Lade Inhalt...

Spiele im mittelalterlichen Kloster. Warum die Mönche spielen durften

Seminararbeit 2012 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Augustinerregel und die Benediktregel

3. Spielende Mönche
3.1 Rythmomachie
3.1.1 Rythmomachie in ihrem Entstehungskontext
3.1.2 Der Spielverlauf
3.2 Das Jeu de Paume
3.2.1 Ursprünge des Jeu de Paume
3.2.2 Der Austragungsort des Jeu de Paume
3.2.3 Regeln und Spielverfahren

4. Warum spielten die Mönche diese Spiele?
4.1. Didaxe der Rythmomachie
4.2. Begründungsansätze und Didaxe des Jeu de Paume

5. Fazit

Quellen und Literatur

1. Einleitung

Der Zeitvertreib mit Hilfe von Spielen, sei es abends mit Freunden bei einem Gesellschaftsspiel, nur zu zweit vor der Spielekonsole oder gar ganz allein mit dem Smartphone, ist heute eine gängige Methode. Beinahe überall spielen sowohl Kinder als auch Erwachsene mit der gleichen Freude. Bereits im Mittelalter war es üblich, sich die wenige freie Zeit mit angenehmen Aktivitäten zu vertreiben. Auf Pieter Bruegels Gemälde „Kinderspiele“ aus dem Jahr 1560 wird dies ersichtlich. Auf einem großen Platz vergnügen sich Kinder mit den unterschiedlichsten Spielen. Sie scheinen dabei die Zeit und auch alle Sorgen vergessen zu haben. Im 16. Jahrhundert wurde also schon gespielt, und man darf annehmen, dass es auch schon tausende von Jahren zuvor die Menschen spielten. Sogar in der Tierwelt wird gespielt. Junge Löwen üben sich beispielsweise spielerisch im Jagen. Es kann also angenommen werden, dass das Spielen zu den Grundbedürfnissen eines Lebewesens zählt.

Spielende Mönche – Mönche, die sich die Zeit vertreiben - Spiele im Kloster

Das jedoch klingt dennoch sehr ungewöhnlich. Besonders, wenn im Hintergrund die Bedeutung und das Wesen von Spielen in der heutigen Gesellschaft stehen. Denn heute, wie damals, sollten Spiele vor allem eines: Spaß machen. Wenn man sich nun die Lebensweise der mittelalterlichen Mönche vor Augen hält, wirkt der Gedanke von spielenden Mönchen wie eine absurde Idee. Und dennoch sind einige Spiele überliefert, die mittelalterliche Mönche tatsächlich spielten. Dazu zählen das Zahlenkampfspiel, dieRythmomachieoder auch der Vorläufer des modernen Tennisspiels, dasJeu de Paume.[1]Daher wird im Folgenden der Frage nachgegangen:Wie kam es, dass Mönche trotz ihrer strengen Lebensweise Spiele spielen durften? Die These dieser Arbeit ist es, dass Mönchen diese Spiele erlaubt waren, weil ihnen darin bestimmte Werte und Normen übermittelt werden sollten. Zur Überprüfung dieser These werden die genannten Spiele hinsichtlich ihrer Didaxe untersucht. Didaxe, das ist die „Tätigkeit und Ergiebigkeit des Lehrens und ihre Lehre“[2]. Denn die Spiele hatten nicht die Intention eines Zeitvertreibs, sondern standen im Kontext des monastischen Lebens. Sie sollten zum frommen Leben der Mönche beitragen. Und dieser Beitrag wird im Folgenden geprüft. Trotz der vielen untersagten Tätigkeiten, zu denen auch das Spielen an sich zählte, gab es gebilligte und sogar gewollte Spiele. Daher werden zunächst Klosterregeln untersucht, um ein genaueres Bild von der erwünschten Lebensweise zu erhalten. Da jedoch die Zahl der Klöster und deren Regeln im Mittelalter sehr hoch ist, werden nur die der Augustiner und der Benediktiner betrachtet, weil sie für viele monastische Regeln als Maßstab gelten.[3]verglichen und untersucht. Danach werden die genannten Spiele näher betrachtet. Dazu wird ebenfalls eine kurze Spielanleitung gegeben, bevor dann die Absichten und die Didaxe dieser Spiele beleuchtet werden. So lässt sich herausfiltern, warum gerade diese Spiele in einem mittelalterlichen Kloster gespielt werden durften.

Das Thema ist bislang in der Forschung kaum berücksichtigt worden. DasJeu de Paumewird hauptsächlich von Heiner Gillmeister[4]bedacht, jedoch eher kulturgeschichtlich und nicht direkt auf das Mittelalter bezogen. Daher wird der Großteil der Literatur über das Jeu de Paume durch Gillmeister bestimmt. DieRithmomachiewird von diversen Autoren betrachtet, wobei darin hauptsächlich die Herleitung der Spielsteine vordergründig ist.

2. Die Augustinerregel und die Benediktregel

Jeder Klostergemeinschaft liegt eine Regel zugrunde, welche das Leben der Mönche organisiert. Von Lilienfeld definiert diese Regeln als „Anweisungen zur Durchführung eines […] vorausgesetzten und bejahten Mönchsideals.“[5]Das heißt, sie geben den Rahmen vor, innerhalb dessen der Mönch zu sein strebt.

Die Augustinerregel entstand in mehreren Fassungen, in der heutigen Forschung bestehen bezüglich der Augustinerregel noch Unklarheiten bezüglich des Entstehungsdatums, ihre Authentizität wird uneingeschränkt angenommen. Wichtig für diese Arbeit ist jedoch nicht primär der konkrete Wortlaut, sondern vielmehr die Intention, mit der diese geschrieben wurden. Dazu zählt vor allem, das Ziel, das es durch diese Regel zu erreichen galt. Also der ideale Mönch, der sich durch die Einhaltung dieser Regel auszeichnete. Van Bavel beschreibt als Komprimierung, dass hauptsächlich die Gemeinschaft durch die Regel gestärkt werden sollte.[6]Diese Gemeinschaft war vor allem sakraler Natur, in Anlehnung an die erste christliche Gemeinschaft, welche in der Apostelgeschichte belegt ist. Erst Ergänzungen konkretisierten die Augustinerregel, damit diese alltagsdienlich werden konnte.[7]Es war die Augustinusregel, welche später für viele andere Klosterregeln einen Anhalts- und Ausgangspunkt bildete, so auch für die Benediktregel.[8]

Das Leben in Klöstern war strukturiert und festgelegt.[9]Der häufig zitierte Ausspruchora et laboraentstammt zwar nicht wörtlich der Regula Benedicti, dennoch lässt er sich als eine prägnante Zusammenfassung dieser Regel verstehen. Benedikt von Nursia verfasste diese Regel zunächst nur für seine eigene Gemeinschaft. Darin enthalten sind zahlreiche Forderungen für das monastische Leben, die Frank als durchaus realitätsnah bezeichnet.[10]Vor allem durch zahlreiche Gebete war der gesamte Alltag durchstrukturiert. Die Benediktregel legte fest, was wann gebetet werden sollte. Insgesamt betete jeder Mönch vier bis fünf Stunden täglich. Dazu kamen sechs bis acht Stunden, die er für die Gemeinschaft arbeitend verbrachte. Diese Arbeiten umfassten sowohl das Abschreiben von Handschriften als auch die Feldarbeit oder notwendige Tätigkeiten zur Unterhaltung des Klosters.[11]Denn das Kloster sollte aus seinen eigenen Mitteln leben, weswegen das Arbeiten ein ebenso wichtiger Bestandteil des benediktinischen Lebens bildete, wie das Beten: „quia tunc vere monachi sunt si labore manuum suarum vivunt, sicut et patres nostri et apostoli“[12]. Daneben gilt als Fundament des monastischen Lebens die Heilige Schrift. Der benediktinische Mönch hat einigen Tugenden zu folgen, darunter der Schweigsamkeit und der Demut.[13]

Ziel der monastischen Lebensweise ist es immer sich Gott anzunähern, als Hilfsmittel dient dem Mönch dabei die strenge Lebensweise, vor allem aber Enthaltsamkeit und Askese, aber auch Bescheidenheit. In jeder Gemeinschaft wird eine Regel befolgt, in dieser ist oft auch der genaue Tagesablauf festgehalten.[14]In diesem Tagesablauf werden neben den geistigen Aufgaben auch alle lebensnotwendigen Tätigkeiten eingegliedert. Ein besonderes Element des benediktinischen Mönchtums ist das Leben in der Mitte. Der ideale Mönch sollte sein gesamtes Leben auf die Mitte hin ausrichten, das bedeutet auch, dass er in allen Tätigkeiten das richtige Maß zwischen zu viel und zu wenig findet und einhält.[15]

Im 11. Jahrhundert ist die Benediktregel zur Vorherrschenden in ganz Europa geworden. Dennoch war es nicht mehr die durch Benedikt von Nursia einst geschriebene Regel, welcher die Gemeinschaft folgte. Vielmehr hatte beinahe jedes Kloster eine eigene Regel, die sie an ihre Gewohnheiten angepasst hatte. In diese Zeit fiel auch das veränderte Weltbewusstsein. Es kam zu einer Reform, welche die Askese wieder in das Zentrum der monastischen Lebensweise rückte. Die Idee des rechten Maßes wich immer häufiger der Idee sich durch extreme Anstrengungen von allem weltlichen zu lösen. Die Mönche mussten dabei hohen Ansprüchen gerecht werden.[16]Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wandelten sich auch die augustinisch geprägten Klöster. Auch hier wurden die Weltentsagung und die Abkehr von allen weltlichen Gütern zunehmend zu zentralen Elementen der Theologie.[17]Als Folge des bald darauf eintretenden ansteigenden Verfalls der Orden und Klöster kam es im 16. Jahrhundert zu einer wiederholten Erneuerungsbewegung. Doch geschuldet der Katastrophen am Ausgang des Mittelalters blieben diese meist ohne größere Wirkung.[18]

3. Spielende Mönche

Welche Spiele waren es nun, welche zu spielen es den Mönchen im Kloster erlaubt war? Und wie gliederten sich diese Spiele in den festen Tagesablauf des Klosteralltag ein?

3.1 Rythmomachie

3.1.1 Rythmomachie in ihrem Entstehungskontext

Eines der Spiele, welches in mittelalterlichen Klöstern gespielt wurde, war das Zahlenkampfspiel, die Rythmomachie.

Rythmomachie, auch Rithmimachie oder Rithmimachia genannt, ist ein auf der Proportionslehre des Boethius basierendes Zahlenkampfspiel und entstand um das Jahr 1030. Es wurde zunächst vor allem im Westen Europas praktiziert. Ein benediktinischer Mönch verfasste die erste für das deutsche Gebiet bekannte Variante.[19]Um das Jahr 970 war bereits ein Spiel entstanden, welches sich ebenfalls mit Zahlenverhältnissen auseinandersetzte. Dasalea regularisdes Bischofs Wibold von Cambrai. Wie der Name bereits vermuten lässt handelte es sich dabei jedoch um ein Würfelspiel. Darin verlangte es das Erreichen von Harmonien in Gestalt der Tugenden zu erreichen. Proportionen waren ein wichtiger Bestandteil in der mittelalterlichen Theologie, hierzu später mehr. In einem Wettstreit zweier Domschulen wurde eine Möglichkeit gesucht, möglichst alle Proportionen nebeneinander abzubilden. Dies gelang dem Mönch Asilo, der vermutlich im Bistum Würzburg lebte. Auf dieser Grundlage wurde die Rythmomachie geschaffen, jedoch auf Grund ihrer knappen Ausführung im Laufe der Zeit zunehmend verbessert und differenziert.[20]

Grundvoraussetzung für die Analyse dieses Spiels im klösterlichen Kontext ist, sich zunächst bewusst zu machen, dass Zahlen im Mittelalter eine andere Bedeutung hatten als dies in der modernen Gesellschaft der Fall ist. Zum Einen ging es bei diesen um die Darstellung von Verhältnissen, außerdem auch um die Ableitung aller Zahlen aus der 1 (als Einheit jeder Zahl) und in diesem Zusammenhang um den Versuch proportionale Dreierfolgen aus der 1, 1, 1 zu erstellen. Die christliche Zahlensymbolik steht ebenfalls in diesem Kontext. Holl nennt noch weitere Bedeutungen von Zahlen im Mittelalter, schließt jedoch ihren kaufmännischen Wert grundsätzlich aus.[21]

Da dieses Spiel nachweislich von Klerikern entwickelt und verbessert wurde kann auch davon ausgegangen werden, dass es von Mönchen gespielt wurde. Im klösterlichen Kontext scheint es seinen Platz vor allem in der Lehre gehabt zu haben.[22]

[...]


[1]Da in dieser Zeit das Tennisspiel in seiner heutigen Form noch nicht entwickelt war, werden beide Begriffe in der vorliegenden Arbeit, wenn nicht gesondert vermerkt, synonym verwendet.

[2]Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. 4. Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, Stichwort: „Didaxe“.

[3]Vgl. Van Bavel, Tarsicius J.: Benediktiner. In: Walter Kasper (Hrsg.): LThK, Bd. 1, Freiburg im Breisgau; Basel; Rom; Wien (Herder) 1993, S. 1251; vgl. auch Von Lilienfeld, Fairy: Mönchtum II. In: Gerhard Müller (Hrsg.): TRE, Bd. 13, Berlin; New York (de Gruyter) 1994, S. 169.

[4]Vor allem: Gillmeister, Heiner: Kulturgeschichte des Tennis. München (Fink) 1990. Das Werk wurde in diesem Buch wiederabgedruckt und erweitert, zuvor erschien es in: Gillmeister, Heiner: Aufschlag für Walther von der Vogelweide. Tennis seit dem Mittelalter. München (Knaur) 1986; die Literaturhinweise beziehen sich daher immer auf beide Werke (die Seitenzahlen können variieren), andernfalls wird es gesondert gekennzeichnet.

[5]Von Lilienfeld, Fairy: Mönchtum II, S. 162.

[6]Vgl. Van Bavel, Tarsicius J.: Benediktiner, S. 1251.

[7]Vgl. Zschoch, Hellmut: Augustinerregel. In: Hans Dieter Betz (Hrsg.): RGG, Bd. 1, Tübingen (Mohr Siebeck) 1998, S. 971.

[8]Vgl. Van Bavel, Tarsicius J.: Benediktiner, S. 1251.

[9]Vgl. Böckmann, Aquinata: Benediktregel. In: Walter Kasper (Hrsg.): LThK, Bd. 2, Freiburg im Breisgau; Basel; Rom; Wien (Herder) 1994, S. 223.

[10]Vgl. Frank, Karl S.: Augustinusregel. In: Gerhard Müller (Hrsg.): TRE, Bd. 5, Berlin; New York (de Gruyter) 1993, S. 550.

[11]Vgl. Buttinger, Sabine: Hinter Klostermauern. Alltag im mittelalterlichen Kloster. Geschichte erzählt: Bd. 5, Darmstadt (Primus) 2007, S. 51-54.

[12]Regula Benedicti, 48,8 (zitiert nach: http://www.stift-stlambrecht.at/data/documents/6/de/Regula_ Benedicti.pdf).

[13]Vgl. Böckmann, Aquinata: Benediktregel, S. 223.

[14]Vgl. Klein, Wassilios: Mönchtum I. In: Gerhard Müller (Hrsg.): TRE, Bd. 13, Berlin; New York (de Gruyter) 1994, S. 144.

[15]Vgl. Ader, Armin: Kirche und Sport in Altertum und Mittelalter. Schriften zur Sportwissenschaft Bd. 42. Hamburg (Dr. Kovač) 2003, 68f.

[16]Vgl. Schwaiger, Georg/Heim, Manfred: Orden und Klöster. Das christliche Mönchtum in der Geschichte. München (C. H. Beck) 2004, S. 29-32.

[17]Vgl. ebd., S. 37.

[18]Vgl. ebd., S. 56ff.

[19]Vgl. Holl, Alfred: Spiel mit Zahlen - Kampf mit Zahlen? Das mittelalterliche Zahlenkampfspiel Rithmomachie in seiner Regensburger Fassung um 1090. Rapporter från Växjö Universitet: matematik, naturvetenskap och teknik Nr. 3. Växjö University 2005, S. 3.

[20]Vgl. ebd., S. 10f.

[21]Vgl. Holl, Alfred: Spiel, S. 32-34. Ich vermute, dass gerade Dreierfolgen im Zusammenhang mit Proportionen so wichtig waren, weil diese der Zahl 3, also der Trinität entsprachen. In der vorliegenden Literatur sind dazu jedoch keine Ausführungen dargelegt.

[22]Vgl. Folkerts, Menso: Rithmimachie, S. 333.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668296565
ISBN (Buch)
9783668296572
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339988
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Spiele Didaxe Mönche Alltag Kloster Mittelalter Jeu de Paume Rythmomachie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Spiele im mittelalterlichen Kloster. Warum die Mönche spielen durften