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Wieso kommt es immer wieder zur Neuübersetzung von Klassikern?

Eine kritische Analyse am Beispiel von Shakespeares "Hamlet"

von Clara Omag (Autor)

Seminararbeit 2010 20 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Definitionen und Begriffsabgrenzung
1.1. Neuübersetzung
1.2. Relaisübersetzung
1.3. Rückübersetzung
1.4. Hypothese zur Neuübersetzung
1.4.1. Bermans Theorie zur Neuübersetzung
1.4.2. Gambiers Theorie zur Neuübersetzung

2. Gründe für Neuübersetzungen
2.1. Alternde und große Übersetzungen
2.2. Gesellschaftswandel und wandelnde Translationsnormen
2.3. Neuinterpretation als Grund für Neuübersetzungen
2.4. Weitere Gründe für Neuübersetzungen

3. Gründe für die Neuübersetzung Shakespeares
3.1. Kulturelle Bedeutung Shakespeares
3.2. Schwierigkeiten der Shakespeare-Übersetzung

4. Neuübersetzungen Shakespeares im deutschen Sprachraum
4.1. Wielands Shakespeare-Übersetzung
4.1.1. Prosaübersetzung
4.1.2. Willkürlichkeit: Auslassungen und Komprimierung
4.1.3. Wandelndes Bild Shakespeares
4.2. Schlegels Shakespeare-Übersetzung
4.3. Frieds Shakespeare-Übersetzung
4.3.1. Unachtsamkeiten und Übersetzungsfehler Schlegels
4.3.2. Überholte Sprache
4.3.3. Schlegels Euphemismen
4.3.4. Frieds Streben nach absoluter Treue

5. Schlussfolgerung

Bibliographie

0. Einleitung

Schlägt man in den großen Universitäts- und Landesbibliotheken die Namen großer AutorInnen nach, so stößt man dabei sehr schnell auf eine Vielzahl von Übersetzungen. Immer wieder werden Werke neu aufgelegt und übersetzt, die meisten davon sind Klassiker der Weltliteratur. Angesichts einer solch großen Anzahl von Übersetzungen eines einzigen Werkes stellt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt erforderlich ist, immer wieder Neuübersetzungen derselben Klassiker in Auftrag zu geben. Sollte nach einer gewissen Zahl von Neuübersetzungen nicht so etwas wie eine endgültige Version einer Übersetzung entstehen, die als vollkommen gelungen angesehen werden kann? Die großen Klassiker der Weltliteratur werden nach wie vor neu übersetzt, da sie noch immer eine große Anziehungskraft auf Verlage und ÜbersetzerInnen ausüben. Immer wieder werden Neuauflagen von bereits häufig neu übersetzten Werken herausgegeben, oftmals sogar in sehr kurzen Abständen. Häufig wird in der Fachliteratur eine Übersetzung nur als eine Annäherung an das Original gesehen und ist so bloß als vorläufig gültige Übersetzung zu betrachten. Demnach ist eine Übersetzung immer nur als eine Auslegung eines Werkes zu sehen und Originale sollten daher von Zeit zu Zeit neu ausgelegt werden (vgl. Albrecht 1998:101ff.).

Das Ziel dieser Seminararbeit ist es nun, die verschiedenen Gründe, die am häufigsten für die Notwendigkeit von Neuübersetzungen angegeben werden, zu benennen und zu erklären. Es sollen auch zwei Theorien zur Neuübersetzung vorgestellt werden, die immer wieder in der neueren Fachliteratur zu theoretischen Zwecken herangezogen werden. Anhand eines Klassikers der Weltliteratur sollen dann einige dieser Gründe verdeutlicht werden. Als Beispielwerk wird hierzu Shakespeares Klassiker Hamlet im Original als auch in drei verschiedenen Übersetzungen bzw. Neuübersetzungen von Wieland, Schlegel und Fried verwendet. Die Wahl fiel auf Shakespeare, da seine Werke auch heute noch international gern gelesen und als bedeutend angesehen werden (vgl. Delabastita 2008:263f.).

Die Gründe für Neuübersetzungen, insbesondere von Klassikern, sind vielfältig . Daher wurden einige Gründe, die in der Literatur häufiger genannt werden und als wichtig erscheinen, genauer besprochen als andere. Natürlich wurde diese Auswahl auch von persönlichen Empfindungen geleitet, sie ist jedoch auch durch die theoretische Fachliteratur gestützt. In der Seminararbeit wird nicht durchgehend von Neuübersetzungen von Klassikern gesprochen, es sei hier aber vermerkt, dass fast nur Klassiker der Weltliteratur immer wieder neu übersetzt werden. Wenn daher von Neuübersetzungen die Rede ist, wird hauptsächlich auf die von bedeutenden literarischen Werken Bezug genommen.

1. Definitionen und Begriffsabgrenzung

Durch die Beschäftigung mit dem Thema Neuübersetzung werden unweigerlich andere, zusätzliche Begriffe aufgeworfen, die im allgemeinen Sprachgebrauch oft als Synonyme für Neuübersetzung Verwendung finden. Die häufigsten dieser Begriffe sind wohl Relaisübersetzung, Rückübersetzung und indirekte Übersetzung. In der Translationswissenschaft wird allerdings zwischen diesen verschiedenen Begriffen sehr wohl unterschieden.

1.1 . Neuübersetzung

Laut Şehnaz Tahir Gürçağlar (20082:233) bezeichnet der Begriff retranslation, also Neuübersetzung, im Normalfall die Übersetzung eines, zumeist literarischen, Textes, von welchem zumindest bereits eine Übersetzung in derselben Zielsprache existiert. Der Begriff bezieht sich aber nicht nur auf den Akt des Übersetzens, sondern genauso auf den daraus resultierenden, neu übersetzten Text. Diese Definition unterscheidet sich allerdings grundlegend von der Definition Almbergs (1997:925). Hier findet der Begriff retranslation Anwendung als Überbegriff, der in drei Kategorien unterteilt werden kann, nämlich in back translation , indirect translation und new translation (oder multiple translations). In diesem Fall entspricht new translation der oben genannten Definition von Neuübersetzung. Als Beispiel werden die immer häufigeren Übersetzungen der Bibel ins Englische angeführt. Wenn also in dieser Arbeit von Neuübersetzung die Rede ist, so geschieht dies im Sinne der Definition von retranslation von Gürçağlar und von new translation von Almberg.

1.2. Relaisübersetzung

Unter Relaisübersetzung wird die Übersetzung eines bereits übersetzten mündlichen oder schriftlichen Textes in eine dritte Sprache verstanden, also zum Beispiel vom Chinesischen ins Englische und dann vom Englischen ins Französische. Relaisübersetzen ist hauptsächlich beim Dolmetschen von großer Relevanz, da es bei großen internationalen Konferenzen beinah unmöglich ist, für alle Sprachenpaare direkte Dolmetschungen zu liefern[1]. Relaisübersetzen ist aber nicht unproblematisch, da durch Unkenntnis der Ausgangssprache Fehler aus der ersten Übersetzung übernommen werden. Daher wird Relaisübersetzung vielfach als notwendiges Übel empfunden (vgl. St André 2008:230). Im Englischen wird Relaisübersetzung auch oft als indirect translation (vgl. Almberg 1977:925 ) bezeichnet, also eine Übersetzung einer Übersetzung in eine dritte Sprache, die weder Ausgangs- noch Zielsprache ist.

1.3. Rückübersetzung

Unter Rückübersetzung versteht man die Übersetzung eines Teils des zielsprachlichen Textes zurück in die Ausgangsprache, um die Semantik des Ausgangstextes zu Vergleichszwecken und in Hinblick auf mögliche Verbesserungen zu bewerten. Hier stellt sich allerdings die Frage, wie sinnvoll eine solche Rückübersetzung ist (vgl. Almberg 1997:925).

1.4. Hypothese zur Neuübersetzung

Die 90er Jahre markierten den Beginn der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema Neuübersetzung. Die daraus resultierenden Ergebnisse werden heute unter dem Namen Neuübersetzungs-Hypothese zusammengefasst. Die ursprüngliche Idee einer Theorie zur Neuübersetzung stammt von Antoine Berman und wurde von anderen TranslationswissenschaftlerInnen aufgegriffen und weiterentwickelt (vgl. Gürçağlar 20082:233).

1.4.1. Bermans Theorie zur Neuübersetzung

Berman (1990:1) geht davon aus, dass eine Translation immer eine unvollständige Handlung sei und stellt, wie Gürçağlar (20082:233) fest, dass nur durch Neuübersetzungen eine möglichst vollwertige, zielsprachliche Übersetzung erreicht werden kann. Demnach beschreibt Bermans Theorie die Neuübersetzung als einen Verbesserungsprozess, der sich mit jeder weiteren neuen Übersetzung eines Werkes seinem Ende nähert. Er geht davon aus, dass die Erstübersetzung unvollständig, wörtlich und fehlerhaft ist. Die folgenden Übersetzungen weisen eine deutliche Zieltextorientierung auf und sind folglich einbürgernd und wesentlich freier. Erst dann folgen die ausgangstextorientierten Neuübersetzungen, die versuchen, sich genau an die Eigenheiten des Originals zu halten und von Berman als vollwertige und gute Übersetzungen erachtet werden. Den Grund, warum Neuübersetzungen zuerst zieltextorientiert und dann ausgangstextorientiert sind, findet man nach Bensimon (1990:IX) in der Zielkultur. Diese ist zuerst abgeneigt, einen Text zu akzeptieren, der aus einer vollkommen fremden Kultur stammt, und somit muss eine Anpassung des Textes an die Zielkultur erfolgen. Ist die Übersetzung jedoch einmal angenommen und hat ihre Fremdheit verloren, können sich Neuübersetzungen wieder mehr am Ausgangstext orientieren (vgl. Brownlie 2006:148).

Ein weiterer wichtiger Punkt der Hypothese zur Neuübersetzung betrifft das Altern von Übersetzungen. Es wird die These aufgestellt, dass Übersetzungen- mit Ausnahme der großen Übersetzungen- durch Kultur- und Sprachwandel altern, während Originale ewig jung bleiben (vgl. Gambier 1994; Albrecht 1998; Gürçağlar 20082).

1.4.2. Gambiers Theorie zur Neuübersetzung

Yves Gambier (1994:413ff.) greift Bermans Theorie auf. Die Erstübersetzung eines Textes weise wegen Forderungen der Zielkultur, aber auch der Verlage, immer Tendenzen zur Einbürgerung auf, tue dies aber auf Kosten des Originals. Es erfolgen Textkürzungen und -änderungen im Namen der Lesbarkeit und des Verkaufs, allerdings wieder auf Kosten des Originals. Die Neuübersetzung kann in diesem Zusammenhang als Rückkehr zum Ausgangstext bezeichnet werden. Gambier geht wie Berman davon aus, dass Übersetzungen durch nachfolgende Neuübersetzungen verbessert werden, wobei die Aussage des Ausgangstextes allerdings unabänderlich sein muss.

Gambier bezieht sich allerdings noch mehr als Berman auf die Neuübersetzung an sich und bezeichnet sie als eigenständige, vollwertige Übersetzung, die sich nicht an vorherige Übersetzungen anlehnt, sondern vielmehr durch die genaue Analyse des Originals eine ausgangstextorientierte Neuübersetzung hervorbringt. Das Altern von Übersetzungen spielt auch eine große Rolle in Gambiers Hypothese, wobei er jedoch im Gegensatz zu Berman auch auf das Altern von Originalen eingeht. Hierin widerspricht er Berman und stellt, wie auch später Albrecht (1998:102) fest, dass sehr wohl auch Originalwerke (ausgenommen Klassiker) mit der Zeit altern.

2. Gründe für Neuübersetzungen

Ein Problem des literarischen Übersetzens besteht darin, dass sich durch den Zeitabstand zwischen der Entstehung eines Textes und dessen Übersetzung nicht nur Probleme zwischen Ausgangs- und Zielsprache ergeben, sondern auch durch den Zeitunterschied bereits Schwierigkeiten innerhalb ein und desselben Sprach- und Kulturraums auftreten (vgl. Abel 1999:14). Obwohl sich Abel hier nicht direkt auf Neuübersetzungen bezieht, so kann doch auf einen der Gründe für Neuübersetzungen geschlossen werden, nämlich wandelnde Sprach-, Gesellschafts- und auch Translationsnormen (vgl. Brownlie 2006; Gürçağlar 20082). Dies ist nur einer der vielen Gründe, die zur Produktion einer Neuübersetzung führen. Sieht man sich den internationalen Buchmarkt genauer an, so sind hauptsächlich Neuübersetzungen von Klassikern zu finden. Dass zumeist literarische Kunstwerke neu übersetzt werden, hängt wohl damit zusammen, dass diese über ein unerschöpfliches Sinnpotential verfügen und somit in jeder Epoche und deren Gesellschaft durch Neuinterpretationen von Interessen sein können (vgl. Vermeer 1996:159; Albrecht 1998:105; Brownlie 2006:152f.).

Da Klassiker nun immer wieder neu übersetzt werden, wird die Frage aufgeworfen, worin die Motivation, bereits übersetzte Werke erneut in dieselbe Zielsprache zu übertragen, gründet. Im folgenden Kapitel werden die Gründe für Neuübersetzungen genauer beleuchtet.

2.1. Alternde und große Übersetzungen

Bereits Berman (1990) und Gambier (1994) gehen davon aus, dass einer der Hauptgründe für Neuübersetzungen deren schnelles Altern sei. Dieses schnelle Altern ist durch den Kultur- und Sprachwandel einer Kulturgemeinschaft bedingt, d.h. andere Zeiten rufen andere Interessen hervor und entspricht eine Übersetzung diesen Interessen nicht mehr, so wird nach einer Neuübersetzung verlangt (vgl. Vermeer 1996:159). Auch Stolze (2002:167) geht davon aus, dass sich aus dem Altern von Übersetzungen die Notwendigkeit von Neuübersetzungen ergibt, da Übersetzungen immer durch die Zeit, in der sie entstehen, geprägt sind. Je mehr eine Übersetzung an die Zielkultur und –sprache angepasst ist und je mehr sie dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche entspricht, desto schneller altert sie. Genau wie Vermeer geht Stolze (2002:167) davon aus, dass Übersetzungen die Interessen einer bestimmten Zeit widerspiegeln, dass sie „eine bestimmte Interpretation fixieren.“ (Stolze 2002:167) Es muss allerdings beachtet werden, dass nicht alle Übersetzungen gleich schnell altern. Es gibt sogenannte große Übersetzungen, zumeist Neuübersetzungen, die noch heute großes Ansehen genießen, obwohl sie bereits vor langer Zeit produziert worden sind. Beispiele für solch große Übersetzungen wären die Bibelübersetzung von Luther oder die Shakespeare-Übersetzungen von Schlegel (vgl. Berman 1990:3f.; Gambier 1994:415). Gambier (1994:416) erklärt sich den Erfolg solch großer Übersetzungen durch deren Fremdheit, also das Sichtbarmachen der Ausgangskultur im Zieltext.

Ebenso wie Übersetzungen altern auch Originale, wenn auch nicht mit derselben Geschwindigkeit. Die Ausnahme bilden die großen Übersetzungen, Meisterwerke, die sich durch Originalität, Beweglichkeit der Sprache und des Stils und ihren Sinngehalt von normalen, in ihrer Epoche gefangenen Werken unterscheiden (vgl. Gambier 1994:416).

2.2. Gesellschaftswandel und wandelnde Translationsnormen

Als Hauptgründe für Neuübersetzungen werden in den Theorien zur Neuübersetzung häufig soziale und gesellschaftliche Faktoren angegeben. Je nachdem welche Ideologien oder Normen in den unterschiedlichen Epochen einer Kultur vorherrschten, änderten sich Übersetzungen und Neuübersetzungen dementsprechend. Laut Brownlie (2006:150) kann Ideologie als abstrakter Begriff für Glaube verstanden werden, während Norm einen Bezug zur Praxis herstellt. Sie unterscheidet hierbei drei translationsrelevante Normen: linguistische, literarische und translatorische Normen. Neuübersetzungen sind dann nötig, wenn es zu Änderungen in Ideologien und/oder Normen in der Zielkultur kommt und eine Übersetzung daher als zu alt empfunden oder überhaupt nicht mehr akzeptiert wird, da sie nicht länger der aktuellen Denk- und Verhaltensweise einer Gesellschaft entspricht.

Ändern sich Ideologien, so kommt es häufig zu Neuübersetzungen. Brownlie (2006:151) gibt hier als Beispiel Übersetzungen eines finnischen Werkes ins Deutsche. Die erste Übersetzung entstand kurz nach der Unabhängigkeit Finnlands von Russland 1917 und es wurde daher sehr viel Wert auf das Sichtbarmachen der finnischen Identität gelegt. Eine der Neuübersetzungen entstand zur Zeit des Nationalsozialismus. Da die damalige Ideologie alles Nordische verehrte, wurden alle negativen Elemente des Originaltextes, wie übermäßiger Alkoholkonsum, ausgelassen oder gemildert. An diesem Beispiel kann man deutlich erkennen, dass Neuübersetzungen sehr oft politisch motiviert sind und so nach den Vorstellungen der Politik das Bild der Zielkultur über die Ausgangskultur stark mitprägen (vgl. Hirdt 1995:11). Außerdem muss man auch immer die AuftraggeberInnen und die Umstände, unter welchen die Neuübersetzungen entstehen, miteinbeziehen. Auch wenn die Translate zur selben Zeit entstehen, kann es, je nachdem in welchem Kontext sie erstellt werden, große Unterschiede geben (vgl. Brownlie 2006:164f.).

Aber nicht nur Ideologien ändern sich; auch Translationsnormen sowie das Übersetzen an sich unterliegen dem historischen Wandel. Sollte eine Übersetzung einbürgernd oder verfremdend, treu oder loyal sein? Wie sollte sie stilistisch aussehen, darf man Textteile auslassen? All das ist nicht eindeutig festgelegt, sondern ist, genauso wie Sprache, ein sich ändernder Prozess. Dieser Wandel wiederum wird bedingt durch die ständige Entwicklung von Sitten, Gebräuchen, Regeln und Wertvorstellungen einer Kultur (vgl. Albrecht 1998:48). In der Neuzeit waren zunächst einbürgernde Übersetzungen zu finden, doch mit Beginn der Romantik im 19. Jahrhundert wandte man sich verfremdenden Übersetzungen zu. In unserer heutigen Gesellschaft ist die Tendenz zu vollkommen einbürgernden Übersetzungen noch weitaus geringer, da wir, wie Stolze (2002:154ff.) meint, viel mehr Fremdheit ertragen.

2.3. Neuinterpretation als Grund für Neuübersetzungen

Literarische Werke enthalten „ein nicht vollständig ausschöpfbares Sinnpotential“ (Albrecht 1998:105), was heißt, dass Originalwerke immer wieder auf verschiedene Weise ausgelegt werden können und dieser Prozess der Auslegung theoretisch unendlich ist. Je nachdem in welcher Zeit und welcher Kultur ein Original (neu) interpretiert wird, werden bestimmte Elemente des Sinnpotentials ausgewählt (vgl. Albrecht 1998:105). In anderen Zeiten gibt es andere Interessen und in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zeiten werden bestimmte Interpretationsmöglichkeiten bevorzugt (vgl. Vermeer 1996:159). Das heißt also, Neuübersetzungen werden auch in Auftrag gegeben, um eine Neuinterpretation eines Originalwerkes in die Zielkultur einzuführen - möglicherweise, um eine bestehende Wissenslücke in der Zielkultur zu füllen, die durch vorangegangene Interpretationen noch nicht überbrückt wurde. Neuinterpretationen können auch dazu dienen, ein anderes Publikum anzusprechen oder von vornherein eine vollkommen neue Zielgruppe zu schaffen (vgl. Gürçağlar 20082:235). In solchen Fällen besteht zwischen den Neuübersetzungen untereinander sowie zwischen den Neuübersetzungen und dem Ausgangstext Intertextualtät. Die einzelnen Neuübersetzungen stehen immer miteinander in Zusammenhang, da sie sich mit früheren Übersetzungen vergleichen und sich von ihnen unterscheiden. Außerdem heben sie andere Elemente des Ausgangstextes hervor wie vorangehende Übersetzungen (vgl. Brownlie 2006:153). Albrecht (1998:108f.) betont hierbei besonders, dass sich TranslatorInnen auch auf die Arbeit ihrer VorgängerInnen stützen dürfen und sollen. Solange dabei gewissenhaft gearbeitet werde und es zu keinen Plagiaten komme, sollte es keine Einwände gegen Übernehmen von Sätzen oder Textpassagen geben. Es zeuge vielmehr von ungenauem Arbeiten, wenn bereits existierende Übersetzungen außer Acht gelassen würden. Laut Brownlie (2006:152) kommt es allerdings häufig vor, dass solche Neuinterpretationen nicht das gesamte Werk betreffen, sondern lediglich kürzere Ausschnitte oder ein Kapitel.

2.4. Weitere Gründe für Neuübersetzungen

Die wichtigsten Gründe für Neuübersetzungen wurden bereits genannt, allerdings gibt es noch weitere Gründe, die nicht unerwähnt bleiben sollten. Einer davon wäre der wirtschaftliche Faktor, der besonders bei der Neuübersetzung von Klassikern eine wichtige Rolle spielt. Bedenkt man, dass ein Großteil der Bücher am jeweiligen nationalen Buchmarkt Übersetzungen sind, so kann der wirtschaftliche Stellenwert von Übersetzungen kaum übergangen werden (vgl. Hirdt 1995:10). Verlage geben immer wieder Neuübersetzungen von Klassikern in Auftrag und auch auf ÜbersetzerInnen übt die Herausforderung, einen Klassiker neu zu übersetzen, große Anziehungskraft aus (vgl. Albrecht 1998:103). Hierbei spielen für die Publikation von Klassikern der Weltliteratur besonders Prestige, Kostengünstigkeit und hohe Verkaufszahlen eine wichtige Rolle (vgl. Gürçağlar 20082:235).

Weitere Gründe für Neuübersetzungen sind die Modernisierung der Sprache eines Translats, das Ausbessern von Fehlern in der ersten Übersetzung, falsche Interpretationen des Originals oder das Herausgeben eines überarbeiteten oder erweiterten Ausgangstextes. Dies sind alles durchaus gute Gründe für einen Verlag, eine neu übersetzte Ausgabe auf den Markt zu bringen (vgl. Gürçağlar 20082:235). Es kann dabei durchaus vorkommen, dass Neuübersetzungen nicht nur diachron, sondern synchron, also zur selben Zeit, erscheinen. Pym (zit. in Gürçağlar 20082:235) bezeichnet diese zwei Arten der Neuübersetzung als passive Neuübersetzungen, die durch große Entfernung oder die Zeit getrennt werden, und aktive Neuübersetzungen, die in derselben Kultur und Zeitepoche entstehen. Aus wirtschaftlichen Gründen sind aktive Neuübersetzungen relativ selten, allerdings kann es durch mangelnde Koordination und Kommunikation zwischen den Verlagen vorkommen, dass zwei unterschiedliche Translate zur selben Zeit unabhängig voneinander herausgegeben werden. Jedes dieser Translate kann dabei gleichzeitig als erste Übersetzung und als Neuübersetzung angesehen werden und bietet den LeserInnen zwei mögliche Interpretationen des Ausgangstextes (vgl. Gürçağlar 20082:235).

[...]


[1] Der Artikel von Gürçağlar (20082) beschreibt weiters den Dolmetschunterricht und dessen Probleme und gibt eine kurze Einführung in die Geschichte des Relaisdolmetschens.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668286405
ISBN (Buch)
9783668286412
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339452
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Translationswissenschaften
Note
1
Schlagworte
wieso neuübersetzung klassikern eine analyse beispiel shakespeares hamlet

Autor

  • Clara Omag (Autor)

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