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Herrscher versus Beherrschte. Die Pieds-Noirs zwischen französischen Kolonialinteressen und algerischer Unabhängigkeitsbewegung

von Clara Omag (Autor)

Seminararbeit 2012 19 Seiten

Geschichte - Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Pieds-Noirs: Definition und Begriffsabgrenzung

3. Kolonialinteressen Frankreichs – die Gewaltherrschaft der Pieds-Noirs von ihren Anfängen bis zur Unabhängigkeit Algeriens
3.1 Anfänge der französischen Kolonialisierung
3.2 Herrscher versus Beherrschte – Unterdrückung und Rassismus
3.3 Legitimation kolonialer Gewalt
3.4 Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit
3.4.1 Spannungen und Widerstand – Beginn des Kampfes für Menschlichkeit
3.4.2 Der Algerienkrieg

4. Zwischen Heimat und Fremde – Rückkehr nach Frankreich
4.1 Integrationsmaßnahmen Frankreichs
4.2 Zusammenstoß zweier Kulturen: die Pieds-Noirs und die Franzosen der Metropole

5. Schlussfolgerungen

6. Bibliographie

Sollen wir von den Algeriern verlangen,

daß sie unserem Land dafür danken, daß es ihren Kindern erlaubt hat,

im Elend zur Welt zu kommen,

als Sklaven zu leben

und Hungers zu sterben?

Jean-Paul Sartre[1]

1. Einleitung

Der Kolonialismus war wohl eines der grausamsten Kapitel der europäischen Geschichte. So scheint sich auch Frankreich für seine Kolonialvergangenheit zu schämen und schwieg lange Zeit darüber, besonders über die sozialen Aspekte dieser gewaltsamen Jahre der Unterdrückung. Demnach wurden auch die Pieds-Noirs, die in Zeiten der Kolonialisierung in Algerien lebenden Franzosen, regelrecht aus den Geschichtsbüchern verbannt und von Historiker/innen nahezu ignoriert.[2] Es gibt kaum Literatur zu diesem Thema, wovon der Großteil in französischer Sprache veröffentlicht wurde. Anderssprachige Werke gibt es nur sehr wenige, wobei sich die meisten auf die Geschichte der Pieds-Noirs – wenn überhaupt – nur nebenbei beziehen. Darüber hinaus ist die bestehende Literatur häufig emotional und stellt nicht Fakten, sondern Gefühle in den Mittelpunkt. Etliche Werke basieren auf Interviews mit algerischen Familien oder Personen, die einen Bezug zu der Kolonialisierung Algeriens haben.[3] Daran lässt sich erkennen, dass das Forschungsthema relativ jung ist und die erinnerungspolitische gegenüber objektiver Literatur noch überwiegt.

Die Geschichte der Pieds-Noirs ist zweifellos sehr komplex, da es sich nicht um eine gewöhnliche Nation handelt, sondern um eine Gruppe, die direkt mit der Geschichte Algeriens und Frankreich in Verbindung steht.[4] Jedoch sollen auf den folgenden Seiten nicht einfach Daten und historische Ereignisse aufgelistet, sondern es soll vielmehr ein Überblick über das Leben und die Entwicklung der Pieds-Noirs gewährt werden.

Wie der Titel schon vorwegnimmt, steht das Verhältnis der Herrscher gegenüber der Beherrschten im Mittelpunkt. Das Hauptaugenmerk wird demnach auf die Unterdrückung der algerischen Bevölkerung durch die Pieds-Noirs gelegt, deren Herrschaft in Algerien zu Spannungen und Widerständen führten. Diese gipfelten 1954 im Algerienkrieg, der acht Jahre später mit der Unabhängigkeit des Landes endete.[5] Diese Arbeit hört aber nicht wie so viele Geschichtsbücher mit der Unabhängigkeit Algeriens auf, sondern es wird auch auf die Weiterentwicklung der Geschichte der Pieds-Noirs nach ihrer Rückkehr nach Frankreich eingegangen. So wird hiermit versucht, die Geschichte der Pieds-Noirs im Rahmen dieser Arbeit umfangreich zu beleuchten – von den Anfängen im Jahre 1830 bis heute.

2.Pieds-Noirs: Definition und Begriffsabgrenzung

Eine Bezeichnung für die Franzosen zu finden, die in Zeiten der Kolonialisierung Algeriens in diesem Land gewohnt haben, ist nicht unproblematisch. Können sie Franzosen genannt werden, obwohl viele nie einen Fuß auf das Mutterland Frankreich gesetzt haben? Sind sie vielleicht nur Europäer in Afrika oder doch Algerier, auch wenn sie laut Gesetz französische Staatsbürger waren? Oder kann man sie doch einfach als Kolonisten bezeichnen? Jedoch scheinen all diese Begriffe unpassend, geht es doch um eine ganz spezifische Gruppe, die mit einem eigenen Namen bezeichnet werden muss.[6]

So kam um 1956 der Begriff Pieds-Noirs (dt. Schwarzfüße) auf, der allerdings bis heute noch nicht einheitlich geklärt wurde. Ferner implizierte diese Bezeichnung lange eine negative Konnotation, die erst in den letzten Jahrzehnten langsam verschwand.[7] Auch der Ursprung des Namens ist nicht klar. Hierfür gibt es mindestens zwei Interpretationsmöglichkeiten: Aus Sicht der Algerier waren die Franzosen Pieds-Noirs, da das französische Militär schwarze polierte Schuhe trug; nach Ansicht des Mutterlandes Frankreich hatten die in Algerien lebenden Franzosen sonnenverbrannte Füße, die beinahe schon schwarz waren.[8] Die französische Enzyklopädie Nouveau Larousse encyclopédique definiert den Pied-Noir als „Français d’origine européenne installé en Afrique du Nord, et plus partic. en Algérie, jusqu’à l’indépendance.“[9] Hureau schränkt den Begriff noch weiter ein, indem dieser nur die Algerienfranzosen umfasst, die nicht der muslimischen Glaubensgruppe angehören. Sie als Christen zu bezeichnen wäre nicht angemessen, da sich auch Juden, Freimaurer oder Atheisten darunter befanden.[10] Esclangon‑Morin führt weitere Ergänzungen an und definiert mit dem Begriff Pieds-Noirs nicht nur die in Nordafrika lebenden Franzosen, sondern auch diejenigen, die nach der Unabhängigkeit der nordafrikanischen Staaten wieder nach Frankreich zurückgekehrt sind.[11] Somit trennt sie diesen nicht klar von der französischen Bezeichnung „rapatrié“ (dt. Repatriierter), der nach dem Nouveau Larousse die „Français d’Algérie installé en métropole après l’indépendance de ce pays (1962)“ bezeichnet[12]. Allerdings ist dieser alleine nicht ausreichend, da er sich nur auf die schon zurückgekehrten Algerienfranzosen bezieht und in keiner Verbindung zu ihrem Leben in Nordafrika steht[13].

Wird nun auf den folgenden Seiten der Begriff Pieds-Noir verwendet, vereint er all diese Definitionen und bezeichnet somit die zu Zeiten der Kolonialisierung in Algerien lebenden Franzosen nicht muslimischen Glaubens sowie auch diejenigen, die nach der Unabhängigkeit des Landes wieder in das Mutterland Frankreich zurückkehren mussten.

3. Kolonialinteressen Frankreichs – die Gewaltherrschaft der Pieds-Noirs von ihren Anfängen bis zur Unabhängigkeit Algeriens

Die Kolonialherrschaft Frankreichs in Algerien dauerte 132 lange Jahre. Es war eine Zeit willkürlicher Herrschaft und Unterdrückung. So ist die Geschichte Algeriens und Frankreichs in ihrem Ursprung, ihren Auswirkungen und ihrem Ablauf sicherlich nicht einfach zu erklären.[14] Auf folgenden Seiten wird daher versucht, die Komplexität der Kolonialisierung Algeriens darzulegen und vor allem unter dem soziopolitischen Aspekt Herrscher versus Beherrschte zu beleuchten. Das Ausmaß der weit betriebenen Gewaltherrschaft, die Widerstände und Reformversuche werden erklärt und miteinander in Verbindung gesetzt, so dass die Gründe klar hervortreten, die letzten Endes zum Algerienkrieg und der Unabhängigkeit des Landes geführt haben.

3.1 Anfänge der französischen Kolonialisierung

Am 16. Mai 1830 verließen 500 Schiffe den Hafen von Toulon, um Algerien zu erobern. Zwar hatte die königliche Armee von Karl X. anfangs nicht im Sinn, dieses Land zu kolonialisieren, ließ sich aber von ihren Erfolgen hinreißen und zögerte bald nicht mehr, diese auszunutzen, um das gesamte Land zu unterwerfen. 40 Jahre lang brauchte die französische Armee, Algerien zu „pazifizieren“ und schreckte dabei nicht davor zurück, Grausamkeit walten zu lassen und rücksichtslos alle zu töten, die sich ihnen in den Weg stellten.[15]

Der Auftrag der Europäer war, die Algerier in den Genuss der französischen Zivilisation und in die Vernunft des europäischen Wirkens einzuführen. Dieser Zivilisationsauftrag war allerdings nur ein Deckmantel für die realpolitischen Motive wie finanzielle Interessen und dringend benötigte außenpolitische Siege für den wackeligen Thron der Bourbonen. Der französische Ausweitungsdrang stieß bald auf Widerstand der indigenen Bevölkerung. Die Antwort der Franzosen war eine immer grausamere Eroberungspolitik, die Merkmale eines Vernichtungszuges annahm. Ganze Dörfer wurden zerstört und den Soldaten wurde nach jedem Sieg gestattet, wahllos zu plündern und Frauen zu vergewaltigen. Den Höhepunkt dieser skrupellosen Gier nach Macht bildete der Erstickungstod von 500 Arabern in den Grotten von Dahra, die sich dort vor der französischen Armee versteckt hatten.[16]

1871 wurde Algerien in drei Departements eingeteilt, wodurch alle algerischen Angelegenheiten in den Kompetenzbereich des Mutterlandes fielen; die Verwaltung war nun rein französisch.[17] Demnach konnten die Pieds-Noirs auch Parlamentarier in die Nationalversammlung wählen. Die Assimilierungspolitik verbesserte jedoch die Lage der Eingeborenen nicht.[18] So verharrte Algerien zwischen zwei Fronten und war nun zwar mehr als eine Kolonie, aber weniger als ein Teil des Mutterlandes.[19] Im Folgenden wird das Ausmaß der Gewaltherrschaft und Rassendiskriminierung der Pieds-Noirs genauer beleuchtet. All dies führte nämlich zum Algerienkrieg, dem wohl grausamsten Entkolonialisierungskrieg Frankreichs.

3.2 Herrscher versus Beherrschte – Unterdrückung und Rassismus

Mit der Kolonialisierung Algeriens begann eine Zeit voller Angst und Schrecken. Ein paar tausend Mann, die nur eine kleine ausländische Minderheit darstellte, unterwarfen die zahlenmäßig überlegene afrikanische Mehrheit. Gerechtfertigt wurde diese Ausbeutung durch die gottgegebene Überlegenheit der weißen Rasse, die die afrikanischen Barbaren zivilisieren musste. Gedemütigt und ausgebeutet wurden die Algerier eine Art Minderheit in ihrem eigenen Land, da sie den Europäern sozial, politisch und wirtschaftlich unterlegen waren.[20] Sicherlich waren nicht alle Europäer in Algerien grausame Herrscher. Einfache Farmer teilten das Essen mit den Muslimen und feierten auch gemeinsam Feste. Allerdings war die Angst der französischen Bevölkerung in Algerien vor den meist radikalen Pieds-Noirs in Führungspositionen und dem Militär so groß, dass auch sie nach außen kein Mitgefühl für die Algerier zeigten. So gab es aus kaum offizielle Partnerschaften oder Hochzeiten zwischen Europäern und Afrikaner, um sich nicht in Gefahr zu bringen.[21]

Denn die Araber waren in den Augen der Kolonisten häufig Menschen zweiter Klasse, die es nicht würdig waren, als vollständige Bewohner Frankreichs angesehen zu werden. Sie blieben die Kolonisierten und die Schwachen.[22] So beschrieben die Franzosen die Afrikaner als faule und launische Kreaturen, denen aber wie Tieren durch Härte und Training ein gewisses Maß an Disziplin beigebracht werden könne. Sie müssten misshandelt werden, denn nur so konnte Algerien weiter bestehen. Von einer Behandlung als menschliche Wesen konnte hier keine Rede mehr sein, da mit der ständigen Erniedrigung der Europäer den Eingeborenen letzten Endes die Qualität des Menschlichen abgesprochen wurde.[23] Die Pieds-Noirs hingegen profitierten weitgehend von der Kolonialisierung: Sie erhielten Ackerland, besetzten die Führungspositionen und fungierten als Beamte.[24] Auch im Rechts- und Steuersystem sowie bei der Einkommensverteilung hielten die Franzosen eine privilegierte Stellung inne - das Pro-Kopf-Einkommen der Pieds-Noirs war durchschnittlich fünfeinhalb Mal so hoch wie das der arabischen Menschen.[25]

Darüber hinaus zeigten die Kolonisten wenig Respekt vor den Traditionen und Sitten der Nordafrikaner. Französische Nationalfeste wurden gefeiert, der christliche Kalender wurde eingeführt, Dörfer, Städte und Straßen erhielten französische Namen, man errichtete Kirchen und Kathedralen, manchmal sogar in alten Moscheen, um die muslimische Religion noch mehr zu verspotten. Die Pieds-Noirs gestalteten auch die Politik und die Bildung der Einheimischen. Ursprüngliche Traditionen wurden hingegen nur insofern weitergeführt, als dass sie den Franzosen bei der Kontrolle der Regionen nützlich sein konnten.[26]

Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft spiegelte sich in vielen Lebensbereichen wider. Die sale race der Araber wurde oft als unfähig bezeichnet, ihr Land selbstständig zu verwalten. So beschrieb etwa Jules Roy die Einstellung der Franzosen folgendermaßen:

Die Araber sind eine dreckige Rasse und unser Fehler war, dass wir sie wie Menschen behandelt haben. Sie taugen nichts, man kann ihnen nichts anvertrauen, ohne bestohlen zu werden, sie sträuben sich gegen jeden sozialen Fortschritt und die Erziehung, die wir ihnen geben, dient nur dazu, uns übers Ohr zu hauen.[27]

Die Franzosen setzten sich in den Städten ab und bildeten dort regelrechte europäische Gemeinden. Die Afrikaner jedoch wurden immer weiter zurückgedrängt und wurden zu Ausländern in ihrem eigenen Land.[28]

3.3 Legitimation kolonialer Gewalt

Angesichts der Unterdrückung und Misshandlung der arabischen Bevölkerung wirft sich jedoch die Frage auf, warum die Menschen und auch die Presse so viele Jahre lang über diese grausame Unterdrückung geschwiegen haben.[29] Wie konnten die Pieds-Noirs ihre blutige Unterwerfung rechtfertigen?

Wie bereits erwähnt, diente die Zivilisierungsmission der barbarischen Algerier als Deckmantel für die gewaltsamen Vorgehensweisen. Die Franzosen ermöglichten es den Arabern, in den „Genuss“ der französischen Zivilisation und Vernunft zu kommen. So war Algerien zwar ein Teil Frankreichs, seine Einwohner blieben jedoch Menschen zweiter Klasse ohne Bürger- und Mitbestimmungsrechte. Denn die Algerier unterstanden auch nicht der französischen Rechtssprechung, sondern dem code de l’indigénat, einem willkürlichen Eingeborenenstrafrecht, des unter anderem körperliche Züchtigung, Zwangsarbeit, Kollektivstrafe und Besitzkonfiszierung beinhaltete. Dieses Gesetzbuch wurde zu einem wichtigen Instrument der Herrschaft über die Algerier und zum Symbol einer ungerechten französischen Fremdherrschaft.[30] Algerien stand unter der Kontrolle der Weißen, alle algerischen Angelegenheiten wurden in Paris besprochen und ließen kaum Platz für Mitsprache.[31] „Was unsere berühmte Kultur betrifft – wer weiß, ob die Algerier besonders gierig waren, sie zu erwerben? Fest steht jedenfalls, daß wir sie ihnen vorenthalten haben“[32], so beschreibt Sartre die hoch gepriesene Zivilisationsmission, die letztendlich nur ein Mythos war.

Ein weiterer Widerspruch ergab sich aus dem angeblichen Pazifizierungsauftrag der Franzosen, der jedoch eine radikale Politik der Gewalt umfasste. Diese „Friedensmission“ zeigte sich in Rassismus, Unterwerfung und Vernichtung großer Teile der algerischen Bevölkerung. So war die Anwendung von Gewalt von Anfang an ein wesentliches Element der Herrschaftssicherung. Da man vorgab, dass die Araber nur die Sprache der Gewalt kannten, war es nichts Außergewöhnliches, einen Afrikaner zu schlagen. Um Brutalität noch weiter zu legitimieren, wurde behauptet, dass die Afrikaner weniger schmerzempfindlich und resistenter gegen körperliche Züchtigung seien.[33] Memmi führt das Überlegenheitsgefühl der Europäer, das ihnen diesen als normal betrachteten Umgang mit Gewalt ermöglichte, auf den Schutz der Armee und Luftwaffe zurück, die denen der Algerier überlegen und jederzeit bereit waren, die Kolonialinteressen Frankreichs zu verteidigen.[34]

Darüber hinaus rechtfertigten die Franzosen die Kolonialisierung Algeriens als Bildungsauftrag, ja sogar als göttliche Mission, den Barbaren die französischen Sitten und ihre Moral näher zu bringen. Allerdings war auch dies nur eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. So durfte beispielsweise nur eines von fünf algerischen Kindern die französische Schulbildung genießen, was wiederum dadurch rechtgefertigt wurde, dass die Algerier von Natur aus über eine beschränkte Intelligenz verfügten. Die Franzosen behaupteten, dass die Intelligenz sowie auch andere Merkmale der Rassen berechnet und logisch bestimmt werden konnte. Das Ergebnis war die Überlegenheit der Weißen – eine Rechnung, die trotz ihrer Absurdität und falschen Logik lange Zeit akzeptiert wurde.[35]

Letztendlich waren die Algerier den Franzosen – und nicht zuletzt ihren Waffen – unterlegen und lebten in einer Gesellschaft, in der Rassismus offen erklärt und Gewalt akzeptiert wurde, in einem Land, in dem Elend und Hungersnöte herrschten und unter der Macht eines Volkes, das seine grausame Überlegenheit, die auf seinem politischen Statut basierte, durch willkürliche Ausreden auslebte.[36]

3.4 Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit

Von Anfang an widersetzte sich die algerische Bevölkerung der Unterdrückung durch die Pieds-Noirs. Unruhen, Konflikte und Kämpfe gehörten zum Alltag in Algerien. So begannen sich die Algerier besonders im 20. Jahrhundert zu organisieren, um gemeinsam gegen die Franzosen vorzugehen. Mitspracherecht, Freiheit und Unabhängigkeit waren die erklärten Ziele.[37] Der Mythos der Einheitsbewegung ist allerdings auch kritisch zu hinterfragen, da es auch unter den Muslimen Personen gab, die gegen hohe Geldsummen als Spione für die Pieds-Noirs fungierten.[38] Dieser Aspekt wird in der Literatur jedoch häufig vernachlässigt. So werden im Folgenden nicht nur die Entwicklung des algerischen Widerstands und die Reaktion der Franzosen dargelegt, sondern auch auf muslimische Kollaboration mit den Europäern verwiesen.

3.4.1 Spannungen und Widerstand – Beginn des Kampfes für Menschlichkeit

Wie schon erwähnt, stieß die Benachteiligung auf den Widerstand der Algerier. Dieser äußerte sich nicht nur in einer Reihe von Unruhen zwischen 1916 bis 1936, sondern führte auch zu der Bildung eines algerischen Nationalismus. Ahmed Messali Hadj, Gründer der ersten algerischen Partei, wollte die sofortige Unabhängigkeit, während gemäßigte Nationalisten um Ferhat Abbas zuerst die politische Gleichberechtigung forderten.[39] So schienen diese Bestrebungen auch Anklang zu finden und Reformversuche wurden unternommen. 1937 sollte durch den Blum-Viollette-Plan die Stellung der Algerier verbessert werden. Jedoch scheiterte dieser an dem großen Widerstand der Pieds-Noirs, die dadurch ihre Privilegien gefährdet sahen.[40]

Mit dem 2. Weltkrieg verschlechterte sich die Situation der Algerier zunehmend. Ernteausfälle und schlechte Lebensmittelversorgung erschwerten das tägliche Leben und auch Abbas erkannte, dass die Gleichberechtigung nicht unter der französischen Gewaltherrschaft zu erreichen war. So verfasste er das Manifeste du Peuple Algérien, in dem er sich klar gegen die Assimilierungspolitik stellte und die Unabhängigkeit Algeriens proklamierte.[41] Frankreich erklärte sich nach außen zu Reformen bereit, plante aber eigentlich die Bekämpfung des algerischen Nationalismus und die Wiederherstellung der Kolonialherrschaft. Dies führte zu der gewaltsamen Niederschlagung der Unruhen in Sétif im Jahre 1945, bei der Tausende Moslems ums Leben kamen. Auch die weiteren Reformen, wie das Statut de l’Algérie, das den Algeriern politische Mitbestimmung im Parlament gewährte, waren nur leere Versprechen, denn es konnte weiterhin nichts gegen den Willen der Pieds-Noirs unternommen werden.[42]

In dieser Zeit der politischen und sozialen Stagnation entstand schon 1947 unter der Führung von Ait Ahmed und Ben Bella die Organisation Secrète, die sich auf den Kampf gegen die Pieds-Noirs vorbereitete. Obwohl wichtige Anführer verhaftet wurden, konnte die Bewegung nicht mehr aufgehalten werden. So wurde 1954 die FLN (Front de Libération Nationale) gegründet, die nicht zögerte, Frankreich gewaltsam zum Rückzug aus Algerien zu zwingen.[43]

[...]


[1] Jean-Paul Sartre, Kolonialismus und Neokolonialismus. Sieben Essays, Hamburg 1968, 12.

[2] Joëlle Hureau, La mémoire des pieds-noirs de 1830 à nos jours, Mesnil-sur-l'Estrée 2001, 100.

[3] vgl. u.a. Clarisse Buono, Pieds-noirs de père en fils. Voix et regards, Paris 2004 ; Jacques Duquense, Pour comprendre la guerre d’Algérie, Paris 2001 ; Hureau, Mémoire des pieds-noirs.

[4] Valérie Esclangon-Morin, Les rapatriés d’Afrique du Nord de 1956 à nos jours, Paris 2007, 16.

[5] vgl. Fabian Klose, Menschenrechte im Schatten kolonialer Gewalt. Die Dekolonisierungskriege in Kenia und Algerien 1945 – 1962, München 2009, 97-114.

[6] Buono, Pieds-noirs de père en fils, 7f.

[7] Hureau, Mémoire des pieds-noirs, 7f.

[8] Alistar Horne, A savage war of peace. Algeria 1954-1962, New York 32006, 30.

[9] Nouveau Larousse Encyclopédique. Hg. von Bertrand Éveno. Bd. 2. Paris 2001, 1210.

[10] Hureau, Mémoire des pieds-noirs, 8.

[11] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 16.

[12] Nouveau Larousse Encyclopédique, 1304.

[13] Buono, Pieds-noirs de père en fils, 7.

[14] Hureau, Mémoire des pieds-noirs, 99-101.

[15] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 24.

[16] Klose, Menschenrechte, 97f.

[17] Algerien unterscheidet sich hier von den Marokko und Tunesien, die zwar auch unter französischer Kolonialherrschaft standen, aber als Protektorate ihre eigenen Strukturen bis zu einem gewissen Maß beibehalten konnten.

[18] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 24-29.

[19] Thankmar Freiherr von Münchhausen, Kolonialismus und Demokratie: die französische Algerienpolitik von 1945-1962, München 1977, 31.

[20] Georges Balandier, La situation coloniale : approche théorique, in : Cahiers internationaux de sociologie, 110/1 (2001), 18.

[21] Duquesne, Comprendre la guerre d’Algérie, 197.

[22] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 30f.

[23] Buono, Pieds-noirs de père en fils, 22.

[24] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 31.

[25] Münchhausen, Kolonialismus und Demokratie, 57.

[26] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 31f.

[27] Jules Roy, Schicksal Algerien, Hamburg 1961, 24.

[28] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 32.

[29] vgl. Duquesne, Comprendre la guerre d’Algérie, 136-153.

[30] Klose, Menschenrechte, 100.

[31] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 27-29.

[32] Sartre, Kolonialismus, 14.

[33] Klose, Menschenrechte, 115-117.

[34] Albert Memmi, Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Portraits, Hamburg 1994, 28.

[35] Buono, Pieds-noirs de père en fils, 34-36.

[36] Esclangon-Morin, Rapatriés d’Afrique du Nord, 30f.

[37] vgl. Klose, Menschenrechte, 97-105.

[38] Vgl. Duquesne, Comprendre la guerre d’Agérie, 211-224.

[39] Ebd., 101.

[40] France Tostain, The Popular Front and the Blum-Viollette Plan, in: Chafer Tony/Sackur Amanda (Hg.), French Colonial Empire and the Popular Front. Hope and Disillusion, London/New York 1999, 220-226.

[41] Horne, Savage War, 41-44.

[42] Klose, Menschenrechte, 103f.

[43] Ebd.,74-79.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668287075
ISBN (Buch)
9783668287082
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338994
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Geschichte
Note
1
Schlagworte
Kolonialismus Frankreich Algerien Pieds-Noirs Herrschaft Unabhängigkeit Identität

Autor

  • Clara Omag (Autor)

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