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Zur Relation von (Schul-)Sport, Bewegung und Selbstkonzept

Eine analytische Untersuchung in Betrachtung vorhandener wissenschaftlicher Forschungen

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

1. Einleitung

Seit Jahrzehnten gilt das Selbstkonzept als eine der wichtigsten Facetten der Persönlichkeit, des Wohlbefindens und als Indikator für Gesundheit (Gerlach, 2008). Der Aufbau eines positiven Selbstkonzepts wird folglich als ein wichtiger Aspekt einer gelungenen Erziehung und Entwicklung angesehen (Bracken & Lamprecht, 2003; Erikson, 1980 in Stiller & Alfermann, 2005). Als wichtige Faktoren bei der Entwicklung, Prägung und Stabilisierung des Selbstkonzepts werden auch immer wieder Sport und Bewegung genannt (Stiller & Alfermann, 1005).

Im Folgenden sollen wissenschaftliche Forschungen in Betracht gezogen werden, die eine aufschlussreiche Debatte über dieses Thema eröffnen und das Selbstkonzept in Relation zum Sportunterricht setzen. Es wird hierbei immer wieder deutlich, dass dem Sportunterricht diverse positive Nebeneffekte nachgesagt werden. Sowohl psychisch, als auch physisch soll es Menschen aller Altersgruppen unterstützen und stärken. In der vorliegenden Arbeit soll zunächst das Selbstkonzept genauer definiert werden. Anschließend wird herausgearbeitet, wie die Genese und Veränderung des Selbstkonzepts stattfindet. Daraufhin soll illustriert werden, welche Auswirkungen das Selbstkonzept auf das Leben haben kann. Hierbei liegt der Fokus besonders auf den Unterschiedlichen Ausprägungen des Selbstkonzepts. Differenziert soll hier erklärt werden, welche unterschiedlichen Effekte verschiedene Selbstkonzepte auf das Leben haben können. Im letzten Abschnitt der Analyse geht es schließlich darum, die Frage zu klären, wie man das Selbstkonzept in Relation zum Sportunterricht setzen kann und inwiefern das Selbstkonzept das Lehrerverhalten und die Unterrichtsgestaltung beeinflusst. In der Schlussfolgerung sollen letztendlich resümierend die signifikantesten Feststelllungen hervorgehoben werden.

2. Zur Definition „Selbstkonzept“

Das Selbstkonzept ist in vielen Bereichen der Wissenschaft ein seit Jahrzehnten kontrovers diskutiertes Thema, weshalb bislang noch keine allgemeingültige Definition gefunden wurde. Um aber dennoch eine nachvollziehbare Definition des Selbstkonzepts darzulegen, werde ich im Folgenden mehrere AutorInnen hinzuziehen, die teils sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen.

Mummendey (2006) beschreibt das Selbstkonzept beispielsweise „als Gesamtheit der auf die eigene Person bezogenen Beurteilungen und Bewertungen eines Individuums, also die Gesamtheit der Einstellungen zu sich selbst“ (vgl. Quante, 2010, S. 24; Stiller & Alfermann, 2005, S. 120). Auf der anderen Seite definiert Epstein (1973) das Selbstkonzept als internes Selbstmodell und Ausdruck für die Selbstwahrnehmung und Selbstbeurteilung einer Person. Es bildet sich durch die Erfahrungen, die ein Jeder mit seiner Lebenswelt macht und sorgt zudem für die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls. Deutlich wird, dass hier nicht das Individuum im Mittelpunkt der Selbstkonzeptdefinition steht, sondern die wechselwirkende Interaktion vom aktiv handelnden Menschen mit seiner Umwelt (Stiller & Alfermann, 2005; Letzian, 2011). Ergänzend lässt sich sagen, dass das Selbstkonzept einer Person, welches die naive Theorie eines Menschen über sich selbst darstellt, selbstreflexiv, wahrnehmungs- und verhaltenssteuernd wirkt. Einem der populärsten Ansätze zu Folge, welcher von Shavelson, Hubner und Stanton (1976) konzipiert wurde, lässt sich das globale Selbstkonzept in ein akademisches, ein emotionales, ein soziales und ein physisches Selbstkonzept unterteilen, welche sich in wiederum feinere Subdimensionen aufgliedert (siehe Abb. 1). So ist es beispielsweise das physische Selbstkonzept, welches die sportlichen Fähigkeiten einerseits und das körperliche Aussehen andererseits beinhaltet. Das physische Selbstkonzept, auch Körperkonzept genannt, wird als einer der vier Teile des Selbstkonzepts aufgefasst. In ihm sind alle Informationen, die sich auf den eigenen Körper beziehen, gespeichert, nämlich die körperlichen Fähigkeiten (Kraft, Beweglichkeit, Koordination, Ausdauer und Schnelligkeit) als auch die physische Attraktivität (Shavelson et al., 1976 in Gerlach, 2008; Quante, 2010). Es lässt sich eine Zunahme des Generalisierungsgrades, der Stabilität und somit auch der Änderungsresistenz in der Hierarchie des Selbstkonzepts verzeichnen. Veränderungen auf unteren Ebenen sind hierbei eher beeinflussbar als das globale Selbstwertgefühl, welches die oberste Ebene darstellt (Heim & Brettschneider, 2002; Tietjens, 2009). Dieses Modell konnte vielfach empirisch bestätigt werden und gilt auch heute noch als richtungsweisend (Gerlach, 2006). Zusammenfassend lässt sich das Selbstkonzept demnach als mehrdimensionales, hierarchisches Selbstbild bezeichnen, das sowohl eine beschreibende als auch bewertende Komponente aufweist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Strukturmodell des mehrdimensionalen Selbstkonzepts (Shavelson et al., 413)

Ausgehend von diesen Definitionen, soll nun im Folgenden näher auf die Genese und Veränderung des Selbstkonzepts eingegangen werden.

3. Genese und zeitliche Veränderungen des Selbstkonzepts

Studien haben ergeben, dass das Selbstkonzept nicht angeboren ist, sondern es sich in den ersten Lebensjahren bildet und einen Entwicklungsaspekt aufweist, der sich durch das ganze Leben zieht (Stiller & Alfermann, 2005). Schon Epstein (1993) hat in den 1990er Jahren das Selbstkonzept als dynamisch und prozesshaft bezeichnet. Diese Selbsttheorien sind in ständiger Entwicklung, sie ändern und erweitern sich kontinuierlich in Abhängigkeit von neuen Erfahrungen und der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt (Quante, 2010). Diese Prozesse der Genese und der dynamischen Entwicklung werden in diesem Kapitel kurz erläutert. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen werden folglich Hypothesen höherer und niedrigerer Ordnung gebildet, die als Postulate bezeichnet werden (Epstein 1993). Postulate niedrigster Ordnung beziehen sich auf bestimmte Handlungsrahmen (z.B. „Ich kann schnell laufen.“ / „Ich kann nicht schnell schwimmen.“). Aus diesen Erkenntnissen können sich mit der Zeit und zahlreichen Erfahrungen Postulate höherer Ordnung entwickeln (z.B. „Ich bin sportlich.“ / „Ich bin unsportlich“), welche stärker generalisiert und stabiler sind, weshalb sie sich auch schwerer verändern lassen, als Postulate niedrigerer Ordnung (Quante, 2010).

Die Metaanalyse von Roberts und DelVecchio (2000) lässt vermuten, dass sich diese Stabilisierung der Selbstkonzeptfacetten etwa bis zum 50. Lebensjahr erhöht, und dann konstant bleibt (Conzelmann & Müller, 2005). Auch die Komplexität der inneren Selbsttheorie nimmt bis zum Erwachsenenalter zu, was bedeutet, dass das Selbstkonzepts an Stabilität gewinnt, es eine stärkere Ausdifferenzierung erfährt und die einzelnen Subdimensionen unabhängiger voneinander werden (Gerlach, 2008). Darüber hinaus neigen Kinder im Vorschulalter noch zur Selbstüberschätzung (Weinert, 1998). Erst rund ums zehnte Lebensjahr hat sich ein bereichsspezifisch ausdifferenziertes und realistischeres Selbstkonzept entwickelt (Tietjens, Möller & Pöhlmann, 2005 in Asendorpf & Teubel, 2009). Es lässt sich noch hinzufügen, dass sich das Selbstkonzept nicht nur im Laufe des Lebens ändert, sondern auch von Situation zu Situation, abhängig von Anforderung oder Anregung der Umwelt (Heim & Brettschneider, 2002; Quante, 2010).

Im Folgenden werden die Hauptrückmeldungsquellen aus unserer Umwelt aufgelistet, die für die Ausbildung dieser Postulate und somit des Selbstkonzepts essentiell sind:

– Informationen, die über die Sinnessysteme aufgenommen werden
– Direkte verbale und nonverbale Rückmeldungen
– Indirekte Rückmeldungen durch die Umwelt und andere Personen
– Vergleiche mit anderen
– Beobachtung und Bewertung des eigenen Verhaltens

Neu hinzukommende Informationen werden dann mit den bereits vorhandenen abgeglichen und gegebenenfalls angepasst oder gefestigt (Filipp, 1993; Zimmer, 2000 in Quante, 2010).

Zu guter Letzt eignet sich im Kontext dieser Ausarbeitung eine anschauliche Beschreibung der Genese und Entwicklung des Selbstkonzepts von Schulz von Thun (2005), wobei er davon ausgeht, dass sich das Selbstkonzept aus eigenen Interpretationen und Rückmeldungen aus der Umwelt zusammensetzt:

„Was für einer bin ich eigentlich?“ (Frage)

„So einer bist du!“ (Feedback aus der Umwelt)

„So einer bin ich also!“ (Interpretation und Schlussfolgerung)

Diese Frage wird kontinuierlich in allen Wahrnehmungs- und Erfahrungssituationen gestellt, wodurch die Dynamik des Selbstkonzepts deutlich wird (Letzian, 2011).

4. Auswirkungen des Selbstkonzepts auf das Leben

Das Selbstkonzept ist vor allem deshalb im Fokus verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, da es dafür verantwortlich ist, welche Aufgaben man sich auf der einen Seite zutraut und anmaßt und welche Ziele man sich auf der anderen Seite in verschiedenen Lebenssituationen setzt. „Ausbildungs- und Berufsentscheidungen, Eingehen und Auflösen von Partnerschaften, Übernahme und Ablehnung sozialer Pflichten sind auch Funktionen des Selbstkonzeptes“ (Montada, 2002, S. 51). Das Selbstkonzept ist dabei maßgebend für unser Verhalten, da es unsere Wahrnehmungen und unsere Handlungen bestimmt und als Ressource für schwierige Aufgaben wirkt (Gerlach, 2008).

Was für explizite Auswirkungen ein positiv oder negativ gefärbtes Selbstkonzept auf das Leben einer Person haben kann, wird im Folgenden näher betrachtet.

4.1 Negatives Selbstkonzept

Es kann verschiedenste Gründe haben, warum eine Person ein negatives Selbstkonzept entwickelt hat. Dies kann beispielsweise daran liegen, dass sie schlechte Erfahrungen im Sportunterricht gemacht oder ein problematisches Elternhaus hat. Verschiedene Ursachen haben häufig unterschiedliche Folgen, weshalb die Auswirkungen eines negativen Selbstbildes grundverschieden sein können.

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Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668293496
ISBN (Buch)
9783668293502
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339633
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Schlagworte
sport psychologie sportpsychologie selbstkonzept schule schulsport lehramt sportunterricht unterricht selbstwirksamkeit ratgeber praxistipps

Autor

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