Lade Inhalt...

Inklusion. Grundgedanken und ein deutsch-brasilianischer Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 22 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Menschen und der Begriff „Behinderung“
2a. Was heißt eigentlich „Behinderung“? – Ein vielschichtiger Begriff im internationalen Kontext
2b. Sonderpädagogik in Hinblick auf Kultur und Länder

3. Inklusion - ein grenzenloser Ansatz in der Pädagogik
3a. Inklusion – vom Grundgedanke zur institutionellen Umsetzung in kurzer Übersicht
3b. Schulische Inklusion in der Umsetzung

4. Inklusion in Deutschland

5. Menschen mit Behinderung in Brasilien

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1.Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll im Rahmen des Seminars Inklusion - zwischen Schulentwicklung und Menschenrechtsbildung eine Auseinandersetzung mit dessen Grundthematik und ein Vergleich zwischen Brasilien und Deutschland in Bezug auf Inklusion sein.

In einem ersten Teil soll die Stellung der Sonderpädagogik im internationalen Kontext abgezeichnet werden und eine Klassifikation der Begrifflichkeiten „Behinderung, Integration und Inklusion“ erfolgen.

Daraufhin werden der Index für Inklusion und die Monitoring-Stelle mit ihren wichtigsten Inhalten vorgestellt und gezeigt, welche Bedeutung sie für die schulische Inklusionsentwicklung in Deutschland haben. Abschließen wird dieser Teil mit der Darstellung der aktuellen Lage und der Behandlung der Frage, welche Probleme immer noch vertreten sind.

Im letzten Teil dieser Ausarbeitung sollen die gesellschaftlichen Umstände und Verhältnisse behinderter Menschen in Brasilien aufgezeigt werden. Daran anschließend rückt die Sonderbeschulung und das Thema der Inklusion in Brasilien in den Fokus der vorliegenden Arbeit und es werden sowohl positive Veränderungen als auch bestehend Probleme bei der Umsetzung eines inklusive Schulsystems aufgezeigt werden..

An dieser Stelle soll deutlich darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit an die Gedankenausführungen von Beate Hüttl aus ihrer Dissertation zum Thema Inklusion von Schülerinnen und Schüler im Bildungssystem von Teresina – Piauí – Brasilein“ angelehnt sind.[1] Ihre Darstellung der Thematik wird in dieser Arbeit aufgegriffen, dargestellt und an einigen Stellen in Zusammenhang mit unserem Seminarinhalten ausgeführt.[2]

2. Menschen und der Begriff „Behinderung“

Der Begriff „Behinderung“ ist grundsätzlich mit einem Ausgrenzungsgedanken der Mehrheitsgesellschaft behaftet und gewinnt an Aussagekraft durch die Zuschreibung dieses Status der unterbundenen Teilhabe. Der Begriff soll zwar, wie auch in Anlehnung an die Primärliteratur, synonym zu „Beeinträchtigung“ verwendet werden, aber dient damit auch der Vergleichbarkeit in der Begrifflichkeit im übertragenen Sinne zur dargestellten Situation Brasiliens.[3]

2a. Was heißt eigentlich „Behinderung“? – Ein vielschichtiger Begriff im internationalen Kontext

Der verzweigte Begriff „Behinderung“ wird durch unterschiedliche Faktoren geprägt. Er ist geschichtlich wandelbar und in diesem Sinn ein prozesshaft, dynamischer Begriff. Seine Beeinflussung reicht über die Menschenbilder der einzelnen Kulturgesellschaften, bis hin zu Ausschlussprozessen durch die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft von den Randgruppen. Versuchen wir uns eine einheitliche Definition über den Begriff zurechtzulegen, oder betrachten wir die Vielfältigkeit gegebener, so wird schnell klar, dass der Begriff in starker Abhängigkeit zum Kontext steht. Die Pädagogik, die Rechtswissenschaft, aber auch die Medizin verwenden den Begriff nach ihrer Handhabe, aber allesamt als Vereinfachung, um eine bestimmte Gruppe verschiedenartiger Menschen nach einem übergeordneten Kriterium zu konkretisieren. Die Rechtswissenschaft legt das Kriterium in der Abweichung der körperlichen, geistigen und seelischen Zustände, die im Vergleich zu Mehrheiten in einer Zeitspanne von über sechs Monate abweicht. Die Medizin dagegen legt das Kriterium in der Irreversibilität der Beeinträchtigung in Folge von einer (angeborener) Krankheit und der Aussicht dauerhafter Benachteiligung. Die Pädagogik sieht das Lernen, das soziale Verhalten, das sprachliche Kommunizieren und die psychomotorischen Fähigkeiten in Beeinträchtigung als Kriterium für eine sogenannte Behinderung. Generell liegt das Verständnis von Behinderung in der Überzeugung, betroffenen Menschen seien nicht selbständig in der Lage, eigenkräftig Barrieren zu überwinden, die Persönlichkeits-, Lebens-, und Berufsentwicklung zu widerlaufen. Allerdings lässt sich genauso gut die Frage stellen, wer überhaupt wen behindert. Es könnte auch das Lebensumfeld der Person sein, das an der gesellschaftlichen Teilhabe behindert.[4] Moderne Definitionen schreiben Behinderung mangelnder Integration durch das Lebensumfeld des Beeinträchtigten zu. Behinderung entsteht erst dann, wenn ein Mensch aufgrund seiner Merkmale nicht der gesellschaftlichen Minimalvorstellung genügt. Leider entsteht auch heutzutage immer noch ein negatives „Fremdbild“ in Zusammenhang mit der Begrifflichkeit, welches immer wieder neu gestaltet und rekonstruiert wird, sofern eine Abweichung von der Norm vorliegt, die jedoch letztlich nur eine Frage der Relation zwischen intraspezifischen und extraspezifischen Gegebenheiten ist. Dieses Bild wird durch Selektion und Qualifikationsstrukturen im Schulsystem verstärkt. Die Zuschreibung des Status „Behindert sein“, vollzieht sich prozesshaft. Sie beginnt mit der Wahrnehmung einer Andersartigkeit und dem mangelndem Verständnis, dem Beimessen unserer Begrenztheit im Verständnis, als Grenze des Anderen, und endet mit der Isolation durch Unterbringung in verschiedenen Teilsystemen und Einrichtungen. Zudem findet neben der gesellschaftlichen Stigmatisierung noch eine Zuschreibung weiterer negativer Attribute statt, die in das konstruierte Fremdbild passt, aber nichts mit der tatsächlichen Individualität zu tun hat. Sie dient lediglich der Vereinfachung nicht Betroffener. Diese Form der Stigmatisierung ist ein typisches Machtinstrument leistungsorientierter Gesellschaften, um Gruppen innerhalb zu entwerten. Vergegenwärtigen wir uns, dass unsere konstruierten Menschenbilder unser Verhalten beeinflussen, könnte die Veränderung unserer Sichtweise die Situation entschärfen.[5]

Für eine international einheitliche Kommunikationsmöglichkeit des Themas wurde ein Begriffssystem eingeführt. Die natürliche oder erworbene Abnormität wird als Impairment (Schädigung) bezeichnet. Ihre schädigende Folge wird als Disability (Beeinträchtigung in der Aktivität) bezeichnet und die Konsequenz in der Teilhabe als Handicap (Behinderung).[6] Ein weitaus dynamischeres Modell (ICF)[7] umfasst die Kontextfaktoren, sowie die Körperfunktionen und die Aktivität/Partizipation (Siehe Abb.1 Anhang). Es berücksichtig diese Bereiche gleichzeitig deren Abhängigkeiten und stellt die Aktivität der Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Behinderung als lineare Endposition. Kritik an dieser Darstellung liegt in der Fremdbestimmung, beziehungsweise Definition von Participation und Activity. Das wiederum sollen Begriffe sein, die individuell festgelegt werden müssen.

Der Begriff „Behinderung“ ist in Deutschland bereits negativ konnotiert. International versucht die Pädagogik den Begriff mit der Formulierung „Personen mit besonderen Bedürfnissen“ zu umschreiben. Diese Darstellungsform integriert bereits die Erweiterung der Begrifflichkeit, beziehungsweise die Verantwortung, auch auf die Gesamtheit aller Randgruppen der Gesellschaft mit besonderem Förderungsbedarf einzugehen. Durch diese Erweiterung stehen die Bedürfnisse stärker im Vordergrund und nicht die Behinderung als solche. Abbildung 2 im Anhang zeigt die Vielfältigkeit dieser Umschreibung. Sie verweist aber auch auf die fließenden Übergänge der Teilbereiche und deren Verbindungen. Es zeigt beispielsweise Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Behinderung, genauso wie Zusammenhänge zwischen Armut und Arbeitslosigkeit. Hier wirft sich die Frage auf, warum die Bezeichnung „behindert“ im Alltag begrifflich scheinbar klar abgegrenzt werden kann, wenn aber die Verflechtung zu anderen Personengruppen eindeutig ist und die begriffliche Vielfalt eine Eingrenzung nicht möglich macht. Die einzige logische Schlussfolgerung zeigt auf, dass es nicht diese eine Randgruppe gibt, sondern Menschen sich über ihre besonderen Bedürfnisse im Allgemeinen definieren. Ein wichtiger Grundsatz des inklusiven Gedankens.[8]

2b. Sonderpädagogik in Hinblick auf Kultur und Länder

Hinsichtlich der Erarbeitung des Inklusionsbegriffs im zweiten Teil dieser Arbeit, soll nun ein Ausblick der Thematik in Bezug zu Kultur und der Länder gegeben werden. Im Länder- und Kulturvergleich lässt sich festhalten, dass „Behinderung“ stark kontextspezifisch gesehen werden muss. In Brasilien beispielsweise sind Fehlstunden und Konzentrationsschwächen der Schüler ein häufiges Problem, da die Kinder Arbeitskräfte der Familien sind. Es lässt sich sagen, dass die Sonderpädagogik in das jeweilige gesellschaftliche, soziale und politische Umfeld eingelagert ist. Ein Vergleich unter den Ländern ist nur dann möglich, wenn diese Faktoren berücksichtigt und interpretiert werden. Generell lässt sich aber im Vorfeld anmerken, dass die Begrifflichkeit auch international seine Bedeutung erst durch die persönliche Zuschreibung erhält.[9]

Am Beispiel Brasilien wird klar, welche Bedeutung die Kultur in der Sonderpädagogik einnimmt. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und vielfältige Lebensweisen durch starke multikulturelle Einflüsse zeigen die Brisanz des Themas, bei einer dennoch vorherrschenden gemeinsamen Volksidentität. Deutschland scheint in diesen Punkten eher eine homogenere Kultur zu haben, was sich im Vergleich durchaus auch auf die pädagogischen Maßnahmen auswirkt.[10]

3. Inklusion - ein grenzenloser Ansatz in der Pädagogik

3a. Inklusion – vom Grundgedanke zur institutionellen Umsetzung in kurzer Übersicht

Stellt man sich die Frage nach dem Grundgedanken von Inklusion, so lassen sich pädagogische Strömungen nennen, die die Hintergründe aufzeigen. Zu nennen wäre hier das Normalisierungsprinzip, welches in den 1960er Jahren aus dem Modell der Normalisierung entwickelt wurde. Aufgrund der Kritik an großen Einrichtungskomplexen, zur „Verwahrung“ von geistig Behinderten, erwuchs die Kritik und der Wunsch geistig Behinderten ein Leben zu bieten, das im Lebensalltag keinen Unterschied aufgrund von Beeinträchtigungen macht. Mit anderen Worten, eine Lebenswelt konstruiert, die auch von nicht Behinderte in Gesellschaft von (geistig) Behinderten als „normal“ verstanden wird. Kerngedanke ist es behinderten Menschen einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu ermöglichen und diese eben nicht zu „normalisieren“. Das beinhaltet Kinder von Beginn an inklusiv in einem gemeinsamen Unterricht zu fördern. Das Kriterium sind die eigenen Bedürfnisse und diese werden durch angepasste Hilfestellungen befriedigt. Abzugrenzen ist der Begriff der Inklusion von Integration durch die Bezugsgröße. Inklusion umfasst alle Menschen und befürwortet eine Schule/Unterricht für alle Schüler. Integration lässt Unterschiede wahrnehmen und versteht sich eher als einschließen der Randgruppen in die Mehrheit. Inklusion versucht eine Verschiedenartigkeit gemeinsam anzuerkennen.

Ein weiterer wichtiger Begriff in der Inklusion ist das „Empowerment“. Ein schwierig zu übersetzender Begriff, der das „Bemächtigen“ der Betroffenen meint, um ihre Angelegenheiten selbst in Angriff zu nehmen. Ziel ist es, durch eigene Kraft, mit sozialer Unterstützung, einen Weg zur Anerkennung in der Gesellschaft zu finden. Es ist ein Bewältigungsversuch zur Gestaltung der Lebensumstände, mit der Verfügbarkeit aller notwendigen Ressourcen. Dieser Ansatz ähnelt der Montessori-Pädagogik mit dem Grundsatz: „Hilf mir, es selbst zu tun!“.[11]

3b. Schulische Inklusion in der Umsetzung

Der Inklusionsgedanke in der Gesellschaft beinhaltet den Gedanken, dass jeder Mensch nicht erst integriert werden muss, sondern von Beginn des Lebens in der Gesellschaft enthalten ist. Inklusive Schulen nehmen sich diesem heterogenen Bild der Gesellschaft an und schaffen eine Schule für alle Gesellschaftsmitglieder nach ihren Bedürfnissen und Förderschwerpunkten. Diese äußern sich in „Eigenschaften, Interessen, Fähigkeiten und Lernbedürfnissen“. Den Schulen und Pädagogen kommt dabei die Aufgabe zu, eine individuelle Lernsituation durch „Curricula, Organisationsformen, Lernmethoden, Ressourcennutzung und außerschulische Partnerschaften mit Gemeinden“ zu sichern.[12] Es enthält die Idee Schüler unabhängig von ihren Lernschwierigkeiten und ihrer Verschiedenheit gemeinsam zu unterrichten.[13]

4. Inklusion in Deutschland

Um anderen Schulen bei dem Schritt in ein inklusives System zu helfen, wurde im Jahre 2000 eine erste Version des Index of Inclusion, ins Deutsche übersetzt Index für Inklusion, veröffentlicht.[14]

[...]


[1] Hüttl: 2010.

[2] Entsprechende Stellen aus der Primärliteratur werden an Absatzende aufgeführt.

[3] Vgl. Hüttl: 2010, S.39.

[4] Vgl. Bleidick: 1984.

[5] Vgl. Hüttl: 2010, S.39-44.

[6] WHO: 1980.

[7] International Classification of Functioning, Disability and Health, verabschiedet durch die WHO 1997.

[8] Vgl. Hüttl: 2010, S.45-51.

[9] Vgl. Ibid, S.52f.

[10] Ibid.

[11] Vgl. Ibid, S.73-78.

[12] Ibid. S.85.

[13] Vgl. Ibid.

[14] Vgl. Index für Inklusion, S.8.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668301986
ISBN (Buch)
9783668301993
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340387
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Schlagworte
inklusion grundgedanken vergleich

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Inklusion. Grundgedanken und ein deutsch-brasilianischer Vergleich