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Alfred Schütz und die verstehende Soziologie

Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 21 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Das vereinzelte Ich und die Dürée

3. Die sinnvolle Handlung

4. Deutung und Erfahrung

5. Die Generalthesis des alter ego und das Fremdverstehen

6. Soziale Um- und Mitwelt

7. Möglichkeiten der verstehenden Soziologie (Schlußwort)

8. Literatur

1. Vorwort

Eine Wissenschaft von Gesellschaft, die die Motive der handelnden Subjekte präzise erfassen könnte, würde auf politischer Ebene weitreichende Handlungsstrategien ermöglichen, um den Problemen einer modernen Gesellschaft begegnen zu können. Die Disziplin einer solchen Wissenschaft ist die verstehende Soziologie, Alfred Schütz gilt als einer ihrer geistigen Väter. In Auseinandersetzung mit Max Weber, Henri Bergson und Edmund Husserl hatte er versucht, ein methodisches Instrumentaruim zu entwickeln, mit dem der je meinige Sinnzusammenhang[1] von Handlungen objektiv erfaßt werden kann. In dieser Abhandlung sollen seine zentralen Begriffe erläutert werden, um sich so der Problematik der Sinnverstehens zu nähern. Es soll gezeigt werden, inwieweit nach Schütz ein Zugang zu dem sozialen Objekt aus der Sicht des soziologischen Beobachters möglich ist.

Als Grundlage soll insbesondere das Hauptwerk „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ dienen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Max Weber, Henri Bergson und Edmund Husserl wird dabei nicht erfolgen.

2. Das vereinzelte Ich und die Durée

Ende der 20er Jahre, die deswegen auch die „Bergson-Periode“ genannt wird, setzte sich Schütz mit der Philosophie Bergsons auseinander. Diese galt ihm als Vorarbeit für sein Buch „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“. Die Manuskripte aus dieser Zeit sind in dem Sammelband „Theorie der Lebensformen“ veröffentlicht worden. Der Begriff Lebensformen kann in dieser Arbeit jedoch ohne Auswirkungen unberücksichtigt bleiben, da er vornehmlich auf das vereinzelte Ich abzielt[2], und hier der Sinnbegriff im Zusammenhang mit einem alter ego vorgestellt werden soll. Schütz strebt jedoch bereits in dieser Periode an, „das irrationale Grunderlebnis des Du, aus seiner zugehörigen Sphäre gleichsam [...] in den rationalen Bereich der Wissenschaft zu übertragen.“[3]

Zu diesem Zweck beginnt er seine Untersuchungen bei dem vereinzelten Subjekt und stößt auf die Unterscheidung von Erlebnis[4] und Reflexion. Letzterer ist als Komplementärbegriff zur raum-zeitlichen Welt zu verstehen und gehört zur „Funktion des Intellekts“[5]. Durch sie sind wir in der Lage bezug zu einem alter ego aber auch zu unseren eigenen Erlebnissen zu nehmen.

Demgegenüber steht, analytisch betrachtet, die innere Dauer, auch Durée genannt. In ihr erscheinen die Erlebnisse als unteilbare Einheit, als jenseits von Raum und Zeit, als nicht Quantifizierbar, weil sie eben einem Ich, als Totalität, zugehörig sind. „An Qualität, Quantität und vielleicht auch an Intensität verschieden, an intentionalem Gehalt aufs Vielfältigste differenziert, vereinen sich die Erlebnisse meiner Umwelt dem Erlebnisse meines Ich zu einer vielgestaltigen Einheit, die nicht nur die Einheit meines Bewußtseins (im Sinne der Logik) ist [...], so bleibt dem Erlebnis eines Sommerabends allerdings nur für die Dauer dieses Erlebnisses alles Beobachtbare, Gefühlte, Genossene gleichermaßen und als ein Unteilbares verhaftet.“[6]

Diese Charakterisierungen der Durée implizieren, das jedes Erlebnis zunächst unbewußt, bzw. nicht intentional im Sinne Husserls, aufgenommen wird. Die innere Dauer kann nicht zwischen verschieden Bildern unterscheiden. Sie könnte an jenem Sommerabend nicht die Bedeutung des Sonnenunterganges, die einzelnen Bäume oder ähnliches hervorheben. Schütz selber wählt das Bild einer Geraden, um die Durée zu veranschaulichen, räumt jedoch ein, daß ein solches Bild aufgrund seiner räumlichen Struktur unpassend sein muß.[7] Jedes Erlebnis entspricht dann einem Punkt auf dieser Geraden. Ein intentionaler Zugriff ist jedoch zunächst nicht möglich. „Unsere Dauer ist ein Kontinuum wechselnder Qualitätserlebnisse. Wir können den Fluß unseres Erlebens nicht in Formen zwängen, ohne damit bereits das Reich der Dauer verlassen zu haben. Deren geprägte Form steht lebendiger Entwicklung entgegen. Das Werdende wandeln wir, formend, in ein Sein, das Geformte aber gehört dem Reich der Begriffe, des Seienden und Umgrenzten an. Im Ablauf der Dauer aber gibt es nichts Statisches, gibt es genau genommen nicht einmal ein ‘So und Jetzt’, denn auch die Feststellung des ‘So und Jetzt’ erfolgt eben als Feststellung in der Zeit und beansprucht als Tätigkeit einen Bruchteil der Zeit, indessen meine innere Dauer weiter abläuft.“[8]

Die innere Dauer ist somit als beständige Instanz zu verstehen, die, ihre Plausibilität angenommen, als das eigentliche, metaphysische Ich vorgestellt werden kann. Das Problem das sich jedoch sofort stellt, ist die Frage nach ihrer Konstituierung, nach den Möglichkeit des Zugriffes auf sie. Würde sie als Unbewußtes das Ich kontinuierlich begleiten, wäre sie für das Ich entsprechend ohne Bedeutung.

So korrespondiert, allerdings bereits auf begrifflicher, reflektiver Ebene, der Durée das Gedächtnis. Schütz spricht in diesem Zusammenhang von einem „zurückgewandten Bewußtsein“[9], dem sich die Einzelheiten eines mannigfaltigen Qualitätserlebnisses erschließen. Durch das Gedächtnis werden die einzelnen Erlebnisse registriert und konserviert. Dem begrifflichen Denken erschließt sich auf diese Weise die Kontinuität der je meinigen Dauer.[10] Die rückblickend hervorgehobenen Ereignisse werden jedoch durch die Begrifflichkeiten des reflexiven Aktes verfälscht. Aber nicht nur die Sprache, sondern auch die eigene Dauer des Gedächtnisses bewirkt eine Veränderung der Erlebnisse. So gilt, „daß unser Gedächtnis es ist, welches die Mannigfaltigkeit der inneren Dauer bedingt, und anderseits [...]das unser Gedächtnis mit uns und in unser Dauer sich verändert, kurz, daß es auch dauert.“[11]

So kommt Schütz schließlich zu dem Schluß, daß letztlich nicht die Erlebnisse an sich in der gedächtnisbegabten Dauer festgehalten werden, sondern diese als Symbol. „Unser Gedächtnis hält unsere Erlebnisse, sobald sie entworden sind, nicht unverändert fest, da es selber die Veränderung, die im Entwerden dieses Erlebnisses liegt, hervorgebracht hat und mitgemacht hat. Es bewahrt statt dieses Erlebnisses ein Symbol dieses Erlebnisses auf, das wie jedes Symbol nicht schlechthin absolut ist, sondern nur für ein bestimmtes Jetzt und So Gültigkeit hat. Mit anderen Worten: unser Gedächtnis bewahrt nicht das Erlebnis, sondern dessen Sinn auf, eben den Sinn, den es durch das aus ihm gewordene Jetzt und So erhält.“[12]

Ein erster Sinnbegriff wird aus dem Gesagten erkennbar. In seinem Werk „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ wird an die Erkenntnis aus der Bergson-Periode angeknüpft. Auch hier bekommt die Erinnerung[13] die Funktion, durch Herausnahme einzelner Erlebnisse aus der inneren Dauer, diese als wohlumgrenzte, der begrifflichen Sphäre zugehörige, zu konstituieren. „Wir haben also den unbegrenzten, ineinander übergehenden Erlebnissen im Erleben ihres Ablaufes die wohlumgrenzten, aber abgelaufenen, vergangenen, entwordenen Erlebnisse entgegenzuhalten, welche nicht in der Weise des schlichten dahinlebens, sondern in einem Akte der Zuwendung erfaßt werden.“[14]

Sinn konstituiert sich nach Schütz erst durch diesen rückblickenden, reflexiven Akt, als eine besondere Zuwendung auf die Durée. „Nur für den rückschauenden Blick also gibt es wohlunterschiedene Erlebnisse. Nur das Erlebte ist sinnvoll, nicht aber das Erleben. Denn Sinn ist nichts anderes, als eine Leistung der Intentionalität, die aber nur im reflexiven Blick sichtbar wird.“[15]

Im Ablauf der Dauer, im schlichten Dahinleben und Erleben, bleiben die Erlebnisse einfache Impressionen, die im Gedächtnis aufbewahrt werden. Wende ich mich ihnen zu, bekommen sie einen Sinn, sie werden wohlumgrenzt und ich kann einzelne Eindrücke hervorheben. So wird es z.B. möglich, den Sommerabend aus seiner Mannigfaltigkeit in Einzelheiten zu sondern. Die einzelne Ereignisse bekommen auf diese Weise einen Sinn, der im Dauerablauf nicht gegeben ist.

Wie bereits bei der Erörterung der Gedächtnisfunktion angedeutet, werden die Erlebnisse nicht an sich aufbewahrt und sind somit in der Erinnerung nicht in originärer Weise gegeben. Sie unterliegen attentionalen Modifikationen[16]. Der jeweilige Standpunkt, von dem aus ein Erlebnis erinnert wird, verändert dessen Sinn. „Dadurch konstituiert sich zu allererst jener spezifische Sinn der jeweiligen Erlebnisse, den die verstehende Soziologie im Blick hat, wenn sie von deren gemeintem Sinn spricht. Denn auch ein- und dasselbe identische konkrete Erlebnis erfährt eine Modifikation seines Sinnes, je nachdem von welchem Jetzt und So aus sich die Blickwendung vollzieht.“[17]

Dieser Sinnbegriff bezieht sich zunächst auf das vereinzelte Individuum. Dieses kann sich durch einen spezifischen Bewußtseinsakt seinen Erlebnisse zuwenden, die dadurch einen Sinn erhalten. Nun trifft eine Soziologie in der Realität nicht auf Individuum, die als Rezipient jeweils nur ihre Impressionen in den Blick nehmen können, sondern auf handelnde Individuen, die sich bewußt auf Objekte jeglicher Art beziehen können. Im folgenden muß daher der Handlungsbegriff von Schütz verdeutlicht werden.

3. Die sinnvolle Handlung

Von der Handlung zu unterscheiden, ist der Begriff des Sich-Verhaltens. Entscheidend ist hier, daß Verhalten auf eine spontane Aktivität des Ich zurückgeht. Wenn jemand durch das Wegziehen seiner Hand auf eine heiße Herdplatte reagiert, handelt er aus spontaner Passivität. Verhalten definiert Schütz jedoch, „als durch spontane Aktivität sinngebendes Bewußtseinserlebnis.“[18] Dies impliziert, daß „das sich Verhalten in seinem Ablauf [...] in einer eigenen Weise wahrgenommen [wird, R.B.], und der Gegebenheitsweise der ursprünglichen Aktivität.“[19] Wenn jemand also die Hand vor der Hitze zurückzieht, muß er dies aus einem stellungnehmenden Akt heraus getan haben. Diese Setzung muß für ihn wahrnehmbar sein, wobei selbstverständlich gilt, daß sich dieses Erlebnis, als Urimpression, erst dem rückschauenden Blick als wohlumgrenzte Sinneinheit repräsentiert. Schütz beschreibt das Sich-Verhalten in seinem Ablauf daher als „präphänomenales Bewußtseinserlebnis“[20]. Dieses ist nur als „Sich-Verhalten-haben“[21] dem reflexiven Akt unterscheidbar, während seiner Dauer bleibt es, wie jedes Erlebnis, zunächst unreflektiert.

Dem Handlungsbegriff, der als Unterbegriff des Verhaltens eingeführt wird[22], ist demgegenüber spezifisch „eine auf Zukünftiges gerichtete spontane Aktivität“[23] zu sein. So wie vergangene Erlebnisse erinnert werden können, können zukünftige Erlebnisse vorerinnert[24] werden. Diesem Voreinnern entspricht der Begriff des Entwurfes. Für den Handlungsbegriff bedeutet dies, „daß alles Handeln sich nach einem mehr oder minder expliziten Plan vollzieht, daß ihm also [...] Entwurfscharakter zukommt.“[25] Der Plan geht dabei notwendig dem Handeln voraus. „Jedes Entwerfen von Handeln ist [...] ein Phantasieren von spontaner Aktivität, nicht aber die spontane Aktivität selbst.“[26]

[...]


[1] Der Sinnbegriff steht im Zentrum der Überlegungen von Alfred Schütz. Ihn in seiner Bedeutung für Schütz zu klären setzt jedoch den Umweg über die Begriffe Durée, die Generalthesis des alter ego, soziale Umwelt und Mitwelt u.a. voraus. Die Erläuterung dieser Begriffe wird den Sinnbegriff sukzessive ausbreiten. Ihm muß daher kein gesondertes Kapitel gewidmet werden.

[2] Eine Lebensform meint zwar das Du, dennoch würde es den Rahmen sprengen dieses auf dem Wege über die Lebensformen einzuführen.

[3] Alfred Schütz: Theorie der Lebensformen, Frankfurt 1981, 1. Aufl., S. 83

[4] Der Begriff Erlebnis ist hier bewußtseinphilosophisch im Sinne von Husserl zu verstehen. Die erkenntnistheoretische Frage, wie Außenwelt perzipierbar ist, bleibt für Schütz unbeantwortbar. vgl. Schütz (1981), S. 91 ff.

[5] Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Frankfurt 1991, 5. Aufl., S. 62

[6] Alfred Schütz (1981), S. 79

[7] vgl. ebd., S. 97

[8] ebd., S. 85 ff.

[9] ebd., S. 79

[10] vgl. ebd., S. 88

[11] ebd., S. 89

[12] ebd., S. 103

[13] Schütz unterscheidet von der erinnernden Reproduktion eines Erlebnisses die Retention. Letzere wird in Anlehnung an Husserl als direkter Anschluß an eine Urimpression, als Noch-Bewußtsein bestimmt, die jedoch stetig an Evidenz abnimmt. vgl. Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie, in: E. Husserl: Werke Bd. 5, Hamburg 1992, S. 162 ff.

[14] Schütz (1991), S. 69

[15] ebd.

[16] Diesen Begriff entnimmt Schütz der Philosophie Husserls. vgl. E. Husserl (1992), S. 211 ff.

[17] Schütz (1991), S. 98

[18] ebd., S. 73

[19] ebd.

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] vgl. ebd.

[23] ebd., S. 75

[24] So wie von der Erinnerung die Retention unterschieden wird, unterscheidet Schütz zwischen Voerinnerung und Protention. Diese entspricht einer inhaltsleeren Antizipation der unmittelbaren Nachfolgeerlebnisse eines Jetzt und So. Es wird erwartet das etwas passiert.

[25] Schütz (1991), S. 77

[26] ebd.

Details

Seiten
21
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638120784
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3389
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Schütz Phänomenologie Lebenswelt Verstehende Soziologie

Autor

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