaltung ist das Produkt des Versuchs, die Einheit der Kirchengemeinschaft zwischen Ost und West wieder herzustellen, wobei hier angemerkt sei, dass eigentlich machtpolitische Interessen im Hintergrund der Unionsbestrebungen standen. Diese kann man schon im 14. Jahrhundert festmachen, als die Türken das byzantinische Reich auf allen Seiten umzingelt hatten. Man erkannte, dass man auf Hilfe aus dem Westen gegen den osmanischen Feind angewiesen war, da keine Macht im Osten so stark war, den osmanischen Feind zurückzudrängen. Als aber auch nach der erzwungenen Kirchenvereinigung kein unverzüglicher Sieg gegen die Türken stattgefunden hatte, fand diese Vereinigung in weiten Teilen der Bevökerung, vor allem unter dem Klerus, keine Zustimmung.[15] So schloss sich auch nur ein Teil der jeweiligen Ortskirchen der Union an, wodurch auch die Orthodxie in ihrer Einheit getrennt wurde. Man erkennt auf der Graphik, dass diese Linie weiter in den Osten bis an die Grenze Russlands reicht. Allerdings ist auch diese nicht durchgehend, das darauf zurück zu führen sein kann, dass das Schisma der Christenheit im Jahre 1054 einen größeren Einfluss auf die Trennung des Christentums in Europa ausübte und die Grenze der orthodoxen unierten Kirchen hier nur eine weitere Unterteilung darstelltt.[16]

[...]


[1] vgl. Derek Benjamin Heater, Europäische Einheit – Biographie einer Idee. Übersetzt und annotiert von Wolfgang Schmale und Brigitte Leucht, Bochum 2005.

[2] vgl. Peter Wagner, Europe – What Unity? Reflections Between Political Philosophy and Historical Sociology, in: Johann P. Arnason/Nathalie J. Doyle (Hg.): Domains and Divisions of European History, Liverpool 2010, S. 26f.

[3] Norman Davis, Europe. A history, Oxford 1996, S. 19-22.

[4] Geoffrey Barraclough (Hg.): Eastern and Western Europe in the Middle Ages, London 1970, S. 8.

[5] vgl. Dietwulf Baatz, Der römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. Berlin 2000, S. 9-21.

[6] Davis, Europe, S. 22.

[7] vgl. Jaroslav Bidlo, Ce qu'est l'histoire de l'Orient Européen, quelle en est l'importance, et quelles furent ses étapes ? in : Bulletin d’information des sciences historiques en Europe orientale, Vol. 6, Nr. 1-2, Warschau 1934, S. 11-73.

[8] Davis, Europe, S. 27.

[9] Oskar Halecki, Europa. Grenzen und Gliederung seiner Geschichte, Darmstadt 1957, S. 96.

[10] Davis, Europe, S. 22f.

[11] Steven Runciman, Die Eroberung Konstantinopel 1453, München 20055, S. 1-9.

[12] Gustave E. Grunebaum (Hg.), Fischer Weltgeschichte 15. Der Islam II. Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel, Frankfurt am Main 199913, S. 24.

[13] vgl. Wagner, Europe, S. 23.

[14] Wolfgang Schmale, Geschichte Europas, Wien 2000, S. 13.

[15] Runciman, Eroberung von Konstantinopel, S. 7-20.

[16] Johannes Oeldemann, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2006, S. 13.

Details

Seiten
10
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668279872
ISBN (Buch)
9783668279889
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338278
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Zeitgeschichte
Note
1
Schlagworte
Europa Einheit Grenzen geeintes Europa Einheitsbestrebungen

Autor

  • Clara Omag (Autor)

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