Lade Inhalt...

Die deutschen Verfilmungen des Nibelungen-Stoffes im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Nibelungen (1924)

3. Die Nibelungen (1967)

4. Der Ring der Nibelungen (2004)

5. Siegfried (2005)

6. Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Der Stoff des Nibelungelieds gehört wohl zu den berühmtesten der deutschen Literaturgeschichte. Der Untergang der Burgunden und die tragische Liebesgeschichte zwischen Kriemhild und Siegfried, der von Hagen, dem Gefolgsmann von Kriemhilds Brüdern, hinterlistig und brutal ermordet wird, wurde zahlreich wieder verwendet und rezipiert.

Diese Hausarbeit widmet sich den deutschen Verfilmungen des Nibelungen- Stoffes. Dabei soll herausgestellt werden, wo im jeweiligen Werk der Fokus liegt beziehungsweise wie umfangreich und detailgetreu der Primärtext unseres Proseminars, Das Nibelungenlied, dargestellt und wiedergegeben wird. Dazu werden der Stummfilm Die Nibelungen von Fritz Lang aus dem Jahr 1924, der zweiteilige Film Die Nibelungen von Harald Reinl anno 1967, der 2004 erschienene TV-Film Der Ring der Nibelungen von Uli Edel und zuletzt die Parodie Siegfried aus dem Jahre 2005 von Regisseur Sven Unterwaldt untersucht.

2. Die Nibelungen (1924)

Das monumentale Filmepos Die Nibelungen von 1924 gehört mit beinahe fünf Stunden Spielzeit zur sicherlich aufwendigsten Filmrezeption des Nibelungen- Stoffes. Der Stummfilm wurde in zwei Teile, Siegfried und Kriemhilds Rache, aufgeteilt. Beide Filme sind in sieben Gesänge, die an die Titel der Aventiuren im Nibelungenlied angelehnt sind, gegliedert. Regisseur Fritz Lang wollte in seinem Film nichts weniger als „das geistige Heiligtum der Nation“1 verfilmen. Der Film wurde zu einer Zeit veröffentlicht, als das Selbstbewusstsein des deutschen Volkes durch den verlorenen ersten Weltkrieg und die Schmach durch den Friedensvertrag von Versailles stark beschädigt war. Motive aus dem Nibelungenlied wurden beschworen, sei es der hinterlistige Angriff Hagens auf Siegfried im Vergleich mit der Dolchstoß-Legende oder die vielzitierte Nibelungentreue.2 „Derartige Tendenzen wurden durch das neue Medium des Films breitenwirksam gesteigert.“3

Auch unter heutigen Gesichtspunkten ist es erstaunlich, wenn man die damaligen technischen Möglichkeiten betrachtet, wie fortschrittlich und hochwertig Die Nibelungen von Fritz Lang und seinem Team umgesetzt wurde. Bereits im ersten Gesang kommt es zum Kampf zwischen Siegfried und dem Drachen, weil Siegfried von seinem Lehrmeister Mime auf die falsche Fährte geschickt wurde. Die Spezialeffekte waren zu dieser Zeit avantgardistisch und ermöglichten ein visuell glaubwürdiges Kampfspektakel. Letztlich erschlägt Siegfried den Drachen und badet in dessen Blut. Auch in dieser Szene wurde das Bedecken des Lindenblattes von Siegfrieds Schulter detailgetreu in Szene gesetzt. In den Anfangssequenzen liegt bereits ein großer Unterschied zum Nibelungenlied aus dem 12. Jahrhundert. Dort wird die Geschichte von Siegfried als Drachentöter und Besitzer des Nibelungenhortes nur beiläufig erwähnt.4 Im Film werden jedoch auch die Aneignung des Nibelungenhortes und der Kampf zwischen Siegfried und dem Zwerg Alberich, der eine Tarnkappe besitzt, effektvoll in Szene gesetzt.

Generell bedient sich der Film recht ungezwungen und freizügig an den literarischen Vorgaben des Nibelungen-Stoffes. Drehbuch-Autorin Thea von Harbou begründete diese Vorgehensweise folgendermaßen: „Es war nicht möglich, bei einem Vorbild der Überlieferung zu bleiben, denn die eine oder andere im Bewußtsein des Volkes wurzelnde Erinnerung an den Drachentöter Siegfried, an die Nibelungen und Herrn Etzel hätte dabei zu kurz kommen müssen. Darum verzichtete ich auf die getreue Nachschöpfung einer Überlieferung und bemühte mich aus allen […] das Schönste herauszupflücken und wieder zu einem Ganzen zu verschmelzen.“5

Der Film besticht durch seine malerischen Kompositionen und aufwendigen Massenszenen, auch wenn aus heutiger Sicht die Anordnungen starr und gezwungen wirken. „In beiden Filmteilen scheint die ‚erzählte Zeit’ in den jeweils sieben ‚Gesängen’ zu relativ autonomen Erzählblöcken förmlich zu erstarren.“6 Ziel Fritz Langs war es, vier völlig unterschiedliche Welten nebeneinander abzubilden und jede Einzelne zu ihrem eigenen Höhepunkt zu führen.7 Da wäre zum Einen die Welt von Worms, die höfische Welt mit Gunther sowie seiner Schwester Kriemhild und seinen Brüdern Gerenot und Giselher. Ihr Vasall Hagen wirkt mit seinem riesigen Flügelhelm und seinem grimmigen Gesichtsausdruck mehr als bedrohlich. Worms repräsentiert die höfische Welt mit einer überfeinerten Kultur. Die zweite Welt ist die des jungen Siegfried, der, nachdem ihm sein Lehrmeister Mime nichts mehr beibringen kann, mit einem selbstgeschmiedetem Schwert loszieht und den Drachen erschlägt und durch das Baden in dessen Blute unverwundbar wird - selbstredend bis auf die Stelle, die das Lindenblatt bedeckt. Später eignet sich Siegfried den Nibelungenhort an, als er in einer finsteren Umgebung den Zwerg Alberich besiegt. Dort gelangt auch das Schwert Balmung und die Tarnkappe in seinen Besitz. Nachdem ihn der Zwerg Alberich ein zweites Mal attackiert, tötet Siegfried den Zwerg und dieser und die anderen Zwerge in der Höhle des Nibelungenhortes versteinern. Die dritte Welt ist die von Brunhild auf Isenland. Die Atmosphäre ist kühl bis feindlich, bei der Ankunft von Gunther, der um Brunhild werben will, Siegfried und Hagen. Ein Flammenmeer umgibt die Burg Brunhilds, das jedoch bei der Ankunft Siegfrieds erlischt („Wenn der Stärkste kommt, erlöschen von selbst die Flammen.“). Mit einer List, Siegfried absolviert die geforderten Wettbewerbe Steinstoß, Weitsprung und Speerwurf mit seiner Tarnkappe, wird Brunhild bezwungen und muss mit Gunther zurück an den Wormser Hof reisen und ihn heiraten. Bei dieser Reise gibt sich Siegfried als Gefolgsmann Gunthers aus, der seinen Befehlen horcht. Dieser Umstand hat wie allseits bekannt ist, tragische Ausmaße auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Zu guter Letzt wird die Welt der Hunnen mit ihrem König Etzel von Fritz Lang in Szene gesetzt. Salopp ausgedrückt werden die Hunnen als primitive Hinterwäldler dargestellt, die in schlichten Zelten hausen und in deren Lehmpalast die Vernichtung der Burgunden und die Tötung Kriemhilds geschieht. Kritik an Fritz Langs Die Nibelungen wurde insbesondere wegen der Darstellung der Hunnen laut, „die ausgeprägte Züge des Stereotyps des asiatischen Untermenschen aufweisen“.8 Ursula Schulze spricht in diesem Zusammenhang von einer primitivierenden Verzerrung der Hunnen.9

Zu den starren Grundmustern im Film heißt es bei Heinz-B. Heller: „Derart stilisierte, auf elementare Grundmuster reduzierte tektonische Grundformen grundieren, rahmen und überwölben immer wieder die auffallend statuarischen Filmbilder Langs: die Höhle, der Wald, die Burgen Burgunds, Brunhilds oder Etzels. Was sie voneinander entscheidet, setzt eine überaus künstliche Lichtregie […] in ein strahlendes Hell und finsteres Dunkel.“10 Die immer wieder eingeblendeten Schriften zur Erklärung des Inhalts, bei Dialogen oder bei dem Beginn eines neuen Gesangs weisen auf eine übergeordnete Erzählinstanz hin, die durch den streng gegliederten Film führt. Ein Großteil der Schauspieler dient offensichtlich neben der Kulisse nur als Ornament. So sind im ersten Teil, Siegfried, lediglich Siegfried, Kriemhild, Gunther, Hagen und Brunhild diejenigen, die die Handlung tragen. Hagen und Brunhild werden geradezu als hinterlistige Bösewichte typisiert, die dem Zuschauer von vornherein suggerieren, dass sie für Unfrieden sorgen werden. Gunther ist ein nahezu schwacher König, der sich bei fast allen Entscheidungen von Hagen beeinflussen lässt und durch eine List seiner Frau Brunhild veranlasst, Siegfried trotz vorher geschlossener Blutsbruderschaft von Hagen töten zu lassen („Der mir den Armreif nahm, der nahm mich zum Weibe! Mein Magdtum nahm er mir!“, 5. Gesang). Die Gefahr, die von Brunhild ausgeht, wird durch die Nahaufnahmen ihres schmerzverzerrten Gesichts verdeutlicht, dass sie zur Schau stellt, wenn sie an die Ehe zwischen Siegfried und Kriemhild denken muss. Im vierten Gesang bringt sie ihren Argwohn gegen Siegfried Gunther gegenüber erstmals zum Ausdruck: „Seit wann ist es Brauch unter Königen, daß Sie Königstöchter an ihre Vasallen verschenken?“ Kritiker warfen dem Film vor, dass er unaufhaltsam auf eine Vernichtungsorgie zudrifte und der Zauber des ursprünglichen Nibelungen- Stoffes verlorenginge. So auch Hans Naumann, der „den ‚lichten Ausblick’, d.h. jede Art von hoffnungsgebendem Element im Nibelungenlied […] vermisste.“11 Der Wendepunkt im ersten Film ist ohne Frage der Streit der beiden Königinnen vor der Messe, als Brunhild Siegfried als Gunthers Vasall betitelt und Kriemhild daraufhin Brunhild ihren Armreif präsentiert und sie mit der Wahrheit konfrontiert („Der als Tarnhelmträger in Gunthers Gestalt Dich dreimal besiegte, - Siegfried, mein Gatte, schenkte ihn mir!“). Nachdem Siegfried bei der Jagd von Hagen getötet wird, wird die Leiche Siegfrieds im siebten Gesang vor die Kemenate Kriemhilds gelegt.

[...]


1 Fritz Lang, „Worauf es beim Nibelungenlied ankam“, in: Die Nibelungen (Programmbroschüre) S. 12 f.

2 Vgl. Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart: Reclam 2003, S. 292.

3 Ebd. S. 292.

4 Das Nibelungenlied. Mhd./Nhd., Karl Bartsch et al. Stuttgart 1997. Reclam, S. 34.

5 Thea von Harbou, Programmbroschüre, S. 10.

6 Heller, Heinz B.: „… Nur dann überzeugend und eindringlich, wenn es sich mit dem Wesen der Zeit deckt…“. S. 501.

7 Vgl. Ebd. S. 502 f.

8 Ebd. S. 503

9 Vgl. Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart: Reclam 2003, S. 293.

10 Heller, Heinz B.: „… Nur dann überzeugend und eindringlich, wenn es sich mit dem Wesen der Zeit deckt…“. S. 504

11 Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart: Reclam 2003, S. 294

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668284203
ISBN (Buch)
9783668284210
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338764
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Literaturverfilmung Nibelungenlied Vergleich

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die deutschen Verfilmungen des Nibelungen-Stoffes im Vergleich