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Neue Formen des indischen Protest. Fallbeispiel Gulabi Gang

Neue Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 29 Seiten

Südasienkunde, Südostasienkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die indische Gesellschaft und die soziale Rolle und Stellung der Frau
2.1 (Einführung und) Gegensatz Stadt und Land
2.2 Die Konstruktion des Patriarchats
2.3 Der Rechtsstaat und Gesetze
2.4 Die Hindu Gesellschaft und Gemeinschaft
2.4.1 Die Hindu-Familie
2.4.2 Die Hindu Ehe
2.4.3. Die Rolle der Frau
2.4.4 Häusliche Gewalt und Missbrauch
2.4.5 Das Kastensystem und die „Dalit“

3. Die indische Frauenbewegung und der indische Feminismus
3.1 Ein Überblick über die indische Frauenbewegung
3.2 Die Feministische Bewegung im 21. Jahrhundert
3.2.1 Überblick
3.2.2 Paradigma „NGOization“
3.3 Ziele und Auswirkungen des indischen Feminismus
3.4 Protestund Arbeitsformen
3.4.1 Vigilantismus
3.5 Kritik an der aktuellen Frauenbewegung

4. Die Gulabi Gang
4.1 Gründerin Sampat Pal Devi
4.2 Der Laufgang der Gulabi Gang
4.3 Ziele und Auswirkungen
4.4 Protestformen
4.5 Chance und Probleme

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„My gang is called the Pink Gang, or Gulabi Gang, and we are a gang for justice. That is because in Uttar Pradesh, the state where I live in India, getting justice is very hard, especially for women. Unlike criminal gangs, we do not rob or kill. We just try to help women who have no one else to turn to (Kahn 2011)“.

Die Rolle bzw. Stellung der Frau in Indien und auch die damit verbundenen Probleme waren und sind seit Jahrzehnten die Gründe für das Bestehen der indischen Frauenbewegung und des indischen Feminismus.

Ein Feminismus der schon eine sehr lange Zeit besteht und sich doch auch in einem steten Wandel befindet.

Und so wie sich unsere Gesellschaft, als auch die indische Gesellschaft ändert, geschieht dasselbe mit dem indischen Feminismuser nimmt neue Formen an.

Doch welche Aspekte der Gesellschaft haben das Entstehen einer Frauenbewegung notwendig gemacht? Welche Rolle hat die Frau in der Gesellschaft? Inwieweit finden sich regionale Unterschiede? Welche Auswirkungen hatte die indische Frauenbewegung? Wie arbeitet sie aktuell? Was ist problematisch an der indischen Frauenbewegung? Wer oder was ist die Gulabi Gang? Wie arbeiten sie und mit welchen Zielen? Kann man sie als soziale oder Frauenbewegung bezeichnen? Was für Potential hat diese Gruppe oder ist es nur ein aktuelles Phänomen?

Diese Fragen habe ich mir unter anderem gestellt und werde sie in dieser Hausarbeit beantworten.

Dabei möchte ich auf neue Formen des indischen Feminismus und der indischen Frauenbewegung eingehen, insbesondere auf die Bewegung der Gulabi Gang.

Zu Beginn werde ich auf die Aspekte der indische Gesellschaft und der soziale Stellung der Frau eingehen, welche relevant sind für meine Hausarbeit, in Bezug auf die indische Frauenbewegung und die Gulabi Gang.

Im zweiten Teil werde ich einen Überblick über die Entwicklung der indischen Frauenbewegung geben, sowie auf die aktuelle Situation als auch Instrumente, Ziele und Kritik eingehen.

Im dritten Teil gehe ich auf die Bewegung Gulabi Gang ein. Ich werde ihr Entstehen darlegen, ihre Ziele und Handlungsweisen. Daraufhin werde ich auf die Chancen als auch Probleme dieser Gruppe im Bezug zu den ersten beiden Teilen meiner Hausarbeit erörtern und ein Fazit ziehen, als auch eine Prognose für die Zukunft geben.

2. Die indische Gesellschaft und die soziale Rolle und Stellung der Frau

Die vorliegende Hausarbeit wird einen Überblick über die, für die Fragestellung relevanten Aspekte der indischen Gesellschaftsstruktur geben, als auch auf die Stellung der Frau und die dabei vorhandene bzw. entstehende Problematik eingehen.

2.1 (Einführung und) Gegensatz Stadt und Land

Seit der indischen Unabhängigkeit 1947 ist die Modernisierung in Indien stark fortgeschritten. Dennoch gibt es immer noch eine Reihe sozialer und politischer Unzulänglichkeiten im Vergleich mit den Menschenrechten, und viele tief verwurzelte traditionelle, religiöse und kulturelle Werte, welche damit zusammenhängen und teilweise sogar die Ursache. Im Folgenden, wird das weiter ausgeführt.

Indien hat extreme ökonomische Fortschritte gemacht, als auch Reformen durchgeführt, welche ihren Ruf als aufstrebendes Industrieland fördern. 31% der Inder_innen leben in städtischen und 69% in ländlichen Gebieten.

Die indische Gesellschaft hat eine starke Gegensätzlichkeit im städtischen und ländlichen Lebensstil. Ein Großteil der ländlichen Bevölkerung verbringt sein komplettes Leben in einem geographisch begrenzten Gebiet. Dort herrscht ein niedrigeres Bildungsniveau, eine höhere Armutsrate, als auch Sterblichkeitsund Geburtenrate im Vergleich zu Gebieten, wo die Urbanisierung viele positive Auswirkungen hatte.

In ländlichen Gebieten haben kulturelle und religiöse Traditionen noch immer eine enorme Bedeutung. Diese begünstigen die dort existierende ungleiche Verteilung von politischer und wirtschaftlicher Macht, Bildung und Gesundheit und beeinflusst die Rolle und Stellung der Frau (vgl. Miller 2013).

2.2 Die Konstruktion des Patriarchats

Die indische Gesellschaft ist schon sehr lange hierarchisch, mit der Kultur des Verzichts zugunsten des großen Ganzen (vgl. Chitnis 2014). Familie ist die klassische Bastion des Patriarchats, welche tief in die sozialen Werte eingebunden ist.

Dem Staat fällt dabei die Aufgabe des Schutzes der Bürger zu, vor allem der Frauen und ihrer Ehre. Diese Ehre wird durch die indische Form der Familie und vor allem Ehe bewahrt, daher ist die oberste Aufgabe des Staates der Schutz der Familie. Die Frau sollte sich, um diesen Schutz zu halten, im Rahmen ihrer Familie befinden. Staat und Familie sind somit stark von Konventionen geprägt, aber als Einzelpersonen Teil des Systems und damit tief verwurzelt in ihren Vorstellungen von Werten und Normen. Diese Argumentation lässt sich auf den „männlichen Izzat (Ehre) Strang“ zurückführen. Der „feministische Azadi (Freiheit) Strang“, fordert die Freiheit von Angst, Patriachat und Frauenfeindlichkeit. Befürworter dieses „Stranges“ argumentieren, dass die Staatsmacht sich durch strukturelle Gewalt gegen Frauen, andere Kasten oder Gemeinschaften legitimiert und diese Gewalt als Repräsentation von Macht dient. (vgl. Roy 2014).

Die indische Gesellschaft ist durch viele Mythen und Religionen geprägt, was die hierarchische Form sowohl von Kaste, Klasse als auch Gender stark beeinflusst hat.

In dem neuen unabhängigen, postkolonialen Indien hatte die Frau vor allem die Aufgabe der Sicherung der Nachkommenschaft. Gleichzeit sollte sie auch an den verschiedenen ökonomischen, politischen, nationalen und militärischen Auseinandersetzungen teilnehmen.

In dem Großteil der religiösen Schriften des Hinduismus ist die Kontrolle der Frau durch den Mann vorgesehen, welche die Basis für die „Personal Laws“ formen (s. 2.3.1).

In Indien findet in der Gesellschaft eine Trennung des öffentlichen, innerhalb des Einflusses des Staates, und privaten Bereiches, außerhalb des Einflusses des Staates statt (vgl. Bagchi 1995).

Während der Kolonialherrschaft entstand eine nationale Bewegung gegen die koloniale Intervention in die Familienund Geschlechterbeziehung, da dies der einzige Bereich war, welcher frei vom Einfluss der kolonialen Regierung Indiens war. Diese Sorge des Eindringens des Staates in den privaten Bereich, wirkt noch heute in Indien nach (vgl. Miller 2013).

Die Frau wurde dabei nur mit den häuslichen Dimensionen identifiziert und die soziale Wertung ihrer Arbeit blockiert, um ihren Status als rein reproduktiv, statt produktiv zu verfestigen, mit einer Heirat als einzige Sicherheit generierende Institution (vgl. Bagchi 1995).

2.3 Der Rechtsstaat und Gesetze

Am 23.2.2008 gab es eine Auseinandersetzung zwischen dem indischen Präsident und dem obersten indischen Richter. Der Präsident machte dabei die Gerichte und ihre verspäteten Urteile für das nicht funktionierte juristische System Indiens verantwortlich. Der oberste Richter wiederum argumentierte, dass das Problem an einem Defizit der Regierung liege. Parallel dazu gab es vermehrt Vorfälle von Vigilantismus.

Sicherheit, als auch Zugang zum juristischen System und faire Behandlung sind gerade für die ärmeren Teile der Bevölkerung essenziell, da gerade sie vermehrt Opfer von kriminellen Handlungen sind. Die Regierung geht hier Konflikten teilweise aus dem Weg, in dem sie diese zum Teil in die Zivilgesellschaft verlagert (s. 3.4.1). Folgend kritisiert der Staat die Selbstjustiz der Bürger, und diese den Staat für die mangelnde Umsetzungskraft der Gesetze (vgl. Sundar 2010).

Hinzu kommt, dass es in Indien zwei „Formen“ von Gesetzten gibt: Das offizielle Grundgesetz und die Verfassung des Staates, welche_s für jede_n individuelle_n Bürger_in gilt, aber auch die so genannten „Personal Laws“ welche nur in bestimmten Gesellschaftsgruppen greifen, und damit die verschiedenen Kasten oder Religionen und damit die Bedeutung dieser einzelnen Gemeinschaften als auch deren Traditionen hervor heben. Diese wurden während der Kolonialzeit gefestigt und sicherten die Beziehung zwischen Mann und Frau als auch die verschiedener Gesellschaftsgruppen innerhalb und untereinander, und damit den Einfluss der Kolonialherrschaft in diesem Bereich zu minimieren und bestehen bis heute (vgl. Hasan 1994). Diese „personal Laws“ beschreiben die Frau als untergeordnet, sexuell passiv und sexuellen Eigentum des Mannes. Die Vergewaltigung innerhalb der Ehe zum Beispiel wird sowohl vom Kriminalals auch Zivilrecht geduldet und indirekt legitimiert, da diese auch die Überordnung des Mannes legitimieren (vgl. Gangoli 2007).

Die hierarchische Situation zwischen Mann und Frau wird vom Grundgesetz nicht angegangen, da es eine Art gesellschaftliche Übereinkunft ist und auch in vielen „Personal Laws“ festgeschrieben ist. Es scheint sogar so, als wäre die Familie eine Art rechtsfreier Raum, in welchen der Staat sich weigert einzugreifen. (vgl. Sneha 2014).

Insgesamt kann man sagen, dass in der indischen Gesellschaft strukturell Gewalt gegen Frauen ausgeübt wird, bestärkt durch Gesetze die sie nicht vollkommen schützen, und eher die begünstigen, welche die Gewalt ausüben und aus den oberen Kasten stammen (vlg. Gangoli 2007).

2.4 Die Hindu Gesellschaft und Gemeinschaft

2.4.1 Die Hindu-Familie

Vor allem im ländlichen Bereich wird die Trennung von privatem und öffentlichem Bereich noch stärker gelebt und gefordert.

Die Struktur der Familie hängt eng mit der eigenen Kaste zusammen. Die Familie ist die Basis des sozialen Lebens und die Institution für die „Personal Laws“, und damit auch verantwortlich für die Restriktionen untern denen Frauen in der Familie leben müssen. Da in dem Leben der Frau, die „erweiterte Familie“, also der Haushalt in dem die Frau später lebt, wichtiger ist als die ursprüngliche Familie, werde ich mich im Folgenden auch darauf beziehen (vgl. Madan 1993).

2.4.2 Die Hindu Ehe

Das Konzept von Ehre und von ehrenhaftem Verhalten ist ein allgemein anerkanntes Konzept, als Basis der Gesellschaft. „Izzat“ bezeichnet dabei die Ehre im Körper der Frau. Die Ehre eines Mannes wird durch seine Fähigkeit, die Ehre der Frau zu schützen und diese zu kontrollieren, erhalten. Daher sieht sich der Mann für alle Entscheidungen der Frau verantwortlich, da die Angst präsent ist, dass mit einer Fehlentscheidung die Ehre verloren gehen könnte. Gleichzeitig wird die Ehe als Schutz für die Frauen vor Übergriffen betrachtet. Daher steht jede Frau, egal welches Alters, unter der Vormundschaft eines männlichen Familienmitglieds. Es gibt somit keine freie Partnerwahl in Beziehungen, da nicht ohne Zustimmung der Familie geheiratet werden kann, und die arrangierte Ehe immer noch weit verbreitet ist.

In patrilinearen Gemeinschaften herrscht ein kulturelles Verständnis von Ehre als ideologische Grundlage für die Legitimation der grundsätzlichen Struktur der Familie und der Vererbung aller Ressourcen. Unehrenhaftes Verhalten, wie auch eine Vergewaltigung führt zur Stigmatisierung der Familie und im Extremfall zum Mord als einzige Möglichkeit, Schande zu entfernen.

Ehe und Fortpflanzung sind somit soziale Angelegenheit, und die Liebe ist von der Institution Ehe getrennt, da die Ehe nur für die Fortpflanzung und den Erhalt der Familie, nicht aber für die Befriedigung verschiedener Bedürfnisse da ist. Die hinduistische Idee von Familie und Ehe wird als allgemeine Pflicht wahrgenommen, und setzt Eltern damit unter Handlungsdruck.

Umso niedriger die Kaste ist, umso wichtiger wird das Prinzip der Ehre.

Die Erwartungen der Gesellschaft bestimmen damit das Verhalten, da familiäre und soziale Pflichten erfüllt werden möchten und müssen (vgl. Chowdhry 2007).

Auch Kinderheiraten finden, gerade in den ländlichen Gegenden von Nordindien, häufig statt. Diese haben jedoch häufig fatale Konsequenzen für die Kinder und viele der jungen Frauen sterben bei der Geburt ihres ersten Kindes (vgl. Cobridge, Hariss, Jeffrey 2013).

Die Mutterschaft führt bei Frauen sowohl zu Macht als auch Machtlosigkeit. Gerade der Vorwand der mütterlichen Verantwortung wird genutzt um Frauen von Macht, Autorität, Entscheidung und Teilnahme am öffentlichen Leben fernzuhalten, und damit dient die Mutterschaft als Instrument zur Unterordnung der Frau. Die Existenz der Frau wird nur durch ihre Rolle als Mütter begründet.

In einer patriarchalischen Gesellschaft wird der Mann auch in der Reproduktion als Überlegen angesehen, als „Saatgeber“ auf einem „Feld“, welches die Frau darstellt. Laut dieser Logik, ist das Produkt Eigentum des Saatgebers, daher muss auch das Feld seines sein (vgl. Banerjee 1995). --à Maithreyi Krishnaraj – Motherhood

Ein wichtiger Teil der Heirat ist die Mitgift (Dowry), wenn auch seit 1961 offiziell verboten. Hierbei wird eine konkrete Form von bewegbarem Besitz dem heiratenden Paar oder der Familie des Ehemanns übergeben. Die Zahlung wird als Form von Entschädigung für die Aufnahme eines weiteren, nicht produktiven Mitglieds, der Ehefrau, in die neue Familie gezahlt (vgl. Sharma 1993).

2.4.3. Die Rolle der Frau

Wenn man über Frauen in der indischen Gesellschaft schreibt, ist es wichtig den Begriff Intersektionalität in Bezug auf Frauen zu beachten, also die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, und die damit verbundene, instabile, kontextabhängige Identität. In Indien bezieht sich das vor allem auf die Kategorien Geschlecht, Religion und Kaste. Daher ist es auch wichtig, die Rolle der Frau lokal zu betrachten. Außerdem muss man immer die Perspektive der Gemeinschaft betrachten, also nicht nur die individuelle Frau, sondern ihre Integration in Nation und Gesellschaft (vgl. Menon 2015).

„All women constitute a class“ (Bhoite, 1995,p.3)

Indische Frauen haben in der Regel einen niedrigeren sozialen Status, weniger Macht und weniger Bildung als Männer. Vor allem Frauen der unteren Kaste, leiden unter Missbrauch und Ungleichheit und ihrem noch niedrigeren sozialen Status. Der Kern der Problematik liegt darin, dass Frauen kulturell bedingt als minderwertiger gesehen werden und auch nationale Regierungskampagnen wenig ändern konnten. Ein weiteres Problem, ist die mangelnde Umsetzung der Gesetze zum Schutz der Frauen. Hinzukommt, dass es als kritisch angesehen wird, wenn Frauen aus der gegebenen Rolle ausbrechen möchten.

Vor allem in den ländlichen Gebieten Nordindiens, werden Söhne stark bevorzugt und gewollt.

Ein wichtiger Grund ist die Zahlung der Mitgift (Dowry)und die Last alle Töchter an Familien mit höherem Status verheiraten zu wollen und Allianzen zu bilden. Bedingt durch die Landwirtschaft sind für die Arbeit Söhne notwendig. Außerdem zieht die Frau zu der Familie ihres Ehemanns, und kann nicht die Altersversorgung ihrer Eltern gewährleisten. Auch die Erbschaftslinie ist patrilinear d.h. es wird nur an Männer vererbt. Letztendlich ist der Mann sowohl in seiner Rolle als Vater, Sohn und Ehemann gleich wichtig, die Frau aber nur in ihrer Rolle als Schwiegertochter und Mutter unentbehrlich (vgl. Kaur 2008).

Gesellschaftlich sind verschiedene Aktivitäten für Männer und Frauen vorgesehen. Die Frau erhält weniger Bezahlung, weniger Mittel zur Investition, macht weniger produktive Arbeit und bekommt weniger Chancen für individuelle Initiative (vgl. Banerjee 1995). Frauen sind von Männern abhängig, da sie nicht genug verdienen und Geld nicht selbst verwalten können oder dürfen (vgl. Sharma 1993).

Die politische Mitbestimmung als auch das Interesse daran sind gestiegen, dennoch sind Frauen in der Politik immer noch in der Minderheit (vgl. Cobridge, Hariss, Jeffrey 2013).

2.4.4 Häusliche Gewalt und Missbrauch

Gerade in Uttar Pradesh sind Frauen in Bezug auf Status und Macht stark benachteiligt, und aufgrund dessen häufig Opfer von Gewalt. Der Staat hat die höchsten Raten an „Dowry Deaths“, häuslicher und sexueller Gewalt. Außerdem haben Frauen, nachdem Sie Opfer von Gewalt wurden, kaum Zufluchtsorte. Häufig wird Gewalt angedroht um eine höhere Dowry zu bekommen bzw. die Verhandlungen zu beeinflussen. Extreme Formen sind die so genannten „dowry related deaths“.

Faktoren für häusliche Gewalt sind der teilweise große Altersunterschied (jüngere Frau), ungleiche_n Bildung, Status, Prestige, finanzielle Mittel, eingeschränkte Mobilität, weniger Kontrolle über Ressourcen, und die Toleranz von Frauen gegenüber Gewalt, denn auch sie sind in traditionelle Denkmuster eingebunden (vgl. Mogford 2011).

Ein Hauptproblem ist das Thema der Vergewaltigung: Sampat Pal Devi sagt in ihrer Biografie:

„Worse, if a woman is raped, it's her fault. The police refuse to record her complaint. If she's raped by a married man, she's still the guilty party. Social sanctions bear no relation to legal sanctions.“

(Bethod, 2008/2012, pp. 80-81)

2.4.5 Das Kastensystem und die „Dalit“

Das Kastensystem besteht seit über 2000 Jahren, wenn auch die eigentliche Entstehung unklar ist. Dennoch ist es mit dem Hinduismus, welchem 80% der Inder_innen angehören, durch den alten Text Veda verbunden, welcher eine wichtige Rolle im Hinduismus spielt und eine soziale Hierarchie, ähnlich dem Kastensystem abbildet. Religiöse Prinzipien und Traditionen prägen damit Gesellschaft und Leben (vgl. Miller 2013).

Die Vedas haben die Hindu Gesellschaft in 4 verschiedene Kategorien oder Varnas eingeteilt, welche mit bestimmten Beschäftigungen verbunden sind. Die Brahman (Priester), Kshatriya (Führer und Kämpfer), Vaishya (Händler) und Sudra (Diener). Die Varnas selber bestehen aus tausenden verschiedenen Kasten. Es gibt eine weitere Kategorie welche aber in dem Varna Schema nicht enthalten waren, die „Unberührbaren“, oft auch als „Outcast“ bezeichnet, deren Beschäftigung als unrein wahrgenommen wird. Laut dem Hinduismus ist es unmöglich im Leben in der Hierarchie aufzusteigen. Das Kastensystem, als Basis der Gesellschaft lebt von der Dichotomie von Brahmin und den Unberührbaren, von Reinheit und Verschmutzung (vgl. Mendelsohn, Vicziany 1998).

Vor allem in den ländlichen Gegenden ist das Kastensystem noch immer weit verbreitet und es existiert ein starkes Abhängigkeitsverhältnis, als auch der Glaube, dass Kontakt zu niedrigeren Kasten, insbesondere den „Unberührbaren“ zu Verschmutzung führt. Aktuell hat das Kastensystem weniger mit der Beschäftigung, als mehr mit der sozialen Position zu tun, was zur Ausbeutung der unteren Kaste führt. Die Bezeichnung der „Unberührbaren“ wurde durch „Dalit“ ersetzt. Dalit bedeutet „broken“ und beschreibt damit die Unterdrückung und repräsentiert gleichzeitig die kollektive Identität und potentielle Macht sich selbst davon zu befreien (vgl. Miller 2013).

Viele der Dalit sind heute von Armut und Diskriminierung, und zum Teil sozialer Unterdrückung, betroffen (vgl. Mendelsohn, Vicziany 1998). Trotz eines Gesetzes im Jahre 1950 geht noch immer Gewalt vor allem von den oberen Kasten aus. Zwischen 2000 und 2007 haben 27 Gewalttaten pro Tag in Indiennstattgefunden (vgl. Miller 2013). Ein Hauptproblem ist, dass sie auch nach den Landwirtschaftsreformen zu wenig Land zugeteilt bekommen haben, um damit wirklich arbeiten und ihre Familie ernähren zu können. Infolgedessen haben sie ihr Land an Großbauern verloren. Doch Landbesitz bedeutet auch soziale und politische Macht, und daher haben viele Dalit keinen Einfluss auf lokale, politische Institutionen (vgl. Mendelsohn, Vicziany 2013).

„Not only it is a curse to be a Dalit, but it is just as difficult being a women“ (Sen, 2012, p.3f)

Gerade die Intersektionalität bei Frauen unterer Kasten ist problematisch, dennoch gibt es keine Widerstandsbewegung, welche beides vereint.Die diskriminierende Natur des Kastensystems ist teilweise anerkannt und umstritten, aber schwer aus der Gesellschaft zu entfernen, da die Wurzeln im Hinduismus und alten Texten des Hinduismus liegen, welche die Basis für einen Großteil der Gesellschaft sind (vgl. Miller 2013).

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Details

Seiten
29
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668289772
ISBN (Buch)
9783668289789
Dateigröße
910 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339382
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Vergleichende Entwicklungs-und Kulturforschung mit Schwerpunkt Südostasien
Note
2,0
Schlagworte
neue formen protest fallbeispiel gulabi gang chancen möglichkeiten herausforderungen

Autor

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