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Embodied cognition. Der Einfluss von körperlichen Zuständen auf Kognitionen

Beschreibung einer selbstständig durchgeführten Studie zu Kriminalitätsrateneinschätzungen und Kriminalitätsfurcht in Zusammenhang mit der Position des eigenen Körpers (Phänomen „embodied cognition“), Geschlecht und Bildungsstand

Seminararbeit 2013 20 Seiten

Psychologie - Kognitive Psychologie

Leseprobe

Inhalt

Zusammenfassung

Studie 1

Studie 2

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Das Phänomen des “embodied cognition” besagt, dass sich körperliche Zustände auf Kognitionen auswirken und Einstellungsänderungen bewirken können. In zwei Studien wurde der Einfluss einer instabilen Sitzhaltung auf die Einschätzung von Kriminalitätsraten in verschiedenen Ländern und das Ausmaß der Furcht vor Kriminalität untersucht. Weiters wurden in beiden Studien Geschlechtsunterschiede sowie der Einfluss des Bildungsstandes auf das Ausmaß der Kriminalitätsfurcht untersucht. In der ersten Studie wurden neun verschiedene Länder hinsichtlich der Höhe ihrer Kriminalitätsraten in instabiler sowie in stabiler Sitzhaltung eingeschätzt. In der zweiten Studie füllten die ProbandInnen den FKF – Fragebogen zur Kriminalitätsfurcht in instabiler sowie in stabiler Sitzhaltung aus. In beiden Studien konnte kein Einfluss einer instabilen Sitzhaltung auf die Wahrnehmung von Kriminalität festgestellt werden. Es zeigte sich auch kein Geschlechtsunterschied in der Einschätzung von Kriminalitätsraten und kein Unterschied im Ausmaß der Kriminalitätsfurcht bei unterschiedlichen Bildungsständen. Jedoch konnte durch die vorliegende Untersuchung bestätigt werden, dass Frauen ein höheres Ausmaß an Kriminalitätsfurcht aufweisen, als Männer. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Kognitionen nicht immer von einer physischen Instabilität oder Stabilität beeinflussbar sind.

Hat eine stabile oder instabile Sitzposition Einfluss darauf, wie hoch Personen die Kriminalitätsraten in Ländern einschätzen und auf das Ausmaß, in dem sie sich vor kriminellen Handlungen im Allgemeinen fürchten? In den folgenden beiden Studien soll diese Fragestellung geklärt werden. Theorien zu “embodied cognition” besagen, dass Wissen multimodal im menschlichen Gehirn gespeichert wird und die Repräsentationen auch Wissen über körperliche Zustände beinhalten. Einige Studien zu “embodied cognition” konnten dieses Phänomen, dass körperliche Zustände einen signifikanten Einfluss auf Einstellungen und Kognitionen von Menschen haben auf unterschiedliche Weise belegen. So konnte in einer Studie von Zhong & Liljenquist (2006) gezeigt werden, dass ein Angriff auf das moralische Selbstbild einer Person dazu führt, dass das Bedürfnis sich körperlich zu reinigen aktiviert wird. Die VersuchsteilnehmerInnen der Studie sollten eine unethische oder ethisch korrekte Begebenheit aus ihrem Leben zuerst nacherzählen. Anschließend konnten sie als Belohnung für die Teilnahme an der Untersuchung ein Desinfektionstuch oder einen Stift auswählen. Personen, die zuvor eine unethische Begebenheit aus ihrem Leben erzählt hatten, wählten signifikant häufiger das Desinfektionstuch.

Williams & Bargh (2008) konnten in einer von ihnen durchgeführten Studie belegen, dass Personen “wärmer”, also positiver eingeschätzt wurden, wenn die Person, die die Beurteilung durchführte ein warmes Getränk in der Hand hielt.

Eine weitere Studie zum Phänomen des embodied cognition konnte zeigen, dass Personen, die auf einem wackeligen Sessel und auf einem wackeligen Tisch saßen, die Beziehungen anderer Personen als instabiler einschätzten, als Personen, die auf einem stabilen Sessel und Tisch saßen. Weiters konnte in derselben Studie gezeigt werden, dass Personen in physischer Instabilität, also in instabiler Sitzposition eher stabile Charaktereigenschaften bei einem potenziellen Partner oder einer potenziellen Partnerin als wünschenswert angaben, als Personen in einer stabilen Sitzposition (Kille, Forest & Wood, 2013).

Die vorliegenden beiden Studien sollen ebenfalls überprüfen, ob eine physische Instabilität, hier hervorgerufen durch eine instabile Sitzposition, eine Auswirkung auf die Einstellungen und Kognitionen hat und somit zu anderen Bewertungen führt, als eine stabile Sitzposition. In der ersten Studie wird die Einschätzung von Kriminalitätsraten in verschiedenen Ländern abgefragt. In Anlehnung an die Studie von Kille et al. (2013), in der Personen in instabiler Sitzposition Beziehungen als instabiler einschätzten, wird vermutet, dass Personen in instabiler Sitzposition die Kriminalitätsraten in verschiedenen Ländern höher einschätzen, als Personen in einer stabilen Sitzposition. Weiters wird in der ersten Studie ein möglicher Geschlechtsunterschied untersucht. Dost (2003) konnte in einer durchgeführten Studie zum Thema “Kriminalitätsfurcht und subjektives Sicherheitsempfinden” zeigen, dass Frauen Kriminalitätsraten im Allgemeinen höher einschätzen, als Männer. Für die erste Studie ergeben sich also die folgenden beiden Hypothesen, die überprüft werden: 1. Die Kriminalitätsrate wird in instabiler Sitzposition höher eingeschätzt, als in stabiler Sitzposition. 2. Frauen schätzen die Kriminalitätsrate in Ländern höher ein, als Männer.

In der zweiten durchgeführten Studie wird die Furcht vor Kriminalität der ProbandInnen abgefragt. Das Konstrukt der Kriminalitätsfurcht setzt sich in der Emotionspsychologie aus drei verschiedenen Komponenten zusammen, der affektiven, der kognitiven und der Verhaltenskomponente (Bilsky, Pfeiffer & Wetzels, 1992). Boers (1991) definiert die Kriminalitätsfurcht als die individuelle Furcht davor, Opfer einer kriminellen Handlung zu werden. Zu differenzieren ist sie von der Sorge um Kriminalität als Problem in der Gesellschaft.

Da in der Studie von Kille, Forest & Wood (2013) gezeigt werden konnte, dass Personen in instabiler Sitzposition ein höheres Bedürfnis nach stabilen Charaktereigenschaften bei einem potenziellen Partner/ einer potenziellen Partnerin zeigen, wird davon ausgegangen, dass auch ein Unterschied in der persönlichen Furcht vor Kriminalität bei Einnahme einer instabilen Sitzposition im Gegensatz zu einer stabilen Sitzposition beobachtet werden kann. Außerdem wird auch ein Geschlechtsunterschied angenommen. Dost (2003) erhob, dass Frauen eine höhere Kriminalitätsfurcht als Männer aufweisen. Weiters werden auch unterschiedliche Bildungsstände und ihr Zusammenhang mit dem Ausmaß an Kriminalitätsfurcht in der zweiten Studie untersucht. Mühler (2011) zeigte, dass ein niedriger Bildungsstand auch mit einer höheren Furcht vor kriminellen Handlungen einhergeht. Für die zweite Studie lassen sich also die folgenden drei Hypothesen aufstellen, die überprüft werden sollen: 1. Das Ausmaß der Kriminalitätsfurcht ist in instabiler Sitzposition höher, als in stabiler Sitzposition. 2. Frauen haben eine höhere Kriminalitätsfurcht, als Männer. 3. Je niedriger der Bildungsstand, desto höher ist die Kriminalitätsfurcht.

Studie 1

Methode

Stichprobe

An der Untersuchung haben insgesamt 85 Personen, 46 Frauen und 38 Männer teilgenommen. Das Durchschnittsalter der UntersuchungsteilnehmerInnen betrug 33.8 Jahre (SD = 13.11). Von den 85 Personen füllten insgesamt 45 Personen den Fragebogen in der stabilen Sitzposition und 40 Personen in instabiler Sitzposition, also auf einem Gymnastikball sitzend aus. 29 Personen hatten eine abgeschlossene Berufsausbildung, 38 Personen Matura und 17 Personen einen Hochschulabschluss. Der Familienstand der ProbandInnen war wie folgt verteilt: 39 ledig, 20 in einer Partnerschaft, 20 verheiratet, 4 geschieden und eine verwitwete Person. 61 Personen waren Angestellte, 2 Firmenchef/Unternehmerin, 20 StudentInnen und eine Hausfrau.

Die UntersuchungsteilnehmerInnen sollten ein Mindestalter von 18 Jahren aufweisen, einen normal ausgeprägten Gleichgewichtssinn bei Teilnahme in der instabilen Sitzbedingung aufweisen, sowie kurz vor der Teilnahme keinen Alkohol oder bewusstseinsverändernde Medikamente zu sich genommen haben. Alle UntersuchungsteilnehmerInnen wurden aus unserem Freundes – sowie Bekanntenkreis durch persönliche Ansprache oder Rundmails rekrutiert.

Untersuchungsmaterial

Zur Einschätzung der Kriminalitätsraten wurde ein selbst erstelltes Länderraster mit insgesamt neun Ländern verwendet. Es wurden jeweils drei Länder mit hoher, mittlerer sowie niedriger Kriminalitätsrate aus der Studie „Global Study on Homicide“ aus dem Jahr 2012 der „United Nations on Drugs and Crime“ ausgewählt. Die drei ausgewählten Länder mit niedriger Kriminalitätsrate waren Österreich, Schweiz und Island, mit mittlerer Kriminalitätsrate Peru, Russland und Indonesien und die drei ausgewählten Länder mit hoher Kriminalitätsrate waren Kongo, Südafrika und Mexiko. Die UntersuchungsteilnehmerInnen sollten jedes Land anhand einer selbst erstellten Skala zum Ankreuzen mit einem Wert von eins bis sieben hinsichtlich der jeweiligen vermuteten Kriminalitätsrate einschätzen. Die Zahl eins war mit „sehr niedrig“ und die Zahl sieben mit „sehr hoch“ gekennzeichnet. Die Bearbeitung des Fragebogens nahm in etwa 10 Minuten pro VersuchsteilnehmerIn in Anspruch.

Versuchsablauf

Bei dieser Untersuchung wurden die Kriminalitätsraten in Ländern in stabiler oder instabiler Sitzbedingung bewertet. Die UntersuchungsteilnehmerInnen wurden entweder einzeln oder in Gruppen zu maximal drei Personen gleichzeitig getestet. Die Testungen wurden entweder bei einer der drei VersuchsleiterInnen zu Hause oder bei den VersuchsteilnehmerInnen daheim durchgeführt. Der Testzeitpunkt war bei jeder Testung unterschiedlich, je nachdem, wann die TeilnehmerInnen Zeit hatten, die meisten Testungen wurden am späten Nachmittag oder Abend durchgeführt. In der stabilen Sitzbedingung saßen die UntersuchungsteilnehmerInnen auf einem stabilen Sessel und füllten den Fragebogen in Papier – Bleistift – Version auf einem stabilen Tisch aus. Es wurde der demographische Fragebogen und das Länderraster ausgehändigt. Außerdem füllten alle VersuchsteilnehmerInnen den Fragebogen zur Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes und den selbsterstellten Fragebogen zur Einschätzung der allgemeinen Wirtschaftsstabilität für die beiden Kolleginnen meiner Bachelorarbeitsgruppe aus. Die TeilnehmerInnen füllten zuerst das Datenblatt und anschließend die Fragebögen zur Wirtschaftsstabilität, Arbeitsplatzzufriedenheit und Kriminnalitätsrateneinschätzung aus. Anschließend wurden alle Fragebögen wieder der Versuchsleiterin zurückgegeben, eventuell aufgetretene Fragen der TeilnehmerInnen geklärt, sowie über das Ziel der Untersuchung aufgeklärt. In der instabilen Sitzbedingung füllten die TeilnehmerInnen den Fragebogen auf einem Gymnastikball sitzend aus. Als Coverstory wurde den UntersuchungsteilnehmerInnen gesagt, dass es sich um eine Studie zu sozioökonomischen Einstellungen handeln würde und in der instabilen Sitzbedingung wurde noch zusätzlich gesagt, dass der Gleichgewichtssinn miterhoben werde und die Personen deshalb in einer instabilen Sitzposition den Fragebogen ausfüllen sollten. Die Gesamtbearbeitungszeit aller Fragebögen betrug durchschnittlich 10 Minuten pro VersuchsteilnehmerIn.

Ergebnisse

Das Cronbach’s Alpha für den Gesamtfragebogen beträgt .685. Ein Summenscore wurde für alle 9 Items gebildet. Anschließend wurde für beide Hypothesen eine univariate, zweifaktorielle Varianzanalyse durchgeführt. Die Voraussetzungsprüfung des Kolmogorov-Smirnoff-Test war mit p=.66 nicht signifikant. Der Levene’s Test war ebenfalls nicht signifikant mit F(3, 80)=.28, p=.83. Somit waren die Voraussetzungen für die Durchführung der Varianzanalyse erfüllt. Die Überprüfung der ersten Hypothese „Die Kriminalitätsraten verschiedener Länder werden in instabiler Sitzposition höher eingeschätzt, als in stabiler Sitzposition.“ ergab ein nicht signifikantes Ergebnis mit F(1, 83)=1.55, p=.22 (ns.). Mittelwerte siehe Tabelle 1.

Auch die Überprüfung der zweiten Hypothese „Frauen schätzen die Kriminalitätsraten in verschiedenen Ländern höher ein, als Männer.“ ergab ein nicht-signifikantes Ergebnis mit F(1, 83)=1.16, p=.29 (ns.). Die Mittelwerte werden Tabelle 2 dargestellt.

Um einen möglichen Unterschied zwischen den Bewertungen der Länder mit hoher, mittlerer und niedriger Kriminalitätsrate zu erkennen, wurden die Länder der drei Gruppen in drei getrennten Summenscores zusammengefasst. Es wurden anschließend drei univariate, zweifaktorielle Varianzanalysen gerechnet. Für die beiden Hypothesen „Die Kriminalitätsraten verschiedener Länder werden in instabiler Sitzposition höher eingeschätzt, als in stabiler Sitzposition“ und „Frauen schätzen die Kriminalitätsraten in verschiedenen Ländern höher ein, als Männer.“ konnte weder in der Gruppe der Länder mit hoher (Sitzposition: F(3, 80) = 2.214, p = .141 (ns.); Geschlecht: F(3.80) = .753, p = .388 (ns.)), mittlerer (Sitzposition: F(3, 80) = .007, p = .935 (ns.); Geschlecht: F(3.80) = .266, p = .607 (ns.)) noch niedriger (Sitzposition: F(3, 80) = 1.630, p = .205 (ns.); Geschlecht: F(3.80) = .855, p = .358 (ns.)) Kriminalitätsrate ein signifikantes Ergebnis gefunden werden. Die Bewertungen der drei Ländergruppen mit unterschiedlich hohen Kriminalitätsratenausprägungen unterscheiden sich also nicht. Die getrennten Berechnungen der drei Summenscores mit jeweils den drei Ländern mit hoher, mittlerer und niedriger Kriminalitätsrate deckt sich mit dem Ergebnis des Summenscores über alle neun Länder, da alle durchgeführten Varianzanalysen nicht-signifikante Ergebnisse ergaben.

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Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668301054
ISBN (Buch)
9783668301061
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340582
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Institut für Psychologie
Note
2,00
Schlagworte
embodied cognition Kriminalität Kriminalitätsfurcht Geschlechtsunterschiede Psychologie embodiment gehirn aufmerksamkeit kognition kognitionspsychologie bewusstsein studie wahrnehmung wahrnehmungspsychologie sensomotorik motorik körperhaltung sozialpsychologie soziologie

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Titel: Embodied cognition. Der Einfluss von körperlichen Zuständen auf Kognitionen