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Vom Einzelgänger zum Bandenmitglied. Außenseiterfiguren in den phantastischen Geschichten von Tanya Stewner

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 26 Seiten

Pädagogik - Leseerziehung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Zum Begriff „Aussenseiter“
2.2 Die Aussenseiterproblematik in der modernen Kinder- und Jugendliteratur

3. Die Aussenseiter im Werk von Tanya Stewner
3.1 Das Werk der Autorin
3.2 Die Aussenseiterthematik in Liliane Susewind und Alea Aquarius

4. Schlusswort

5. Bibliographie
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internet

1. Einleitung

In einem 2014 gegebenen Interview bei Kinderbuch-Couch.de erklärte die Autorin der bekannten Liliane Susewind-Serie, Tanya Stewner, dass für sie Literatur immer mehr als blosse Unterhaltung sein müsse. Sie lasse deshalb ihre phantastischen Geschichten absichtlich vor einem realitätsnahen Hintergrund ablaufen und ergreife in ihren Büchern altersgerechte Probleme aus dem Alltagsleben der Kinder, z.B. die Aussenseiterfrage.[1] Dass diese im ersten Band des Liliane Susewind-Zyklus ein zentrales Thema darstellt, steht ausser Zweifel, denn Liliane befindet sich von der ersten Seite an aufgrund des Umzugs ihrer Familie in der Rolle der Neuen in ihrer Klasse und wird ihres seltsamen Verhaltens wegen nicht in die bestehende Mädchenclique aufgenommen.[2] Weitere Aussenseiter begegnen dem Leser in fast allen Büchern von Tanya Stewner. Am stärksten vertreten sind sie – nach eigenen Angaben der Autorin[3] – in den Werken „Das Lied der Träumerin“, „AleaAquarius“, „Der Sommer, in dem die Zeit stehen blieb“ und in den Bänden 1,2, 3 und 5 der Liliane Susewind-Serie. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, sollen im Folgenden nur die beiden Werke „Liliane Susewind-Mit Elefanten spricht man nicht“ und „AleaAquarius- Der Ruf des Wassers“ genauer analysiert werden. Es handelt sich um die jeweils ersten Bände einer mehrteiligen Serie, weshalb sie in Bezug auf die Figurencharakterisierung und -konstellation massgebend für die übrigen Bücher der Serie sein dürften. Des Weiteren sind es der erste erschienene Roman der Autorin und einer der neusten, was allfällige Entwicklungen angesichts der zeitlichen Distanz der Konzeptionbesonders deutlich zum Vorschein treten lassen sollte. Auf die anderen hier erwähnten Werke wird nur sporadisch Bezug genommen, wenn sie eine Feststellung unterstreichen oder relativieren sollen.

Auch in anderen Interviews[4] betont die Autorin immer wieder den realen Hintergrund ihrer Bücher. In der Tat handelt es sich bei Stewners phantastischen Erzählungen meist um Geschichten mit einer implizit sekundären Welt nach der Einteilung von Maria Nikolajeva. (Nikolajeva 1988)[5] Stewners Bücher drehen sich oft um eine Hauptfigur, meist ein Kind, das mit einer besonderen, oft magischen Begabung in einer real beschriebenen Welt den Alltag beschreitet. Anders als in Werken wie J.K. Rowlings „Harry Potter“, wo man durch eine Schwelle von der alltäglich-realistischen Welt in die klar abgegrenzte, sekundäre Phantasiewelt gelangt, und anders als Geschichten, wie J.R.R.Tolkiens „Der Herr der Ringe“, in denen das Geschehen von Anfang an in einer geschlossenen, vom Phantastisch-Magischen dominierten Eigenwelt spielt,[6] erscheint die phantastische Komponente in Tanya Stewners Büchern wie eine Verlängerung der Realität. Fragen, wie „Was wäre, wenn es hier wirklich Elfen gäbe?“, „Ist das Talent, mit Tieren sprechen zu können, nur eine erfundene Gabe?“ etc. machen einen Teil der Faszination aus, die Stewners Geschichten auf die junge Leserschaft ausüben.Durch das Erscheinen einerphantastischen Gestalt oder einer Figur mit aussergewöhnlichen Begabungen in einer ansonsten normal wirkenden Alltagswelt entsteht ein spannender Kontrast zwischen Alltäglich-Normalem und Magisch-Ungewöhnlichem. (O’Sullivan/Loidl 2015:9). Der realistische Hintergrund akzentuiert, was viele Experten der phantastischen Kinder-und Jugendliteratur[7] heute betonen, nämlich dass es sich bei diesen Erzählungen nicht um erfundene Märchen ohne Realitätsbezug handelt, welche lediglich eine Evasion aus der Wirklichkeit erlaubten, sondern dass man sie durchaus in einer problemorientierten Perspektive interpretieren könne. (Nickel-Bacon 2008:393ff)

In dieser Arbeit soll es um die Aussenseiterfiguren im Werk von Tanya Stewner gehen. Der erste Teil soll sich zuerst allgemein mit der Definition des Begriffs „Aussenseiter“[8] auseinandersetzen und danach eine kurze Übersicht über die Aussenseiterthematik in der Kinder- und Jugendliteratur[9] ab den 60er Jahren geben. Es wird hier keine Vollständigkeit angestrebt. Vielmehr solleneinige in Bezug auf die Aussenseiterthematik wichtigen Entwicklungen beispielhaft aufgezeigt werden und anhand exemplarischer Nennungen auf die Vielfalt der Werke zum „Aussenseiter-tum“ hingewiesen werden.Erwähntsei in diesem Zusammenhang auch, dass seit dem Verfassen der massgebenden wissenschaftlichen Arbeit „Aussenseiter in der Kinderliteratur“ durch Jutta Kurpjuhnim Jahr 2000, in der die Autorin die sehr spärliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema bemängelte, einige neue Studienarbeiten über die Aussenseiterproblematik in der Kinderliteratur entstanden sind, welche vertiefende Einblicke in die literatur-historische Entwicklung geben können.[10] Im Gegensatz dazu ist die Sekundärliteratur über das Werk der Autorin Tanya Stewner nahezu inexistent, wenn man von Buchrezensionen, Vermarktungs-Websites und Einträgen in Online-Enzyklopädien wie Wikipedia absieht. Im zweiten Teildieser Arbeit soll deshalb konkret auf die weiter oben erwähnten Werke der Autorin eingegangen werden. Die Aussenseiterfiguren in den besagten Geschichten sollen differenziert beschrieben und ihre Rolle und Ent-wicklung in der jeweiligen Erzählung analysiert werden. Dabei soll insbesondere auch darauf geachtet werden, ob wiederkehrende Verhaltensmuster der Aussen-seiterfiguren in den verschiedenen Werken der Autorin vorkommen. Der Schlussteil bildet die Zusammenfassung der Ergebnisse und einen Ausblick auf vertiefende Fragestellungen im Zusammenhang mit der Aussenseiterthematik bei Tanya Stewner.

2. Grundlagen

2.1 Zum Begriff „Aussenseiter“

„Tut mir Leid. Du bist nicht wie wir. Du bist irgendwie anders. Du gehörst nicht dazu.“ (Cave &Riddel1994 :4)[11] In diesen Sätzen aus dem Textbilderbuch „Irgendwie anders“ beschreibt dessen Autorin, Kathryn Cave, in wenigen Worten sehr deutlich die Aussenseiterproblematik. Aussenseiter werden in vielen Nachschlagewerken als Menschen beschrieben, die sich aufgrund ihrer Andersartigkeit nicht in eine soziale Gruppe integrieren können oder von dieser Gruppe nicht akzeptiert werden. Laut Duden z.B. ist ein Aussenseiter ein„abseits der Gesellschaft, einer Gruppe Stehender; jemand, der seine eigenen Wege geht“ (Duden der neuen Rechtschreibung, Begriff Aussenseiter).[12] Wikipedia beschreibt Aussenseiter als „Menschen oder Gruppen von Menschen, die einer sozialen Gemeinschaft zwar zugehören, in diese Gemeinschaft aber nicht voll integriert sind.“ (Wikipedia, Begriff Aussenseiter).[13] In der Definitionssammlung von Enzyklo.de[14] finden sich u.a.etwas weiter gefasste Begriffsbeschreibungen, z.B. „Außenseiter: […] aufgrund ihres Verhaltens oder bestimmter körperlicher, psychischer oder kultureller Merkmale als am Rande der Gesellschaft stehend angesehene Individuen oder soziale Gruppen (Minderheit)” (Enzyklo, Beitrag 42134) und “Außenseiter, Personen, die in Gruppen oder Organisationen durch besondere äußere, für den betreffenden gesellschaft-lichen Zusammenhang unübliche Charakteristika (z. B. ihre soziale oder kulturelle Herkunft) ausgegrenzt werden oder in sozialen Interaktionen abweichendes Verhalten zeigen.“ (Enzyklo Beitrag 40014)[15] All diesen Definitionen ist gemeinsam, dass Aussenseiter als Aussenstehende einer Gruppe angesehen werden, von der sie sich entweder aufgrund von Äusserlichkeiten (Aussehen etc.), ihrer Herkunft oder ihres Verhaltens unterscheiden. In den kürzeren, neueren Definitionen wird vor allem der letzte Punkt, das aussergewöhnliche Verhalten, erwähnt und betont.[16]

Wie Jutta Kurpjuhn in ihrer Studie zum Thema zu Recht unterstrichen hat, sind die meisten Menschen in den Familienkreis und in mehrere unterschiedliche Gruppie-rungen, z.B. in Berufsgruppen, Vereine, Freundeskreise, Glaubensgemeinschaften etc. eingebunden. Die Gesellschaft ist ein Gefüge solcher Gruppierungen, die aber viele Gemeinsamkeiten haben, z.B. die Rechte und die Pflichten gemäss den Gesetzen des jeweiligen Landes oder die Sprache(Kurpjuhn 2000: 25-32). „Häufig sind die von der Gesellschaft bzw. den Gruppen vorgegebenen Normen und Werte dafür verantwortlich, dass Aussenseitertum entsteht.“ (Kurpjuhn 2000:25) Menschen, die sich nicht an diese Normen und Werte halten, können sich nicht in die betref-fende Gruppe integrieren. „ In vielen Fällen bleibt es nicht nur bei der Ausgrenzung von Personen […], sondern Betroffene werden von der Allgemeinheit gemieden, von Aktivitäten, Kommunikation und (Inter)aktion ausgeschlossen, ihre Meinung wird ignoriert und ihre Stellung untergraben. Des Weiteren werden sie beschimpft, verhöhnt und häufig für Fehlleistungen, Versäumnisse, Verfehlungen o.ä. in der Gruppe verantwortlich gemacht. Ferner werden ihnen Verhaltensweisen zuge-schrieben, die sie in Wirklichkeit nicht besitzen.“ (Kurpjuhn 2000:26) Damit der Ausschluss aus der Gruppe rechtfertigt werden kann, belegen Gruppenmitglieder Aussenseiter bewusst oder unbewusst mit Vorurteilen, gegen die sich die Betrof-fenen nur schwer wehren können. Es geschieht nämlich nur selten, dass eine ganze Gruppe die Meinung über einen Aussenseiter revidiert, und auch stehen einzelne Gruppenmitglieder, welche die Vorurteile der anderen nicht teilen, oft nicht offen zu ihrer Meinung. Sonst laufen sie Gefahr, selber zu Aussenseitern zu werden. (Kurpjuhn 2000: 27)[17]

Aussenseitererfahrungen gehören zum frühesten Erfahrungshorizont fast aller Kinder. Gerade in Institutionen wie dem Kindergarten und der Schule erfolgen oft eine Gruppenbildung und die damit verbundene Ausgrenzung derjenigen Kinder, die durch äusserliche Merkmale, ihre soziale Herkunft oder ihr Verhalten auffallen. Für viele Kinder ist es leicht, in die Rolle des Ausstossenden zu geraten, den die Ver-haltensmusterder anderen, z.T. der Erwachsenen selber, werden erst ab einem gewissen Alter – das Jean Piaget bei ungefähr 10 Jahren ansetzt[18] – kritisch überdacht und hinterfragt. Kindern werden aber die Werte und Normen einer Gesellschaft oder Gruppierung oft schon sehr früh durch Erziehung vermittelt. Durch das Ausstossen eines anderen können sie u.a. auch ihre eigene Integration in die Gemeinschaft oder Gruppe demonstrieren. Schon sehr früh kann auch der Gruppen-zwang dazu führen, dass Kinder einem Anführer folgen und als Mitläufer mit der Mehrheit ihrer Gruppe andere diskriminieren und ausschliessen, um nicht selber isoliert zu werden. (Nickel 2008: 9 / Kurpjuhn 2000: 35-37)

Doch auch die Rolle des Ausgestossenen dürfte den meisten Kindern und Jugend-lichennicht fremd sein. So betont z.B. Herzog: „Es gibt wohl kaum ein Kind bzw. einen Jugendlichen, der nicht schon einmal in die Position eines Aussenseiters geraten ist, selbst wenn es nur für kurze Zeit war. Es bedarf nicht viel, um in die Aussenseiterposition zu gelangen. Ein Streit oder eine Meinungsverschiedenheit kann schon ausreichen, um eine Zeit lang aus der Gruppe ausgestossen zu werden. Aber gerade diese Tatsache macht das Thema Aussenseiter so wichtig für Kinder und Jugendliche.“ (Herzog 2007:17) Des Weiteren können „neben ausländer- und behindertenfeindlichen Tendenzen auch schlechte oder extrem gute Noten, Ungeschicklichkeit, materieller Besitz, eine Brille oder Zahnspange, rote Haare, eine sehr kräftige Figur, Kleidung oder das Neuhinzukommen in eine bestehende Gruppe <bei Kindern> zum Aussenseitertum führen.“ (Kurpjuhn 2000:36) Auch werden Kinder oft durch Erwachsene in eine Aussenseiterposition gebracht, weil sie die Erwachsenengespräche nicht verstehen und von gewissen Erwachsenenaktivitäten ausgeschlossen werden. Dieses Aussenseitertum betrifft dann eine ganze Lebens-phase der Kinder. (Nickel 2008: 9/ Kurpjuhn 2000: 37)

Gemäss Dahrendorf dienen die Aussenseiter in der Literatur verschiedenen Zwecken:

- Sie unterhalten den Leser wegen ihrer faszinierenden Besonderheiten und Auffälligkeiten.[19]
- Sie beeindrucken den Leser, der ihre Charaktereigenschaften und Bega-bungen besitzen möchte.[20]
- Sie wirken identitätsfördernd, denn die Auseinandersetzung mit dem Andersartigen fördert das Nachdenken über die eigenen (nicht-)sozialen Anteile.
- Sie ermöglicht durch diese Auseinandersetzung mit den eigenen (nicht-)sozialen Anteilen eine Stabilisierung der eigenen Persönlichkeit. (Dahrendorf 1995: 3ff.)

Ausserdem kann die Darstellung von Aussenseiterfiguren in der KJL dazu genutzt werden, Normen und Verhaltensmuster der Gesellschaft kritisch darzustellen und zu hinterfragen.(Lange 2005: Kap.4)

Die Aussenseiterproblematik weist also auf jeden Fall auf die reale Welt der jungen Leser hin und wirkt sogar in sie hinein. Sie soll Vorurteile gegenüber Aussenseiter entkräften oder den Kindern in Aussenseiterpositionen Lösungswege aufzeigen und sie ermutigen. (Kurpjuhn 2000: 41) .

2.2 Die Aussenseiterproblematik in der modernen Kinder- und Jugendliteratur

Aussenseiter –als Randfiguren menschlicher Gesellschaft - sind nicht neu in der KJL. (Kurpjuhn 2000: 35). Während in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit hauptsächlich eine „Heile-Welt-Literatur“ für Kinder und Jugendliche vorherrscht, welche eine Flucht aus der schwierigen Realität ermöglichen soll, häufen sich ab den 60er Jahren die realistischen Darstellungen von früheren Tabuthemen, wie z.B. Scheidung, Tod, Arbeitslosigkeit etc. (Wilms 2006: 2)Auch die Aufarbeitung der Kriegsgeschehnisse beginnt in dieser Zeit und dadurch entstehen Geschichten über gesellschaftliche Randgruppen, wie z.B. Juden oder Zigeuner (Wild 2008: 353ff). Joseph Carl Grunds „Rosita das Zigeunermädchen“ aus dem Jahre 1957 kann hier als ein Beispiel unter vielen genannt werden. Es ist aber anzumerken, dass die Aussenseiterthematik auch in dieser Zeit der aufkommenden realistischen Literatur nicht an diese gebunden ist. Phantastische Werke wie z.B. Roger Duvoisins „Der kleine Löwe“ oder in Otfrieds Preusslers „Die kleine Hexe“ mit den respektiven Erscheinungsjahren 1956 und 1957 zeugen davon.

Wie in den einschlägigen Werken zur Literaturgeschichte zurecht unterstrichen wird[21], bildete der gesellschaftliche Wandel des Bildes von Kindheit und Jugend eine Voraussetzung für das Behandeln vormaliger Tabus in der KJL. Kinder werden seit Anfang der 60er Jahre nicht mehr als Wesen wahrgenommen, die in einem „Schonraum“ ohne Konflikte und Probleme aufwachsen. Vor allem im Zuge der 68er Bewegung wird vermehrt problemorientierte Kinderliteratur verfasst, diees den jungen Lesern ermöglichen soll, bei den Konflikten der Gesellschaft, die sie per-sönlich betreffen und die ihrer Erlebenswelt entstammen, mitzudenken.

„Die neue Kinderliteratur ab 1970 ist eine Literatur der kindlichen Gleichberechtigung und reklamiert die allgemeinen Menschenrechte auch für Kinder. Das ihr zugrunde liegende Kindheitsbild hebt auf die Gemeinsamkeiten von Kindern und Erwachsenen ab. Die Betonung der Andersartigkeit von Kindern in der modernen Kinderliteratur vor 1970 wird jetzt als eine zwangsweise Infantilisierung empfunden, die nicht zuletzt auf eine Entmündigung der Kinder hinausläuft.“ (www.kinderundjugendmedien.de)[22] Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht weiter, dass es „besonders in den 70er Jahren scheinbar zum Trend wird, Probleme und Konflikte von Kindern und auch speziell die Aussenseiterproblematik darzustellen.“ (Nickel 2008 : 9).Dass geradeletztere den meisten Kindern bekannt ist, wurde im vorhergehenden Kapitel bereits festgehalten. Klassiker wie Michael Endes „Momo“ (1973), Werke wie Peter Härtlings „Das war Hirbel“ (1973) oderBarbara Reschs „Elefant mit rosaroten Ohren“ (1970), Tilman Röhrigs „Freunde kann man nicht zaubern“, (1981) Herbert Bergers „Der Fremde linksaussen“ (1982) sowieDavid McKees „Elmar“ (1989) zeugen vom regenVor-kommen der Aussenseiterthematik in der KJL der 70er und 80er Jahre. Dabei „richten sich die Kinderbuchautoren in der Regel nach dem Erfahrungsstand der kindlichen Leser, was bedeutet, dass nur die Aussenseiter und ihre Probleme angesprochen werden, die den Kindern bekannt und die für sie nachvollziehbar sind. Durch Aussehen oder Anomalitäten auffällige Personen, wie behinderte, dicke, alte oder kleine Menschen, Brillenträger o.ä. werden ebenso in den Kindertexten als Aussenseiter thematisiert wie ausländische Mitbürger […]. Zudem handeln viele Bücher von Personen, die durch ihre Verhaltensweisen oder ihren Sozialstatus negativ erscheinen. Ein besonders häufig gewähltes Motiv ist der durch einen Umzug neu zu einer Gruppe stossende Aussenseiter […].“ (Kurpjuhn 2000: 39) Es fällt aber wiederum auf, dass die Aussenseiterfiguren nicht nur in realitätsnahen Erzählungen als Menschen, sondern oft auch in phantastischen Werken als Tiere u.ä.vorkommen. Dass problemorientierte Literatur nicht unbedingt realistische Literatur sein muss, haben viele Literaturwissenschaftler bereits aufgezeigt.[23] „ Auch phantastische Texte können Probleme der Wirklichkeit behandeln und trotz oder gerade aufgrund der Phantastik ernste Themen aufbereiten und eine Rückführung aus der phantastischen Welt auf die Realebene ermöglichen.“ (Kurpjuhn 2000:8)[24]

In den 90er Jahren kann man in Bezug auf die Aussenseiterthematik in der KJL keine grundlegenden Änderungen nennen. Zwar lässt sich laut einigen Literatur-experten[25] eine leichte Zunahme der realitätsnahen Erzählungen in der problem-orientierten Literatur verzeichnen, aber das „Aussenseitertum“ kommt auch in den 90er Jahren sowohl in realistischen als auch in phantastischen Werken vor. Diesehr berühmten Textbilderbüchern wieKathryn Caves „Irgendwie anders“ (1994) und Marcus Pfisters „ Der Regenbogenfisch“ (1992) zeugen davon.

[...]


[1] Das Interview wurde am 7.7. 2014 auf youtube hochgeladen. Nähere Angaben zum ersten Ausstrahlungstermin fehlen. https://www.youtube.com/watch?v=Oryisoy1CoM, Interview mit Tanya Stewner bei Kinderbuch-Couch.de, hochgeladen am 07.07.2014

[2] Vgl. Tanya Stewner: Liliane Susewind – Mit Elefanten spricht man nicht. Auf die Thematik der Aussenseiter in diesem Band wird später in dieser Arbeit differenzierter eingegangen.

[3] Vgl. Mailverkehr mit Tanya Stewner im Anhang

[4] Z.B. Interview von newbooksonfilm, auf youtube, hochgeladen am 17.05.2010 oder Interview vom Oetingerverlag zu AleaAquarius, veröffentlicht auf youtube am 16.07.2015, URL-Adressen: https://www.youtube.com/watch?v=enoCkci8Yfw, angesehen am 02.01.2016 https://www.youtube.com/watch?v=4CLGKOelz_I, angesehen am 02.01.2016

[5] Diese bereits 1988 verfasste Arbeit über die phantastische Kinder- und Jugendliteratur besitzt noch heute in vielen Diskussionen zum Thema weitgehende Gültigkeit. Es seien hier z.B. nur zwei Arbeiten erwähnt, die direkten Bezug auf das Werk von Nikolajeva nehmen:O’Sullivan, Emer/ Loidl, Sonja: Phantastische Kinder- und Jugendliteratur, spektrum 04, Stube, Fernkurs Kinder- und Jugendliteratur, Wien, 2015, S. 10 und die Powerpointpräsentation von Marco Prestel im Rahmen eines Symposiums 2010 an der Universität Hildesheim: https://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/2b-dtsc-t-01/user-file/prestel/Vort rag_Wien.pdf

[6] Vgl. andere Modelle nach der Einteilung von Nikolajeva, Maria: The Magic Code. The use of magical patterns in fantasy for children. Stockholm: Almgvist + Viksell International, 1988.

[7] Der Begriff „Kinder- und Jugendliteratur“ wurde von verschiedenen Autoren unterschiedlich definiert. Der Einfachheit halber werde ich in dieser Arbeit die Definition des Grossen Brockhaus befolgen: Kinder- und Jugendliteratur ist ein Sammelbegriff für bildliche und literarische Werke, welche vorwiegend von Kindern und Jugendlichen rezipiert werden. Kinderliteratur richtet sich an Kinder von 0 bis 11/12 Jahre, Jugendliteratur an Jugendliche von 11 bis ca. 17 Jahre. (Der Grosse Brockhaus in zwei Bänden, 2004)

[8] Aus Gründen der Lesbarkeit wird in der ganzen Arbeit der männliche Begriff stellvertretend für weibliche und männliche Figuren gebraucht.

[9] Im Folgenden abgekürzt durch KJL.

[10] Leonie Hildebrand: Die Darstellung von Aussenseitern in problemorientierter Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel der Bilderbücher „Irgendwie anders“, „Der Regenbogenfisch“ und „Pepe Pinguin“, Masterarbeit, technische Universität Dortmund, 2014, Grin Verlag sowie Verena Wilms: Zum Kinderbuch „Hanno malt einen Drachen“ von Irina Korschunov zum Thema „Aussenseiter“, Hausarbeit, 2006, Grin Verlag, um nur zwei von vielen zu nennen.

[11] Die Seiten in Irgendwie Anders sind nicht nummeriert. Es handelt sich um die vierte beschriebene Seite der Geschichte.

[12] In verschiedenen Ausgaben des Dudens der neuen Rechtschreibung bleibt diese Definition gleich. Vgl. z.B. http://www.duden.de/rechtschreibung/Auszenseiter#Bedeutung2, eingesehen am 12.11.2014

[13] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fenseiter, 12.11.2014

[14] Enzyklo.de ist eine manuell zusammengestellte Suchmaschine für Definitionen. Der jeweilige Suchauftrag wird in mehr als 1000 deutschsprachigen Listen gesucht. www.enzyklo.de, 13.11. 2015

[15] Die beiden Beiträge wurden von Enzyklo aus den Werken Meyers Online Lexikon und MSN Encarta Online kopiert, welche nicht mehr länger aufgeschaltet sind. Durch Enzyklo bleiben die Definitionen aber weiterhin zugänglich.

[16] Man vergleiche z.B. die Begriffserklärung im Duden. Auf Ausgrenzung wegen der sozialen oder kulturellen Herkunft oder wegen des Aussehens bezieht sich der Artikel nicht explizit. Die beiden Hauptfiguren in den zu beschreibenden Werken, Liliane Susewind und AleaAquarius, passen genau in dieses Muster, wie später gezeigt werden soll. Auch sie fallen vor allem ihres Verhaltens wegen auf, wie später in dieser Arbeit erläutert werden soll.

[17] Dass sich auch Tanya Stewner dessen bewusst ist, zeigt sie mit der Figur Pia in „Liliane Susewind“.

[18] Dazu gehört auch das Verständnis von Gerechtigkeit/ Ungerechtigkeit. Man vergleiche Aufsätze über Jean Piaget wie z.B. https://beabeablog.files.wordpress.com/2009/06/3406-kap-2-1-1-piaget.pdf, 22.11.2015 oder Grimm, Petra et alteri 2003: 17ff.

[19] Tatsächlich machen gerade die speziellen Fähigkeiten der Hauptfiguren Tanya Stewners Geschichten lesenswert und erhöhen die Spannung.

[20] Wieder auf Tanya Stewners Geschichten bezogen: Der Leser möchte gerne die Fähigkeiten von Liliane und Alea, aber auch ihren Mut und ihre Hilfsbereitschaft besitzen. Es sind starke Figuren mit einem starken, aber liebenswerten Charakter. Vgl. den zweiten Teil dieser Arbeit.

[21] Man vergleiche z.B. Aufsätze von Hans-Heino Ewers und Norbert Pachler, um nur zwei Namen zu nennen.

[22] Es handelt sich um einen Artikel von Professor Ewers auf dem wissenschaftlichen Internetportal für Kinder- und Jugendmedien der Universität Bremen. http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/film/104-mediageschichte/literaturgeschichte/659-paradigmenwechsel-der-kinder-und-jugendliteratur-um-1970, eingesehen am 12.01.2016

[23] Z.B. JuttaKurpjuhn, H. Ewers etc. Vgl. In dieser Arbeit zitierte Werke.

[24] Wie man eine solche Rückführung auf die wirkliche, reale Welt konkret machen kann, zeigen Studienarbeiten wie Martina Vogel: Irgendwie anders – Analyse eines problemorientierten Bilderbuches zum Thema Aussenseiter und Toleranz, Studienarbeit 2002, Grin Verlag und Leonie Hildebrand: Die Darstellung von Aussenseitern in problemorientierter Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel der Bilderbücher „Irgendwie anders“, „Der Regenbogenfisch“ und „Pepe Pinguin“, Masterarbeit, technische Universität Dortmund, 2014, Grin Verlag sowie Verena Wilms: Zum Kinderbuch „Hanno malt einen Drachen“ von Irina Korschunov zum Thema „Aussenseiter“, Hausarbeit, 2006, Grin Verlag. Eine Interpretation der phantastischen Geschichten von Tanya Stewner in einem problemorientierten Sinn ist also nicht abwegig.

[25] Kurpjuhn 2000: 44,

Details

Seiten
26
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668283046
ISBN (Buch)
9783668283053
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338753
Note
Sehr gut
Schlagworte
Kinderliteratur Jugendliteratur Außenseiterfigur Tanya Stewner Leseerziehung Alea Aquarius Liliane Susewind

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