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Der Geschlechterdiskurs der Frühromantik in Friedrich Schlegels „Lucinde“. Von patriarchaler Herrschaft zu sanftmütiger Emotionalität

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Idealbild des Mannes in der Frühen Neuzeit

3. Das Bild des Mannes in der Romantik
3.1. Die Hervorhebung der privaten Seite des Mannes ...
3.2. Schlegels Vorstellung von „sanfter Männlichkeit“ im Roman Lucinde

4. Vergleich und Zusammenfassung beider Männlichkeitsbilder

Literaturverzeichnis

1. Einführung

ÄNur selbständige Weiblichkeit, nur sanfte Männlichkeit, ist gut und schön.“1 Durch die Literaturepoche der Romantik kam es zu einem wahrhaften Umsturz des Männlichkeitsbildes um 1800. Das jahrhundertelang bestehende Idealbild des emotionslosen, berufsorientierten Mannes trat stark in den Hintergrund und wurde von vielen Romantikern nahezu vollkommen abgelehnt.

Diese Arbeit befasst sich mit dem Wandel der Männlichkeit vom patriarchalen Hausvater zum sanftmütigen Ehemann, wobei sie sich ausschließlich dem bürgerlichen, maskulinen Geschlecht zuwendet. Große Bedeutung gewinnt hierbei Friedrich Schlegels frühromantischer Roman Lucinde. Dieser erschien 1799 und beschreibt unter anderem Schlegels Konzept der romantischen Liebe zwischen Mann und Frau, welches das vorausgegangene Leitbild der Ehe sowie das des Geschlechterdiskurses weitgehend veränderte und umstrukturierte.

Zahlreiche Aufsätze beschäftigen sich bisher mit dem innovativen Frauenbild, das Schlegel in seinem Roman darstellt. Doch auch der für die Frühe Neuzeit atypische Entwurf des gefühlsbetonten Mannes sollte dabei nicht unberücksichtigt bleiben. Um die Veränderung erfassen zu können bedarf es einer kurzen Einsicht in das Idealbild des Mannes vor dem Erscheinen des Romans. ÄStärke, Sparsamkeit, Unabhängigkeit, Autorität, Mäßigkeit, Vernunft“2 - viele stereotypische Attribute beschreiben den frühneuzeitlichen Mann in seinem gesellschaftlichen Umfeld, dessen Welt alles Emotionale ausklammerte Äso daß der Eindruck entstehen konnte, der Faktor ‚Gefühl‘ habe im Leben von Männern überhaupt keine Rolle gespielt; […]“3. Inwiefern gelang es Schlegel sich von diesen Richtlinien und Vorurteilen loszulösen und ein neues, gefühlsbetontes Männlichkeitsbild zu erschaffen? Und welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede stellen sich im Vergleich beider Männlichkeitsbilder heraus? Diese und weitere Fragen versucht folgende Arbeit zu beantworten und letztendlich in einem Schlussteil zusammenzufassen.

2. Das Idealbild des Mannes in der Frühen Neuzeit

Für die deutsche Historikerin Heide Wunder4 ist es die Ächristliche Anthropologie, basierend auf der biblischen Schöpfungsgeschichte“5, welche die Grundlage für die Rangordnung der Geschlechter schuf und zur "Überordnung des Mannes"6 über die Frau führte.

ÄDenn in dieser Sicht handelte der physisch und psychisch besser ausgestattete Mann vernünftiger und überlegter; er war daher verpflichtet, die Frau zu schützen und sie mit Nachsicht zu behandeln. Die Frau hatte ihm dies mit Gehorsam zu danken.“7

Auch in der Frühen Neuzeit orientierte sich das Leitbild der Männlichkeit noch sehr stark an der Ägöttlich begründeten Herrschaft und Führung"8 des männlichen Geschlechts. Dies betraf die öffentliche Seite des Lebens - die Gesellschaft und das Berufsleben - genauso wie die private Seite, welche vor allem durch die Herrschaft des Mannes über die Ehefrau, die Kinder und das Gesinde geprägt war. Im Gegensatz zur Frau, welche nur der privaten Seite zugeteilt war, hatte der frühneuzeitliche Mann für beide Bereiche Sorge zu tragen. Ihm oblag somit eine große Verantwortung, mit der viele Verpflichtungen und Anforderungen einhergingen.9

Zahlreiche Quellen10 des 16. bis 18. Jahrhunderts spiegeln ein stereotypisches Männerbild wider, welches den Mann als gefühlloses, primär berufs- und leistungsorientiertes Geschlecht darstellt, da er Ägenerell abwesend war und die Familie aus räumlicher wie emotionaler Distanz beobachtete.“11 In der Lebensgeschichte vieler Männer blieb die private Seite daher meist unerwähnt. Es kommt somit schnell zu der Annahme, ihre Identität habe sich einzig und allein aus dem Beruf und dem Stand in der Gesellschaft erschlossen. Dadurch wird ein Männlichkeitsbild reflektiert, welches sich fern von Emotionalität bewegt -welche generell dem Äschwachen Geschlecht“ zugeschrieben wurde- und sich einzig auf die öffentliche Seite des Lebens konzentriert. Anne-Charlott Trepp12 sieht die Ursache für die Ausblendung des Privatlebens in der Annahme Ädas Wesen des Privaten sei an sich ahistorisch, im Unterschied zum Öffentlichen“13, wodurch es für die Verfasser der frühneuzeitlichen Texte an Bedeutung verlor.

"Ausgeblendet werden nicht allein die alltäglichen, sondern auch die privaten Lebenszusammenhänge. Damit wird der weit überwiegende Teil der Männer in der Geschichte unsichtbar gemacht, und selbst diejenigen, deren Namen wir in Lexika lesen können, werden verzerrt und äußerst einseitig dargestellt."14

Diese einseitige Darstellung von Männlichkeit erschloss sich unter anderem durch die hohen Anforderungen, die ein Mann der Frühen Neuzeit verwirklichen musste. Schon ab einem sehr frühen Alter wurden die Knaben zu körperlicher und moralischer Stärke erzogen. Der Weg zum ÄMann-Sein“ umfasste zur damaligen Zeit eine berufliche Ausbildung sowie zahlreiche Erwartungen, die zu erfüllen waren, bevor ein Mann als solcher bezeichnet werden durfte. So musste ein ÄEhemann und Hausvater […] Ehefrau und Kinder ernähren können, Qualifikationen für den Bürgerstatus und nicht zuletzt ‚männliche Stärke‘ erworben haben.“15 Letztendlich waren es die gleichen Bedingungen, welche auch das hohe Heiratsalter der Männer - es lag damals bei dem dreißigsten Lebensjahr - rechtfertigten. Mit dem Eintritt in die Ehe wurde der ÄWeg zum Mann“ abgeschlossen. Von diesem Zeitpunkt an galt der Mann als Hausvater und vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Nach Johann Georg Krünitz16 war jener Hausvater mit uneingeschränkter Macht ausgestattet und zur Ähäuslichen Gewalt und Regierung der Familie“17 verpflichtet. Auch Krünitz‘ Artikel über den Mann in seiner Enzyklopädie ist geprägt von klischeehaften Männlichkeitsvorstellungen:

Ä[…] Mit dem Nebenbegriffe der Stärke, der Herzhaftigkeit, oder des gesetzten Betragens, […] eine Person des männlichen Geschlechts, im Gegensatze des weiblichen. […] Ein Mann von entschlossenem Muthe und gesetztem Betragen; […] In noch engerer Bedeutung bezeichnete es ehedem einen Ritter, […] Ein[en] Soldat[en]. […] Ein[en] Ehemann; Von der Herrschaft des Mannes über die Frau“.18

Erreichte das männliche Geschlecht das dreißigste Lebensjahr und schaffte es diese Eigenschaften zu erfüllen und den Gefahren der Trinksucht, des Spielens, des Müßigganges und der Unvernunft zu entfliehen, war der Äphysikalische“ und Ämoralische“ Stand der Männlichkeit erlangt.19

Um das männliche Idealbild der Frühen Neuzeit noch besser erschließen zu können, muss zuletzt auch die Beziehung zwischen Mann und Frau kurz beleuchtet werden. Die Liebe war für die frühneuzeitliche Ehe nicht von Bedeutung. Eher noch wurde sie als hinderlich und sogar als Gefahr angesehen. Eine Eheschließung war lediglich eine Zweckgemeinschaft und die Grundlage häuslichen Wirtschaftens. Sexualität und besonders der Geschlechtsakt zwischen Ehemann und Ehefrau diente ausschließlich zur Fortpflanzung und wurde vor allem in der bürgerlichen Gesellschaft als Ätierisch und dem Menschen unwürdig“20 angesehen. Dabei stand es Äden bürgerlichen jungen Männern frei […], ihre Sinnlichkeit mit Prostituierten, Mädchen aus den niederen Ständen, oder verheirateten Frauen auszuleben.“21 Frauen hingegen sollten möglichst Äunbefleckt“ und mit verborgener Sinnlichkeit den Bund der Ehe eingehen.

Erst mit der Zeit um 1800 ließen "[...] sich in Europa eingreifende Verschiebungen sowohl im Verständnis von Geschlecht als auch in demjenigen von Emotionen feststellen“.22

3. Das Bild des Mannes in der Romantik

Mit der Epoche der Aufklärung kam es nicht nur zu Modernisierungsschüben und fortschrittlichem Denken in der Wissenschaft, Kunst und Politik. Auch die Definition von Geschlecht und seinen Merkmalen wurde überdacht und reformiert. Das, wofür die Strömung der Empfindsamkeit in den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Grundlage gelegt hatte, entfaltete sich nun in der Frühromantik gar vollständig.

ÄDas 18. Jahrhundert war nicht allein das Säkulum der Vernunft, der Erfahrung gesteigerter Subjektivität und Individualität, das 18. Jahrhundert brachte auch den ,Durchbruch des Gefühlslebens‘23, wie Georg Steinhausen dieses Phänomen schon 1889 beschrieben hat.“24

Demnach fand in der Frühromantik, zum Ende des 18. Jahrhunderts, eine Auflösung der Geschlechtsstereotypen statt. Beide Geschlechter, Mann sowie Frau, fanden den Weg zur ÄSensibilisierung und Intensivierung zwischenmenschlicher Beziehungen“25 und zum Ausdruck eigener Gefühle. An die Stelle des Ägeschlechts- und emotionslose[n] Egomane[n]“26 trat ein Männlichkeitsbild, das von Gefühlsausdruck und individueller Selbstverwirklichung geprägt war.

[...]


1 Schlegel, Friedrich: Über die Diotima. In: Ob die Weiber Menschen sind. Geschlechterdebatten um 1800. Hrsg. von Sigrid Lange. 1. Aufl. Leipzig: Reclam-Verl. 1992 (= Reclam-Bibliothek Belletristik 1443). S. 323-358, hier S. 340.

2 Törpsch, Silke: Männlichkeit [Artikel]. In: Enzyklopädie der Neuzeit. [in 16 Bänden]. Band 7: Konzert - Männlichkeit. Hrsg. von Friedrich Jaeger. Stuttgart, Weimar: Metzler 2005. S. 1195.

3 Trepp, Anne-Charlott: Anders als sein ÄGeschlechtscharakter“. Der bürgerliche Mann um 1800. Ferdinand Beneke (1774-1848)*. In: Historische Anthropologie (1996) 4, 1. S. 57-77., hier S. 63.

4 Heide Wunder (1939-) ist deutsche Historikerin und setzt ihre Forschungsschwerpunkte u.a. in der Frauen-und Gendergeschichte der Frühen Neuzeit.

5 Wunder, Heide: Wie wird man ein Mann? Befunde am Beginn der Neuzeit (15. - 17. Jahrhundert). In: Was sind Frauen? Was sind Männer? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel. Hrsg. von Christiane Eifert, Angelika Epple u. Martina Kessel. Erstausg., 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996 (= Gender Studies 1735 = N.F., 735). S. 122-155, hier S. 122.

6 Vgl. Wunder, Heide: Wie wird man ein Mann? Befunde am Beginn der Neuzeit (15. - 17. Jahrhundert). S. 122.

7 Ebd. S. 122.

8 Stieglitz, Olaf u. Jürgen Martschukat: Geschichte der Männlichkeiten. Frankfurt, New York: Campus 2008 (=Historische Einführungen 5), S. 86.

9 Vgl. Törpsch, Silke: Männlichkeit [Artikel]. In: Enzyklopädie der Neuzeit. S. 1194.

10 Quellen wie beispielsweise Einträge in einer Enzyklopädie, Aufsätze, Monographien oder Zeitungsartikel.

11 Stieglitz, Olaf u. Jürgen Martschukat: Geschichte der Männlichkeiten. S. 90.

12 Anne-Charlott Trepp (1962-) ist deutsche Historikerin und Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität in Kassel.

13 Trepp, Anne-Charlott: Anders als sein ÄGeschlechtscharakter". Der bürgerliche Mann um 1800. Ferdinand Beneke (1774-1848)*. In: Historische Anthropologie (1996) 4, 1. S. 57-77, hier S. 58.

14 Ebd. S. 59.

15 Vgl. Wunder, Heide: Wie wird man ein Mann? Befunde am Beginn der Neuzeit (15. - 17. Jahrhundert). S. 140.

16 Johann Georg Krünitz (1728-1796) war deutscher Arzt und Enzyklopädist der Frühen Neuzeit.

17 Krünitz, Johann Georg: Hausvater [Artikel]. In: Oeconomische Encyklopädie. Oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus-, u. Landwirtschaft. In alphabetischer Reihenfolge. Band 22: Hang - Helxine Parietaria. Hrsg. von Johann Georg Krünitz. Berlin: Joachim Pauli, 1782.

18 Flörke, Heinrich Gustav: Mann [Artikel]. In: Oeconomische Encyklopädie. Oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus-, u. Landwirtschaft. In alphabetischer Reihenfolge.Band 84: Mantel - Marmorwaaren. Hrsg. von Johann Georg Krünitz. Berlin: Joachim Pauli, 1801.

19 Vgl. Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste. Band 19. Hrsg. Von Johann Heinrich Zedler. 1739. S. 173-174.

20 Hans Eichner: Das Bild der Frau in der Frühromantik. Theorie und Wirklichkeit. In: Salons der Romantik. Beiträge eines Wiepersdorfer Kolloquiums zu Theorie und Geschichte des Salons. Hrsg. von Hartwig Schultz. Berlin, New York: Walter De Gruyter 1997. S. 5.

21 Hans Eichner: Das Bild der Frau in der Frühromantik. S. 4.

22 Newmark, Catherine: Vernünftige Gefühle? Männliche Rationalität und Emotionalität von der frühneuzeitlichen Moralphilosophie bis zum bürgerlichen Zeitalter. In: Die Präsenz der Gefühle. Männlichkeit und Emotion in der Moderne. Hrsg. von Manuel Borutta u. Nina Verheyen. Bielefeld: Transcript-Verl. 2010 (= 1800 | 2000 2). S. 41-56., hier S. 41.

23 Steinhausen, Georg: Geschichte des deutschen Briefes. Zitiert nach: Trepp, Anne-Charlott: Anders als sein ÄGeschlechtscharakter". Der bürgerliche Mann um 1800. Ferdinand Beneke (1774-1848)*. In: Historische Anthropologie (1996) 4, 1. S. 63.

24 Trepp, Anne-Charlott: Anders als sein "Geschlechtscharakter". Der bürgerliche Mann um 1800. Ferdinand Beneke (1774-1848)*. In: Historische Anthropologie (1996) 4, 1. S. 63.

25 Trepp, Anne Charlott: Anders als sein ÄGeschlechtscharakter“. S.64.

26 Trepp, Anne-Charlott: Liebe - erlebte Emotion und gesellschaftliche Wertsetzung. Geschlechterbeziehungen im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. In: Sozialwissenschaftliche Informationen Jg. 30 (2001) H. 3. S. 14-21, hier S. 15.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668298156
ISBN (Buch)
9783668298163
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340251
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Bereich für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Schlegel Lucinde Romantik Germanistik Geschlecht Geschlechterdiskurs Frühromantik Männlichkeit Weiblichkeit Gender Studies 1800 1799 Emotionalität

Autor

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Titel: Der Geschlechterdiskurs der Frühromantik in Friedrich Schlegels „Lucinde“. Von patriarchaler Herrschaft zu sanftmütiger Emotionalität