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Gesellschaftskritische und ökologische Aspekte in Hayao Miyazakis "Chihiros Reise ins Zauberland"

Hausarbeit 2011 11 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines zum japanischen Animefilm

3. CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND

4. Ökologische und sozialkritische Aspekte in CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND

5. Abschließende Gedanken

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hayao Miyazaki ist Regisseur, Zeichner, Grafiker, Drehbuchautor und Produzent von japanischen Zeichentrickfilmen. Er wurde am 5. Januar 1941 in Tokio geboren. Bevor er sich 1963 der Produktionsfirma Studio Toei anschloss, bei der er unter anderem an der TV-Umsetzung der Zeichentrickserie Heidi (1974) mitarbeitete, studierte er Politikwissenschaften und Ökonomie. Mit Isao Takahata, den Miyazaki bei Toei kennenlernte, gründete er später die Ghibli-Studios. Im Jahre 1979 entstand Miyazakis erster Spielfilm, DAS SCHLOSS DES CAGLIOSTRO. Sein Projekt Nausica ä zu Beginn der 80er Jahre verschaffte im internationale Anerkennung, die Filme PRINZESSIN MONONOKE (1997) und CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (2001) sind die erfolgreichsten japanischen Filme aller Zeiten, letzterer der weltweit meistausgezeichnete Zeichentrickfilm.1

Ein häufiges Motiv in Miyazakis Filmen ist die Konfrontation von traditioneller Kultur und mythischen oder magischen Gestalten und Kräften aus der traditionellen Überlieferung mit technisierter Moderne und Naturzerstörung.2 In einem Interview sagte Miyazaki: „Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem ich einfach keinen Film mehr machen kann, ohne das Problem der Menschheit als Teil eines Ökosystems anzusprechen.“3 Während viele Spielfilme, beispielsweise BLADE RUNNER oder ERIN BROCKOVICH, das Thema Umwelt behandeln, produziert Miyazaki in erster Linie Filme für Kinder und verpackt dennoch eine erstaunliche Vielfalt an kulturellen und ethischen Aspekten in seinen Werken. Möglicherweise gründet dies auf seiner Begeisterung für Kinder und seine Sorgen bezüglich deren Zukunft auf dieser Erde:

I owe my two children. The older child gave me an opportunity to remind me of what I myself wanted to do and yearn at his age. This experience was very precious to anybody with my profession. The younger child taught me by his life how I must have felt at his age and why I chose my profession including how my character was formed, so that I have understood more about myself. I must create animation movies by which children feel happy with their birth and life they are leading. This is the most important motivation as a professional animation director, and nothing more.4

Im Gegensatz zu Miyazakis Filmen beschreiben westliche Kinderfilme das Verhältnis zwischen Kultur und Natur als eine Spannung zwischen einer primitiven, ausgelagerten Tierwelt und einem geschlossenen Bereich der Menschen, der die Natur als niedlich und schwach ansieht. Charaktere wie Mowgli in THE JUNGLE BOOK oder Pocahontas im gleichnamigen Film stehen in Kontakt zu großteils harmlosen, sprechenden Tieren, sind sich aber ihrer Position in den Menschenwelt bewusst.5

In dieser Arbeit wird, nach einer näheren Beleuchtung des japanischen Animefilms, vorwiegend auf den Film CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND eingegangen und inwiefern dieser sich mit ökologischen und sozialen Problemen unserer Zeit befasst.

2. Allgemeines zum japanischen Animefilm

Unter dem Begriff Anime werden japanische Zeichentrickfilme verstanden (Anime ist lediglich ein anderer Begriff für Animation), die filmische Alternative zum Manga, der gedruckten Form.

Anime (pronounced ah-nee-may), as defined by common non-Japanese fan usage, is any animation made in Japan. In Japan, the word simply means „animation“. While anime is sometimes erroneously referred to as a „genre“, it is in reality an art form that includes all the genres found in cinema or literature, from heroic epics and romances to science fiction and comedy.6

Die ersten Formen japanischer Animation, entstanden um 1917, waren Märchen japanischen und westlichen Ursprungs. Diese frühen Filme verwendeten die gleichen Animationstechniken wie andere Länder zu dieser Zeit, wie einzelne Bilder vor einem Hintergrund (ein sehr arbeitsintensiver Prozess), ausgeschnittene Bilder die auf ein Hintergrundbild gelegt wurden und, mit der Zeit, sogenannte Cels (durchsichtige Bildlagen mit multiplen Vorder- und Hintergrundmotiven). Während des zweiten Weltkriegs wurden die japanischen Künstler stark zensiert und teilweise dazu genötigt, Propagandamaterialien zu produzieren. 1962 entstand die erste Anime TV-Serie, MANGA CALENDAR, produziert von den Otagi-Studios. Die Techniken wurden stetig weiterentwickelt, das Anime-Format drang in neue Genres vor und ab den 1990er Jahren stieg die Anzahl der Unternehmen, die Anime in die Welt außerhalb Japans vertrieben. Zudem wurden zunehmend Computer zur Animation verwendet, so kombinierte PRINZESSIN MONONOKE (1997) von Hayao Miyazaki die bereits erwähnte Cels-Technik mit computeranimierten Bildern.

Anime haben nahezu keine Ähnlichkeit zu westlichen Cartoons. Dies liegt einerseits daran, dass Animation in Japan nicht als eine primär an Kinder gerichtete Medienform angesehen wird, andererseits jedoch auch an den japanischen Animeproduzenten, die das weite Feld der Animation zur Darstellung einer Vielzahl an Themen nutzen, seien es Liebe und Tod, Krieg und Frieden, die historische Vergangenheit oder die futuristische Zukunft. Ein weiterer wichtiger Punkt, der Animefilme von westlichen Cartoons abgrenzt, ist die Tatsache, dass Anime nie mit dem Blick auf andere Länder, auf einen möglichen Export der Filme, produziert wurden, so wie es zumeist bei Hollywoodproduktionen der Fall ist.7 Außerhalb Japans wurde Anime dennoch schnell zum führenden Medium, über das Nicht- Japaner einen Einblick in die japanische Kultur erhalten.

3. CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND

CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND ist ein japanischer Zeichentrickfilm aus dem Jahr 2001 von Hayao Miyazaki. Er ist, nach den Einspielergebnissen in den Kinos, der bislang erfolgreichste Film in Japan.8 Der Film erzählt die Geschichte der zehnjährigen Chihiro, die sich mit ihren Eltern auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause in den dichten Wäldern im Umland von Tokio verfahren hat. Plötzlich gelangen sie an einen Tunnel und, nachdem sie diesen zu Fuß durchquert haben, in einen scheinbar verlassenen Vergnügungspark. Chihiro ist verängstigt und will ihre Eltern zum Verlassen dieses Ortes drängen, doch diese entdecken an einem verlassenen Imbissstand eine reich gedeckte Essenstafel und können sich nicht beherrschen, bis sie nahezu alles verzehrt und sich zu Chihiros Schrecken in riesige Schweine verwandelt haben.

Der geheimnisvolle Ort stellt sich als Zauberwelt, als Ort von Göttern und Dämonen heraus. Chihiro weiß, nachdem ihre Eltern verwandelt wurden, nicht weiter und freundet sich auf der Suche nach Hilfe mit dem Jungen Haku an, der ihr die Zauberwelt Aburaya näher bringt und erklärt, dass sie nur durch harte Arbeit für die Hexe Yubaba ihre verwunschenen Eltern aus deren Bann befreien kann. Yubaba herrscht über Aburaya und lässt ihre Untertanen wie Sklaven für sie arbeiten. Der Ort ihrer Macht ist ein Badehaus, das von erschöpften Geistern und Göttern zur Erholung und Entspannung aufgesucht wird. Chihiro tritt in diesem Badehaus zur Arbeit an, sie hilft im Heizkeller und beim Einlassen der Kräuterbäder. Eines Tages muss sie einen als Faulgott bezeichneten Flussdrachen von all dem Müll und Schutt befreien, der durch die Menschen rücksichtslos in die Flüsse geworden wurde. Chihiro erarbeitet sich Anerkennung bei ihren Kollegen, muss jedoch, um ihre Eltern zu retten, noch das Rätsel um den geheimnisvollen Gott Ohngesicht lösen und den Grund für das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Yubaba und ihrer Zwillingsschwester Zeniba herausfinden. Chihiro lernt durch all diese Herausforderungen, mit ihren Ängsten und den Schrecken der neuen Welt umzugehen und daran zu wachsen.

4. Ökologische und sozialkritische Aspekte in CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND

Während in einem Disney-Film wie POCAHONTAS der größere Kontext, in diesem Fall die Auslöschung der amerikanischen Ureinwohner durch die Regierung, eine untergeordnete Rolle spielt und das Publikum durch melancholische, aber dennoch mitreißende Musikeinlagen abgelenkt wird, spenden Miyazakis Filme wenig Trost. Sie versuchen, dem Zuschauer die „gute“ und die „böse“ Seite näher zu bringen, wollen ihn ermutigen, die Handlungsmotive auf beiden Seiten nachzuvollziehen. Miyazaki deutet an, dass auch die leidenschaftlichsten Individuen mit dem reinsten Herzen moralisch falsch handeln können und seine jungen Zuschauer später schwere Entscheidungen zu treffen haben werden.

In CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND beschreibt Miyazaki wirtschaftliche Sorgen und finanzielle Habgier, jedoch mit einem Bezug zur Umwelt. Die Handlung trägt sich zu in einer Parallelwelt im gegenwärtigen Japan und spielt an auf aktuelle Arbeitsbedingungen und Gesellschaftshierarchien, Wirtschaftskrisen und Umweltschutz. Als Chihiro mit ihren Eltern den scheinbar verlassenen Vergnügungspark betritt, stellt sie sich vor, dass ein Gebäude jammert, als der Wind hindurchweht, ein Zeichen für die negative Ausstrahlung dieses Ortes. Um den Park zu bauen, wurde ein Fluss umgeleitet und der Boden geebnet. Nun verfällt der Ort und die vergangene Natur kann ihn nicht so schnell zurückerobern, wie er ihr genommen wurde.

Als Chihiros Eltern den reichhaltig gedeckten Imbissstand entdecken, widersetzen sie sich ihrer Tochter und können den Speisen nicht widerstehen. Chihiro ist in Sorge, doch ihr Vater beruhigt sie mit den Worten „Don‘t worry, you‘ve got Daddy here. He‘s got credit cards and cash.“9. Er nimmt demzufolge an, dass virtuelles oder wahlweise materielles Geld alle Fehler entschuldigen können. Er ist sich nicht bewusst, dass er sich an einem Ort befindet, an dem der Markt nicht funktioniert hat, mit der allgemeinen Aussage, dass nicht alle Wirtschaften so funktionieren, wie die Menschen es sich vorstellen.10 Im Verlauf des Films wird Chihiros Ablehnung alles Materiellen erneut deutlich, die Goldstücke, die ein Geist namens Ungesicht ihr anbietet, lehnt sie trotz seines Drängens ab, sie lässt sich die Freundschaft zu ihm nicht erkaufen.

Als es Nacht wird, ist Chihiro in der Geisterwelt gefangen. Sie sieht sich konfrontiert mit einer Vielzahl an merkwürdigen Gestalten, deren Äußeres Fröschen, Vögeln und anderen Wesen ähnelt. Der Fluss im verlassenen Vergnügungspark füllt sich mit Wasser und verhindert Chihiros Flucht in ihre eigentliche Welt. Als der Junge namens Haku sie entdeckt und ihr die Geisterwelt erklärt, erfährt sie im Gegenzug von ihm, dass er eigentlich ein Naturgeist ist, der in menschlicher Form und in Gestalt eines Drachen erscheint. Das Publikum erfährt, dass Haku ein verdrängter Flussgeist ist, der aus seinem Flussbett vertrieben wurde, da Immobiliengesellschaften den Fluss und somit seinen Platz in der Welt trockenlegten. Durch diesen Verlust hat Haku auch seinen wirklichen Namen vergessen.

[...]


1 McCarthy, Helen: „Hayao Miyazaki: Master of Japanese Animation“. Stone Bridge Press, 1999.

2 Nieder, Julia: „Die Filme von Hayao Miyazaki“. Marburg 2006, S. 121-122.

3 Vgl. „Analysis: Digitization Zooms in on Japan's Film Industry“ in: Asia Pulse, 16. Mai 1997.

4 Miyazaki, 1996, Miyazaki, 2002 and Miyazaki and Yoro, 2002

5 West, Mark I.: „The Japanification of Children's Popular Culture: From Godzilla to Miyazaki“, Scarecrow Press Inc, 2006. S. 269f.

6 Poitras, Gilles: „Anime essentials: every thing a fan needs to know“, Stone Bridge Press Berkeley 2001, S. 7

7 Drazen, Patrick: „Anime explosion!: the what? why? & wow! of Japanese animation“, Stone Bridge Press Berkeley, 2003. S. viii

8 Stand: Ende 2004

9 Chihiros Reise ins Zauberland, R: Hayao Miyazaki, J 2001. DVD: Universum Film GmbH 2009.

10 West, Mark I.: „The Japanification of Children's Popular Culture: From Godzilla to Miyazaki“, Scarecrow Press Inc, 2006. S. 275-276

Details

Seiten
11
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668296404
ISBN (Buch)
9783668296411
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339797
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Medienkultur und Theater
Note
1,0
Schlagworte
gesellschaftskritische aspekte hayao miyazakis chihiros reise zauberland

Autor

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